Ausgabe 
14.8.1901 Erstes Blatt
 
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Zum Tode der Kaiserin Friedrich.

Cronberg, 12. August.

Die Nachricht des Hofmarschallamts, daß der Z u t r i t t zur -Kirche 'heute von morgens 8 Uhr bis nachmittags 4 Uhr geftattet sei, wurde vom Publikum dankbar be­grüßt. In großer Zahl begaben sich die Einwohner Cron- bergs zu der sterblichen Hülle ihrer hohen Schutzherrin, um den letzten Gruß zu entbieten. Auch von den benach­barten Orten brachten die Frühzüge viele Leute, die am Sarge langsam vorbeischritten. Tie Kirche mar von der Menge gefüllt, da jedermann hier wenigstens auf einen Augenblick der toten Kaiserin huldigen wollte. Doch vollzog sich alles in musterhafter Ordnung, sodaß die Militärposten nirgends Veranlassung zum Einschreiten hatten. Bürger und Bauern, viele Frauen mit dem Marktkorb und dazu ein Kind an der Hand, Soldaten, Touristen, Scl)ulkinder defilierten vor bem Sarge, an welchem das Regiment von Gersdorff die Ehrenwache hatte. Ausrufe schmerzlicher Teilnahme wurden laut:Tie arme Kaiserin, sie ist erlöst!" Gestern der strahlende Glanz des Hofes in diesem Kirch­lein, heute an derselben Stätte der Schmerz und die Teil­nahme des Volkes. Ten Ehrenposten, die in der heutigen Nacht upt die zwölfte Stunde die Wacht an dem Sarge hielten, .wird dieser Dienst unvergeßlich bleiben. Tie Schwüle der letzten Tage wurde von einem schweren Ge­witter abgelöst. Blitz auf Blitz zackte nieder, sodaß die Kirche minutenlang erhellt war; dazu heulte der Sturm um die alten Mauern. Erst nach zwei Stunden war die Gewalt des Wetters gebrochen, und ein Tauerregen brachte die ersehnte Erlösung. Kranzspenden für die Heimgegangene gehen noch immer in großer Fülle ein. Bemerkenswert ist, daß fortgesetzt in erster Linie humane Institute, Rote Kreuz-Vereine, Bildungsvereine, Vereine zur Hebung des Verständnisses für die Volkshygiene und Bildungsanftalten die Spender sind. Es mögen hier nur einige Widmungen genannt fein, die des British and Americain Gouvernesse Home in Berlin, des Vereins deutscher Lehrerinnen in England, der Englischen Gemeinde, des Hilfsvereins für kaufmännische weibliche Angestellte, des allgemeinen deut­schen Lehrerinnen-Vereins, der englischen Gemeinde St. George, der Königlichen Museen in Berlin. Drei Eisenbahn­waggons dürften notwendig werden, um die Kränze zu transportieren.

Heute abend 8.45 Uhr wird die Leiche in feierlichem Zuge von der Kirche zur Bahn gebracht, wobei die Cron- berger Bürger und die Vereine mit Fackeln Spalier bilden werden. Prinz Friedrich Karl von Hessen und der Kron­prinz von Griechenland werden mit dem Hofstaat der hoch- seligen Kaiserin die Leiche begleiten. Tie Gemahlinnen der beiden Prinzen werden nach dem Schlosse in Homburgj übersiedeln.

Prinzessin Viktoria von England und Prinz Nikolaus von Griechenland trafen heute früh von Homburg auf Schloß Friedrichshof ein. Die Prinzessin Viktoria wird für einige Zeit auf Friedrichshof Wohnung nehmen. Auch die Königin von England kehrt nach den Potsdamer Feierlichkeiten hier­her zurück und wird 8 Tage bleiben.

