nebst der Resolution in Druck zu geben und sie als Flugblatt über gauz Deutschland zu verbreiten.
Vo-n den Rednern, die sich an der Debatte beteiligten, seien genannt: Der Reichstagsabgeordnete Gräfe, der gegen Quebrachoholz und italienischen Rotspohn zu Felde zog und der, wie früher schon im Reichstage, dem Verschnitt des deutschen Rebenblutes mit schnödem ausländischen Krätzer das Lerdammungsurteil sprach Herr Kayser-Riesa, der den berechtigten Klagen der kleinen Handelsgärtner, zu denen er sich selber zählt, in gut gemeinter aber etwas unklarer Weise Ausdruck gab und schließlich den geplanten Zoll auf holländische Zwiebeln und den Burenkrreg in einen nicht ganz einwandfreien Kausalnexus brachte, Herrn Kaiser- Leipzig, der den Dan kder Handelsgärtner für die freundliche Ginladung und für das ihrem Berufe entgegengebrachte Interesse aussprach, und der den Anspruch der deutschen Gärtner auf Schutzzölle mit den weniger günstigen Produktionsbedingungen unter unserem nördlichen Klima begründete, Herr Dr. Giese, der mit grimmigem Humor für die Wahrung der nationalen Hoyeitsrecyte eintrat, besonders so weit sie auf die Einwanderung nach Deutschland Bezug haben, und Herr Hirschel-Ofsenbach, der im Namen des hessischen Bauernbundes die deutsch-soziale Reformpartei dazu beglückwünschte, daß sie energisch gegen den Brotwucherschwindel Front gemacht habe. Die Debatte schloß gegen halb acht Uhr. Die geschäftlichen Verhandlungen werden am Montag fortgesetzt. Am Abend fand ein Kommers mit Damen statt. Hierzu hatte der Leipziger Ortsausschuß ein inhaltreiches Programm aufgestellt. Herr Dr. Bennewitz begrüßte die Anwesenden. Der Festgruß, den Herr Brück- Frohburg verfaßt hatte, zeugte von dichterischem Schlvung und wußte die Zeitereignisse grell zu beleuchten. Das Hoch auf Kaiser und König brachte der Verleger Bruhn-Berlin aus .Die Konzert-Musik führte die Kapelle des Herrn Musikdirektor Gustav Curth aus. Von Letzterem am Klavier begleitet, erfreute Herr Karl Greder vom Leipziger Stadttheater mit Jensens „Alt Heidelberg", Schumanns „Die Leiden Grenadiere" und Prassels „An der Weser". Ferner enthielt das Programm Spottverse von Brück auf „Altenglische Volkslieder", allgemeine Stimmung machende Gesänge,' eine kernige Festrede auf deutsches Volk und Vaterland (Oswald Zimmermann)- eine Ansprache auf die deutsch- soziale Reformpartei (Kurt Fritzsche-Leipzig) und eine solche auf Parteiführer und Presse (TL. med. Max Hädicke-Leipzig). Dem Redefluß war volle Freiheit gestattet, und als wir m vorgerückter Stunde den Kommers verließen, war an ein Ende noch nichjt zu denken.
Politische Tagesschau.
Nach dem Tode Mac Kinleys.
