Haben doch gesetzlich daS Necht. Tagegelder au liquidiren. Wunderlich ist es nur, datz sie das, was sie für sich in Anspruch nehmen, uns bertoeigem. (Sehr gut! links.) Also, ich wiederhole: Wenn die Herren abgereist sind, vermurhlich nachdem sie die Tagegelder eingezogen haben, werden sie in ihren Einzellandkagen ihre Siel- lung zu verantworten suchen. Einige Mitglieder des Bundesraths habe ich hier freilich vermißt. Wo waren die Vertreter der Hanse- städte? Wo war der Vertreter von Coburg-Gotha? Und der Minister Würtembergs, der sich auch für die Vorlage erklärt har, hätte, wenn er die Konsequenz aus seinen Worten gezogen hätte, eigentlich den Entwurf ablehnen müssen. (Sehr wahr! links.)
Es ist in der Debatte von den Wohlthaten gesprochen, die den Arbeitern erwiesen werden. Wir wollen aber keine Wohlthaten. oder Bettelsuppen, sondern wir wollen, datz die herrschende Klasse sich endlich des Verbrechens bewutzt wird, das sie gegen die Arbeirer, die sie aushungert, begeht. Der Schahsekretär hat behauptet, der Entwurf sei allen Interessenten, auch den Handelskammern, vorgelegt worden; un Jahre 1898 ist aber vom Reichsschabamt ein Erlatz ausgegangen, in dem aufgcforoert wird, von einer Mittheilung des Entwurfs an die Handelskammern abzusehen, damit den Verhandlungen des wirthschaftlichcn Ausschusses nicht vorgegriffen werde. Rußland hat uns keinen Zweifel darüber gelassen, daß es nut dem 5 Mark-Zoll keinen Handelsvertrag abschließen wird. Das hat wieder die letzte Kundgebung des russischen Finanzministers bewiesen. Unsere Ausfuhr mit Rußland hat sich aber zur Zeit des jetzigen Vertrags ganz enorm gehoben. Wie können Sie es eine arbeiterfreundliche Politik nennen, wenn diese Ausfuhr eingeschränkt wird? Der Reichskanzler nannte es würdelos, auf die Stimmen des Auslandes zu achten. Nun. das mutz ein schlechter General fein, der nicht die Stellung des Feindes beobachtet! Früher hat die offiziöse Presse nach den Reden des Reichskanzlers alle Aeutze- rungen der ausländischen Presse genau verzeichnet, als sie dem Reichskanzler noch freundlich waren. Wie „würdelos" hat damals der Reichskanzler gehandelt. Wenn dem Reichskanzler die Beachtung der Stimmen des Auslandes würdelos erscheint, dann hätte doch ein Wink von ihm genügt, um dem Zustand ein Ende zu machen, daß die Urtheile der Presse über den Reichskanzler tote Die Kritik einer gefallsüchtigen Primadonna gesammelt werden.
