Nr. 293
Donnerstag, 12. Dezember 1901
151. Jahrg.
Ertrink täglich mit Ausnahme des Sonntag-.
Die „Siebener Zamilienblätler" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Ter »Hesßsche Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Eichener Anzeiger
Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Rotationsdruck und Verlag der Brü hl'schen Universilätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.
General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
matischen Leistungen
Der Saratoga-Vertraa ist eine der schlechtesten diplo- "schen Leistungen der letzten Jahre; diesen Vertrag sollten wir lieber heute als morgen kündigen. Amerika bereichert sich auf eine
ganz ungebührliche Weise auf unsere Kosten; seine „Konzessionen" haben einen Werth gleich Null. Die Negierung darf das nicht länger dulden. Mit einem Lande, das fortgesetzt seine Zolle so erhöht, wie Amerika, ist gar kein Verkehr möglich. Für sehr bedenklich halte ich, daß die Amerikaner jetzt daran gehen, auch unsere deutschen Handelsschiffe aufzukaufen. Es ist bekannt, daß sie in einem Jahre 1000 Aktien der Hamburg-Amerika-Packetfahrt gekauft haben. Diese Gesellschaft hat 60 Millionen Mark Aftien und 40 Millionen Obligationen. Diese 120 Millionen kann ein einziger amerikanischer Millionär an einem Tage aufkaufen. Wie lange wird es dauern, bis diese Gesellschaft in amerikanischen Händen ist? Das sind die Folgen unserer Politik gegenüber Amerika, die man mit einem Wort charakterisiren kann: Wenn dir Jemand einen Streich giebt auf die eine Backe, so reiche ihm auch die andere darl Wir können dies Toleranz-System unmöglich aufrecht erhalten. Die Abschaffung des N o h e i s e n z o l l e s , die Herr- Bebel verlangt, würde ich für äußerst bedenklich halten. Ich stimme darin dem Abg. Beumer durchaus zu. Wir können wohl an eine Erhöhung des Roheisenzolls denken, unter leinen Umständen aber an eine Herabsetzung. Ich wünsche, daß solche Zölle in den Tarif aufgenommen werden, die Amerika vielleicht veranlassen, feine Zollsätze etwas herabzusetzen. Ich glaube nicht an einen Zollkrieg mit Amerika, bin aber mit dem Abg. Calwer der Meinung, daß wir in einem solchen Zollkriege die bessere Position haben würden, weil wir die Käufer sind.
Der ö st erreicht sche Handelsvertrag wurde seiner Zeit mit geringer Mehrheit angenommen, und ich glaube, ein neuer Vertrag würde die Zustimmung Oesterreichs nicht finden. Mit dem russischen Handelsvertrag sind wir schrecklich getäuscht worden, besonders unsere Textilindustrie, der nicht die geringste Konzession gemacht und keine Bindung zugestanden wurde. Ich kann es nicht verstehen, warum von russischer Seite ein solches Gewicht auf die Getreidezölle gelegt wird. Die Herren Sozialdemokraten sagen, daß der Getreidezoll das Brod vertheuert (Sehr rich-. tig! bei den Sozialdemokraten), aber ihre Berechnung ist nicht rieh-, tig, die Wahrheit liegt in der Mitte. Das Ausland trägt auch einen Theil des Zolls. Das System der Werthzölle will ich an sich nicht vertheidigen, ich glaube aber, daß dies eine wirksame Waffe ein Mittel der Abwehr ist gegenüber den Ländern, die uns durch ihre Werthzölle belästigen. Die amerikanischeil Zollplackereien mit den Werthzöllen find wirklich unerträglich, und wir müssen der Regierung die Möglichkeit geben, Amerika mit gleicher Münze zu zahlen.
Daß die Landwirthschaft Noth leidet, ist klar, das beweist deutlich unsere Bevölkerungs- und Berufsstaftstik. Tie Linke schwärmt von einem Industriestaat, aber wir brauchen unseren heimischen Körnerbau nicht nur im Frieden, sondern vor Allem im Kriege, weil wir sonst ausgehungert werden könnten. (Ohol links.) Rom ist zu Grunde gegangen weil die Landwirthschaft zu Grunde ging durch die Einfuhr aus den Ackerbau treibenden Kolonien und durch die Auffaugung der kleinen Bauerngüter, durch die großen Latifundien. (Sehr richtig! links.) Mommsen sagt, Rom wäre nur durch Getreidezölle zu retten gewesen. Vergessen Sie nicht, daß es mit der Kraft des römischen Heeres zu Ende war, als aus den Legionen dec letzte Bauerssohn verschwand! Bewahren Sie uns vor dem Uebcrgang zum Industriestaat! Das würde den Verlust unserer wirthschaftlichen und politischen Selbständigkeit bedeuten. Erhalten Sie die ländliche Bevölkerung, erhalten Sie die Volkskrast! Die Volkskraft ist mehr Werth als Reichthum, (Lebhafter Beifall rechts.)