In der russischen Kapelle in Hom b u rg , deren Grundsteinlegung und Einweihung die Kaiserin Friedrich seinerzeit mit vollzogen hatte, wurde gestern vor­mittag durch Probst Wolsky-Stuttgart eine Seelenmesse für die Kaiserin Friedrich gelesen. Heute hat sich in Homburg ein Komitee gebildet, das die Errichtung eines Kaiserin Friedrich-Denkmals im hiesigen Park als Seitenstück zu dem dort bereits stehenden Kaiser Friedrich- Denkmal in die Wege leitet.

, In allen Kirchen Berlins wurde gestern der Heimgegangenen Kaiserin Friedrich gedacht. Tem Gottes­dienste im Jnterimsdom wohnte auch der Präsident des evangelischen Oberkirchenrats, T. Barkhausen, mit anderen Mitgliedern der oberen Kirchenbehörden bei.

Tie Vor b er eit un g en in Potsdam sind nahezu vollendet. Dem Publikum ist jede Beteiligung an die Trauerfeierlichkeit durch die umfassendsten Absperr­ungsmaßregeln unmöglich gemacht. Bereits am heutigen Tage wird der Park von Sanssouci vollständig ge­schlossen. Tort, wo der Leichenkondukt seinen Weg. durch den Park nimmt, werden rote Seinen gezogen werden, die an Stäben befestigt werden. Radfahrende Ordonnanzen sah man gestern in kurzen Unterbrechungen auf der Straße zwischen dem Neuen Palais und dem Bahnhof Wildpark. Auf den besonderen Wunsch des Kaisers werden die Fenster der au den Park angrenzenden Beamtenhäuser während . der Trauerfeierlichkeiten geschloffen gehalten werden.

In Potsdam selbst ist, dem letzten Wunsch der Kaiserin Friedrich entsprechend, von Trauerdekorationen abgesehen worden. Nur die Fahnen wehen auf Halbmast, zum Teil mit Flor umwunden. Eine mächtige schwarze Fahne ist auf dem Rathause gehißt. Schmucklos wird die Friedens­kirche bleiben, in der die Vorfeier stattfindet. Hier, ebenso wie im Mausoleum, werden sich nur die allerhöchsten und höchsten Herrschaften einfinden, um der Verstorbenen das letzte Geleit zu geben. Groß ist die Zahl der Kränze, die bereits aus aller Herren Länder ein getroffen sind. Sie werden vorläufig in den königlichen Gewächshäusern unter­gebracht und am Tage der Beisetzung auf schwarzumflorte Wagen gelegt, die bem Trauerkonbukte folgen.

Anläßlich der Beisetzung ber Kaiserin Friebrich erlassen der Oberbürgermeister von ^PotsdamZJaehne, und der dortige Stabtverorbnetenvvrsteher Pusch folgenden Aufruf:Am Tienstag, 13. August findet am Vormittag die Beisetzung Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich im Mausoleum statt. Wir ersuchen unsere Mitbürger, der innigen Teilnahme an dem schweren Verlust, der unser Kaiserhaus betroffen hat, dadurch Ausdruck zu geben, daß möglichst allgemein die Häuser mit Trauerfahnen geschmückt und die Ge- s chä ft e während der Beisetzungsfeterlichkeit geschlossen bleiben."

Ter Verband Berliner Spezialgeschäfte hat seine Mit­glieder durch Rundschreiben ersucht, am Tage der Beisetzung ber Kaiserin Friebrich während ber Stunben ber Feierlich­keiten ihre Geschäfts/okalitäten zu schließen unb durch an­gemessene £rau er betör ationen ber allgemeinen Trauer auch nach außen Ausbruck zu geben.

Ter Zug mit der Leiche ber Kaiserin Friedrich traf um 10.35 Uhr auf Station Bockenheim ein, von wo er umgeleitet wurde unb bann fernen Weg mit ber Main-Weser-Bahn über Kassel nach Potsdam nahm. Der Zug . bestand aus 9 Wagen.