E m m a G o l dm a n n und ihre Chicagoer Gesinnungsgenossen sind freigelassen; sie sttrd besser davongekommen als sehr viele andere Leute, welche das Attentat guthießen oder Mac Kinley beschimpften. Der Fälle, in denen solche Leute geprügelt oder aus Wochen oder Monate ins Gefängnis geschickt wurden, sind zu viele, als daß man sie einzeln aufzählen könnte. Ueberall in den Vereinigten Staaten ist an jo Lei) en Schandmäulern kurze Justiz geübt lvorden. Wenn amerikanischen Richtern kein bestimmter Strafparagraph zur Hand ist, muß allemal das „unordentliche Betragen" (di- sorderly oonduct), unter welchen Begriff sich alles mögliche einreihen läßt, ähnlich wie bei unseren „Groben Unfugparagraphen") als Handhabe dienen. Das haben etliche hundert Bewunderer des Mordbuben an ihrem Leibe erfahren müssen und niemand hat dagegen gesetzliche Bedenken geäußert, wenn auch in manchen Fällen Unschuldige der Volkswut oder böswilligen Angebern zum Opfer sielen. Lächerlich ist die Entrüstung über den Bundessenator Wellington .in Baltimore gewesen. Er wurde wie tausend andere hervorragende Leute von Zeitungsberichterstattern ersucht, seine Meinung über das Attentat zu sagen. Er lehnte das mit dem Bemerken ab, daß ihn Mac Kinley persönlich so schwer gekränkt habe, daß er es ihm niemals würde vergeßen können. Die Reporter denunzierten ihn daraus als einen, der sich über Mac Kinleys Ermordung freue. Sofort kam eine Entrüstungsversammlung zu stände und ein Kluß stieß Wellington äls Mitglied aus. D er Bundessenator erklärte mit Recht dieses Vorgehen für verächtliche Er verurteilt die Schandthat Czolgosz wie jeder andere anständige Bürger, doch das persönliche Verhältnis, in dem er zu Mac Kinley stand, ist seine Privatsache und wird davon nicht berührt, daß der Präsident ermordet wurde. Noch viel thörichter betrugen sich die Leute dem ehemaligen Staatssekretär Olney gegenüber. Olneys Kutscher wurde gesucht, weil er sich abfällig über Mac Kinley geäußert habe. Der Mann war verschwunden. Das „Volk" verlangte daraus, daß Olney sich ihm zeige und den Kutscher aus seinem Dienste entlasse. Olney verschmähte es, diese Wünsche auch nur anzuhören, woraus eine „Volksversammlung" sein Betragen für unwürdig erklärte. Es wird eben alles übertrieben in Amerika. Jedermann soll nicht nur, was ja selbstverständlich iftV den Mörder des Präsidenten verdammen, sondern auch Mac Kinley für den größten Mann des Jahrhunderts erklären ,während es vordem viele Millionen Amerikaner gab, die sehr gering von ihm dachten.
Englands Vordringen in Zentralasien und die neue Bahn Quetta—Nuschli.
Während man sich seit Jahren daran gewöhnt hat, nur von dem zielbewußten Vordringen der Russen in Zentralasien zu hören, kommt die Nachricht aus Simla, daß die britische Regierung mit dem Bau der längst geplanten Bahn von Quetta nach Nuschli in Beludschistan begonnen und somit den ersten Schritt gethan hat, eine moderne Handelsstraße von Indien nach dem fruchtbaren Seistan, der reichsten Gegend des östlichen Persien und des südlichen Afghanistan, zu schaffen. Schon seit langer Zeit war das gesamte Bahnmaterial für die neue, etwa 180 Km. lange Strecke in Quetta aufgestapelt, ebenso wie auch in Djamman, dem westlichsten Punkte des indischen Eisenbahnnetzes, alles Material für eine Bahn nach Kandahar bereitgehalten wird. Die Bahn, die jm allgemeinen der großen Karawanenstraße folgt, die von Quetta über Nuschli und dann weiter, einerseits über Tschagai und andererseits direkt nach dem Thal des Helmand führt, wird dann später nach Vollendung der in Angriff genommenen Strecke auf einem der beiden vorgenannten Wege nach Hasardjuft Ober nach Landi fortgeführt werden. In beiden Orten, sowie auch in Giritschek und in Rudbar beabsichtigen die Engländer, unter dem Vorwand, den Handel zu schützen, Attlitärposten zu errichten und Forts anzulegen, sich auf diese Weise das ganze äußerst fruchtbare Thal des Hel- mand sichernd. Da nun auch Rußland eifrig bestrebt ist, einen Handelsweg nach Seistan, und zwar vom Norden her, zu schaffen, so wird wohl das jetzige Vorgehen Englands
auch entsprechende Schritte russischerseits zur Folge haben, und es ist nicht unmöglich, daß zu diesem Zwecke die seinerzeit in Kuscht endigende Bahn über Herat hinaus bis in das Gebiet Seistan verlängert wird. Projektiert ist schon seit vielen Jahren eine ganz Afghanistan durchquerende Bahn, die Kandahar und Herat über Giritschek, Bakwa und Farah miteinander verbindet und auf beiden Seiten an das indobritische bezw. russische Bahnnetz angeschlossen wird. Das Haupthindernis für die Ausführung dieses großartigen Projektes bildete jedoch bisher die zwischen dem russischen Reiche und Großbritannien herrschende Eifersucht wegen des politischen und wirtschaftlichen Übergewichts in Afghanistan. Nunmehr aber dürfte auch mit der Erschließung dieses zentral- asiatischen Staates Ernst gemacht werden.
