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14.9.1901 Zweites Blatt
 
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Nr.Sl«

Zweites Blatt

Samstag 14. September 1901

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

151. Jahrgang

Natürlich verfolgt man auch in England die Vor­gänge bei "Danzig mit gespanntester Aufmerksamkeit. Daß die Engländer von dem herzlichen Einvernehmen der bei­den Kaiser nicht sonderlich erbaut sind, kann man leicht begreifen; denn alles, was zu weiterer Lösung der Spann­ung zwischen Dreibund und Zweibund beiträgt, erschwert die diplomatische Lage Englands. Die englische Presse äußert sicb deshalb auch sehr kühl.Daily Telegraph" sagt, alle diese Zusammenkünfte seien ein klares Anzeichen, daß die Herrscher aller europäischen Länder ernstlich be­müht seien, den Frieden aufrecht zu erhallen. Der König von England, der dem Grafen Lambsdorff in Kopenhagen eine lange Audienz gewährte, gab und empsing zweifellos dieselben Versicherungen, wie dies in Danzig geschehen sei und in Compiegne geschehen werde. Das Blatt hält auch eine Aussprache bezüglich der Anarchisten für wahr­scheinlich.,Standard"' sagt, dem Besuch des russischen Kaisers in Danzig müsse, so kurz er auch sei, offenbar eine internationale Bedeutung beigemessen werden. Mor- ning Post" schreibt: Die Kaiserzusammenkunft sei ein Ereignis, welches, wenn es auch jeder besonderen Bedeut­ung entbehre, doch auf ein freundliches Einvernehmen der Nation hinarbeite.

Krieg zwischen Kolumbien und Venezuela.

Der Krieg zwischen Kolumbien und Venezuela ist in . vollem Gange, ohne daß eine förmliche Kriegserklärung erfolgt wäre. Tie Venezolaner sind bereits zu Wasser und zu Lande in die nordöstliche Ecke der Nachbarrcpublik eingedrungen. Nach telegraphischer Nachricht aus Cura- cao brach Präsident Castro selbst über den Hafenplaü Rio Hacha ein; seinen Truppen schlossen sich alsbald die kolumbischen Revolutionäre an. Eine Schlacht gegen die 6000 Mann starke kolumbische Armee steht, wie wir in unserer letzten Nummer meldeten, unmittelbar bevor.

Freilich scheint es den hitzköpfigen Freistvatlern an dem zum Kriegführen von Alters her so notwendigstem Geld zu mangeln. Kurz entschlossen hat daher die kolum- bische Regierung, einer nach Köln gelangten Privatmeldung zufolge, die Gouverneure in den Provinzen angewiesen, alle Hilfsmittel für die Unterhaltung und Ausrüstung des Heeres durch Enteignung zu erzwingen. Gleichzeitig wurde die Aufhebung aller Zahlungen für Kriegslieferungen ver­fügt. In einem Rechtsstaate wären solche Maßregeln un­möglich; doch im spanischen Amerika können sie nicht überraschen, und sie würden schließlich dem Ausland gleichs- giltig sein, wenn allein die kolumbischen Bürger darunter zu leiden hätten. Doch ist das nicht der Fall. ImNot­alle" soll nämlich auch das Eigentum der anderen Bürger beschlagnahmt werden. Bereits sind, wie berichtet wird, zahlreiche vermögende Deutsche um ihre gesamten Er-

Zur Kaiserbegegnung schreibt man uns noch aus Berlin, 12. September:

Tie Kaiserbegegnung hat einen Intimen, familiären Cha­rakter. Neber Trinksprüche, die sonst bei solchen Anlässen der politischen Welt einen Anhaltspunkt alsStimmungs­symptom" geben, liegen bis heute abend keine Meldungen vor. Es scheint aber, nach oen Ordensverleihungen auf beiden Seiten zu schließen, die Verständigung unter den leitenden Staatsmännern in wünschenswerter Weise er­folgt zu sein. Nach derNational Ztg." ist der Verlauf der Zusammenkunft ein durchaus zufriedenstellender. Da Meinungsverschiedenheiten auf politischem Gebiete zwischen Rußland und Deutschland nicht in Frage kommen, so wird man annehmen dürfen, daß die Aussprache bezüglich des neuen Handelsvertrags mit Rußland in der Hauptsache (Getreidezölle) zum Einverständnis geführt hat.

