Ausgabe 
14.9.1901 Zweites Blatt
 
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sparnisse gebracht. Trifft das zu, dann liegt hier ein Gewaltakt vor, für den die kolumbische Regierung natür­lich seitens des deutschen Reiches verantwortlich gemacht werden wird. Augenblicklich läßt sich freilich nichts thun. Ter große KreuzerVineta" ist; Zwar zum Schutz der deutschen Interessen an der Küste stationiert, aber er kann nicht allenthalben sein und nur Schutz gewähren, soweit seine Schiffskanonen reichen, oder Landungsdetachements in die Küstenstädte gelegt werden. "Tie Eintreibung der Ent­schädigungsforderung dürfte später erheblichen Schwierig­keiten begegnen, besonders wenn Kolumbien im Kriege unterliegen, die jetzige Regierung also, die die Gewaltakte verschuldete, hinweggesegt werden sollte.

Unter solchen Umständen ist es mit großer Freude zu begrüßen, daß unsere Regierung die Entsendung der beiden SchulschiffeStein" undMoltke" nach den mittel­amerikanischen Gewässern beschlossen hat, um den großen KreuzerVineta" in der Wahrung unserer Interessen zu unterstützen. Ms erstes wird die FregatteStein" dort eintreffen, währendMoltke" erst, Anfang November Rio de Janeiro erreichen und alsdann über Bahia nach der venezolanischen Küste abgehen wird.

Das Attentat auf Mac Kinley.

Das Befinden des Präsidenten ist fortgesetzt gut. Die Besserung schreitet ohne Unterbrechung fort. Aus den neuesten Meldungen ist folgendes hervorzuheben:

Am Donnerstag Abend 10 Uhr wurde ein Bulletin ausgegeben, demzufolge man Mac Kinleys Blut untersuchte. Die Untersuchung bestätigte den klinischen Befund, daß keine Blutvergiftung vorliege. Die weißen Blutkörperchen sind fast in normaler Zahl vorhanden, während die roten wegen der mangelhaften Ernährung etwas zurückgegangen sind. Die Gefahr einer Blutvergiftung scheint also ganz geschwunden zu sein. Der Präsident ist schon im Stande, mehr Siahrung zu nehmen, und genießt diese mitSlppetit. Mynter, einer der den Präsidenten behandelnden Aerzte, bestätigte auf eine An- ftage, daß Mac Kinley Nahrung zu sich nehme, umgebettet sei und sein Zustand sich weiter besiere. Im Laufe des Tages verlangte er sogar eine Cigarre, die ihm aber natürlich verweigert wurde. Dr. Mc Burney ist abgereist, da die Genesung in sicherer Aussicht sei.

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Kompliziert wird der Fall noch durch die Thatsache, ) die nordamerikanische Union eine Art Schutzherrjchaft über Kolumbien beansprucht. Die Staatsmänner der Ver­einigten Staaten glauben sich hierzu berechtigt auf Grund eines schon 1846 mit dem damaligen Neu Granada ge­schlossenen Abkommens, durch ivelches sich die Union ver­pflichtete, Kolumbien auf Verlangen Hilfe zu gewähren. Bekanntlich hatte Mac Kinley den streitenden Parteien seine Hflfe angeboten. Doch war sein Vorschlag von Ve­nezuela schroff zurückgewiesen worden, während ihn Ko­lumbien angenommen hatte. Man darf daher auf die weitere Entwickelung dieseramerikanischen Wirren" ge­spannt sein. Gleiche Interessen wie Deutschland in den beiden südamerikanischen Republiken hat Frankreich zu ver­treten.

Somit treten die tobengenannten Republiken urplötzlich in den Vordergrund des allgemeinen Interesses. Aus diesem Grunde bringen wir heut unsern Lesern die bei­stehende Karte der beiden kriegslustigen Staaten und be­merken dazu kurz Folgendes: Jede der beiden Repu- bliken ist annähernd doppelt so groß wie Deutschland, doch hat die erstere nur 4 und die andere sogar nur 2 einhalb' Millionen Einwohner. Tie Friedensstärke ihrer Armeen beträgt 1000 bezw. 3600 Mann. Im Kriegsfälle sind in Kolumbien alle männlichen Staatsbürger wehr­pflichtig, und die Kriegsstärke der venezolanischen Armee beziffert sich auf dem Papier auf 250 000 Mann. Ob überhaupt für so viele Personen: Waffen vorhanden sind, darf sehr bezweifelt werden. Die beiderseitigen Kriegs­flotten weisen für Kolumbien 1 Torpedojäger und sechs kleine Tampfschooner und für Venezuela 2 Kanonenboote und 1 Dampfschvoner auf. Der Sitz der Regierungen be- ftndet sich in den Hauptstädten Bogota bezw. Caracas. Tie wichtigsten Häfen sind in Kolumbien Panama, Colon, Cartagena und Baranquilla, und in Venezuela Carupano, , Guayra (Hafenstadt von Caracas), Puerto Cabello, S. Miguel und Maracaibo.