Abg Singer (Soz.): Die Herren von der Rechten sollten doch wissen, daß der Bauer in Rom gerade durch die Latifundienbesitzer zu Grunde gerichtet ist. Die Freunde der Vorlage beschweren sich über das Wort Brodvertheurer, aber ein viel schlimmeres Wort,
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet,
Deutscher Reichstag.
_ 110. Sitzung vom 11. Dezember,
T Uhr. Das Laus ist ziemlich gut besetzt.
Am Aundesrathstisch: Graf Posadowsky, Möller, von Podbielski u. A.
Die erste Lesung des Zolltarif-Gesetzes wird fortgesetzt.
Abg. Gras Kanitz (kons.): Noch niemals hat der Jnteressen- kampf m einem Parlament so heftig getobt, wie hier in der letzten Woche; nie ist das Schlagwort von der Vrodvertheuerung mehr gemißbraucht worden, als von den Rednern der linken Seite des Hauses. Giebt es denn nicht genug Zolltarife, in denen die Landwirthschaft mehr berücksichtigt ist, als in dem uns vorliegenden? Ich erinnere nur an Frankreich. Dort weiß man ganz genau, daß die Erhaltung der Landwirthschaft gleichbedeutend ist mit der Erhaltung der Wehrkraft des Landes. Man hat uns entgegengehalten, daß andere Berufsstände, z. V. das Handwerk, ebenfalls in Nothlage seien und daß wir mit Rücksicht auf diese Berufe die Getreidezölle nicht erhöhen dürften. Die Handwerker denken darüber anders; sie wissen genau, daß ihr Erwerb sehr eng mit dem Wohlbefinden des Landwirths zusammenhängt. Herr Bebel hat die Vorzüge des Industriestaates ins hellste Licht gerückt; er hat aber nicht erzählt, daß in London im letzten Jahre 48 Menschen verhungert sind. (Abg. Bebel ruft: Weiß ich genau! Ist in Berlin ebenso!) Ja, Herr Bebel, warum schieben Sie denn die Schuld auf die Getreidezölle, die ja in England nicht bestehen. Der Grundfehler, der so oft gemacht wird, ist der, daß man allen Werth auf die Brodpreise und nicht genügend Werth auf den Arbeitsverdienst legt. Weshalb sind 1891 zur Zeit der hohen Getreidepreise in Deutschland die deutschen Arbeiter an Der österreichischen Grenze nicht nach Oesterreich ausgewandert, obgleich dort damals das Brod billiger war, sondern umgekehrt? .Weil in Deutschland der Lohn des Arbeiters besser war. Wir wollen die allgemeine wirthschaftliche Kraft des Landes stärken durch den neuen Zolltarif, davon werden auch die Arbeiter Nutzen haben und darum find wir die besten Freunde der Arbeiter. (Widerspruch und Lachen bei den Sozialdemokraten.)
Man weist immer auf die Nothwendigkeit langfristiger Handelsverträge hin. Aber die Hauptindustrieländer, England und Amerika, haben solche Verträge nicht, sondern Meistbegünstigungen, weil sie wissen, daß sie durch langfristige Verträge die besten Waffen aus der Hand geben. Wenn die Industrie trotzdem langfristige Verträge haben will, fo wollen wir sie abSchließen. Auf jeden Fall muffen wir aber die jetzigen Verträge kündigen. Das ift jetzt eine der nothwendigsten Maßnahmen. Den Fehler von 1891, die Verträge und die Meistbegünstigungen nicht zu kündigen, dürfen wir nicht wieder machen. Eine der Hauptaufgaben der Regierung ist die RLüebung urssLrcs Verhältnisses zu Amerika. Der jetzige Vertrag ift geradezu werthlos, Äa die Amerikaner ihm eine Auslegung geben, die wir nicht acceptiren können.
