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Nr. 133
Erstes Blatt.
151. Jahrgang
Sonntag 9. Juni 1901
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger v
Mts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen
3>ie Darmstädter KünstterKolonie.
(Ortginalbericht de« „Gtetz. Anz.^l
Nachdruck verboten.
IV.
Es düntt uns an der Zeit, nunmehr auch von der Ausstellung im „Gebäude für Flä ch e nku n st" zu reden, zumal diese von Woche zu Woche reicher wird. Auch das große Publikum hat fiaji in den letzten Jahrzehnten tu der Einsicht bequemt, das; der Raum, in dem Gemälde, Plastiken rc. zur Schau gelangen, keineswegs gleuhgrltig für deren Wirkung sei, daß eine Bilderausstellung unmöglich mit dem Ansehn eines Magazins oder Warenhauses verwechselt werden dürfe. Tie Plazierung der Bilder ist ein eigenes Studium geworden. Die Kolonie in Darmstadt hat bei dieser Arbeit insofern weniger Schwierigkeiten gefunden, als irgend eine großstädtische vangekom- mission, weil die Wahl der Künstler deren Werke sie bei dieser Gelegenheit in die Oeffentlichkeit fuhren wollten, ihrem Erniessen an he im gestellt war. -x-b.
Dem Geschmack, der Defregger oder Grutzner schätzt, Dird hier selbstverständlich kein Entgegenkommen geboten, lind das von Rechts wegen. Ueberlebtem find dre Veranstalter unserer Ausstellung abhold. Man gewinnt dafür aber einen Einblick in die neuen Wege einer neuen Zeit. Somit keineswegs gesagt sein soll, daß die sehenden Serke in uns einen Sturm des Entzückens entfesseln. Aber jedem Urteil, ob es sich in Richtung, der Sympathie oder Antipathie äußert, sollte zum mindesten das Sehen, das -ichhineinsehen, nicht nür das flüchtige Erblicken
Kunstwerkes vorangehen. Man gewinnt manefc STn* icqung durch die Wanderung in diesen kleinen Bilder- emächern, das steht fest, und daran ändert auch Nichts der lmst<md daß. wir keineswegs auf Gipfelpunkte und Muster- jcLöpfungen stoßen, sondern auf einige eigenartige Talente, He mit 'ihren Augen sehen.
Löfftz, Thoma, Bracht haben längst ihre feste Note im Entwickelungsbilde der gegenwärtigen Malerei, ohne je Zeichen des Stillstandes zu verraten. Gerade bei ihnen ist alles in lebendigem Fluß. Das „Herbstbild", das Bracht eingeschickt hat, übt in seinen gedämpften Tönen und in der Auffassung eines mehr kargen als üppigen Erdenflecks ganz, ganz schlichte Wirkung. Um so höher sein Kunstwerk! Es schwingt glücklicherweise wenig Pathos mit, in all diesen Bildern. Doch, in Sleoogts gewappnetem Krieger, der ein nacktes Weib bändigt, zeigt sich starke dramatische Bewegung. Küstner, Bantzer, Hölscher, Keim sind durchaus entsprechend vertreten.
Ein neuer unseliger Nathanael Sichel scheint ein Mann werden zu wollen, der hier ein paar fürchterliche Stücke ausstellt. Sein Mischmasch von tiefem Ultramarin mit sattem Grün, auf das er irgend einen faden, „schönen" Frauenkopf mit riesengroßen Telleraugen a la Bodenhausen pinselt, erzeugt eine geradezu widerliche Wirkung. Das ist platteste Unkunst, was dieser Mann, dessen Name humanerweises verschwiegen sei, hier auszustellen wagt. Auch! nicht der leiseste Charakterisierungsversuch läßt sich auf diesen „Porträts" finden.
Die leicht hingehauchten Aquarelle der Guirand de Scevola, Porträts und Studienköpfe, die recht Wohl aus einem Frauenatelier stammen könnten, atmen allzu süßliche französische Grazie. Daß wir bei Gelegenheit dieser Ausstellung auch die Bekanntschaft ausgesprochener Pointi- liften von der Arbeitsmethode Toorops machen, halten wir jedenfalls für eine Bereicherung unserer Kenntnisse und Anschauungen. Allerdings sind die hier gebotenen derartigen Versuche u. E. ziemlich mißlungen. Ueberhaupt müssen wir, wenn wir unser Urteil über das hier Gebotene zusammenfassen, sagen, daß die Halle für Flächenkunst — ein unglücklich gewählter Name — mitsamt ihrem Inhalt wahrlich nicht zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Aus
stellung gehört, und daß niemand sich hiernach ein Urteil über die moderne Malerei bilden darf. Hier erhält er* keinen rechten Begriff von der unendlichen Fülle ihrer Vorzüge.