Die jetzige Vorlage bedeutet die Besteuerung des Hungers. (Gelächter rechts.) Sie lachen darüber, ganz im Arnimschen Sinne. (Unruhe rechts.) Die 3% Millionen Unterschriften, die unsere Petition gefunden hat, sind der Ausdruck der Empörung des Volkes. Der Reichskanzler wäre verpflichtet, über diese Vorlage nicht die Meinung des Reichstags, sondern des Volkes zu hören. Wir werden Alles daran setzen, um diese Vorlage zu Falle zu bringen. Nieder mit dem Brodwucher! Nieder mit dem Hungertarif! ^(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Abg. Heim (Ctt.)': Auch das Längste hat also ein Ende! (Heiterkeit.) Meine Stellungnahme ist bei dieser Vorlage sehr schwierig. Wir haben heute zuerst einen Vertreter des Großgrundbesitzes gehört, der „Brodwucher" treibt, und Herrn Paul Singer als Vertreter derjenigen, die der Wuchertarif aushungert. (Heiterkeit.) Auf welche Seite soll ich mich da schlagen? In Schmollers Jahrbüchern hat im Jahrgang 1898 Dr. Ballod nachgewiesen, daß die Landwirthschast ebenso viel Werthe erzeugt, wie die Industrie. Deshalb ist es unverständlich, weshalb von freihändlerischer Seite die Landwirthschast stets als quantite negligeable behandelt Wird. Es ist von sozialdemokratischer Seite behauptet worden, ich würde meinen Patriotismus kündigen, wenn ich den 7 Mark-Zoll nicht bekomme. Wenn mir die Herren nachweisen, daß ich jemals für den 7 Mark-Zoll eingetreten bin, so will ich 5 Mark in die sozialdemokratische Parteikasse zahlen. (Heiterkeit. Zuruf bei den Sozialdemokraten: Viel zu wenig!) Das ist noch zu viel. Sie schätzen sich nur zu hoch ein. (Heiterkeit.) Ich bin nicht der „Hetzer", als der mich Herr Bebel verschrien hat. Ich bin überhaupt kein Agrarier in dem Sinne, daß ich nichts Anderes kenne als die Landwirthschast. Aber wir müssen allerdings eine bessere Berücksichtigung der Landwirthschast verlangen, damit diese existenzfähig bleibt. Im bairischen Landtag ist mit Ausnahme der Sozialdemokraten von allen Parteien bis hin zum Freisinn, das allerdings jetzt von Herrn Richter dimittirt worden ist, die gleiche Behandlung aller Getreidearten verlangt worden. (Zuruf links: Haber') Haber ist ganz gut bemerkt. Kommen Sie mal zu uns. dann werden wir ein nettes Haberfeldtreiben gegen Sie veranstalten. (Heiterkeit.) Meine bairischen Freunde verlangen den 6 Mk.-Zoll sowie Minimalzölle für alle Getreidearten und auch für Vieh. In der Frage der Handelsverträge nehme ich eine andere Stellung ein als Graf Kanitz. Was ist für die Industrie wichtiger, als stetige Verhältnisse? Diese Stetigkeit der Verhältnisse kann nur durch langfristige Handelsverträge erreicht werden. Aber umso mehr muß dafür gesorgt werden, datz bei diesen langfristigen Verträgen der Landwirthschast keine unerträglichen Bedingungen ausgezwungen werden. Bei keiner Getreideart findet sich ein so enormes Anwachsen des Imports wie bei der Gerste und beim Hafer. Jetzt ist cs in Baiern so, daß die schönste Gerste unverkäuflich ist. Da mag unsere Finanzexcell^nz sagen, was sie Will; das steht in keinem
links; Lärm. Präsident Graf B a I l e st r e m bittet, den Redner . nicht zu unterbrechen.) Diese Konstatirung ist Ihnen unbequem;
□ in \1 . 03____.1 d n üio Fioi
Sie
den
nicht
Bauernstand vernichtet.
Und wenn stimmen Sie
sind, die
lungen der katholischen überall. Es giebt aber u~.v------- . .
