Ausgabe 
15.2.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 39 Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

Freitag 15. Februar 1901

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags

Die Gießener Lamilien- blätter werden dem An­zeiger im Wechsel mitHess. Landwirt" undBlätter für Hess. Volkskunde" vier­mal wöchentlich beigelegt. Annahme von Anieigen au der nachmittag« für den folgenden Tag rricheinenden Nummer bitt norm 10 Uhr Abbestellungen fpäteflenB abends vorher.

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Knülicher Feil.

Gießen, den 14. Februar 1901. Betr.: Register über Zu« und Wegzüge.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an dte Großh. Bürgermeistereien deS Kreises.

Wir sehen der Einsendung der Berzeichnifse über di«' Zu- und Wegzüge, oder Bescheinigungen, daß Einträge in diese Register im Jahre 1900 nicht zu machen waren, bis zum 20. d. M. entgegen. Die Bescheinigungen sind nach dem Muster, welches auf der letzten Seite deS Formulars vorgedruckt ist, aufzunehmen.

Das Formular zu den Zu- und Wegzügen ist von der Großh. Centralstelle für die LandeSstatistik in Darmstadt zu beziehen.

v. Bechtold.

Großh. Landes-Bnugewerkschule Darmstadt.

Beginn deS Sommersemesters am 22. April d. I.

Dauer desselben 20 Wochen.

Die Schule umfaßt 4 Klasseu.

DaS Schulgeld beträgt 60 Mark.

Programme und Anmeldeformulare sind durch die Direktion der Landes-Baugewerkschule Darmstadt, Neckar- straße 3, zu erhalten.

Schluß der Anmeldefrist am 1. März.

Die Direktion.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 13. Februar.

Nor Eintritt in die Tagesordnung erklärt

Abg. Heine (Soz.): Der preußische Justizminister Schönstedt hat im preußischen Abgeordnetenhaus persönliche Angriffe gegen mich gerichtet, in denen er von groben Unwahrheiten und in hypothetischer Form von frechen Lügen spricht. Ich kann heute nur erklären, daß ich die Angriffe des preußischen Justizministers zurückweise. Sie sind, ganz abgesehen von ihrer Form, sachliche ungerecht­fertigt. Ich behalte mir vor, bei der dritten Lesung des Reichsjustizetats mit Schönstedt abzurechnen. (Bravo! bei den Sozialdemokraten.)

Die zweite Lesung des Etats wird hierauf beim Extra- ordinarium der Reichseisenbahnen fortgesetzt.

Abg. Tr. Paasche (nl.) setzt auseinander, daß die Kommission verschiedene Bauraten vermindert oder ganz gestrichen hat, weil die dafür bewilligten Raten noch nicht aufgebraucht sind. >

Minister v. Thielen bestreitet, daß noch bedeutende Rückstände vorhanden seien.

Das Haus beschließt aber durchweg nach den Vor­schlägen der Budgetkommission. Die Kürzung der Forder­ung für den Bahnhof in Metz wird einstimmig genehmigt. Damit ist der Etat der Reichseisenbahn erledigt. Es folgt die zweite Beratung des Nachtragsetats für die Ex­pedition nach China. '

Referent Paasche berichtet über die in der Kommission Vvrgenommene Spezialisierung des Etats und teilt mit, daß bis zum 11. Februar der Gesamtverlust des Korps 139 Mann beträgt, davon 111 durch Krankheiten.

Die einzelnen Ausgabetitel werden nach dem Vorschlag der Kommission ohne Debatte genehmigt, ebenso das von der Kommission ausgestaltete Etatgesetz, das auch die Er teilung der Indemnität ausspricht. Es folgt die von der Kommission beantragte Resolution, die Freiheit der christlichen ReligionsübunginChinaim Staats­vertrag auszubedingen.