In allen diesen Städten, ebenso wie in vielen binnen­ländischen Orten wohnen deutsche Kaufleute und in den meisten derselben ist Deutschland durch einen Konsul bezw. Vizekonsul vertreten. Deutschlands Ausfuhrhandel nach Venezuela bezifferte sich 1900 auf 5,0 und sein Einfuhr­handel auf 9,7. Millionen Mark. Nicht ganz so groß, aber doch immerhin recht bedeutend sind unsere Handelsbezieh­ungen zu Kolumbien. Wir haben also allen Grund, bereit zu sein, falls die kommenden Ereignisse unseren Handel in Südamerika! bedrohen sollten.

Wir empfehlen unseren Lesern, die Karte auf­zubewahren, um an der Hand derselben für den Fall, daß.die Kriegsereignisse größere Ausdehnung gewinnen sollten, den einzelnen Phasen des Krieges folgen zu können. "

New-York, 12. Sept. (Reuters Nach Berichten aus Willemstad meldet der französische KreuzerSuchet" aus Porto Kolumbia bei Baranquilla, ein Dampfer habe tausend kolumbische Soldaten bei La Hacha am 9. September gelandet. Vier venezolanische Kanonenboote befänden sich auf der Höhe von La Hacha. Die kolumbischen« Truppen erwarten einen Angriff. Weiter wird berichtet, daß tausend Venezolaner unter Davila am 4. September Maracaibo an Bord von vier Schiffen verlassen hätten, und wenige Meilen nordöstlich von La Hacha gelandet seien. Ferner sei eine Expedition von Venezolanern und kolumbi- schen Liberalen, im Ganzen 500 Mann, von Maracaibo auf- gebrochen und habe sich auf dem Landweg gegen La Hacha gewandt; dieselbe sei der Zeit nach jetzt wohl in der Nähe ihres Bestimmungsortes angelangt.

Darüber, ob ein Komplott gegen den Präsidenten oorliegt, hat die Polizei immer noch nichts Sicheres ermitteln können. Nach einer Meldung derDaily Mail" aus Washington kehrte der stellvertretende Sekretär des Ackerbau­departements, Brigham, aus Buffallo zurück und erklärte, er habe aus guter Quelle gehört, daß die in der Ausstellung thätigen Beamten des geheimen Dienstes über 20 Tele­gramme erhalten hätten,'worin ihnen mitgeteilt wurde, daß der Plan bestehe, den Präsidenten Mac Kinley in Buffalo zu ermorden. Ein strenges Kreuzverhör mit Emma Goldmann ist resultatlos geblieben, sie dürfte in Kurzem aus der Haft entlassen werden.

Aus London wird berichtet, daß man in dortigen Anarchistenkreisen der That des Czolgosz keine politische Bedeutung beigelegt. Fürst Krapotkin erklärte, sie sei ein gemeines Verbrechen und werde als solches behandelt werden; Czolgosz sei ein aufgeblasener Mensch, der von der Natur und den Wirkungen seiner That keine Ahnung habe. Der bekannte Anarchist Malatesta meinte, in einem Lande wie Amerika sei keine raison dStre für ein solches Verbrechen vorhanden.

'Ueber die Herkunft Czolgosz' meldet derDziennik Posnanski" in Posen noch, die Familie Czolgosz' stamme aus Censkowice bei Znin (Prov. Posen). Von dort seien drei Brüder von Czolgosz, Josef, Leo und Franz, vor einigen 20 Jahren nach Amerika ausgewandert; ein vierter Bruder befinde sich noch in Znin.

Gegen den Anarchismus scheint man thatsächlich in Amerika Ernst machen zu wollen. So soll sich der General­kommissar für Einwanderung, Powdermy, dahin aus­gesprochen haben, daß er eine Abänderung der Ein­wanderungsgesetze beantragen werde, nach der kein Einwanderer in die Vereinigten Staaten zugelassen werden solle, der nicht durch ein Zeugnis aus seinem Heimatsort sich als friedfertig, unbescholten und dem Anarchismus fern­stehend ausweisen könne. Bundesagenten sollten in allen Ländern bestellt werden, um danach zu sehen, daß die Zeug­nisse in gehöriger Form ausgestellt werden. Ebenso soll Mr. S y l v e st e r, der Präsident der Vereinigung von Polizei­chefs in den Vereinigten Staaten und Kanada eine Cor- respondcnz mit dem Direktorium eröffnet haben in der Absicht, eine gemeinsame Aktion der Polizei aller Städte zur Ausrottung der anarchistischen Organisationen herbeizuführen.