Getreidezölle sind. (Ruf bei den Sozialdemokraten: Die sind auch darnach!) Sagen Sie das nicht, andere Leute sind auch darnach. (Heiterkeit.) Sie sagen immer, den Vortheil von den Zöllen haben nur die Krautjunker, und weil es 20 000 Krautjunker giebt, denen Sie die Köpfe einschlagen wollen, schlagen Sie auch den 2 Millionen Bauern die Köpfe ab. (Heiterkeit.) Das ist die Konsequenz Ihrer Logik. Hier im Hause giebt es hartgesottene und weichgesottene Gegner der Vorlage. Um Bebel sitzen die Hartgesottenen; die sind wenigstens klar, man weiß, was sie wollen. Herr Singer gehört auch noch- zu den hartgesottenen Gegnern, aber bei Herrn Richter kann man schon im Zweifel fein. (Heiterkeit.) Im bairischen Landtage haben sich die Freisinnigen für höhere Getreidezölle er- Härt. (Ruf bei den Freisinnigen: „Das sind nur die Steil") Nur die Drei! (Heiterkeit.) Nein, alle waren dafür. (Widerspruch links.) Erlauben Sie mir, das habe ich selbst erlebt, ich habe die Herren absichtlich herausgekitzelt. (Heiterkeit.) Und die Stadt, die von den Freisinnigen unumschränkt beherrscht wird, Nürnberg, hat den höchsten Oetroy auf Getreide, 54 Pfennige auf den Doppeleentner. (Hört! Hört! rechts.) Zu den Weichgesottenen gehören auch die Herren von der deutschen Volkspartei, deren stärkster Mann, Herr Stockmeier, ausdrücklich erklärt hat, daß die Landwirthschast ihre Produktionskosten nicht mehr decken kann. Nun komme ich zu den Hartgesottenen! (Heiterkeit.) Herr Singer hat meinen Freund Speck falsch verstanden; dieser hat sich nur gegen eine ungesunde Entwickelung der Jndusttie ä tont prix ausgesprochen. (Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Der bairische Landtagsabgeordnete Frhr. von Haller hat sich nicht so offen gegen den Octroi auf Getreide ausgesprochen, wie heute Herr Singer. Der Kollege Singer hat sich ungeheuer über den Zwischenruf des
Buch, in feiner Statistik, c5 hat auch noch Niemand eine Doktor- arbett darüber geschrieben: aber wahr ist es doch! Das kleinere und mittlere Braugewerbe ist in Den letzten 10 Jahren fologal zurückgegangen m Folge der unlauteren Konkurrenz der großen Brauereien, Die große Mengen Der billigen fremden Gerste importiren. Ich hoffe. Daß wir bei Der Frage Der Gerslenverzollung. wo es sich ja nicht um Brod handelt, Die Unterstützung Der Herren von Der äußersten Limen finden werDen, Die ja zum großen Theil Alkobolgegner sind. «Heiterkeit.) Man behauptet, datz Der Großgrundbesitz allein Den Vortheil Des GetreiSezolls habe unD datz er Durch Die-,en Zoll kolossal bereichert worden sei. Nun, ich beneide keinen Großgrundbesitzer der letzten zehn Jahre. In Barern geh! Der Großgrundbesitz zurück. Und Dieser Großgrundbesitz ist vielfach vom Getreidebau abgegangen und hat sich Der Waldwirrhschaft zugewandt. Woher kommen aber Die 47 Mill. Gentner bairisches Getreide her? Wie können Sie behaupten. Daß Der bairische Bauer keinen Nutzen von Den Zöllen haben würde? (Abg. Bebel ruft: Auf wessen Kosten, Das ist Die Frage.) Tas ist noch nicht betoiefen, daß Die Kosten Die Brodester zu tragen haben werden. Wo ist Denn in Baiern Der Großgrundbesitz? In Baiern hat Der Bauer von Den Zöllen Den Nutzen. (Bebel ruft: Der Großbauer!) Wo ist Denn in Baiern der Großbauer? Ein Bauer mtt 5 Hektar bringt in Baiern seine 70 bis 80 Gentner Getreide auf Den Markt. (Widerspruch
Das ist die Praxis und nicht Ihre graue Theorie. .(Rufe bet den Sozialdemokraten: Cirkus Busch!) Sagen Sie nicht „GtrfuS Busch". Da giebt es auch Elefanten und Ochsen. (Große Heiterkeit.) Bei uns in Baiern haben Die kleinen Bauern ganz beträchtliche Einnahmen von Den Großbauern, ohne daß deshalb ein gesellschaftlicher Gegensatz zwischen ihnen besteht. Die Bauern müssen Dem Boden das Brod abringen mit einem Opfermuth und einer Entsagung sondergleichen. (Rufe bei Den Sozialdemokraten: Sehr wahr!) „Sehr wahr", rufen Sie, und doch wollen Sie diese Bauern von der Scholle oertreiben. (Lebhafter Widerspruch bei Den SozialDemokraten.) Wie steht es nun mit Der BroDvertheue- rung? Hitze unD EDinunD Klapper haben nachgewiesen, Daß Brod- preis und Getteidepreis nicht parallel laufen. Während des 5 Mk.- Zolls sind Die BroDpreise nicht gestiegen, aber nach Abschaffung Des 5 Mk.-Zolles ist Der GetreiDeirnport zurückgegangen, Der Brod- preis stieg und Doch bekam der Bauer für sein Getreide weniger. Ich habe früher gesagt, daß die Agrarfrage nicht durch Handels- berträge gelöst werden kann. Da werden Sie mich auf einem ganz vernünftigen Standpunkte sinden. (Stürmische Heiterkeit links.) Lachen Sie nicht zu früh, ich habe noch nicht ausgeredet, ich nehme Rücksicht auf die Schwäche Der Anderen und denke mich in ihren Standpunkt hinein. (Heiterkeit.) Die Landwirthschast bedarf der Schienenwege und Darf vor Allem nicht auf die Betätigung des genossenschaftlichen Gedankens verzichten. Die Entwickelung der Industrie wollen auch wir; der kluge Bauer wird stets einer Politik zustimmen, Die die Jndusttie fördert, denn er weiß sehr wohl, daß er auch Käufer für feine Produkte haben muß.