Die englische Preffe Über die letzten Mißerfolge.
Die Londoner Zeitungen, welche die Kriegslage in Südafrika und besonders die schweren britischen Verluste bei Fort Jtala und Moedwill besprechen, verfolgen fast alte den gleichen Gedankengang. Sie erinnern daran, daß es als besonders erwünscht bezeichnet sei, wenn die Buren sich konzentrierten und offenen Kampf wagten, statt sich immer beim Erscheinen der britischen Detachements in ihre Atome aufzulösen und wie Nebel zu verschwinden — jetzt aber, wo die Buren wirklich das thäten, was man von ihnen gewünscht, fügten sie den Briten schwere Verluste zu, statt daß ihnen entscheidende Schlage beigebracht würden. Diesen Erörterungen folgen dann die alten Fragen: Wie teht es mit unserem Heer in Südafrika, und was will die Regierung Ihun ? Ter „Daily Graphic" sagt: „Zur jetzigen Zeit sollte es ein Ding der Unmöglichkeit sein, daß die Buren, besonders im Rustenburger Distrikt, derartig die Offensive ergreifen, und das wurde auch unmöglich sein, wenn der Nachrichtendienst der britischen Kolonnen so be- chasfen wäre, wie er sein sollte. Seit Monaten hat man uns gesagt, daß wir schon fertig werden würden, wenn die Buren nur ihre Entschlüpfungstaktik aufgeben und uns an ie herankommen lassen wollten. Tie Buren haben uns neuerdings beim Wort genommen und die Ergebnisse sind icherlich nicht ser mutig end." — Die „Daily Mail" ragt: „Befindet sich, unser Heer in bet Defensive?" Die. Zeitung führt aus, Moedwill im westlichen Transvaal, wo Liekewich, der Verteidiger von Kimberley, 161 Mann verloren habe, liege in einem Gebiet, das so oft „gesäubert" worden sei, bis man hätte anneljmen müssen, daß.kein einziger Bur dort übrig wäre. Statt daß nach Ablauf der in der Proklamation festgesetzten Gnadenfrist kräftige Schlage eitens der Briten gefallen seien, hätten die Buren die Hiebe ausgeteilt und die britischen Truppen hätten gelitten. ES sei schwer, einzusehen, daß die Buren, die nur .8000 Mann stark sein sollten, überhaupt verfolgt worden seien. Man müsse zu dem Schlüsse gelangen, daß sie stärker feien, als man habe glauben machen wollen. Man vermöge ebenso wenig zu erkennen, ob die Affaire von Moedwill wirklich ein Sieg oder ein „bedauernswerter Vorfall", ob Fort Jtala ein Erfolg oder eine versteckte Schlappe gewesen sei. Sicher aber fei, daß die Briten in den letzten 14 Tagen viele Menschenleben, fünf Geschütze und einen Convoi verloren hatten, ohne bafür merlliche Erfolge erzielt zu haben .Das Aufeinanderfolgen olcher Vorfälle, über die in unverständlicher Weise berichtet wurde, schaffe Besorgnis. Man wisse nicht, wie die militärische Lage beschaffen fei: ob Lord KitckMer mehr Leute brauche, ob seine Leute zu energischer, offensiver Krieg- ührung im stände seien. Aber wenn die Lage ernst sei, und Verstärkungen gebraucht würden und die Armee in ihrer jetzigen Verfassung zur Offensive untüchtig sei, dann sei das Benehmen der Regierung unerklärlich. Tie Minister eien nach den verschiedensten Richtungen in Ferien gegangen und schienen sich gar nm zu beeilen, die Maßregeln zu ergreifen, die bei wirklicher Gefahr erforderlich sein würden. Das könnte beruhigend sein, wenn man nicht die Ersahrungen der letzten zwei Jahre gemacht hätte._______
Schwurgericht.