Die Kaiserzusammenkunft bei Hela.

Wir berichteten bereits in unserer vorigen Nummer unter den letzten Nachrichten von dem Besuch Kaiser Wil­delms bei dem Zaren auf der russischen Kaiseryacht, von der Besichtigung einzelner Kriegsschiffe und einzelnen De­korationen. Jetzt sei noch folgendes nachgetragen: Nach dem Besuch der Kriegsschiffe geleitete der Kaiser den Zaren auf die russische Kaiseryacht zurück und besuchte den Groß­fürsten' Alexis an Bord oes KreuzersSwetlana". Um 8 Uhr fand Wendtafel an Bord desStandart" statt, wozu Großfürst Alexis mit Gefolge, die Admirale und die Kommandanten der Uebungsflotte geladen waren. Vor der Tafel wurden die Herren des deutschen Gefolges dekoriert. Der Zar überreichte persönlich dem Reichskanzler, wie schon berichtet, den Andreasorden. Tieselbe Ordensauszeich­nung wurde auch dem Oberhofmarschall Grafen Eulenburg zu teil. Die Generaladjutanten Grafen Schliessen, Plessen und Staatssekretär v. Tirpitz erhielten das Bild des Zaren. Die russischen Herren wurden in gleicher, Weise durch preußische Dekorationen ausgezeichnet. Gra Lambsdorff erhielt den Verdienstorden der preußische! Krone, der Minister des kaiserlichen Hofes, Baron Fre­dericks, das Großkreuz des Roten Wlerordens in Brillan- ten. Nach aufgehobener Tafel verblieb der Zar mit den Gästen auf dem Promenadendeck vereint und erfreute sich an dem herrlichen Schauspiel, das die prächtig illumi­nierten deutschen und russischen Schiffe boten. Die für den folgenden Tag das Westgeschwader der blauen Par­tei bildenden Schiffe gingen wäl"end dessen mit Salut in See. Nach 11 Ubr abends verabredeten sich die Kaiser aufs herzlichste. Kaiser Wilhelm kehrte auf dieHohen-

Annahme von Anzeigen zu der für den folgenden Tag erscheinenden Nr, bis vormütags 10 Uhr. Alle Ameigen-Vermm- lungsstellen des In- und Auslandes nehmen An­zeigen entgegen.

Zeilenpreis: lokal 12Ps^ auswärts 20 Psg.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Universitäts - Druckerei (Pietsch Erben).

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

zollern" zuruck.

Nachdem die Schiffe der blauen Partei die Rhede ver­lassen hatten, dampften die Schiffe der roten Partei Donnerstag früh westwärts. Um 9 Uhr begaben sich Kaiser Wilhelm und Kaiser Nikolaus an Bord des Kaiser Wilhelm II.", der alsbald in See ging. Die russi­schen Schiffe feuerten einen Salut von 21 Schüssen. In der Begleitung des Kaisers Nikolaus befand sich Groß­fürst Mlexis. Bei dem Kaiser Wilhelm befanden sich der Reichskanzler v. Bülow und Staatssekretär des Reichs­marineamtes v. Tirpitz. Es war herrliches Manöver- wetter. Bald fielen die ersten Schüsse. Das rote Geschwa­der, dieBaden" und die Brandenburgklasse, griff die Küshenpanzer der blauen Partei, die mit den Batterien von Neufahrwasser Danzig verteidigten, an. Der Führer des roten Geschwaders war der Vizeadmiral v. Arnim; Führer des blauen, v.on? Westen kommenden Geschjwaders Prinz Heinrich mit den PanzerschiffenWilhelm der Große",Barbarossa",Sachsen" und Württemberg". Um 11 Uhr nahm der blaue Kreuzer Fühlung mit der roten Par­tei. Der Angriff der roten Partei wurde von den Küsten­panzern und Küstenbefestigungen, wenn auch unter Verlust, abgeschlagen. Die rote Partei schleppte die durch das feind­liche Feuer als schwer beschädigt angeseheneBaden" von der blauen Partei. Ein Küstenpanzer suchte vergebens zur rechten Zeit heranzukommen. Ein vorzüglich geleitetes Nachgefecht, bei welchem auch Torpedoboote ein- grissen, brachte die Entscheidung und damit Beendigung des Manövers. Das Signal des Kaiserssehr gutes Manöver" belohnte die Schiffe für ihre Leistungen. Um 6 Uhr ankerte die Flotte auf der Rhede von Hela und beide Kaiser begaben sich auf ihre Pachten.

