Ausgabe 
10.11.1901 Erstes Blatt
 
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drücklich Anspruch auf eine Selbständigkeit, die der Ein-' heitlichkeit der Verwaltung und dem Staatsgedanken über­haupt jedenfalls nicht förderlich ist. Wesentlich kommt dabei in Betracht, daß die Bestrebungen dieses Bevölkerungs- teils von Cisleithanien beinahe naturgemäß eine Anlehnung an Italien suchen. Wenn die führenden Männer auch mehr oder minder entschieden das in Abrede stellen, trenn auch zugegeben werden muß, daß das Treiben der Jtalia- nissimi und die Agitation derItalia irredenta" weniger geräuschvoll geworden, so ist auf jene Ableugnung wenig zu geben, und eine Agitation verliert dadurch ihre Gefähr­lichkeit nicht, daß sie einen stilleren Charakter annimmt.

Ausläufer der tschechischen Bewegung finden sich in Mähren, Ausläufer der italienischen in Istrien.

Was nun die Einwirkung aus die Hochschulen betrifft, so ist Prag, die älteste deutsche Universität, eine tschechische Universität geworden mit einem deutschen Anhängsel. Das Bestreben der Tschechen ist ferner daraus gerichtet, daß in Brünn in Mähren, wo jüngst eine technische Hochschule neu eröffnet worden ist, eine zweisprachige Universität ge­schaffen werde, wobei natürlich der tschechische Teil dazu bestimmt ist, das kommende mährische Geschlecht in tschechi­schem Sinne zu erziehen. Tie Italiener haben in Oesterreich keine eigenen Universitäten. Tie österreichische Regierung geht damit um, eine solche zu errichten, doch ist der Plan noch nicht so weit ausgearbeitet, daß man auch nur wüßte, wohin diese italienische Universität kommen soll. Triest wünscht sie für sich und hat, wie wir mitteilten, bereits erhebliche Geldmittel dazu aufgeboten. Die Anstellung von italienischen Professoren und Einführung von italienischen ParallelL)llegien au der stiftimgsgenräß deutschen Univer­sität Innsbruck in Tirol hat zu sehr erheblichen Kra­wallen geführt, über die wir verschiedentlich berichtet haben. Die deutsch-nationalen Studenten Innsbrucks haben hieran Anstoß genommen, was begreiflich ist, wenn auch nicht gebilligt werden kann, daß der Groll der deutsch-nationalen Studenten sich gegen die österreichisch-italienischen Kommi­litonen und gegen deren Professoren richtete. Die Behörde hat sich sogar veranlaßt gesehen, die Vorlesungen der drei weltlichen Fakultäten fürs nächste zu untersagen und die Universität schließen zu lassen.

Tie Schwierigkeiten für die österreichische Regierung dem Nationalitätenhader gegenüber mehren sich von Tag zu Tage. Schon seit Jahrzehnten fehlt es an einer starken Hand, die die der Staatseinheit sich abwendenden Kräfte wieder zusammenraffen könnte, und es fehlt an ihr, weil allem Anschein nach der österreichiische Staatsgedanke in der Bevölkerung selbst nicht mehr stark genug ist. Das Ver­langen nach zweisprachigen Universitäten ist hierfür nur ein Symptom.

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Innsbruck, 8. Nov- Italienische Studenten und Arbeiter veranstalteten heute mittag vor dem Gebäude der Statthalterei eine Kundgebung. Die Polizei ver­trieb die Manifestanten, die mit Stöcken zuhieben, mit der blanken Waffe. Zehn Personen wurden verhaftet-

W i e n, 8. Nov- Etwa 300 flovenische Studenten veranstalteten an der hiesigen Universität eine Kundgebung zu Gunsten der Begründung einer slo deutschen Uni­versität in Laib ach. Die Slovenen wurden von deutsch­nationalen Studenten aus der Aula gedrängt. Der Rektor verweigerte die Bewilligung des Saales zur Abhaltung der Versammlung.

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Politische Tagesschau.