m. Gießen, 6. Oktober.
Heute Vormittag wird gegen den unbestraften 24 Jahre alten Barbier Konrad Ehr. Emil Storch von Schotten wegen Meineids und Sittlichkeits-Verbrechens verhandelt. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Zimmermann, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Grünewald. Es sind 26 Zeugen zu hören. Den Thatbestand der Anklage schildert der Vorsitzende Landgerichtsrat Müller wie folgt: Eine Dienstmagd Kaiser hatte ein unehelich Kind bekommen, für das ein Vormund bestellt wurde, der sich alsbald umsah nach dem Vater seines Mündels. Die Kaiser nannte den Knecht Fritzges und gegen diesen richtete der Vormund eine Klage auf Zahlung der Alimenten. Fritzges behauptete, die Kaiser habe auch mit andern Männern verkehrt, und nannte u. A. den Storch. Am 14. Mai wurde dieser vor dem Amtsgericht Schotten vernommen und erklärte, mit der Kaiser nie verkehrt, und ihr keinen strafbaren Rat zur Vermeidung deb Kindschaft erteilt zu haben, wie die K. behauptete. Storch wurde vereidet, und soll diesen Eid wissentlich falsch geschworen haben. Ferner wird ihm zur Last gelegt, daß er, am 18. Juni ds. Jrs. an der Frau N., nachmittags gegen 5 Uhr in den Schulrämen zu Schotten ein Sittlichkeits-Verbrechen aus §§ 177, 176, Abs. 1 des Straf-Gesetzes begangen hctt.j
T)ie Zeugin Kaiser erweist sich bet ihrer Vernehmung als sehr schwachen Gedächtnisses und beschränkt. Sie erinnert sich nur, daß Storch, als der Prozeß schon int Gaütze war, m der Mühle ihrer Dienstherrschaft vor den Muller Schlitt- scheu Eheleuten ihr Verhalten zum Vorwurf gemacht hat, wie sie dazu käme, zu sagen, er sei der Vater ihres Kindes. Sie habe sofort erklärt, daß sie dies nicht gesagt habe, aber daß er ihr ein Mittel angeboten habe, das auch andern Frauen es ermöglichte, um die Mutterschaft zu leugnen. Die Zeugin erklärt, vor dem Amtsauwalt gelogen zu haben. Müller Schlitt und Frau erklären, Storch habe zu ihnen bemerkt, was er der Kaiser gesagt habe, sei „nur Spaß" gewesen. Der Zeuge Earl Weitz sagt aus, seine Tochter sei mit dem Angeklagten verlobt gewesen. Er habe das Verhältnis nich gebilligt, weil er gewußt hat, was Storch für ein „Vogel"
sei. Er habe den Vorfall mit der Kaiser erfahren, infolge davon die Verlobung seiner Tochter aufgehoben. Der Angeklagte habe ihm erklärt, Emil habe die Thatsache mit dex K. zugestaudeu, er behaupte aber, damit nur sein Späßchen getrieben zu haben.
