tragend auf dem sogenannten oberen Weg schnellen Schrittes vom Thatort her nach Kloppenheim ging, auf die Straße Kloppenheim—Groß-Karben einbog und auf ihr nach dem Bahnhof weiterschritt, indem er nach dieser Richtung hin eine Bewegung mit der Hand machte, als ob er einer anderen Person, die indessen nicht gesehen worden ist. zuwinke. An dem Rand des Wäldchens selbst fand man auf einem frischgeackerten Acker, den man auf dem Weg von der Chaussee nach dem Thatort hin passieren müßte, frische, von verschiedenen Personen herrührende Fußspuren.
Die Ermittelung des Thäters.
Was nun den, oder die Thäter anlangt, so blieben alle Ermittelungen anfangs erfolglos. Erst im Oktober vorigen Jahres, also zwei volle Monate später, gelang es durch Vermittelung der Frankfurter Polizei folgende That- sachen bezüglich der Thäterschaft festzustellen. Mitte August vorigen Jahres hatte sich bei dem Fuhrmann Johannes Zeiß ein junger Mensch als Dienst knecht vermietet, der sich Heinrich Möller aus Sontra nannte und seinem Dienstherrn auch seine auf diesen Namen lautende Papiere gegeben hatte. Derselbe hatte sich aber bereits am 19. August wieder heimlich entfernt unter Mitnahme eines dem Sohne seines Dienstherrn gehörigen Paars langer Stiefel und unter Zurücklassung der übergebenen Legitimationspapiere, nachdem ihm sein Dienstherr gesagt hatte, er müsse ihn nun polizeilich anmelden. Am 20. August wurde nun von Zeiß wegen dieses Diebstahls bei der Polizei zu Frankfurt am Main Anzeige erstattet, die demnächst samt den Papieren des Thäters der Königlichen Staatsanwaltschaft daselbst übermittelt wurde. Am 30. August hatte bei dem Korbwarenhändler Andreas Brünn zu Frankfurt a. M. ein junger Mensch Dienste genommen, der sich Georg Ermer genannt, und angegeben hatte, er sei bei Johannes Zeiß in Seckbach in Diensten gewesen. Er war aber auch hier sofort wieder verschwunden unter Mitnahme eines seinem Tienstherrn gehörigen braunen Rockes. Auch wegen dieses Diebstahls wurde alsbald bei der Polizei zu Frankfurt am Main Anzeige erhoben, wobei die näheren Umstände angegeben wurden. Daraus ergab sich nun, daß. der Georg Ermer mit dem bei Johannes Zeiß in Seckbach in Diensten gewesenen angeblichen Heinrich Möller identisch war, und daß die dem Zeiß übergebenen Legitimationspapiere diejenigen des ermordeten Heinrich Möller waren. Dabei konnte auch festgestellt werden, daß Georg Ermer in der Legitimationskarte die Jahreszahl 1852, das Geburtsjahr Möllers, in 1879, sein eigenes Geburtsjahr umgeschrieben d. h. geändert hatte, da er voraussah, daß ihm niemand glauben werde, er sei schon 48 Jahre alt. In der Folge wurde dann weiter festgestellt, daß derselbe Georg Ermer in der Nacht vom 1. auf den 2. August zu Neu-Isenburg dem Bäckermeister Georg Schwemb eine silberne Remontoir- uhr mit goldener Kette und ein Paar Zugstiefel, sowie dem Bäckergesellen Anton Souard daselbst eine silberne Re- montotruhr, ein ledernes Portemonnaie mit 4 bis 5 Mark und ein Taschenmesser gestohlen hatte, ferner daß er unter dem 10. Oktober 1900 vom Schwurgericht Würzburg wegen einer daselbst am 7. September 1900 — also etwa acht Wochen nach dem Mord — au einer Frau auf offener Straße verübten räuberischen Erpressung zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, und sich daselbst in Hast befand. Tie gegen denselben in der Folgezeit geführte Voruntersuchung hatte nun zur Folge, daß er sich vor dem Schwurgericht wegen Mordes, Raubes und Diebstahls in wiederholtem Rückfall zu verantworten hat.