— • ' —' Dann
(nach links) klug einer Politik zu,
Abg. Singer weist auf Protestversamm- Arbeiter hin. aber Ausnahmen giebt es zahllose Industriearbeiter, Die für höhere
Grälen Arnkm aufgeregt, aber wenn er selbst sagt, daß die Mrgro. nare in China in Gortes Namen geplündert und geraubt haben, fo beriefet er unsere christlichen Gefühle ebenso, wie Graf Arnun fein Gefühl verletz:. Noch weit mehr, als hier hn Hause, wird tn per Agitation draußen übertrieben, roo man Dom bethleheminfchenKrns Dcrmorö spricht unD Gedichte veröffentlicht, in Denen Die febreas lichen Folgen Der Kornzölle besungen werden. Ware das richtig, so hätten Sie einen großen Fehler begangen, durch Ihre Zustimmung zum russischen HanDelsvertrag.
'Nun noch em Won über Die Petition, Die 3 Millionen Unterschriften trägt. (Abg. Singer: 3N- Millionen.) Entschul- Diaen Sie. Herr Singer, Daß ich Das vergessen habe, ich verstehe mtt Millionen nicht so umzugehen. (Heiterten. Ruf bet den SozialDemokraten: „Schwach!") Rufen Sie mir nicht zu: Schwach! Sonst müßte ich sagen: Frau Nachbarin. Euer Fläschchen! (Heiterkeit.) Aui Ihre Massenpettnonen ist nicht zu viel zu geben. Sie haben ja nicht Die Parole ausgegeben. Daß UnmünDige nicht unter* schreiben Dürfen. Sie übertreiben jedenfalls Die Wertschätzung Dieter Petition, rote Sie ja so oft übertreiben, hat Doch eines Ihrer Mitglieder hier einmal im Hause Den Schaumwein als Volksgettänk bezeichnet. (Heiterkeit.) Es mag ja sein. Daß einzelne Bauern Champagner trinken, aber sie trinken ihn meist nickst mehr sehr lange. (Heiterkeit.) Zu ihrem Ziel werden Sie tn Jbrer Gegnerschaft gegen Die Zollpolitik nur über Bauernleichen gelangen. Wenn Herr Bebel hinsichtlich Der geschäftlichen Behandlung Der Vorlage I seine Drohungen wahr macht, Dann werden wir zu Dem Parlamen- I tarisrnus gelangen, wie er in Oesterreich geübt wird, roo Die Muskelkraft entscheidet; Dann werden nur uns nicht mehr an Den Reichskanzler mit unseren Anfragen wenden Dürfen, sondern an Paul I. (Große Heiterkeit.) . .