Abg. Bebel beantragt dazu: Den Missionaren ist die Verpflichtung aufzuerlegen, daß sie sich nicht in die poli­tischen, wirtschaftlichen oder sozialen Angelegenheiten Chinas einmischen, auch sich nicht den Charakter chinesischer Be­amten beilegen. Bebel setzt auseinander, sein Antrag be­zwecke, späteren Konflikten vorzubeugen; denn es unter­liege keinem Zweifel, daß an den jetzigen Wirren die Missionare erheblichen Teil der Schuld tragen. Die Resolution, die die Kommission Vorschläge, erschwere nur noch weitere Friedensverhandlungen. Welcher Sturm würde bei uns entstehen, wenn fremde Missionare in die Rechts pflege eingreifen und Verbrecher der Strafe entziehen wollten. Bei der ersten Lesung des Etats habe ich bereits auf die Rolle hingewiesen, die der katholische Bischof A n z e r entfaltet hat, und die ebenfalls ein gut Teil zu den Wirren beigetragen hat. Dr. Bachem hat damals meine Ausführ­ungen als falsch nachweisen wollen; wie wenig ihm das gelingen kann, zeigt auch eine inzwischen erschienene Schrift eines Pfarrers, die beweist, daß Anzer sein Amt für po­litische Agitationen mißbraucht hat (Lachen im Zentrum) daß davon ein großer Teil der Aufregung in Schantung herrührt. Für die Religion mögen die Missionare wirken, dagegen haben wir nichts, sie mögen als Märtyrer sterben, aber nicht die Macht ihrer Heimatstaaten engagieren.

Abg. Graf v. Stolberg protestiert gegen die Bebcl- schen Ausführungen. Die Resolution der Kommission ver­lange nur die Wiederherstellung des früheren Zustandes, damit nicht eine Lücke entstehe, in die eine andere Macht einspringe. Die Resolution habe aber auch eine soziale Bedeutung und gerade deshalb sei es von Be­deutung, daß sie vom Zentrum ausgehe. Man kann zweifel­haft sein, ob die Mächte ein Recht haben, in unzivilisierte Länder einzudringen, und dort Kolonialvolitik zu treiben; thun sie das aber und bringen sie nicht zugleich diesen fremden Völkern unser Christentum, so ist unsere ganze Kolonialpolitik keinen Schuß Pulver werl. (Zustimmung.) Ter Antrag Bebel verlange Unmögliches. Eine Beaufsichtig­ung der Missionare im Innern Chinas sei nicht durch­führbar.

Abg. Dr. B a ch e m betont ebenfalls, daß die Resolution nur die Wiederherstellung des früheren Zustandes verlange und das liege int Interesse der in China wohnenden Frem­den. Sollen wir warten, bis in China Aehnliches geschieht, wie in der Türkei den Armeniern geschah? Bebel hat damals ein entschiedenes Eintreten für Armenien gefordert; er hat bittere Vorwürfe erhoben, als es nicht geschah. Heute will er den Christen in China keinen Schutz gewähren. Ich glaube, Bebel hat nun einmal das Bedürfnis, immer Opposition zu treiben. (Zustimmung rechts und im Zentr.) Warum schlagt Bebel nicht ähnliche Maßregeln für die in China weilenden Kaufleute, Fabrikanten und Eisenbahn­gründer vor? Es ist eine Thatsache, daß alle Missionare den Rang von Mandarinen in China bekleiden. Wenn den deutschen Missionaren das Mandarinenkleid ausgezogen würde, so würde darin ein Mißtrauensvotum gegen unsere Missionare liegen und sie würden den ärgsten Gewalt- thätigteiten ausgesetzt sein. Der Antrag Bebel ist also in allen Teilen unannehmbar. (Bravo! im Zentrum.) Cs ist nicht llebermut der Missionare, sondern ihre strikte gesellschaftliche Pflicht, bei bestimmten Gelegenheiten die

Mandarinenuniform anzulegen. Bebel hat alles zusammen­gesucht, was gegen die Missionare angeführt wird, ist aber an den zahllosen glänzenden Zeugnissen, die ihrem selbstlosen sozialen Wirken für die unteren Vvlksklassen aus­gestellt sind, vorübergeschritten. (Sehr richtig! im Zentr.) Daran ist nur seine ausgesprochene Antipathie gegen das Christentum schuld. (Sehr richtig ! im Zentrum und rechts.) Die gesamte Position der Europäer in China mürbe sich verschlimmern, wenn die Privilegien der Missionare nicht aufrecht erhalten würden. (Bravo! im Zentrum.)

Staatssekretär v. Richthofen erklärt, daß die Ne­gierung in der Resolution der Kommission nichts anderes sehe, als den Wunsch, die früheren Zustände wieder hcr- zustellen. Auf ein bisheriges Vorrecht in China zu ver­zichten, daran denke die Regierung nicht. Der Zusatz BebelS: sei bedenklich und nicht durchführbar.