Engländer und Buren.

Wie der Gouverneur von Lourenco Marques berichtet, sind etwa 10 Stunden von Komati Poort die portugiesischen Grenz truppen auf eine Buren- abteilung von 50 Mann gestoßen, die auf portugiesi­schem Gebiet Vieh und Lebensmittel geraubt haben sollen. Es entspann sich ein Kamps, wobei die Buren fünf Tote und sechs Gefangene verloren. Die Portugiesen hatten eben­falls schwere Verlushe, da fünszehn Mann getötet oder ver­wundet wurden. Welcher außerordentlichen Heuchelei die englischen Staatsmänner fähig sind, geht auch aus einer Rede hervor, die Lord Londonderry dieser Tage auf einer Versammlung der Primrose-Liga hielt. Er äußerte dabei die Ansicht, daß der südafrikanische Krieg sich so in die Länge gezogen habe,weil wir den Frauen und Fa­milien der Buren so viel Güte und Liebe er­wiesen haben." Welche Behandlung mag wohl der edle Lord für richtig hallen, wenn die bisherige Behandlung Liebe und Güte aufweist?. In Lord Kitcheners Bericht über den Stand der Dinge aus Pretoria vom 9. Sep­tember heißt es: Seit dem 2. September haben die Ko­lonnen wieder gute Erfolge gehabt. Die gesamte Beute (bag) betrügt einschließlich aller besonders Gemeldeten: 681

Buren, nämlich 67 Tote, 67 Verwundete, 384 Gefangene, 163 Uebergänger. Ferner 179 Gewehre, 65 211 Patronen Gewehrmunition, 371 Waaen, 3400 Pferde, 19 000 Schafe und verschiedene andere Vorräte. Die Lage in der Kap- kolonie ist unverändert, abgesehen von der Gefangennahme des Lotterschen Kommandos durch Scobell und von dem Einbruch einer Abteilung bei Herrscht, deren Verfolgung noch nicht durch Frenchs Kolonnen ausgenommen worden ist. _ Ein Beleg für die gute Wirkung der Kundmach" ung Kitcheners ist dieser Bericht gerade nicht. Denn er zählt freilich eine erhebliche Anzahl Toter, Verwundeter und Gefangener auf, aber nur 163 Uebergänger, deren Zahl sich doch beträchtlich vermehrt haben müßte, wenn die Kundmachung nachhaltigen Eindruck gemacht hätte. Uebri- gens hat es auch mit den Gefangenen eine eigene Bewandt­nis. In dieser Rubrik finden sich zwar 384 Buren angegeben, aber die Zahl der erbeuteten Gewehre weist demgegenüber ein starkes Minus auf, da sie sich nur auf 179 beläuft. Demnach sind von den gefangenen Buren nicht weniger als 205 unbewaffnet gewesen. Die Erklärung, daß die Buren viele Pferdehalter nötig hätten, die keine Waffen trügen, trifft nur dann zu, wenn es sich um Kaffern handelte, davon sagt aber Kitchener nichts; die burischen Pferdei Halter sind selbstverständlich ebenfalls bewaffnet. Wenn man also nicht annehmen will, daß diese unbewaffneten Ge­fangenen ihre Gewehre vor der Gefangennahme versteckt haben, oder daß den Buren die Waffen so knapp sind, daß sie nur noch die Hälfte ihrer Leute damit versehen können, so bleibt nur d ie eine Erklärungsmöglichkeit, daß die Betreffenden zu jung oder zu alt waren, um Waffen zu führen, daß sie also Knaben und Greise sind. Bekanntlich rechnen die Engländer jeden Bur, der das 12. Lebensjahr überschritten hat, zu den Waffenfähigen.

Telegramme *deS Gießener Anzeiger-.

London, 12. Sept. Wie Kitchener aus Pretoria von gestern telegraphiert, haben sich C. Krüger, der Sohn des Präsidenten Krüger, und Hauptmann Feneira am Mittwoch ergeben.

Brüssel, 12. Sept. DieJndependance Belge" ver­öffentlicht den Wortlaut einer amtlichen Zuschrift, welche von den bevollmächtigten Delegierten Transvaals und des Oranjefreistaates Dr. Leyds, Wessels, Wolmarans und Fischer am 10. September an den Schiedsgerichtshof im Haag abgegangen ist. Die Delegierten verlangen hierin nochmals, daß die Streitigkeiten, welche den Krieg mit England veranlaßten, durch schiedsgerichtliches Urteil ge­regelt werden.