Das Geständnis des Angeklagten.
Inzwischen hat der Angeklagte in der Woche vor Pfingsten nach anfänglichem hartnäckigen Leugnen dem derzeitigen Schwurgerichts - Präsidenten Landgerichtsrat Schmeckenbecher gegenüber ein umfassendes Geständnis abgelegt, das darin gipfelt, dak er den Mord nicht allein «usgeführt habe, sondern mit Hilfe eines Komplizen, dessen Namen er aber nicht zu nennen vermag. Einzelheiten des Geständnisses sind bis jetzt noch nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen, da sie im Interesse des Dienstes von der Staatsanwaltschaft noch geheimgehalten werden.
Schwurgericht
C. Gießen, 7. Juni.
Ter Gerichtshof ist heute folgendermaßen besetzt. Prä- sident: Landgerichtsrat Schmeckenbecher, Beisitzer: die
Landgerichtsräte Seeger und Tornseiff, Vertreter der Staatsbehörde: Gerichts-Assessor Tr. Hetzel, Gerichtsschreiber: Gerichts-Assessor Deibel. Unter Anklage stehen der 20 Jahre alte Landwirt Julius Jöckel von Schellnhausen wegen Notzucht begangen am 22. November v. I. dort an einem 15jährigen Mädchen, Anna Schaaf, und der 38 Jahre alte Forstwart Heinrich Hamel von Zeil- bach wegen Begünstigung d. h. weil er dem Jöckel wissentlich Beistand geleistet hat, um ihn der Bestrafung zu entziehen. Geladen sind 20 Zeugen. Verteidiger ist Rechtsanwalt Grünewald. Ter Gerichtshof beschließt, die Oeffentlichkeit auszuschließen, wenn unsittliche Details zur Sprache kämen. Der Angeklagte, der an dem betreffenden Abend bei der Hochzeit in seinem Elternhause, in dem seine beiden Brüder Hwchzeit feierten, zugegen war, bestreitet die Anna Sch. vergewaltigt $u haben, während diese den Vorfall so darstellt, daß ste einen Augenblick das Hochzeitshaus verlassen habe, daß sie der Angeklagte bei dem Keil'schen Hause angepackt, sie auf einen dort lagernden Reisighaufen geworfen, und vergewaltigt habe. Die Zeugin Sch., die seitdem Mutterfreuden entgegensieht, sagt dem Angellagten die Beschuldigung ins Gesicht, während dieser aufs entschiedenste die That in Abrede stellt. Ebenso bestreitet der Forstwart Hamel jegliche Schuld. Er habe in der besten Absicht gehandelt, und geglaubt, nichts unrechtes zu thun, wenn er dazu riet, die Zeugin Sch. solle die Aussage verweigern. Es war damals unter den Familien ein Vertrag dahin abgeschlossen worden, daß zur Abfindung von der Familie Jöckel 1500 Mark gezahlt werden sollten, damit der Angeklagte wegen dieser Sache nicht vor Gericht käme. Mit der Vernehmung des Zeugen Sch. des Stief- und Adoptivvaters des Mädchens, gewinnt die Verhandlung ein ganz anderes Bild, da er eine Aeußerung bekundet, die der Angellagte ihm gegenüber gethan hat, und die auf eine unerlaubte Handlungsweise hindeutet. Bei der weiteren Vernehmung verwickelt sich der Zeuge mit den Aussagen seiner Tochter in Widersprüche. Er verweigert auf eine diesbezügliche Frage auch die Zustimmung, daß sein Anwalt Justizrat Hirschhorn Auskunft gebe über die ihm anvertrauten Mitteilungen. Zeuge Justizrat Hirschhorn verweigert daraufhin die Aussage über alle Punkte, die unter seine Dienstverschwiegenhert