das Wort Brodwucher, knüpft fick an den Antrag Kanitz und der dies Wort gebraucht hatte, war der deutsche Kaifer. Als Graf Kanitz noch vernünftige Anschauungen hatte (Heiterkeit), war er gegen alle Zölle. Es ift falsch, uns als Feinde der Landwirthschaft hinzustellen. (Lachen rechts.) Wir wollen dem kleinen Landwirtb helfen, aber nicht zu Gunsten der 25 000 Großgrundbesitzer das gesammte Volk Schwer belasten. Der Bund der Landwirtbe erklärt, daß er mit der Industrie Solidarisch ist, aber das ift die Solidarität der Räuber. (Unruhe rechts.) Graf Kanitz weiß doch, daß auch in agrarischen Provinzen Hunger und Elend zu Hause sind; weiß Graf Kanitz nichts von der HungersNoth in seiner Heimath im Jahre 1873, weiß er nichts von den Hungerrevolten in Rußland? Sie (nach rechts) sagen, Sie wollen höhere Zölle, um die Löhne der Arbeiter erhöhen zu können. Thatsächlich sind aber die Löhne in Ländern mit Freihandel wett höher als in solchen mit Schutzzöllen. Wir sind gegen die Zölle und werden sie trotz der philosophischen Ausführungen des Vorredners bekämpfen, weil wir überzeugt sind, daß dadurch das Brod des Volkes vertheuert wird.
Bevor ich auf die Vorlage selbst eingehe, muß ich noch einmal auf den Zwischenruf des Grafen Arnim während der Rede meines Freundes Bebel am letzten Donnerstag zurück- femmen. Der Abg. Graf Arnim hat versucht, einen Zwischenruf, der die gerechte Empörung auf dieser Seite hervorgerufen hat, dadurch zu mildern, daß er behauptet, er hätte den Zwischenruf in die Form einer Frage gekleidet; er hätte Bebel unterbrochen durch den Ruf: „Hat der Vater vielleicht Alles bertrunfen?" Nein, so war die Sache nicht, Graf Arnim hat dazwischen gerufen: „Der Vater hat vielleicht Alles ücrtrunlen!" Er hat das alfo als feine Ansicht hingestellt, und diefer Zwifchenruf ift charakteristisch für die Auffaffung, von der die herrschenden Klassen überhaupt erfüllt sind, charakteristisch für die Auffassung der Partei, der Graf Arnim angehört. Zu der Noth, zu dem Unglück, welches durch die bestehenden wirthfchaftlichen Verhältniffe über die breitesten Kresse der Bevölkerung hereingebrochen ist, zu der Noth und dem Elend, zu dem die arbeitende Klaffe verurtheilt ift durch die wirthschaft- liche Produktionsweise, fügen die Herren Hohn und Spott. (Große Unruhe rechts.) Jawohl, meine Herren!....
Präsident Graf Ballestrem: Von Hohn und Spott zu reden, ift nur dann zulässig, wenn kein Mitglied des Hauses gemeint ist.
Abg. Singer (fortfahrend): Ich habe nur von der Partei gesprochen. (Heiterkeit.) Auf die persönlichen Verhältnisse eines Kollegen einzugehen, duldet der Präsident ja nicht, aber dadurch, daß der Zwifchenruf von einem Manne stammt, der als Großgrundbesitzer Vorrheil von den Getteidezöllen hat, wird er nicht schöner und nicht feiner. (Sehr wahr! links.)