Ter Sarg der Kaiserin Friedrich besteht aus zwei Teilen: dem aus Eichenholz hergestellten und mit kupfer­bronziertem Zinkblech überzogenen Einsatz, dem eigentlichen Sarge, und dem die äußere Umhüllung bildenden Parade- farge. Der Einsatz ist schon vvn Berlin nach Cronberg abgesandt worden. Er enthält ein mit schwerem weißen Atlas überzogenes Kissen und ist mit weißem Atlas aus­geschlagen. Tie.Decke, die über die Leiche gebreitet werden wird, ist mit seidener Kurbelstickerei und Spitzen verziert. Ter Paradesarg besteht ebenfalls aus Eichenholz unb ist mit rotem Purpursammet überzogen. Auf bem Deckel ruht auf einem öiolettfammetnen Kissen die eckst vergoldete Kaiserkrone. An den Seiten sind zehn schwere, feuer», vergoldete Bronzegriffe angebracht, und ber Teckel ist ge­ziert mit Rosetten, beren Entwurf von ber Kaiserin Friebrich herrührt. Sie stellen die englische Rose dar. Ter Sarg selbst, der ebenfalls von der Kaiserin entworfen wurde, hat die flache englische Form.

Tas auch von uns gestern wiedergegebene, von Cron­berg datierte Telegramm des Wolff sch en Bureaus erregt in unterrichteten Kreisen mit Recht Aufsehen und Entrüstung. Es wird dort über die Zulassung der Presse zu der feierlichen Einsegnung der Leiche der Kaiserin Friedrich gesagt:Auch die Presse ist in großer Zahl bedacht worden. Etwa 25 Journalisten, allerdings meist Engländer, erhielten Berechtigungsatteste." Tas ist eine Entstellung der Thatsachen. Jeder ber anwesenden deutschen Pressevertreter hat eine Zulassungskarte erhalten, und etwa nachträglich sich noch meldenden würde eine solche unbedingt ebenfalls verabfolgt fein. Hofmarschall Freiherr v. Reischach hatte dahingehende Anordnungen getroffen. Wenn mehr Engländer als Teutsche Einladungen erhielten, fo lag das lediglich daran, daß eben mehr Engländer als Teutsche sich gemeldet hatten. *

Politische Tagesschau.

Wir lesen in derKorrespondenz desHandels- vertragsvereins": ,

Die deutsche Landwirtschaft vermag den Bedarf Deutschlands an landwirtschaftlichen Produkten selbst zu decken, so behauptet die Bündlerpresse, sobald ihr nur einangemessener" Schutzzoll bewilligt wird. Daß im Gegensatz zu dieser Behauptung die Produktion gerade im umgekehrten Verhältnis zur Höhe des Zollsatzes stehen kann, dafür haben die deutschen Eichenschälwaldbesitzer den eklatanten Nachweis geliefert. Trotzdem denselben Ende der 70er Jahre ein Rindenzoll von 50 Pfg., d. h. von 10 Proz. des Wertes der Ware zugestanden wurde.

blieb der Umfang der Rindenerzeugung äußerst gering ber bes Schälwaldes hatte sich in ben Jahren von 18S bis 1893 nur um ca. 2'Proz. gehoben, vermochte also tro des Schutzzolles ben Bedarf bei weitem nicht zu beckch Und warum war dies so? Die hochschiutzzöllnerischn Jnbustriellenkreisen nahestehenbenBerl. Pol. Nach:, charakterisieren die Sachlage wie folgt:Tie Eichenschäl walbsbesitzer gaben auf Pflege unb Kultur des Walde; recht wenig, ließen die Rinden verkommen, kümmerte sich um die für die Gerberei durchaus notwendig g», roorbcnen Aenderungen beim Bezüge des Gerbmaterials gar nicht, kurz bewirkten durch ihre Verharrung aff völlig veralteten Geschäftsgrundsätzen, daß die beutfrte Gerberei genötigt wurde, sich nach dem Gerbmaterial b<s Auslandes noch mehr als vorher umzusehen." Also de durchaus unrationelle Wirtschaftsweise ber beutschm Eichenschälwalbbesitzer trägt an ihrer eigenen 9!otlace schuld. Unb ba soll zu Gunsten ber Bequemlichkeit zahl­reicher in ihrer Rückstänbigkeit verharrender deutscher Landwirte mit noch weiter erhöhten Schutzzöllen exper - mentiert werden, um schließlich voraussichtlich wieder zu dem gleichen Resultat zu kommen, daß mit hohen Schutz­zöllen dem landwirtschaftlichen Betrieb nicht gedient ist?!"