Herr Chamberlain

hat im übergroßen Eifer in einer Versammlung, in der Baden-Powell ein Ehrensäbel überreicht wurde, sich hin- reißen lassen, in etwa aus der Schule zu plaudern und einen kleinen Einblick in die geheimsten Pläne und Wünsche zu gestalten, die thatsächlich die Grundlage der ganzen südafrikanischen Raubpolitik der bekannten Gruppe Cham­berlain-Rho des-Beit-Miln er repräsentieren.Ganz Südafrika in seiner ganzen Länge und Breite vomKapbiszumSambesimußunterenglische Flagge kommen", das war die Pointe der neuesten Chamberlainschen Rede, und daß in diesem so abgegrenzten Südafrika zufällig im Westen die deutsche Kolonie, Deutsch-Südwestafrika und im Osten das portu­giesische Territorium (beides gewiß recht stattliche Teile des Chamberlainschen Südafrika), gelegen sind, kommt bei den Plänen des britischen Kolonialministers entweder gar nicht oder doch nur nebensächlich in Betracht.Ganz Südafrika den Engländern", das ist der Traum der Chamberlainschen Cligue resp. der hinter ihr stehenden Finanzmacht, nach deren Pfeife Joseph Chamberlain vielleicht teils freiwillig und teils unfreiwillig tanzt.

Was sagt man in Berlin in der Wilhelmstraße zu dieser neuen Anmaßung eines englischen Ministers? Wii:d man diesen Anspruch auf deutsche Gebietsteile auch unwider­sprochen laut werden lassen?

Die künftige deutsche Einheitsmarke.

Für die Ausgabe der deutschen Einheitsmarke, wie sie mit der württernbergischen Postverwaltung vereinbart ist, hat, wie berichtet wird, die Reichspostverwaltung bereits alle Vorbereitungen getroffen. Zum Druck der Marken sind schon alle Platten hergestellt, sodaß jeden Augenblick mit der Anfertigung begonnen werden kann. Es sind etwa achthundert bis neunhundert Millionen Wertzeichen in 25 verschiedenen Sorten, als Briefmarken, Kartenbriefe, Post- anweisungsvordrucke, Rohrpostbriefumschläge und Postkarten der verschiedenen Arten, fertigzustellen, ehe mit der Aus­gabe der Wertzeichen begonnen werden kann. Die vor­handenen Bestände an den jetzigen Wertzeichen der Reichs­post sollen nach Möglichjkeit aufgebraucht werden. Die künf­tigen deutschen Einheitsmarken entsprechen im allgemeinen den Germaniamarken der Ausgabe von 1900; die neuen Marken unterscheiden sich von den jetzigen nur dadurch, daß an Stelle des WortesReichspost" die vertragsmäßigen WörterDeutsches Reich" treten. Da die zwei Worte mehr Raum beanspruchen, so gehen sie über den ganzen unteren Rand der Briefmarke weg. Die Schnörkel in den beiden unteren Ecken fallen deshalb weg. Für die Wertzeichen der deutschen Schutzgebiete ist eine neue Ausgabe nicht er­forderlich, da sie den Namen des Schutzgebiets tragen. Für die deutschen Postanstalten im Ausland, in der Türkei, in Marokko und in China, waren auch die neuen Wertzeichen mit der BezeichnungDeutsches Reich" verwendet. Das Land, in dem sich die deutschen Postanstalten befinden, ober die fremde Währung wird den Marten bekanntlich durch einen schwarzen Aufdruck beigefügt.

Ans Stadt und Land.

Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.

Gießen, 9. November 1901.

" Zn der Gemälde-Ausstellung im Turmhause am Brand wird kommende Woche schon ein teilweiser Wechsel der Ge­mälde vorgenommen. Wir wollen daher unsere Kunstfreunde nochmals auf die gegenwärtige Ausstellung Hinweisen. Ferner ei bemerkt, daß die Ausstellung im Winter um dieselbe Tageszeit wie auch im Sommer geöffnet ist, und zwar täg­lich, mit Ausnahme Samstags, von 11 bis 1 Uhr, Mitt­wochs auch noch von 3 bis 5 Uhr nachmittags, an Sonn- und Feiertagen ununterbrochen von 11 bis 3 Uhr.

** Bezirkstag des BezirksvereinsBeide Hessen und Nassau" im Deutschen Fleischerverbande. In Frankfurt a. M. tagte gestern nachmittag unter dem Vorsitz von Karl L a u tz - Darmstadt ein außerordentlicher Bezirkstag des BezirksvereinsBeide Hessen und Nassau" im Deutschen Fleischerverbande. Unter den Anwesenden befanden sich die Reichhtagsabgeordneten Kramer-Darm- tadt, Hoch- Hanau, W e l l st e i n - Koblenz und Landtags­abgeordneter "Sänger-Frankfurt,. ferner Vertreter der Handelskammern Wiesbaden, Darmstadt und Kassel. Zum Zolltarif-Entwurf referierte Karl Schnell -Kassel: Er bezeichnete den neuen Zolltarif, falls er Gesetz werden ollte, als eine schwere Schädigung des F l e i sch e r- aewerbes. Tie neuen Zollsätze für Schlachtvieh bildeten keinen Schutzzoll als solchen, sie machen vielmehr jede Ein­uhr überhaupt unmöglich. Die Schließung der Grenzen liefert das Publikum erbarmungslos den Agrariern aus, wshalb trifft der Zolltarif nicht nur das Fleischergewerbe, andern auch das konsumierende Publikum. Die deutsche Landwirtschaft ist nicht in der Lage, das durch die stetige Zunahme der Bevölkerung rapid gewachsene Nahrungs- Bedürfnis zu befriedigen. Am bedenklichsten erscheint die Art der Verzollung nach Lebendgewicht, die eine ungerechte Verteuerung der Produkte herbeiführen wird. Der Referent beantragte folgende Resolution:

Der Bezirksverein erklärt sich, um einer weiteren Fleischverteuerung vorzubeugen, entschieden dafür, daß die Reichsgrenzen für die Einführung von Schlachttiereu geöffnet und die Bestimmungen über die Einführung erleichtert werden. Er spricht sich aber gegen die Fest­setzung der Zolle für Ochsen und Schweine nach Lebend­gewicht aus, wie sie im Zolltarifentwurf vorgesehen sind, weil durch diese Art der Zollerhebung bewirkt würde, daß statt reifer und gemästeter Ware nur wenig genährtes leichteres Vieh als Jungvieh zu den niedrigen Stückzöllen eingeführt wird und bei der Verzollung nach Lebend­gewicht auch alle die Teile, wie Haut, Hörner, Talg, Eingeweide re., die an sich zollfrei find, zu niedrigen Zollsätzen einaebracht werden dürfen. Vom Auslande ein­geführtes frisches Fleisch dient als Ersatz für fehlendes Schlachtvieh und dürften daher hierfür nur mäßige Zolle in Anwendung gebracht werden. Für zubereitetes vom Ausland bezogenes Fleisch und Speisefette müssen die Zölle in solcher Höhe festgelegt werden, daß die aus­ländische Ware dem Selbstkostenpreis der inländischen im Preise gleichsteht, damit die Produktion des Inlandes geschützt, und nicht eine der wichtigsten Gewerbegruppen, der Fleischerstand, schwer geschädigt wird. Der Bezirkstag erwartet, daß vor der Beratung des Tarifs Bundestag und Reichstag die berufenen Vertreter des Fleischer­gewerbes, als die der Vorstand des 33 000 Mitglieder zählenden deutschen Fleischerverbandes bezeichnet wird, hören."

In der Diskussion drückte Karl M arx-Frankfurt sein Bedauern darüber aus, daß der Fleischerverband bei Be- ratung des Tarifentwurfs übergangen worden sei. Die Resolution gelangte darauf zur einstimmigen Annahme. Lantz-Darmstadt brachte einige Wünsche zu den Aus­führungsbestimmungen des Fleischbeschaugesetzes zum Vortrag. Zu § 9, der die Untersuchung behandelt, verlangt der Referent Möglichkeit des Rekurses gegen die Entscheidung des Fleischbeschauers, zu § 10 wird gewünscht, daß die neueste Entdeckung Koch's von der Nichtübertrag­barkeit der Tuberkelbazillen des Rindviehs den Bestimm­ungen über die Fleischbeschau zu Grunde gelegt wird. Wünschenswert ist ferner, daß ihr Ursprung im Auslande leicht erkennbar ist. Weitere Forderungen betreffen gleich­mäßige Zollbehandlung, die Vernichtung von ausländischen Konfiskaten, die Konservierungsmittel, bei denen die Ur­teilssprüche sich zuweilen diametral gegenüberstehen. Die Versammlung schloß sich den Ausführungen des Referenten an. Zur Frage der obligatorischen Schlachtvieh- Versicherung sprach Karl Schnell-Kassel. Der Re-, ferenf forderte bei Einführung der obligatorischen Schlacht­viehversicherung den Ausschluß der Notschlachtungen und genügenden Einfluß des Fleischergewerbes auf die Ver­waltung der Versicherung. Zur Zeit sei ein Bedürfnis für ihre Einführung übrigens nicht vorhanden. Marx- Frankfurt sprach sich fürAblehnung des zu erwartenden Gesetzentwurfes aus. Zum Handel nach Lebendge­wicht referierte Obermeister Pirr-Gießen, der als Gegner dieses Handels sich bekannte. Denn die Freiheit des Handels würde dadurch beschränkt und der Unreellität Thür und Thor geöffnet. Es gelangte eine Resolution zur Annahme, in der die Versammlung das Bestreben land­wirtschaftlicher Kreise bekämpft, den Handel mit Schlacht­vieh gesetzlich festlegen zu wollen, weil dadurch die Handels­freiheit eingeschränkt würde. Ebenso wird der Handel mit Schlachtvieh nach Lebendgewicht verworfen.