Wenn Der Zolltarifentwurf Gesetz wird, bann wird eine Dec wichtigsten sozialen Forderungen erfüllt werden können, die Einführung Der Wittwen- und Waisenversorgung. Nun. ich hoffe, Daß Der Brei nicht so heiß gegeßen werden wird, wie er zur Zeit servirt wird. (Rufe von Den Sozialdemokraten: Na. also! Dann stnd wir ja einig.) Ich meine Ihren Brei! (Große Heiterkeit.)! Sie werden noch in Ihrer Partei gerade in den Zollfragen eine Kontresttörnung erleben (Lachen bei den Sozialdemokraten); jedenfalls wissen wir, ich sage es noch einmal, daß Sie außer über Die Leichen Der Bauern nicht zu Ihrem Ziele gelangen können, und wir werden dafür sorgen. Daß Sie nicht dazu gelangen. (Lebhaft«: Beifall unD Händeklatschen rechts und im Gentrum.)
Präsident Graf Ballcsttcm: Las Händeklatschen ist im Deutschen Reichstage nicht Sitte.
Um 6% Uhr nimmt Das Wort Preußischer LanDwirthschasts- minifter v. PodbielSki: So fest ich davon überzeugt bin, daß eine ganze Reihe Der Ausführungen Des Dbg. Singer zweifellos nicht Die Zustimmung der Mehrheit Des Hauses findet, so sehe ich mich trotz Der vorgerückten Stunde doch veranlaßt, seinen Ausführungen entgegenzutteten. Ich habe es oft bemerkt. Daß Leute, Die sich im Unrecht befinden, grob werden und nach Schlagworten suchen. Here Singer sprach von Brodwucher, Zollwucher und Besteuerung des Hungers. Ziehen Sie aus diesen drei Worten eine Sentenz; ich tonn es nicht. Herr Singer spricht von der Belastung des Volkes, obwohl er weiß. Daß die Sätze durch Die Handelsverträge herabgemindert werden. Herr Singer scheint bei seiner Berechnung den ganzen Grundbesitz angeführt zu haben, obwohl Der größte Theil De§fen>en Wald ist, und auf Dem anderen Theil sitzen Pächter. Wenn also ein Vortheil eintritt, so haben ihn Die Pächter und nicht Die Besitzer. (Lachen bei Den Sozialdemokraten.) Die Sozialdemokraten sagen, daß Die hohen Zollsätze Den Abschluß von Handelsverträgen erschweren. Aber Diese Behauptung wird nur aufgestellt aus agitatorischen Gründen. Sie haben ja mit Ihrer Agitation leider bei den Industriearbeitern Erfolg, aber vor Den Landarbeitern machen Sie Halt. Daher Ihr Hatz! Sie wollen Unzufriedenheit schüren und unser Ansehen im Lande untergraben. (Ruf bei Den Sozialdemokraten: Das thun Sie selbst!) Es liegt hier ein großer Prinzipienstteit vor, auf den ich bei der vorgerückten Zett nicht eingehen kann. Die deutsche Landwirthschast will nichts Unbilliges, sie will nur, daß Handel und Wandel überall gedeihe. (Beifall rechts und im Gentrum.),
Hierauf vertagt sich das Haus.
Persönlich bemerk
Abg. Graf v. Arnim (Rp.): Der Dbg. Singer hat gesagt, daß ich nur Hohn und Spott gegenüber Dem Vorgang gehabt habe, Den Herr Kollege Bebel neulich vorgetragen hat. Ich möchte doch bitten. . .
Präsident Graf Ballcstrem: Herr Dbg. Gras Arnim, das hat Herr Singer, wie et selbst betont, nur mit Bezug auf Personen außerhalb des Hauses gesagt. (Weiterleit.) Wenn er ein Mitglied Des Hauses verletzt hätte, so toürDe ich Dagegen cingeschritten sein. (Heiterkeit. — Abg. Graf Arnim verläßt Die Rednertribüne.)
Nächste Sitzung: D o n n e r st ag, 11 Uhr. Fortsetzung Der ersten Berathung Der 3olltarifpoclage.)j
Schluß Uhr. ,.(U_
Aus Msma'.cks Ariesivichsel.
Schluß.