Tie deutschen Heizungs-und Lüftungsfacki-- männer traten am 12. ds., wie dieNeue Badische Landes- zeitung" meldet, in M a n u h e i m zu ihrer dritten Jahres­versammlung zusammen. Der Kongreß ist von weit über hundert Delegierten besucht. Tie erste Versammlung wurde heute vormittag unter Vorsitz des Herrn K. Harzmann- Eharlottenburg eröffnet. Eine Reihe von Städten und Bundesstaaten haben Vertreter zum Kongresse entfärbt, ferner sind zahlreiche Gäste aus Dem Auslande anroefenb. An die Versammlung schloß sich eine Besichtigung hiesiger industrieller Etablissements an.

In der Mokra-Ebene, an ber türkisch-albanesi- schen Grenze, aber auf türkischem Gebiete besitzen monte­negrinische Unterthanen größere Ländereien. Zur Erntezeit kommen Montenegriner in größerer Anzahl von ihren heimatlichen Bergen hinunter. Infolge der gegen­wärtig in Albanien herrschenden Erbitterung beschloß der große Albanesenstamm Rugowo, bie Montenegriner a n - zugreifen nub zu vertreiben. Im Auftrage des Fürsten von Montenegro erhob der Gesandte Bakitsch heute im d)ildiz-Kiosk Vorstellungen, wobei er auf den Ernst der Lage hinwies, die geschaffen würde, wenn die durch Ver­träge garantierten Rechte der Montenegriner willkürlich durch bie Albanesen geändert würden. Der Sultan ließ den Gesandten Bakitsch ersuchen, die herunter gekommenen Montenegriner zu veranlassen, auf acht Tage in ihre Hei­mat zurückzukehren. In ber Zwischenzeit soll die Ange­legenheit mit den Albanesen geordnet werden. Bakitsch willigte ein, gab jedoch bie Erklärung ab, daß eventuell nach Ablauf bieser Frist die Montenegriner Bestellung und Ernte auf ihren auf türkiscbem Grenzgebiete liegenden Besitztümern unter dem Schutze ihrer eigenen Truppen vor­nehmen würden. ______

Der Internationale Kongreß zum Schutze des litterarischen und künstlerischen Eigen­tums, der gegenwärtig in Vevey tagt, genehmigte die Fassung der Bestimmungen gegen die Fälschung von Unter­schriften auf Werken der Kunst und Litteratur, welche er in bie Berner Konvention aufgenommen rviffen möchte, lieber bie Frage des künstlerischen Eigentums theatralischer Richt­ung soll eine Umfrage veranstaltet unb ber Text der Frage­bogen durch den Kongreß feftgeftellt werden. Hinsichtlich der Darbietungen durch Telephon, Phonographen unb Theatrographen äußerte ber Kongreß die Ansicht, daß der­artige Darbietungen, falls sie nicht durch eine besondere Erlaubnis geftattet, unzulässig seien. Eine lebhafte Dis­kussion entstand über die Frage ber Schaffung eines inter­nationalen Tribunals für künstlerische und litterarische Fragen. _____:_______

Ans Stadt und Land.

-rachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden emgemefie« honoriert.