fallen. Auf seine Vernehmung wird darauf allseits verzichtet. Johann Jost Sch. sagt, unter seinem Eid aus, daß er nie mit dem Mädchen in irgend welchen Beziehungen gestanden habe. Bezüglich des Vertrags bekundet er, daß er immer daraus gedrungen habe, daß die Wahrheit aesagt werden solle, insbesondere habe er sich gegen die Bestimmung des Vertrags gewehrt, daß die Anna Sch. für die Zukunft jede Aussage verweigere. Er habe das so aufgefaßt, als solle die Anna die Unwahrheit sagen. Tie weiteren Zeugen bekunden, daß die Anna Sch. ein braves Mädchen gewesen sei. Insbesondere habe sie nie mit Burschen etwas zu thun gehabt. Ter Pfarrer stellt ihr ein sehr gutes Zeugnis hinsichtlich ihres Vorlebens aus, er hält sie für durchaus wahrheitsliebend, allerdings auch für etwas langsam denkend. Er persönlich habe den Eindruck, als habe sie sich anfangs gewehrt, später vielleicht nicht mehr. Auch der Lehrer glaubt nicht, daß sie Anlagen zum Lügen habe. Die Eltern und ein Bruder des Angeklagten werden laut Beschluß nicht vereidigt. Tie Verhandlung wird um 1 dreiviertel Uhr auf mittags 4 Uhr ausgesetzt. Um 4 einhalb Uhr wird die Verhandlung wieder “ ausgenommen. Das Gericht hatte Beschluß gefaßt, daß die Anna Sch durch den Kreisassistenzarzt Dr. Königer untersucht werde. Die Untersuchung hat über Mittag stattgefunden. Während der Vernehmung des Sach vershändigen wird die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Nach einer halben Stunde wird die Oeffentlichkeit wiederhergestellt. Zur Vertretung der Anklage erhält Gerichtsassessor Tr. Hetzel das Wort. Er läßt die Anklage auf Notzucht fallen und bittet die Geschworenen, die erste Hauptfrage zu verneinen. Die Hilfsfrage auf Verführung eines unbescholtenen Mädchens unter 16 Jahren bittet er zu bejahen. Bezüglich des Hamel beantragt er, auch diese mit ja zu beantworten, da nach der Beweisaufnahme feststeht, daß er sich der Begünstigung hinsichtlich eines Vergehens schuldig gemacht habe, bezüglich des Beistauds bei einem Verbrechen beantragt er Verneinung der Frage. Rechtsanw. Grünewald bittet, alle Schuldfragen zu verneinen. Der Staatsanwalt tritt der Argumentierung des Verteidigers entgegen. Nach einer kurzen Erwiderung des Verteidigers ergreift der Angeklagte Hamel noch einmal das Wort und
sucht darzuthun, daß er unschuldig sei. Die Geschworenen' (Obmann Fabrikant Eichenauer von Gießen) verneinen alle Schuldftagen. Ter Staatsanwalt beantragt Freisprechung und Belastung der Staatskasse mit den Kosten des Verfahrens, und Haftentlassung des Jöckel, welchem Antrag das Gericht entspricht.
Aus Stadt und Land.
lDer Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist tmr unter genauer Quellenangabe: „(Siefc. An»." gestattet.)
* * Personal-Nachrichten. Ter Großherzog hat am 5. Juni den von dem Fürsten zu Solms-Hohensolms- Lich auf die evangelische Pfarrstelle zu Langsdorf, Dekanat Hungen, präsentierten Pfarrverwalter Gustav Mahr zu Horchheim für diese Stelle bestätigt und den Lehrer an der Kunstgewerbeschule Mainz Hans Locher zum Hauptlehrer an dieser Schule ernannt.