Noch über zahlreiche andere wichtige Fragen persönlicher und fachlicher Natur geben die 353 Briefe dieser Sammlung ' zum Teil fehr überraschende, durchweg aber interessante Ausschlüsse — so über die (durch den Grasen Henckel von Donnersmarck vermittelten indirekten) Beziehungen Bismarcks zu Gambetta, wodurch die früheren Blätter- meldungen ihre Bestätigung finden, so über die Dorge- ichichte des deutsch-österreichischen Bündnisses und das persönliche Wirken des Fürsten Bismarck und des Grasen Andrassy zur Erreichung dieses Zieles, so auch namentlich über das Verhältnis des Fürsten Bismarck zu den deutschen Bundesstaaten, namentlich zu Sachsen und Bayern. Die erste lebhafte Anerkennung für „feine bewährte und loyale Haltung" empfangt er am 15. Dezember 1867 vom damaligen Kronprinzen Albert von Sachsen, dem heutigen Könige, der wegen eines überaus preußenfeindlichen Artikels in einer Publikation der sachsr- schen Kriegervereine, deren Protektor er war, rm Norddeutschen Reichstage angegriffen und von Bismarck verteidigt worden war. In seiner Antwort bezeichnet es Bismarck „als die nächste Aufgabe der Bundespolitik, dahin zu streben, daß alle Bundesgenossen Preußens, namentlich aber der (damals) hervorragendste unter denselben, das Könrg- reich Sachsen, es nicht bloß als eine Vectragspflicht, sondern als ein wertvolles Recht ansehen, dem Bunde anzro- gehören. Diese Bedeutung kann der Bund für seine Genossen nur dann haben, wenn den Souveränen die lieber» zeugung bleibt, daß sie durch die Zentralisierung eines Teils ihrer Rechte in der Hand eines unter ihnen eine nach menschlichen Begriffen sichere Bürgschaft für die Gesamtheit ihrer sonstigen Rechte erworben haben, und daß letztere gegen den Druck innerer Bewegung ebenso gewiß geschützt ist wie gegen äußere Gefahren. In diesem Sinne der Gegenseitigkeit und Solidarität unter den hohen Genossen des Bundes sehe ich es für eine Pflicht des Bundeskanzlers an, das Ansehen und die Rechte der fürstlichen Häuser innerhalb des Bundes mit ebenso gewissenhaftem -Eifer zu wahren wie das des eigenen Landesherrn." Diese Politik hat Fürst Bismarck bekanntlich bis zuletzt streng durchgesührt, und verschiedene schöne Briefe der Könige
von Bayern und Sachsen beweisen, wie sehr diese Bundespolitik an den maßgebenden Stellen Anerkennung und Dank ^erntet hat. Derselbe Gedanke wird in einem Schreiben des Grafen Herbert Bismarck an den bayerischen Grafen Holnstein vom'22. Februar 1878 folgendermaßen ausgedruckt: Mein Vater halt unentwegt an dem Gedanken fest: daß nur in dem föderativen Bande des Reich-svertrages die sichere Grundlage der Einheit gegeben ist, weil nur auf diesem Boden die dynastischen und Stammesinteressen ihre V^- mittelung mit der Einheit nach außen finden, ohne welche wir einheitlichen Völkern nicht gewachsen sind." Sehr entgegenkommend verhält er sich auch Anregungen gegenüber, )ie von den württembergischen und bayerischen Ministern v. Mittnacht und v. Pfretzschner während der bekannten Krieginficht-Periode im Jahre 1875 ausgehen, um den auswärtigen Ausschuß des Bundesrats zu beleben, und dadurch den Mittelstaaten Teilnahme an der äußeren Politik zu sichern. Mtitnacht betont dabei ausdrücklich das Vertrauen, das Deutschland in die Politik des Kaisers und des Kanzlers setze, und Bismarck erwidert verbindlich der Auswärtige Ausschuß fei eine im hohen Grade nützliche Institution. Er werde sich gern des Rates befreundeter Staatsmänner bedienen, wolle sich auch den leitenden Ministern der im Ausschüsse vertretenen Staaten gegenüber offen über die Reichspolitik aussprechen. Bekanntlich ist dieser Ausschuß auch im Sommer vorigen Jahres anläßlich der Chinawirren wieder in Thätigkeit getreten.