Butzbach, 7. Nov. In der gestrigen Gemeinderatssitzung berichtete Straßenmeister Metzger über eine Blitzableiter- Anlage an dem neuen Nealschulgebäude und gab bekannt, daß er von Friedrich Fuendling in Friedberg und Karl Stohr jr. in Gießen Kostenvoranschläge eingefordert habe. Die Arbeiten der Blitzableiter-Anlagen wurden einstimmig Friedrich Fuendling übertragen. Es soll publiziert werden, daß die Stadtkasse wieder Geldbeträge gegen Aushändigung von Schuldscheinen von Privatpersonen in Empfang nimmt. Bei Landtagsabg. I o u tz soll über den Stand der Bahn­projekte Wetzlar, Usingen und Lich angefragt werden.

Laubach. 8. Nov. Die günstigen Witterungsverhältnisse der letzten Woche waren dem Bahn bau forderlich. In der Nähe der Stadt sind etwa 50 Arbeiter in zwei Gruppen be­schäftigt, die eine auf dem linken Ufer der Steinbach, die andere amroten Berg"; dort wird ein größerer Brücken­bau, hier werden größere Sprengungen in nächster Zeit vor­genommen werden.

I Darmstadt, 8. Nov. In der gestrigen öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung wurde u. a. -über Ausführung der N o t st a n d S - A r b e i t e« intEommenben

Winter beraten. Der bezügl. ^Voranschlag der Tiefbau* Deputation sieht 63 000 Mk. hierfür vor. Ein Voranschlag, 'rüher vorgesehene Arbeiten auszuführen und einige neue ein­zustellen (Kostenaufwand 25 300 Mk.) wurde nebst diesem einstimmig genehmigt. Das städtische Gaswerk bringt nach dem Bericht des Stadtv. Wolfskehl für das Rechnungs­jahr 1900/01 einen lieber schuß von 306 441 Mk., circa 6000 Mk. mehr als im Vorjahre. Ein Teil des Rein­gewinnes von zusammen 157 000 Mk. wurde in die Stadt­kaffe abgeführt, der Rest mit ca. 177 000 Mk. wird dem Er­neuerungsfonds zugeschrieben. In nichtöffentlicher Sitzung wurde der Ankauf einer Anzahl Gebäude der Künstler- kolonie zum Zweck einer ähnlichen Veranstaltung wie die diesjährige im n ä ch st e n Sommer ab­gelehnt. Auf Antrag der Bürgermeisterei wurde an stelle des seitherigen TitelsStadtbaumeister" für den Vorsteher des Hochbauamts der AmtstitelStadtbaurat" genehmigt.

Höchst, 8. Nov. Hier hat eine Zentrumsversamm- r-Iung fiattgefunben, die sich mit den Getreidezöllen be- 'chäftigte. Der Redner des Tages, 2(bg. Dr. Müller-Fulda, ,'agtc u. a :Wenn ein Minister (gemeint ist Herr v. Podbielski) gesagt haben sott, der neue Zolltarif sei ledig­lich eineinnere Angelegenheit", so kann dies nicht in dem Sinne gemeint fein, daß der Zolltarif ohne Rücksicht auf unsere Ausfuhr-Industrie aufgestellt werden muffe, sonst wäre eine solche Aeußerung nur ein Beweis von Kurzsichtigkeit und Verständnislosigkeit." Herr M. gab ferner dem Gedanken Ausdruck, die Exportindustrie gehöresozusagen auch zu der nationalen Industrie".

Frankfurt a. M., 8. Nov. Eine Anti-Chamber- Iain-Kundgebung fand in der hiesigen Krieger- kameradschast )tatt. Der Borsitzende, Hauptmann der Land­wehr Land mann hielt an die alten Soldaten eine An- prache, die folgendermaßen lautete:

Meine Herren Kameraden! Sie alle haben wohl mehr oder weniger von einer Rede Kenntnis genommen, die der englffche Kolonialminister Chamberlain, der Haupturheber des frevelhaften Raubkrieges in Südafrika, kürzlich in Edinburg gehalten hat. Dieser Mann hatte die Unver­schämtheit, zu sagen, die Geschichte werde es dermaleinst zeigen, daß die "englische Kriegführung in Südafrika hu­maner sei als die anderer Nationen während der letzten Kriege. Chamberlain hat hierbei unter anderem aus­drücklich vom Feldzuge 1870/71 gesprochen und damit die deutsche Kriegführung moralisch unter die jetzt englischer­seits in Südafrika beliebte gestellt. Meine Herren Kame­raden, das Herz im Leibe muß sich dem umdrehen, der so etwas liest; die Zornesglut muß uns allen ins Gesicht steigen ob dieser frechen Behauptungen eines Engländers (lang anhaltendes, lebhaftes Bravo.) Es giebt keine größere Gemeinheit für eine sogenannte civittsierte Na­tion, als im Kriege Privateigentum des Gegners zu rauben, Farmen abjubrennen, Gefangene zu hängen, un­schuldige Frauen und Kinder in ungesunde Lager einzu- sperren und sie dort dem Hunger und dem Elend preis­zugeben, ja teilweise sterben zu lassen (Pfuirufe) und da wagt es ein englischer Minister, überhaupt einen Vergleich zwischen englischer und deutscher Kriegsführung zu ziehen! (Zurufe: Frechheit!) Ich selbst habe den Feld­zug gegen Frankreich mitgemacht, kann aber mit aller Ehrlichkeit bezeugen, daß mir persönlich fein Fall vor­gekommen ist, daß sich ein deutscher Soldat am Privat» eigentum des Feindes vergriffen hätte; wo es aber ge­schehen, va ist von feiten der Vorgesetzten und Kriegs» gerichte unnachfichiliche Ahndung erfolgt. Also nieder mit diesen englischen Verdrehungen und Lügen! Kame­raden, schließen wir uns einstimmig den schon an zahl­reichen anderen Orten gegen die Chamberlaiuschen Un­verschämtheiten eingelegten Protesten an! Ich bitte sich zum Zeichen der Zustimmung von Ihren Sitzen zu erheben.

Vermischtes.

* Berlin, 8. Nov. Professor Dr. Bork, der zweit­älteste Oberlehrer am fönigl. Prinz Heinrich-Gymnasium zu Schöneberg, hat sich in seiner in Wilmersdorf belegenen Wohnung infolge eines Nervenleidens erschossen. Der Verstorbene hinterläßt Frau und sechs Kinder.

* Berlin, 8. Nov. In der heutigen Nacht versuchte in Reinickendorf der Arbeiter Fabian, der in trunkenem Zu­stande nach Hause kam, seine Frau zu erstechen. Die­selbe rettete sich durch einen Sprung aus dem Fenster, wobei sie sich äußerst schwere Verletzungen zuzog. Fabian, der sich selbst mehrere Verletzungen beigebracht hatte, wurde von den Hausbewohnern festgenommen und nach dem Ge­fängnis gebracht.

* In Heidersdorf (Kreis Nimptsch) wurde ein vor­geschichtlicher Friedhof von bedeutendem Umfange entdeckt.

* Elberfeld, 7. Nov. Buchstäblich geköpft wurde in dem Nachbhrorte Wülfrath ein Flaschenbierhändler. Telephonarbeiter hatten einen dünnen, kaum sichtbaren Draht anstatt der früheren Leine bei den Arbeiten benutzt und diesen während einer Kaffeepause quer über eine Straße, jedoch nicht hoch genug gespannt. Da kam in scharfem Trabe mit seinem Fuhrwerk ein Flaschenbierhändlcr herbei; er sah den dünnen Draht nicht und kam mit dem Hals gegen den Draht, der die Gurgel glatt durchschnitt, sodaß der Kopf nur noch an einem Hautfetzen am Halse hing.

Gelsenkirchen, 8. Nov. In einer behördlichen Konferenz wurde das Statut für die im hiesigen Bezirk zu errichtende Seuchenwache vorbereitet. Nach derG. Z." soll sich das Institut über die ganze Bochumer Knappschaft crftrccfcn. Die definitive Erledigung des Statuts ist einer späteren Versammlung der Beitragleistenden vorbehalten. Für das erste Jahr sind 30 000 Mk. veranschlagt, jedoch glaubt man, daß in den folgenden Jahren die Kosten höher sein werden.

Jena, 7. Nov- Am Dienstag fand hier eine Protest­kundgebung gegen die unverschämten Auslassungen Cham­berlains über die deutsche Kriegsführung von 1870/,1 seitens der BurschenschaftArminia" statt, und zwar durch einen Umzug, in dem eine Figur des englischen Kolvnialministers mitgeführt wurde, die von Zeit zu Zett mit einer Tracht Prügel bedacht wurde. An dw irr großer Menge erschienenen Zuschauer wurdenGoldaktien aus Johannesburg verteilt mit der Unterschrift: "Deutscher Michel, das läßt Du Dir gefallen?" DasJen. Dolksbl- schreibt über diese Kundgebung:Eine burenfreundliche Demonstration veranstaltete in den heuttzen Mittcegsst»«-