Es soll nun zur Vernehmung der Frau Neeb geschritten
werden. Staatsanwalt und Verteidiger erklären, es dem Ermessen des Gerichts zu überlasten, ob die Oeffentlichkeit auszuschließen sei. Landgerichtsrat Müller als Vorsitzender erklärt, daß er die Absicht habe, thuulichst öffentlich zu verhandeln und richtet an den Angeklagten die Frage, ob-er etwa den Wunsch habe nach Ausschluß der Oeffenttichkeit.
Der Angeklagte erklärt, er wünsche, daß öffentlich verhandelt werde.
Frau N. ist unbestraft, 38 Jahre alt, feit 11 Jahren verheiratet und Mutter von 6 in der Ehe 'und von 2 vor der Ehe geborenen Kindern, deren Vater nicht ihr Ehemann ei. Am 18. Juni sei der Angeklagte in das Schulgebäude, das sie zu reinigen hatte, gekommen und habe nach dem dort wohnenden Kreisamtsgehilfen gefragt. Sie habe den Bescheid gegeben, dieser sei nicht zu Hause. Da habe Storch ich ihr genähert. Sie habe ihn rundweg abgewiesen, er aber versuchte es mit Gewalt, sie sei in den Schulsaal gefluchtet, Storch sei ihr aber auch hierher gefolgt, Die Zeugin schildert alle Einzelheiten des Auftritts, die es zweifellos lasten, welche Absicht der Angeklagte mit ihr hatte.
Der Arzt Dr. Büchner erklärt, er habe auf Veranlassung von Karl Weitzel Frau N. zwei Tage nach dem Vorfall untersucht. Sie litt an nervösen Störungen und erhöhter Herzthättgkeit. Beulen, Schrammen von Nägeln u. dgl. fand der Arzt nicht an ihr.
Die 40 Jahre alte Witwe Schaaf von Feldkrücken ist vor etwa 11/2 Jahren ein Mal mit dem Angeklagten auf einem Wagen zusammen gefahren. Er hat ihr, wie sie sich ausdrückt, einen Heiratsantrag gemacht, doch glaubt sie, der junge Mensch habe wohl nur Spaß mit ihr getrieben.
Eine Reihe von Zeuginnen, verheiratete und unverheirate, bekunden, daß der Angeklagte ihnen unsittliche Anträge gemacht hat. Einige behaupten, er sei zudringlich und handgreiflich geworden. In einem Fall wird der Angeklagte geragt, was er denn zu der Aussage der Zeugin sage. Er erklärt, er wolle nicht sagen, daß es unwahr sei, was die Person sage, aber sie solle ihm doch ein Mal einen Beweis bringen. — Ein Zeugin beschuldigt die Frau und ihren Gatten der Fälschung. Wichtig sind die Zeugnisse des Bierverlegers H. Dey er von Schotten und des Taglöhners Joh. Kraft von Ulrichstein. Der erstere bekundet, daß Frau N. vor 15 Jahren falsche Angaben in Bezug auf ihre unehe- ichen Kinder gemacht hat. Sie habe sich als ehrenhafte Frau, aber als Mädchen gegen Geld hingegeben und sich ihm ärmlich aufgedrängt. Der Zeuge Kraft gesteht, mit Frau N. als sie noch Mädchen war, Umgang gepflogen zu haben. Seine Frau sei von ihr vor Jahren falsch beschuldigt worden. Frau N. leugnet alles dieses.
Die an die Geschworenen gerichteten Schuldfragen lauteten 1. wegen Meineides, 2. ob die Angaben des Angeklagten eine Verfolgung wegen einer strafbaren Handlung nach sich ziehen, 3. ist der Angeklagte schuldig des Notzuchtversuchs? 4. hat^der Angeklagte sich einer unzüchtigen Handlung gegen eine Frauensperson schuldig gemacht?