Mafeking, 12. Sept. (Reuter.) General Methuen hatte ein ernstes Gefecht mit Delareys Streitmacht in der Nähe von Zeerust am 5. ds. Mts- Nach mehrstündigem Kampfe zogen sich die Buren zurück, mit einem Verluste von 20 Toten, einschließlich General Lemmer und Feldkornet Joubert, 17 Verwundeten und 44 Gefangenen. Erbeutet wurden 300 Wagen, 1500 Stück Vieh und 6000 Schafe. Die Verluste der Engländer betrugen 15 Tote und 30 Ver­wundete.

PoUlifche Tagesschau.

In der letzten Nummer derKorresv. des Bundes der Landwirte" teilt über die Stellung des Bundes der Landwirte zu den Beschlüssen des ständigen Aus- schu sses des Landwirtschaftsrats zum Zolltarif der engere Vorstand des Bundes Folgendes mit:

Der Ausschuß des Bundes der Landwirte hat in seiner Sitzung vom 17. August für alle vier Hauptgetreide - arten unter wissenschaftlicher Begründung einen Zoll­schutz von 7.50 Mark pro D«opPelzentner im Minimaltarif einstimmig gefordert. Er hat ferner ausreichend hohe Zölle für alle landwirt­schaftlichen Rohstoffe und Produkte verlangt, einschließlich die Erzeugnisse der Gärtnerei, so­wie aller land- und forstwirtschaftlichen Neben­gewerbe. Wir müssen es uns zur Zeit noch versagen, bevor der vom Ausschuß des Bundes der Landwirte be­schlossene und begründete lückenlose Minimal- und Maxi­maltarif für alle landwirtschaftlichen Produkte dem Bun­desrat eingereicht worden ist, die übrigen Zollsätze schon ' jetzt im einzelnen zu veröffentlichen.

Der Vorsitzende des Bundes Frhr. v. Wangenhetm erläßt eine Erklärung, daß ernichtMitglied des Aus- schussesdes Landwirts chastsrat es ist und daher auch an der Abstimmung nicht teitzunehmen hatte, und daß er bezüglich der Zollsätze für landwirtschaftliche Erzeugnisse auf demselben Standpunkt wie der gesamte Vorstand und Ausschuß des Bundes der Landwirte stehe.

Ter Deutsche Handelstag hält am 30. September in Berlin eine Vollversammlung für Beratung des Zoll- tar ifgesetzes ab. Der Ausschuß des Deutschen Handels­tags beschloß in seiner Sitzung vom 2. September, der Vollversammlung folgende Anträge zu dem Zolltarifgesetz- Entwurf zu empfehlen:

Mindestzolltsätze, die vertragsmäßig nicht er­mäßigt werden sollen, sind für Getreide ebensowenig wie für andere Waren einzuführen. Den deutschen Zoll- ausschüssen ist gesetzlich die Meistbegünstigung ein­zuräumen. Tie Grenze der Zollfreiheit für Po stsen- düngen ist von 250 auf 350 Gramm zu erhöhen. Die Zollfreiheit des Schiffsprojviants ist in dem gegenwärtig zugelassenen Umfang beizubehalten. Ver­gleiche Vereinszollgesetz vom 1. Juli 1869 § 80 Abs. 3: Der Schiffsproviant wird insoweit zollfrei und außer weiterer Kontrolle gelassen, als derselbe den mutmaß­lichen Bedarf der Schiffsmannschaft während der Dauer des Aufenthaltes des Schiffes am Lande nicht übersteigt. Dagegen werden die diesen Bedarf übersteigenden Mengen zur Verzollung gezogen oder auf den Antrag des Schiffs­führers unter amtlichen Verschluß gesetzt." Im Zoll­tarif nicht besonders genannte Abfälle sind wie die Rohstoffe au behandeln. Die Bestimmung des Gesetz­entwurfs, daß dies nur dann gelten soll, wenn die Ver­wendung der Abfälle zu anderen Zwecken ausgeschlossen ist, ermangelt der erforderlichen Klarheit. Auch im Zollkrieg sind keine Zölle in der Form von WejÄt" zöllen zu erheben. Für einige bisher zollfteie Er­zeugnisse der Landwirtschaft und landwirtschaftlichen Ne­bengewerbe sind, falls sie zollpflichtig werden, Ein­fuhrscheine und Transitlager einzuführen. Die Errichtung und Beibehaltung der gemischten Transitlager für Getreide ist nicht zu erschweren. Die gesetzlichen Bestimmungen bctr. Zollnachlaß für Abfälle bei der Bearbeitung von Holz in Transitlagcrn und betr. Abfertigung von Holz auf Flößen sind beizu­behalten. Die Zollstundung ist für Getreide ufw. ebenso wie für die anderen Waren beizubehalten.

In Bezug auf die LebenAmittelaölle beschloß der Ausschuß, der Vollversammlung Pie .Abgabe einer