PersoualNachrichteu. Der Großherzog hat den Fachlehrer an der Wein- und Obstbauschule zu Oppenheim Fridolin Rebholz auf fein Nachsucheu mit Wirkung vom 1. Oktober seines Dienstes entlassen. DaS Ehrenzeichen für Mitglieder fteiwilliger Feuerwehren wurde verliehen deu Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr zu Klein Steiuheim:

Krudcr Studio vor huudcrt nnb fünfzig Jahren.

O alte Burfchenherrlichkeit

Wohin bist du entschwunden?

In der That, der Bruder Studio jener Zeit, war ein seltsames Gespenst, vor dem man sich beinahe fürchten konnte. Einen prächtigen Dreispitz auf dem Kopfe, hohe Postillonsttefeln mit Pfundsporen, lederne Fechthandschuhe, an der Seite den großen Haudegen, klirrt derBursche von echtem Schrot und Korn" an uns vorbei über die Straße, der verkörperte Uebermut, die krasseste Unbotmäßig­keit, eine stete Herausforderung für jedermann. Mit Ver­achtung blickt er auf die Komilitonen, die" sich modisch kleiden, diePetitmaitres" oder Stutzer, die mit Tressen! unb Agraffen an den Hüten, gepuderten Perrücken, zier­licher Hemdkrause, goldbordiertem Rock und Schnallen-i schuhen, pomadisiert und parfürmiert in das Kollegium kommen. Niemand weicht er aus dem Wege, am wenigsten dem Philister und ben Knoten (Handwerksgesellen). Sein Lieblingsaufenhalt ist das Wirtshaus, sein Stolz, möglichst viel(Stoff" in möglichst kurzer Zeit vertilgen zu können und eine gute Klinge auf der Mensur zu schlagen, die Manichäer geschickt zu prellen, und die Füchse tapfer zu hudeln und zu kommandieren.

Die Professoren zu hören, hält der Bursche füreitles Wesen"; die studieren, statt luftig zu fein, undbei Bier und Wein Doktor und Professor zu werden", sind ihm Lumpenhunde". Nur die Freiheit der Universität weiß er zu schätzen und sich nutzbar zu machen, ihre Wissen­schaft ist ihm gleichgiltig, ihre Zucht ist die Zielscheibe seines Witzes.

Der Eintritt dieses originellen Weltbürgers in die Zahl der Musensöhne war ein gar seltsamer Akt.

Der Schüler, der die Universität bezog, galt den Stu­denten als eine Art Wilder, und es erschien daher not-' wendig, ihm sein barbarisches Wesen zu nehmen, ihn sym­bolisch davon zu befreien, denBacchanten" in einen recht­schaffenen Studenten zu verwandeln. Ties geschah noch in bem ersten Tritte! des achtzehnten Jahrhunderts fast an allen deutschen Universitäten, unb es wurde diese Zeremonie

Teposition" genannt, von einem eigens dazu angestellten älteren Studenten ober Magister öffentlich unter ben Augen des Dekans der philosophischen Fakultät vorgenommen.

An einem bestimmten Tage erschienen die Neuaufzu­nehmenden vor bemDepositor" in abenteuerlichem Kleide, in einem großen Saale, wo jener ihnen zunächst einen Bart mit Schusterschwarze malte, sie dann in gewisser Ordnung aufffcellte und hierauf eine lange Rede hielt, in der er die Notwendigkeit, sie aus Barbaren zu Menschen zu machen, mehr oder minder zierlich und witzig bewies. Nach Be­endigung feiner Predigt stellte er mit den Bachanten eine Art Examen an, in dem er ihnen allerlei verfängliche Fragen vorlegte, unb wobei er denjenigen, die nicht nach feinem Geschmack antworteten, mit einer mit Sand ge­füllten Wurst oft aufs Unbarmherzigste den Rücken be­arbeitete.