Bekannt ist zwar schon lange aus den Veröffentlichungen Poschingers über Bismarcks Franks u r ter Bundestagszeit, daß dieser dort bereits zu der Ueber- zeugung von der Notwendigkeit einer reinlichen Scheidung zwischen Preußen und Oesterreich gelangt war. Wie sehr dies aber der Fall war und mit welchem Programm er Frankfurt a. M. verlassen hatte, mit einem Programm, das er dann später als Minister verwirklichte, ergiebt sich aus einem langen Petersburger Schreiben vom 12. Mai 18d9 an Minister v. Schleinitz. Bismarck bemerkt darin: „Aus den acht Jahren meiner Frankfurter Amtsführung habe ich als Ergebnis meiner Erfahrungen die lleberzeugung mitgenommen, daß die dermaligen Bundeseinrichtungen für Preußen im Frieden eine drückende, in kritischen Zeiten eine lebensgefährliche Fessel bilden, ohne uns Dafür dieselben Aequi- valente zu gewähren, welche Oesterreich, bei ei'" 'm un
gleich größeren Maße eigener Bewegung, aus ihnen zieht. Ich sehe in unserem Bundesverhältnis em Gebrechen Preußens, welches wir früher oder später ferro et ignt werden heilen müssen, wenn wir nicht bei Zeiten m. günstiger Jahreszeit eine Kur dagegen vornehmen. . Das Wort „Deutsch' für „Preußisch" möchte ich gern erst dann auf unsere Fahne geschrieben sehen, n>enn wir enger und zweckmäßiger mit unseren übrigen Landsleuten bei« Kunden wären, als bisher; es verliert von seinem Zauber, wenn man es schon jetzt, in Anwendung auf feinen bundeL- täglichen Nexus, abnützt."
Zum Schluß noch einige interessante Einzelheiten. Am 7. Juni ichreibt der damalige preußische Gesandte in Petersburg, Prinz von Reuß, an Bismarck: „Fürst Gortschakow trägt mir auf, Ihnen seine Teilnahme an Ihrem erneutem Unwohlsein auszusprechen. Er läßt Ihnen sagen. Sie möchten sich nicht zu viel über die Kammern ärgern; er behauptet, es sei ein viel besserer Stand für einen Minister, wenn er auf Die gegen ihn und seine Politik gerichteten Angriffe öffentlich antworten könnte, als wenn er, tote ihm dies fortwährend passierte, sich im Dunkeln angegriffen fühlte, ohne sich wirksam verteidigen zu können." Ein russischer Minister, der seinen preußischen Kollegen wegen parlamentarischer Angriffe und deren öffentlicher Zurückweisung beneidet, ist doch gewiß eine sehr interessante Erscheinung!
Der Konitzer Word vor Hcricht in Berlin.
Nachdem wir bereits das Urteil imProzeßSonnen- feld gebracht haben, teilen wir nachstehend noch kurz einiges aus den Verhandlungen mit Der Staatsanwalt befragt den Angeklagten, woher er denn die Vermutung hatte, daß die Geschworenen durch irgend welche Wühlereien schon zu Ungunsten des Levy beeinflußt sein konnten? Der Angeklagte erwidert: Es sei bekannt, daß die Wühlereien, in Könitz die Gemüter in höchstem Grade verwirrt haben. Tie Behauptung, daß eine Religionsgesellschaft von Re- ligions wegen Kinder hinmorde und abschlachte, müsse doch eine allgemeine Entrüstung Hervorrufen. Das sn eine allgemeine Erfahrungsthatsache. Ebenso stehe fest, daß Erster Staatsanwalt Schweigger bei der Ausstellung Der Geschworenenliste jeden Juden abgelehnt habe. — Es werden zunächst einige Teilnehmer der Versammlung ver-