* * Kunftverein. Tie Gemälde von Jan Tovrop, E. Rüdisühli und A. Koester bleiben nur noch bis Sonntag ausgestellt. Von Montag an bleibt die Ausstellung wegen vollständigen Wechsels der Gemälde 4 Tage geschlossen.
* * Hessische Handwerkskammer. Die kürzlich den Innungen, Ortsgewerbevereinen und Fachvereinig- ungen im Bezirke der Handwerkskammer zugegangenen Rundschreiben über die Höchstzahl der zu haltenden Lehrlinge scheinen im großen und ganzen den Wünschen des Handwerkerstandes zu entsprechen. In den zahlreich wieder einlaufenden Antwortschreiben erllären sich fast durchweg alle beteiligten Kreise mit den Vorschlägen der Handwerkskammer einverstanden. Wir wollen aber nicht versäumen, auch hier auf die Wichtigkeit der Prüfung der Vorschläge hinzuweisen und ersuchen, der Handwerkskammer etwaige Wünsche baldigst mitzuteilen. — Da in der im Laufe dieses Monats stattfindenden Plenarversammlung auch die Errichtung der Prüfungsausschüsse für die Gesellenprüfungen zur Beschlußfassung steht, sind die in einem Zirkular von den Innungen und Gewerbevereinen verlangten Angaben bis zu dem im betr. Zirkular bezeichneten Termin der Handwerkskammer einzusenden, andernfalls von den etwa rückständigen Korporationen auf das Recht der Abnahme der Prüfungen mit Bestimmtheit nicht gerechnet werden kann.
* * Landeslotterie. An: 14. d. Mts. wird die 5. Klasse der Landeslotterie gezogen. Wer sein Los noch nicht erneuert hat, wird gut thun, dies sogleich zu thun. Es ist schon mehrfach vorgekommen, daß Spieler infolge unterlassener rechtzeitiger Loserneuerung Gewinne, die auf das von ihnen für die Vorklassen richtig bezahlte Los entfallen sind, nicht ausbezahlt erhalten haben, weil sie unterlassen haben, rechtzeitig vor der Ziehung das Los gegen Bezahlung abzuholen. Insbesondere genügt es nicht zur Wahrung der Spielerrechte, wenn man dem Kollekteur — wie es vorgekommen ist — einfach schreibt, man wolle da» Los weiterspielen und werde es bestimmt auch nach der Ziehung noch gegen Bezahlung abholen, denn der Kollekteur kann nicht genötigt werden, Kredit zu geben, also in gedachtem Falle nicht bezahlte Lose, nachdem sie mit Gewinn gezogen worden sind, noch auszuhändigen.
R. Lich, 7. Juni. Am vergangenen Samstag wären es 25 Jahre, seitdem der jetzige Leiter der hiesigen Präparandenanstalt, Wagner, als Lehrer an diese Schule berufen wurde. Vormittags um 11 Uhr begaben sich die Hilfslehrer der Anstalt zu dem Jubilar, um ihm ihrä Glückwünsche darzubringen. Stiftspfarrer Weber gedachte dabei in kurzer Ansprache der Verdienste des Jubilars während der 25 Jahre seiner. Thätigkeit, die gerade an einer Vorbereitungsschule für die Lehrerbildungsanstalt besonders schwierig ist, und überreichte ihm, der immer und unentwegt treu zu Kaiser und Reich gehalten, das Bild unsers Kaisers. Darnach empfing der Gestierte eine Deputation der hiesigen Sektion des Vogelsberger H ö h e n k l u b s, deren langjähriger Vorsitzender er ist. Sie brachte ihm mit Ueberreichung eines prächtigen Blumenstraußes die Glückwünsche des Vereins und den Dank für die umsichtige und geschickte Leitung dar. Bürgermeister Heller gratulierte im Namen bcr Stadt Lich Am Abend fand zu Ehren des Jubilars ein Festkommers statt.