War dies überstanden, so mußten sich die Novizen auf den Boden legen, so daß ihre Köpfe einen Kreis, und die Körper einen Stern bildeten, worauf ihnen der Tepositor mit einer hölzernen Axt alle Auswüchse an Seele und Gemüt abhieb, ihnen mit einem Hobel die nötige Glätte und Politur des Gebildeten gab unb ihnen, nachdem er sie aufstehen geheißen, Homer aufsetzte, die er ihnen bann ab» schlug, zum Zeichen,daß sie nicht dem stößigen Hornvieh gleich sein möchten". Darnach wurden jedem einzelnen die Haare beschnitten und mit Sägemehl gepudert,auf daß er sich künftig säuberlich hielte", und die Ohren mit einem ellenlangen Löffel gereinigt,weil die Ohren die Trichter sind, dadurch die Wissenschaften und die Künste einge­gossen werden". Weiter wurde den Kandidaten der Stu­dentenschaft ein Eberzahn in den Mund gesteckt und bann mit einer Zange herausgezogen, damit er nicht bissig sein und niemands guten Leumunb mit schwarzen, verleumberi- schen Zähnen beugen sollte". Hierauf säuberte der Depositor mit einer Feile die Hände und Nägel des Bachanten, seifte ihm den angemalten Bart mit einem Ziegelsteine ein und schor ihm denselben mit einem Rasiermesser aus Holz. Endlich legte er ihnen Karten ober Würfel vor, um zu sehen, ob sie zu so üblen Dingen Neigung hätten, und ein Buch mit musikalischen Noten, bamit sie wüßten, wie sie sich, vom Studieren müde geworden, die beste Erholung

verschaffen konnten. Nun entfernten sich die neuen Stu­denten, um in ihrer gewöhnlichen Kleidung wiederzu­kommen, eine lateinische Rede des Herrn Dekan zu hören, unb schließlich Salz und Wein zu erhalten,damit sie künftig ihre Reden und Thaten mit guter Lehre und Weis­heit würzen sollten", worauf die wunderliche Zeremonie damit ein Ende nahm, daß sie dem Depositor ein Geld­geschenk machten.

Tie guten Lehren, die sich hier in die grobe Mißhand­lung der neuaufgenommenen Musenföhne mischten, wurden von vielen derart in den Wind geschlagen, daß die Tepo- fition viel mehr wie eine Einführung in die Barbarei, als wie eine Befreiung von derselben erscheint.

Im Laufe der Zeit bildeten sich Landsmannschaften, die erst zwanglos zusammenkamen, dann unter gewissen Obern und bestimmten Gesetzen, sowie mit bunten Abzeichen,, als regelmäßige Vereine bestanden, deren Mitglieder sich bei Händeln unterstützten und sich zu beftimmten Stunden auf der Kneipe der Landsmannschaft trafen. Ferner waren nach bem Muster ber Freimaurerei, bie um bie Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auch in Deutschland eine große Rolle spielte uno Männer wie Lessing zu Freunden, und Friedrich ben Großen zum Mitgliede zählte, geheime Stu- bcntenorben entstanden, deren es in der Mitte der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine ziemliche Anzahl gab, und von heuen die über mehrere Universitäten verbreiteten Amiciften" der angesehenste war.

Die Orden wurden meist gegen die ein» gerissene Verderbnis gestiftet, wirkten aber nur kurze Zeit in diesem Sinne, um bald auf das Niveau der übrigen akademischen Welt herunterzusinken. Es entstand in diesen Schulen des Zechens und Fechtens allmählich ein förmliches Gesetzbuch, nach dem man trank, und seine studentische Ehre mit dem Degen aufrecht erhielt.

DieserComment" war in der Hauptsache überall der­selbe. Jeder Student, der an ben öffentlichen Angelegen­heiten der Studentenschaft Anteil nehmen wollte, mußte in eine Landsmannschaft eintreten. &jat er dies nicht, so hieß erRenonce". Ter Student im ersten Semester warkrasser Fuchs", der im zweitenBrander". Wer