Der Abg. Speck hat neulich gesagt, man müsse die industrielle Entwickelung Deutschlands aufhalten. Nun, ich glaube, die katholischen Arbeiter werden Herrn Abg. Speck um ihrer Sellssterhal- hmg willen wegen dieser unvorsichtigen Aeußerung nach Haufe leuchten. Wie kommt es, daß das (Zentrum, wenn es die Anschauung des Abg. Speck theilte, sich für die Milliardenflotte begeistern kann! An der Behauptung des Abg. Speck, daß die Abgg. v. Volkmar und Segitz im bairischen Landtag die Erhebung des städtischen Octtois in München als harmlos bezeichnet haben, ist, wie ich ihm versichern kann, kein wahres 23ort; es ist auch unerfindlich. wie biefe Meldung hat aufkommen können. Unsere Kollegen in der Münchener Stadtverordnetneversammlung haben regelmäßig gegen den Octroi gestimmt. Herr von Vollmar hat mich ermächtig:, die Behauptung des Herrn Speck hier als eine Unwahrheil zurückzuweisen. Auch Herr von Hehl hat sich zum An- kläger gegen meine Partei aufgeworfen. Er sagte, wir Sozial- bemohaten seien ja selbst Schutzzöllner, ba wir für ben 3% Mark- Zoll gestimmt hätten. Wir haben nur beshalb für bie „rettenbe That", ben Hanbelsvertrag mit Rußlanb, gestimmt, weil es fich baruni handelte, ben Zoll von 5 Mark verringern zu helfen unb mehr nicht zu erreichen war. Natürlich finb wir aber für gänzliche Beseitigung aller Jnbustrie- unb Lebensmittelzölle, und wenn wir zur Macht gelangen, iverben wir für ihre Beseitigung Sorgen, natürlich wird bann aber Herr von Heyl nicht )'o billig wegkommen, wie heute mit feinen lumpigen 5 Prozent Einkommensteuern. (Sehr gut! bei den Sozdemolraten.) Wenn Sie für die Erhöhung der Zölle Sprechen, so haben Sie zwar die Majorität des Reichstages, aber nicht die des Volkes hinter sich. Die Mehrheit des Volkes Steht offenbar hinter ben Gegnern bes Zolltarifs. Lösen Sie doch den Reichstag auf, bann werden Viele von Ihnen nicht wicderkehren, und wenn wir er ft eine gerechte Eintheilung der Wahlkreise hätten, bann würben Sie auch im Leben nicht einen solchen Zolltarif durchsetzen. (Sehr richtig! links.) Herr von Rheinbaben hat mehr als Polizeiminister wie als jetziger preußischer Finanzminister gesprochen. Er hat offenbar ben Reichstag mit dem preußischen Landtag verwechselt, wo er gewohnt ist, vor einem Chor von Landräthen unb Vrodvertheuerern zu reben. (Sehr gut! bei ben Sozb.) Er hat gemeint, bie Regierung werbe sich nicht bernsteinen lassen. Nun, Herr Minsster, Sie werden nächstens Herrn Bernstein hier im Reichstag sehen unb bann erfahren, baß er mit uns vollftänbig übereinstimmt. An ber festen Solibarität ber Partei werden Ihre Anstrengungen, Zwiespalt zwischen uns zu säen, scheitern. Herr v. Rheinbaben hat es uns empfohlen, doch einmal einen Versuch mit einem Aufruhr n machen. Das ist bezeichnend für die Politik, die er verfolgt. Ein Blick auf die Petitionen hätten den Minister davon überzeugen müssen, daß auch im Rheinlands die Arbeiter entschieden gegen die Zollerhöhungen sind. Herr v. Rheinbaben hat eben mit ganz unzulänglichen Mitteln die Vorlage zu vertheidigen gesucht, und ich muß sagen, daß sich unter diesen Mitteln auch statistische Zahlen befanden. Niemals ist die Statistik ärger gemißbraucht worden, als zu Zwecken der Begründung dieses Zolltarifs. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Mit Flugblättern und Broschüren haben Sie ja auch wieder die Stimmung der Bevölkerung für sich zu erobern gefucht. In Landshut richtete der Magiftrat eine Mittheilung an die Fabrikbesitzer, laut deren er vom Landrath ersucht worden fei, Flugblätter zu Gunsten des Zolltarifs an die Arbeiter gelangen zu lassen und hierfür um die Unterstützung der Fabrikbesitzer bitte. (Hört, hört! links.) Ich möchte nur wissen, ob Sich auch hier wieder Jemand gefunden hat, der 12 000 Mk. dafür bezahlte. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Sie rühmen immer die Steigerung der Löhne; wie sind aber die Durchschnittsverhältnisse in Wirklichkeit? Auf den Kopf der Arbeiterfamilie entfallen im Durchschnitt (drei Köpfe) nur 70 Pfg. pro Tag und bei fünfköpfiger Arbeiterfamilie nur rund 40 Pfg. Wir halten den vorgeschlagenen Zolltarif für die Sank- tionirung eines Bündnisses, das Junker und Schlotbarone geschlossen haben. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Ich bin überzeugt, die Regierung würde die Forderungen der Agrarier gar nicht unterstützen, wenn sie nicht die Mehrerträge der späteren Zölle haben wollte für die Durchführung volksfchädlicher Pläne, für die Durchführung ungeheurer Erweiterungen des Heeres und der Marine. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Warum kommt denn die Regierung nicht mit einer Reichseinkommensteuer? Wenn fie das tijäte, dann würden