Staatsanwalt Zimmermann meint, die gegen den Angeklagten erhobenen Beschuldigungen beweisen, daß man ihm alles zutrauen könne. Es sei sicher, daß hier ein falscher Eid geleistet sei. Der Ankläger bittet, die Schuldfrage auf Meineid zu bejahen, vertritt aber auch die Ansicht, daß beim Meineid mildernde Umstände vorhanden seien. Die Zeugin Neeb habe zweifellos die Wahrheit gesagt. Sie habe sich eit der langen Zeit gebessert und sei in Schotten als eine i>rave, fleißige und ehrliche Frau bekannt.
Der Verteidiger, Rechtsanwalt Grünewald, meint, eS sei nicht richtig, daß jemand, der ein Mädchenjäger sei, auch fähig sein muß, einen falschen Eid zu schwören. Der Verteidiger stellt an Hand des Protokolls fest, daß der Angeklagte keinesfalls beschworen habe, was man ihm nachsage. Den Wortlaut hat er nicht in Abrede gestellt, seine Aussage sei aber logisch anders zu verstehen und objektiv keine falsche Bekundung. Die einzige Belastungszeugin, die Kaiser, schwanke selbst in ihrer Bekundung. Darum müsse der Angeklagte wegen Meineides freigesprochen werden. Ebensowenig reichen die rohen Spässe, die der Angeklagte getrieben hat, hin, um ihn eines Notzuchtoersuches zu überführen. Das Wesen des Angeklagten grenze ans Krankhafte; man sehe nur die Schön- heitsgallerie, die hier im Gerichtssaale aufmarschiert sei, betrachte, mit welcher der Angeklagte sich abgegeben hat. Der Frau N. könne er keinen Glauben beimessen. Kein Angeklagter darf verurteilt werden auf die eine Aussage einer solchen Zeugin hin.
Nach sehr eingehender Rechtsbelehrung durch den Vorsitzenden verkündet nach kurzer Beratung der Rentner Weitzel aus Kaichen als Obmann den Spruch der Geschworenen, der in allen Punkten der Anklage auf nicht schuldig gegen Storck lautet, worauf der Gerichtshof diesen von Strafe und Kosten freispricht und dessen Haftentlassung anordnet.
Aus Stadt und Sand.
Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.
Gießen, den 8. Oktober.
• * Auszeichnung. Der Großherzog hat dem Betriebskontrolleur a. D. Valentin Appel in Darmstadt das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps hes Großmüttgen verliehen.
* * Aus dem Theaterbureau. Am Mittwoch 'wird „Die Dame von Maxim" wiederholt. Für Sonntag ist die „Vorstellung für Kinder" das Märchen „Aschenbrödels goldener Pantoffel", für die Bühne bearbeitet von Sophie Hennig, in Vorbereitung.
* * Kriegsfestspiele 1870/71. Zu einer gemeinschaftlichen Sitzung hatten sich gestern abend die Ausschüsse zur Veranstaltung ber Wernmg'schen KriegSfestspiele im „Großherzog von Hessen" versammelt.. Von dem Ehrenausschuß waren, Oberst v. Dewitz, Oberstaatsanwalt Dr. Güngerich, Landgerichtspräsident Kulmann, Kreisschulinspektor Prof. Lucius, Bürger- meisterMecum,Postdirektor Schäfer, Eisenbahndirektor Schobetth und Direktor Dr. Störiko erschienen. Den Vorsitz führte Amtsrichter Wiener. Es wurde Bericht erstattet über bie Thätigkeit der einzelnen Ausschüsse, die daS Weck bestens vor- hereitet haben, und es steht ein schönes Gelingen zu ermatten. Die Festspiele werden 31 Bilder bringen, darunter auf eins vom Sturm auf L'Eurie-Ferme, bei dem bekanntlich unsere 116er hervorragend beteiligt waren. Von den zu der Darstellung