Abends fand auf derHohenzollern" ein Diner statt. Vor dem Diner empfing Kaiser Wilhelm den russischen Ministers des Auswärtigen, Grasen Lambsdorff, in längerer Audienz. Der Kaiser überreichte dem Minister sein Bildnis.

Die russischen Blätter fahren fort, die Kaiserzüsammen- kunft in der herzlichsten Weise zu besprechen. Beson­ders' betonen sie die heilsamen Folgen, die die Zusammen­kunft auf die Festigung des europäischen Friedens haben müsse. So schreiben dieNpwosti", daß die Danziger Zusammenkunft unter den günstigsten Umständen stattfinde. In ganz Europa herrsche voller Friede und nichts deute darauf hin, daß er in der mehr oder weniger nahen Zukunft gestört werden könne. Tas Verdienst an der Er­haltung des europäischen Friedens gebühre hauptsächlich Rußland und Deutschland. Tie Kaiser der beiden Reiche führten eine streng friedliche Politik, die in den traditio­nellen gegenseitigen Beziehungen beider Länder wurzele. Tas Blatt betont ferner die ausgezeichneten dy­nastischen Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland und sagt: Dieser Umstand sei sehr wichtig, weil er eine Gewähr sei für die guten und aufrichtigen nachbarlichen Beziehungen der beiden Reiche, da deren Interessen einander nicht widersprechen. Tas persön­liche Element sei in der Politik stets von großer Bedeutung gewesen; wenn der feste Wille beider mäch­tigen Herrscher auf die Erhaltung des Friedens gerichtet sei, so werde der Friede natürlich erhalten bleiben. Es sei unmöglich, an dem heilsamen Einfluß der Danziger Zusammenkunft auf die Festigung des europäischen Friedens zu zweifeln.

Die Aeußerungen der österreichischen Presse lauten ebenfalls durchaus sympathisch. So sagt dasWien. : Tagebl.", in der Zusammenkunft werde das gute Ein­vernehmen und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Reichen und den beiden Herrscher­häusern gefe tert. Auch die wirtschaftliche Seite wird : in den Besprechungen der Zusammenkunft von den Blättern berührt. Die Friedensbürgschast, die die Zusammenkunft der Kaiser biete, werde nur dann von Tauer sein, wenn die beiderseitige Staatstünft die wirtschaftlichen Be- I Ziehungen inniger zu gestalten verstehe. :

Unverbürgte Kaiserworte.

Aus Berlin, 12. September, wird uns von beson­derer Seite geschrieben:

TieFranks. Ztg." hat angebliche Aeußerungen von hoher Stelle verbreitet:Der Minimaltarif ist Unsinn; Bülow ist übrigens derselben Meinung" und,cher Kanal müsse im nächsten Winter durchgehen". Bei allen solchen Zitaten" privater Aussprüche des Kaisers läßt sich die Beobachtung machen: Diejenigen, die mit dem Urteil über- einsfimmen, sind von der Echtheit des Zitats überzeugt; wer anderer Meinung ist;, glaubt zunächst bezweifeln zu dürfen, ob die Bemerkung überhaupt, und ob sie in dieser Form gefallen ist. Auch die heutigeNordd. Allg. Ztg.", die man nach erfolgten Enthüllungen aufsehenerregender Art besonders genau zu lesen pflegt, nimmt zu jener Mit­teilung, obwohl sie Die Runde durch die Presse macht, keine Stellung. Möglicherweise, weil Graf Bülow während der Danziger Kaisertage Wichtigeres zu thun hat, als De­mentis zu verfassen. Tenn unseres Erachtens wird ein solches nicht ausbleiben. Ter Ausspruch über den Unwert des Mindefttarifs (für die künftigen Getreidezölle) kann aus dem einfachen Grunde nicht vom Kaiser herrühren, weil als feststehend zu erachten ist, daß der Reichs­kanzler von dem Herrscher die Ermächtigung zur Einbring­ung des Zolltarifentwurfs im Bundesrat erhalten hat. Und nicht nur das: auch das preußische Staatsministerium hat ein Einverständnis erklärt mit den Grundprinzipien oes Tarifentwurfs. Es versteht sich wohl von selbst, daß Graf Bülow nicht etwas, was er fürUnsinn" hält, also den Mindesttarif, über dessen Wert ja die Ansichten der Öffentlichkeit weit auseinandergehen, amtlich vertreten wird. Ebenso unglaubwürdig erscheint es, daß bei einer ent­schiedenen Abneigung des Kaisers gegen den Mindesttarif die preußische Regierung sich für diese Form ausgesprochen haben würde. TieVoss. Ztg." die sich heute abend mit der angeblichen Aeußerung des Kaisers beschäftigt, schreibt u. a.: Ob der deutsche Kaiser dieses Wort gesprochen hat, wissen wir nicht. Wäre es gesprochen worden, so könnten wir dem Kaiser nur beipflichten." Tie konservativeKreuz-Ztg." macht der Demokratie zum Vorwurf, daß diese sonst Gegner eines persönlichen Regiments des Monarchen, gelegentliche pri­vate Aeußerungen Sr. Majestät im politischen Kampfe zu ihren Gunsten verwerte, auch wenn diese Aeußerungen nur sehr mangelhaft oder überhaupt nicht beglaubigt seien. So­weit dieKreuz-Ztg."

Tie weiter zitierte angebliche Aeußerung über den Kanal, der im nächsten Winter durchgehen müsse, hat ebensowenig Wahrscheinlichkeit. TieNationalztg." erklärt heute abeno, sie habe Grund, die Meldung der Münchener Allgemeinen Ztg." für zutreffend zu halten, daß die Kanal­vorlage in der nächsten Landtagssession noch nicht wieder eingebracht werden soll. Vermutliche mit Rücksicht auf die Zolltarif-Beratungen, bei denen man gerade genug mit parlamentarischen Kämpfen zu thun haben wird. Aber die ^analvorlage ist nur vorläufig abgesetzt vom Programm der Negierung. Dafür bietet der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten, Herr v. Thielen, eine gewisse Bürg- chast. Ms im Mai ds. Js- Herr v. Luc an ns seine mi- nisterstürzenden Visiten absolvierte, stellte Exzellenz von Thielen den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht dar. Er darf sozusagen als eine Verkörperung des unerschütterten Bestandes der Kanalidee gelten.

Alles in allem erwächst dem Zitat angeblicher Kaiser­worte einstweilen wenig Unterstützung durch die Thatsachcn. i Wir halten es auch für nicht glücklich, daß mit privaten ,

Erscheint täglich mit Ausnahme des

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Aeußerungen des Herrschers nach der einen oder anderen Richtung hm Stimmung genracht wird. Dergleichen leistet 1 nur dem politischen Klatsch Vorschub. Niemand weiß, in welchem Zusammenhang solche Aeußerungen gefallen sind und in welchem Tone sie gethan wurden. Ein national-, liberales Blatt hat kürzlich mit Recht auf das Bedenkliche hingewiesen, den Kaiser mit allem, was in Deutschland politisch Wichtiges geschieht, in Zusammenhang zu bringen, ^n der That erregt man dadurch in minder urteilsfähigen Köpfen den Gedanken, dem Herrscher auch das nicht Ge­lungene in der Politik keine Politik hat nur Erfolge aufzubürden. Vollends liegt die Gefahr einer Verwirrung des Publikums nahe, wenn durch Mitteilung unverbürgter Aussprüche der Kaiser in Geaensatz gebracht wird zur Politik der Regierung. _________'

Tie kleineren Staaten Deutschlands.