die Herren von Der Rechten, die National-Liberalen und das Gen« trum sich Schwer hüten, für Solche Ausgaben zu stimmen. Sie finb eben nur Solange patriotiidi, als ihr Patriotismus aus dem Geldbeutel der Massen bezahlt wird. (Unruhe.) Bei Anwendung der Minimalzölle des neuen Tarifs würde das Reich zu einer Mehr« einnafune gelangen, welche betragen wurde für Rogggen: 11,8, für Weizen: 27,6. für Gerste: 10,1, für Hafer: 8,6 Millionen. Ter Ojefammtmehrcrirag aus Dicfen Zollen würde sich alfo auf über 58 Millionen Mark belaufen, wohlgemerkt unter Zugrundelegung des Minimaltarifs; bei Anwendung des autonomen Tarifs würde fich Diefer Mehrertrag steigern bei Roggen auf rund 19, bei Weizen auf 41, bei Gerste auf 20, bei Hafer auf 12 Millionen Mark; genau berechnet, würde er insgefammt 93 980 000 Mk. ergeben. Welche Summen da erft bei den unverschämten Forderungen des Bundes Der Landwirthe herauskommmen würden, davon können Sie sich nun vielleicht Selber schon ein Bild machen. Aus Den Vieh- zöllen ist insgefammt ein Mehr von 17 Millionen zu erwarten, aus dem Eierzoll von 4 Millionen, dem Käsezoll von 1 Million, aus allen landwirths chaftlich en Produkten zusammen- genommen bei Anwendung des autonomen Tarifs ein Mehr von 136 900 000 Mark; dazu kommen dann noch die Mehrerträge aus den volkswirthSchaftlichen Produkten mit 4% Millionen und die vermehrten Jndusttiezölle, die ich natürlich nur schätzungsweise angeben kann, und Die ich, wie Sie mir zugcben tocrDen, mit 40 Millionen eher zu nicDrig als zu hoch bemefse. Der gesammte Mehrertrag an Zöllen aus dem neuen autonomen Zolltarif würde sich demgemäß auf 181 Millionen Mark belaufen, d. h. die Einnahmen des Reichs würden um mindestens 30 Prozent gesteigert werden. (Hört! Hört!) Ich glaube, es wird nun Schwer Sein für Die Herren von Den VerbünDcten Regierungen, ihre Behauptung zu toieDerfioIen, daß fie auf Mehreinnahmen für die Reichskasse keinen entscheidenden Werth legen; daß ungeheure Mehreinnahmen entstehen werden, habe ich eben nachgewiefen und ich lege jedenfalls fehr entscheidenden Werth darauf, ob biefe Mehreinnahmen aus den Taschen der Arbeiter kommen oder auS Denen der besitzenden Klassen, denen allein diese Zollgesetzgebung zu Gute kommt. Ihren Arbeitern höhere Löhne zu zahlen. daS sollen Die edlen Motive sein, von Denen Die Agrarier sich leiten lafsen?
Man spricht von Der Noth Der Landwirthschaft; nun, ich werde mir erlauben, Ihnen einige Namen aus dem Adreßbuch der „Nothleidenden" zu beriefen. Sic sehen daraus, welchen Vortheil auch deutsche Fürsten von den Getteidezöllen haben. Nach Conrad haben Die fünfzehn rcgicrcnDen Deutschen Fürsten von Den heutigen Zöllen bereits eine Einnahme von 2 328 691 Mark, und wenn die Vorlage der Negierung angenommen werden sollte, so wächst diese Einnahme auf 3 442 913 Mark. (Hört! Hört! links.) Nach meiner Empfindung ist es die größte Beleidigung, die der Bundesrath gegen Die deutschen Fürsten begeht, wenn -er sie in die Lage bringt, hier bezeichnet zu werden als diejenigen, die von der Besteuerung Des Hauptes zu ungeheure Vortheile haben. Weitere ,38 Fürsten mit 244 Besitzungen verdienen an Den jetzigen Zöllen 2 160 188 Mark, an Den Zollsätzen, wie sic die Vorlage beantragt, 3 176 000 Mark. Tas sind diejenigen, die man als nothleidend bezeichnet. 250 Großgrundbesitzer, die jetzt 13 754 000 Mark aus den Zöllen beziehen, werden nach Annahme der Vorlage 20 Millionen erhalten. Können Sie es dem Reichstage zumuthen, daß er zu Gunsten dieser Herren das Volk belastet? Ein anderer Herr besitzt 96650 Hektar, für ihn bedeuten die jetzigen Zölle kapi- talisirt eine Summe von 9% Millionen, die zukünftigen eine Summe von 15 Millionen. Und dieser Herr ist der deutsche Kasser, der bekanntlich keinen Brodwucher treibt . . .