Abg. Dr. Müller-Sagan (frs. Volksp.): Die Mission habe den gleichen Scl)utz im Auslande, wie andere Deutsche, aber wir wollen keine Verquickung der Politik mit der Religion. Jede Unterstützung der religiösen Agi­tation von Reichswegen schasst neue Zkonflikte und wir lehnen daher die Resolution ab. Den zweiten Teil der Bebelschen Resolution lehnen wir ab.

Abg. Graf Bernsdorfs (freit) tritt für die Reso* lution der Kommission ein.

Abg. Schrader (fr. Ver.) hält den ersten Teil dep Resolution für überflüssig, den zweiten Teil dagegen für bedenklich.

Abg. Bebel polemisiert gegen die Ausführungen dev Vorredner. Was Graf Stolberg sagte, bedeutet nichts an­deres, als die Missionare zu politischen Agitatoren zu machen. (Zustimmung links.) Man will sich unter den chinesischen Christen eine Schutzgarde erziehen, ifrn den Staat von unten zu untergraben, und ihn zu zerstören. Umso begreiflicher ist es, daß der chinesische Staat sich dc> gegen wehrt. Mit der Christianisierung Chinas ist die Er­oberung Chinas durch die verschiedenen Mächte aus­gesprochen.

Präsident Graf Ballestrem: Bei der Unruhe bcB Hauses ist mir eine Aeußerung des Abg. Bebel entgangen; ich bin darauf aus dem Hause aufmerksam gewachst worden. Der Abg. Bebel hat gesagt: Darauf kommt die famose Expedition nach Kiautschon, der Einbruch nach Ki- autschou, der Raub v o u Kiautschon. Die Besitzergreif­ung eines fremden Landes seitens des Deutschen Reichs als Raub zu bezeichnen, verstößt gegen die Ordnung des! Hauses; ich rufe deshalb den Abg. Bebel zur Ordnung. (Beifall im Zentrum und rechts, Sad)en bei den Sozial­demokraten.)

Abg. Hi ober (nl.) hält es für selbstverständlich, daß das deutsche Reich den Missionaren denselben Schutz an­gedeihen läßt, wie den andern Bürgern. Seine Partei nehme deshalb die Resolution an.

Abg. Gröber (Ztr.) hält das Reich für verpflichtet, die deutschen Missionare zu schützen auf Grund ihre» Staatsangehörigkeit. Die deutschen und die christlichen In­teressen gingen in China zusammen.

Hierauf wird die Resolution in der Kommissionsfassun­angenommen und der Zusatzantrag Bebel abgelehnt.

Dann folgt die zweite Beratung des Gesetzentwurfs betr. die Versorgung der Teilnehmer an der O st - asiatischen Expedition und ihrer Hinterbliebenen. Die Kommission beantragt Ablehnung der Vorlage. Derr Antrag der Kommission wird ohne Debatte angenommen. Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr. Beratung der Chinavorlage. Etat der Reicysdruckerei.

Arankfurter Schauspielstaus.

Durchs Hyr.

Lustspiel in 3 Akten von Wilhelm Jordan.

In dankenswerter Erkenntnis der Bedeutung Wilhelm JsrdavS veranstaltet das Frankfurter Schauspielhaus alljähr­lich zur Feier des Geburtstages des Nibelungen Dichters eine Aufführung feiner besten dramatischen Gabe, deS lyrischen LustspielsDurchs Ohr", und wie in früheren Jahren wohnte auch diesmal, am 9. d. M., der greise Dichter dieser Vor­stellung in der Jntendantenloge bei. Seit er im April v. I einen Schlaganfall erlitten, ist seine Hünengestalt von dem Drucke seiner 82 Lebensjahre ein wenig gebeugt, aber seine großen klaren, braunen Dichteraugen funkeln noch mit alter Sehschärfe so hell wie vordem, und man fühlt eS, sie haben den Willen und die Kraft, mit ihrer die Menschen und Dinge durchdringenden Klarheit noch lange zu leuchten.