Mainz, 7. Juni. Nach einer Mitteilung des Magistrats zu Berlin ist die jetzt seit Jahren schwebende Auseinandersetzung über die Simon Bladsche Erbschaft beendet. Auf unsere Stadt entfällt eine Summe von 252674
um neuen Durst zu wecken. Am Tage der Maiparade freilich zeigte die weite Ebene ein ainderes Bild. Ganz hinten im Südosten nur — in der größeren Entfernung gar nicht zu erkennen — die einzelnen Regimenter, die des obersten Kriegsherrn harren, sonst keine Menschenseele auf dem grünen Plan. Alles ist abgesperrt, bis der Kaiser mit seinem Gefolge vorüber ist. Am Nordrande natürlich Kopf an Kopf des schaulustigen Publikums, das diesmal fast zur Hälfte aus Fremden besteht. Pünktlich wie die Hohen- zollern sind, kommt die glänzende Kavalkade kurz vor acht Uhr vom Großgörschenbahnhof hinter dem Matthäi-Kirch- hof heraufgesprengt. Im Sechsspänner mit Spitzenreitern die Kaiserin mit der Königin von Holland, dahinter der Kaiser, der Kronprinz, der glücklich Prinz der Niederlande, der französische Generäl Bonnal und schier zahllose Würdenträger, Generäle rc. in den buntesten, goldstrotzendeU Uniformen. Bald beginnt der große Aufmarsch. Der Kaiser hält nicht weit von der berühmten Pappel, seitlich hinter ihm der Wagen mit den hohen Damen. Der orangefarbene Sonnenschirm der Kaiserin leuchtet wie ein liebenswürdiges Richtungssignal weit über den Plan. Denn die Absperrung des östlichen Feldes, wo die Parade stattfindet, wird streng druchgeführt. Tie Bäume an der Chaussee, die übers Feld führt, bieten billige und dabei sehr aussichtsreiche und schattige Plätze. Zehnmal schon hat der Schutzmann in meiner Nähe sie gesäubert, und kaum hat er den Rücken gewendet, sitzen die Bengel doch wieder oben, frech rote die Spatzen. Tabei sehen sie alles nur als ftibbelnde Punkte; höchstens weiter vorn die taktmäßig fliegenden Grenadierbeine und die blinkenden Helme und Waffen deutlicher. Tazwischen ab und zu einen irrlichternden, knallroten Geranium, wie er jetzt von allen Balkons leuchtet. Tas ist der Oberstallmeister v. Wedel im Galaftack. Bald nach zehn ist alles vorüber. Und nun zieht die maifrische Königin in Berlin ein. Ein tausendstimmiges Hurra schallt ihr entgegen; denn fid ist sehr populär in Berlin. Zwar lange Reden hält sie nicht; es klingt manches noch etwas befan-e* und unfertig. Aber sie ist zum Anbeißen hübsch N. B wenn man das von einer Königin sagen darf? ... A. N.
Kerliner Kries.
(Plaudereien aus der Saiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
Umsonst gerungen. — Auf dem Tempelhofer Felde. — Die Mai- Parade. — Hollands schöne Königin in Berlin.