Tas offiziöse Organ des russischen Amts, dasJour» naldeSt. Petersbour g", veröffentlicht einen längeren Artikel, in dem der 75. Geburtstag des Großherzogs von Baden zum Anlaß einer Erörterung genommen wird über das Verhältnis, in dem die kleineren deutschen Staaten zum Reiche und Preußen standen resp. stehen. Es heißt darin: Die Regierung des Großherzogs Friedrich von Baden wird eine bedeutungsvolle Spur in der Geschichte des zeitgenössischen Teutschland mrücklassen. Sein aufge­klärter Geist und seine glühende Vaterlandsliebe haben ihn zu einem derjenigen deutschen Herrscher gemacht, welche am meisten im letzten Jahrhundert hervorragen. Man weiß, mit welchem Eifer er sich der nationalen Sache angenommen hat, und wie sehr er bemüht gewesen ist, die Träume so vieler deutscher Patrioten, welche ein einiges Teutschland herbeisehnten, zu verwirklichen. Durch seine Vermählung mit- der Tochter König Wilhelms I. stand er dem preußischen Königshause nahe und er war berufen, eine große Rolle bei allen Ereignissen während der inneren Kämpfe in Teutschland zu spielen, welche das Werk der Vereinigung der verschiedenen Staaten Deutschlands vor­bereiteren. Tie deutsche Nation ist dem Großherzog Fried­rich dankbar für die Dienste, welche er dieser Sache ge­leistet hat und weiß wohl, daß seitdem seine Ratschläge große Bedeutung für die Entwickelung der inneren Lage des Landes gehabt haben. Das Kennzeichen der von ihm eingeschlagenen und vertreten Politik ist große Mäßigung und gleichzeitig eine außerordentlich große Festigkeit in den von ihm verfolgten Zielen. Die Herrscher der kleineren Staate-n Deutschlands haben sich dadurch, daß sie sich vom nationalen Ge- dan fen leiten ließen, nicht herabgesetzt, son­dern haben gleichsam noch an Macht gewonnen. Die ganze übrige Nation hat ihnen Achtung und Verehrung gezollt, die für sie ein Zu­wachs an Macht bedeutete und ihre eigenen Untertanen, die sahen, daß das Herz ihrer Herrscher im Einklang mit den ihrigen schlug, waren ihnen darum nur um fo ergebener und treuer. So vollzog sich die deutsche Einheit, ohne daß das monarchische Prinzip verletzt wurde. Dieses Prinzip wurde im Gegenteil noch mehr erhöht durch die Thatsache, daß die Fürsten dem Reichsgedanken und die Unterthanen ihrem Fürsten treu waren. Tas Großherzogtum Baden ist einer der blühendsten Staaten Deutschlands, einer der­jenigen, in denen die geistige Bildung am meisten in der Masse der Bevölkerung verbreitet ist. Sicherlich hängt der Badenser am Heimatlande, seinem engeren Vaterlande, wie man sagt, aber er besitzt auch im höchsten Maße Gefühl für die deutsche Einheit. Großherzog Friedrich ist der erste der in Versailles versammelten deutschen Fürsten gewesen, welche am 18. Januar 1871 auf Kaiser Wilhelm den Erften das Hoch ausgebracht hat, und ist neben König Albert von Sachsen einer der wenigen deutschen Fürsten, welche noch aus jener Zeit am Leben sind. Tie deutsche Nation hegt Wünsche für die lange Dauer der Regierung des Großherzogs Friedrich, und im Großherzogtum Baden wissen die in demselben Gefühl der Verehrung für den Herrscher geeinten Parteien, wie sein weises, erfahrenes Handeln stets dem Wohle des schönen badischen Landes gedient hat.__