Vicepräsident Graf zu Stolberg: Ich bitte, die Perfon Sr. Majestät nicht in dieser Weise in die Debatte zu ziehn.
Abg. Singer (fortfahrend): Uns machen die Herren hier im Hause immer Vorwürfe wegen unfercr internationalen Gesinnung, aber es giebt auch eine grüne Internationa le. Die Herren vom Bund der Landwirthe predigen ja selbst die internationale Harmonie aller Landwirthe. Auf dem Kongreß der Landwirthe in Budapest wurde Herr Dr. Noesicke sogar tn den Vorstand gewählt. Die Agrarier bedenken nicht, wie schlecht es ihre Arbeiter auf dem Lande haben, wo der Lohn gering und Die Arbeitszeit lang ist. Auch die Arbeiterwohnungen sind höchst mangelhaft; ich erinnere nur an den Ausspruch des Gutsherrn von Cadipen, daß die Arbeiterwohnungen schlechter sind als die Schweineställe. Was die Landflucht hervorruft, das ist die Thatfache, daß den Arbeitern auf dem Lande keine Existenz möglich ist. Sorgen Sie nur für die Hebung des Arbeiterstandesl Aber das wollen Sie garnicht, Sie fegen ja selbst, daß Die dümmsten Arbeiter ihnen die liebsten sind, weil sie sich mit den geringsten Löhnen begnügen. Daher die mangelhaften Volksschulen in ganz Preußen, und, was vielleicht Herrn Kollegen Büsing besonders intereSfircn durfte, auch in Mecklenburg.
Graf Kanitz bestreitet es, daß das Volk durch die Getreidezölle belastet wird. Aber daß das thatfächlich der Fall ift, er- giebr doch eine einfache Berechnung. Dem Bund der Landwitthe genügt diese Belastung noch nicht, sie wollen alles besteuern; nur Caviar und Hummer haben vor ihren Augen Gnade gefunden. (Heiterkeit links.) Die Forderungen, sowohl der Regierungsvorlage, als auch die aus dem agrarifchen Lager, bedeuten nichts weiter als die Wiedereinführung des alten Robots. Ginge es nach den Forderungen der Agrarier, so betrüge der moderne Robot 20 Arbeitstage, die geleistet werden müssen, Damit Die Herren ihre Millionen ein- heimsen können. Fragen Sie nur einen Arbeiter, ob er glaubt, daß die Löhne steigen werden, wenn sich Ihre (nach rechts) Einnahmen erhöhen. Nein, dieNoth derLandwirthschaft,von derSie (nach rechts), sprachen, ist nichts als die Noth einiger weniger Großgrundbesitzer. Und auch das Centrum, das immer so thut, als ob cs für Die Arbeiter sorgt, legt mit HanD an, um dem Volke das Brod zu ver- theuern und die Arbeitsgelegenheit zu verringern. Es ist dadurch in Die NothwenDigkeit versetzt. Die rebellischen Arbeiter, Die ihm fönst folgten, beruhigen zu müssen, aber es toirD nichts nützen, Die katholischen Arbeiter werben Dem Centrum Dadurch entfremdet werden. Tas beweisen Die von christlichen Arbeitern in ihren Versammlungen gehaltenen Reden. Lassen Sie sich doch in den Weihnachtsferien von Ihren Wählern die Wirkung der Getteidezölle auseinandersehen! Ich bin fest überzeugt. Sie werden mit anderen Anschauungen hierher zurückkehren. Ihre Politik ist keine arbeiter- freundliche, Sondern eine arbeiterfeindliche, keine volkserhaltende, sondern eine volksverwüstende. (Unruhe im Centrum.) Und zu diesem Zweck rufen Sie sogar Die Hilfe Gottes an, genau so, wie in China Die Missionare bei ihren Plünderungen Gott angerufen haben, wie man dort gefengt und gemordet hat. (Große Unruhe rechts unb im Centrum.) Wenn es einen Gott giebt, so wäre er nicht zu beneiden, da er bei allen möglichen Schandthaten angerufen toirD. Es toar ein seltenes, aber um so erhebenderes Schauspiel, daß in Der vorigen Woche Die Vertreter Der verschiedenen Bundesregierungen hier so einmütig den Zolltarif vertlicidigten. Wenn die Herren jetzt nach Hause kommen, nicht ohne Die Tagegelder ein« gezogen zu haben , (Stürmische Unterbrechungen und Pfui-Rufe rechts), — ich verstehe Sie nicht. Die Herren vom Vundesrath