Große Plokate an den Litfaßsäulen und Riesenannoncen in den Berliner Zeitungen verkündeten vor etlichen Wochen mit dem nötigen Trara und Bumbum, — der Name Meister Begas als Ehrenpreisrichter durfte natürlich nicht fehlen! — daß ein profitlustiger Herr es für dringend notwendig erachtet hatte, die berühmtesten Ringer der Welt nach Berlin zu einem großen PreisrinHen einzuladen. Lag doch der letzte große Wettkampf zwischen den muskulösen Hünen, der sich in unseren Mauern abspielte, schon so unendlich lange zurück. Im vorigen Jahrhundert — allerdings ganz an dessen Ende, aber doch immer inOvorigen Jahrhundert, halten sie zuletzt irn „Wintergarten" ihre herkulischen Kräfte gemessen. Es war also die höchste Zeit, wenn die
zu einseitig war. Sie wollen au diesen Abenden, die sie ihren Kulturbedürfnissen opfern, auch alle die anderen Fächer nicht vernachlässigen; sie brauchen ganz notwendig z. B. ein Kolleg mit praktischen Vorführungen in der Chorographie, worunter simple Leckte Tanzkunst verstehen; sie wollen die edle Kunst des Gesanges nifchtz entbehren, und auch nur gesprochene Couplets vormögen schon, ihrem vielseitigen Bildungsinteresse etliche Beftiedigung zu gewähren. Nur Preisringer genügen eben nicht. Das Ende vom Liede ist nun schließlich gewesen, daß der Unternehmer davon gegangen ist, ohne den 40 Riesen zum Abschied die Hände zu drücken, was vielleicht nicht ganz unklug war, und man fortan die Arbeit vor den schauerlich leeren Amphitheater-Rängen einstellt. Wenn der böse Reinfall der vierzig Muskel-Genies, der an und für sich ja kein Riesenunglück ist, weil er meist recht gut bemittelte Riesen trifft, und für die nächsten Jahre davor bewahrt, ähnliche Veranstaltungen zu erleben, so ist der Segen wahrlich nicht gering. Ter Geschmack des Publikums bedarf dringend
einer Führung in bessere Regionen.
Ein Schauspiel von ungleich anmutigeren Reizen bot vor wenigen Tagen das berühmte Tempelhofer Feld, der Exerzierplatz der Berliner Garnison. Dieser große, spärlich mit Gras bewachsene Sandplatz hinter der Tivolibrauerei ist zu allen Tageszeiten ein Feld interessanter und amüsanter Beobachtungen. Tenn neben den dort stattfindenden Truppenübungen läßt sicb auch die Berliner Jugend der südlichen Stadtteile in ihren munteren Betätigungen sehen. Raum genug ist ja vorhanden. Da steigen unzählige Drachen zur Höhe, wenn die Saison dafür da ist, mit oen großen Ballons der Luftschiffer-Abteilung um die Wette; da werden Buren-Schlachten geschlagen, in denen natürlich jeder Te Wet und keiner Lord Kitchener sein will; da pflegen kleine Mädchen mit primitiven Raquets voll Eifer die englische Krankheit: Lcuvn Tennis; da geben sich Kindermädchen von wer weiß wie weit her ihre Stelldicheins mit strammen „Eisenbahnern", die ganz in der Nähe ihre Kaserne haben; da lungern Tagediebe jeder Sorte ' l den Hals scheinen, vielleicht
Berliner nicht ganz und gar verblöden sollten. Und da voraussichtlich kein einigermaßen gebildeter Mensch diese Gelegenheit vorübergehen lassen konnte, seinen Geist im Genüsse dieser veredelnden Schauspiele weiter au entwickeln, so hatte der große Kulturpfleger in weiser Voraussicht den hübsch umfänglichen Sportplatz am Kurfürstendamm gepachtet, zu dem mau wohl gut zehnmal so viel Erntrittskarten verkaufen konnte als zum beschränkten Wintergarten. Sie kamen denn auch alle; ich meine die Ringer. Rußland wie Frankreich, der Balkan wie Italiens dauerhafter Stiefel stellten ihre höchsten Muskel-Intelligenzen auf den Plan — und mit Kraft und Ausdauer, Mut und Gewandtheit verfolgten die ruhmreichen Helden ihr hohes Ziel und ließen sich allabendlich ganz barbarisch die Knochen im Leibe knacken. Ach, nur die stumpfsinnigen Berliner, die die vielen Billets kaufen sollten, blieben aus, nicht etwa, weil sie nicht mehr Bildungshunger genug hatten wie damals im Wintergarten. Das wäre ungerecht,. jruicine yuuen, i>u i
ihnen das nachzusagen. Nein, weil ihnen die Geschichte | unD lassen sich die Sonne in