Durchs Ohr" ist ein Sonntagskind der Lustspielmuse und hat neben allen glänzenden auch manche sonderbare Eigentümlichkeiten der Sonntagskinder an sich; für den Alltag ist es zu kostbar, und um in dem Plan des heutigen Theaters feste und dauernde Wurzel zu schlagen, ist es zu sehr Liane, die nicht vom niedrigen Erdreich lebt, sondern ihre phan tastischen Ranken hoch oben in der Luft von Wipfel zu Wipfel schlingt. WaS für ein köstlicher Ausnahmegenuß aber ist eS, eine Kunst bewundern zu können, die, inzwischen frei lich brotlos geroorbcn, des Brotes jedoch nicht bedarf, da sie die Götterspeise Ambrosia dem nahrhaften Kotelett vorzieht

und nicht gleich irdischem Punsch, sondern gleich göttlichem Nektar berauscht.Durchs Ohr" zeigt, wie originell und annwtenb der Reim auf der Bühne wirkt. Der Pointe reiche, edle, feine Witz ist teilweise von elektrisierender Wirkung. DaS Stücklein ist in seiner finnigen Färbung einem durch Meisterschliff von dem geringsten trübenden Pünktchen freien Diamant, gleich und verdient cingereiht zu werden in die kleine Sammlung der Perlen der Weltlitteratur.

Die Handlung ist es nicht, was seinen Wert und Reiz auSmacht, es ist der dichterische Feinsinu, die blitzende Kraft der Gedanken, der erfindungsreiche Geist, gleichsam ein Geist ohne Körper. Ein junger Mann geht maskiert zum Masken­ball. Dort trifft er ein Mädchen, deren Maske das Antlitz verhüllt. Er weiß nicht, ob fie jung ober alt, schön oder häßlich ist. Dochdurchs Ohr", den Zauber der Stimme und der zarten Rede findet Heinrich seine Klara. So hat Heinrich noch von keinem Mädchen, nein, noch von keinem Menschen reden gehört. Alles, was Klara im Laufe des Abends zu Heinrich spricht, funkelt in allen Lichtern der Empfindung und deS Humors, und der Süßigkeit der Stimme fehlt es nirgend an einem wohlgemeffenen Gran geistreicher Würze. Und nach der Demaskierung steht Heinrich dem lieblichsten Mädchen gegenüber, das ihm je zu Augen ge kommen. Und er geht hin und läßt seiner Empfindung in wundervollen Versen freien Lauf.

DaS ist Heinrichs Liebesgeschichte. Vielleicht wird das Telephon dereinst noch einmal diesen Gedanken von der Überlegenheit des Ohres über das Auge verwirklichen, d. h. die Herzen werden telephonisch angeschloffen werden. Doch

Scherz bei Seite! Die Psychologie hat, soviel ich weiß, gleichfalls anerkannt, daß dasGehör" der vollkommenste der Sinne ist, nicht dasGesicht". Das Ohr ist unser am meisten ausgebildetes, feinfühligstes Organ, nicht das Auge, trotz dessen Schönheit. Der bekannte Ophthalmologe Pro­fessor Dr. Schmidt-Rimpler in Göttingen steht auf ähn­lichem Standpunkte. Er spricht zum mindesten dem Auge dieSprache des Herzens" auf das entschiedenste ab. Uebri- geuS scheint diese Wahrheit bereits Calderon vorgeahnt zu haben. Wenigstens erinnere ich mich, in einer seiner Dich­tungen den Ausspruch gefunden zu haben:Mehr macht ver­liebt das Hören".

Die VerSkunst des alten Nibelungen-Jordan (welcher stolze Name!) steht in unserer Litteratur unübertroffen da, und in dem Schmuck des Verses, der feinen Ziselierung von Wort und Gedanken, ist Jordan ein echter Goldschmied der Renaiffance. Und wie weise vom Poeten ist'«, daß er das sinnvolle Spiel endet, bevor man gewahr wird, daß ein Menu von lauter Konfekt keine Mahlzeit giebt; was 5 Akte lang ermüden dürfte, bleibt in kluger Beschränkung eine Unterhaltung von bestrickender Anmut und eine geistvolle Anregung für den Verstand nicht minder wie für die Phan­tasie. Wie rein und schön Jordan auch in die lyrische Harfe zu greifen weiß, zeigt das wundervolle schlichte kleine Lied Wann zwei sich lieben".

Die Wirkung der AufführungDurchs Ohr" war, wie immer, durchschlagend. Und daS will viel sagen bei einem Werke, daS auf Requifitenscherze, auf Verwicklungseffekte und ähnliche scheinbar unvermeidliche Dinge so ganz verzichtet.