Zum Schluß dieser kurzen Skizze möchten wir noch darauf Hinweisen, daß in vielen der Künstlerwohnungen recht bemerkenswerte Schöpfungen moderner Meister hängen. So geht u. a. von der Traumlandschpft L. v. Hofmanns, die im hellen Speisezimmer des H ab ich-Hauses hängt, ein zwingender Zauber aus; in ihr spielen die Glanzlichter des Frühlings, und am liebsten zitierten wir vor dem Bilde Konrad Telmanns Gedicht „Am latinischen Meer".
In das Spielhaus hat das Erscheinen des Künstlerehepaars Richard Strauß-de Ahna einen inneren und äußeren Erfolg getragen. Der Widerspruch, der sich oftmals gegen "ben Programmmusiker Richard Strauß erheben mag, findet kein Operationsfeld bei seinen Liedern, die, auf welchen Ton sie immer gestimmt sein mögen, that-- sächlich eine Bereicherung unserer lyrischen Musiklitteratuv bedeuten.
Frau PaulineStrauß-deAhnaist eine Sängerin, die jetzt offenbar ihren größten künstlerischen Ehrgeiz darin setzt, die Lieder ihres Gatten dem Komponisten zu Dank zu fingert. Das auf den Richard Dehmelschen Text gesetzte „Wiegenlied" war eine Perle feiner duftiger Vortragsschattierung. Wir möchten übrigens nicht versäumen zu erwähnen, daß neulich Frl. Mardon vom Hoftheater in Dessau lediglich mit ihrer modulationsfähigen Svrechstimme und ihrer diskreten Accentuierung in der Wiedergabe des Otto I. Bierbaumschen „Weite Wiesen im Dämmergrau" eine fast gleiche Wirkung erzielte, die dem Gesang der Frau Strauß in dieser Nummer beschieden war.
Tie geniale Pianistin Frieda Hodapp stellte in der meisterhaften Ausführung des Beethovenschen G-dur-Kon- zerts gleichfalls einen wertvollen Beitrag zu dem Abend.
Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr. Die Geflügelcholera.
Die Geflügelcholera in Groß-Felda (Kreis Alsfeld) ist erloschen und die angeorduete Slall- und Gehöftesperre aufgehoben worden.
Gießen, den 6. Juni 1901.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
__v Bechtold.__________________
Bekanntmachung.
Zahltage bei Großh. Bezirksrasse Gießen II.: Dienstag, Donnerstag und Samstag von vormittags 8 bis 12 Uhr und nachmittags 2 bis 4 Uhr, mit Ausnahme am 11., 12. und 13. jeden Monats. An diesen Tagen können weder Zahlungen in Empfang genommen, noch solche geleistet werden.
Gießen, den 7. Juni 1901.
Großh. BezirkSkasse Gießen II.
______________________Dieter.______________________
Bekanntmachung.
Betr.: Die Veranstaltung von Verlosungen innerhalb des Großherzogtums.
Der Stadtvorstand von Nidda beabsichtigt mit dem am 2. September d. Js. stattfindenden Herbstmarkte eine Verlosung von Vieh, landwirtschaftlichen Geräten und sonstigen GebrauchSgegenfiänden zu verbinden, um die Mittel zur Prämiierung zu gewinnen.
Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 8000 Lose zu 50 Pfg. daS Stück, ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 Proz. des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Lose in der Provinz Ober- Hessen gestattet worden.
Gießen, den 7. Juni 1901.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
v. Bechtold._______________
Der Mopperrheimer Mord vor Gericht,
i.
Nebenstehend bringen wir das Bild des am 21. Oktober 1879 zu Baaber, Bezirksamt Parsberg in Bayern geborenen Taglöhners Georg Ermer, der sich nächsten Montag vor dem Schwurgericht der Provinz Oberhessen wegen Mords, Raubs, und vier Diebstählen im wiederholten Rückfall, Verbrechen aus §§ 211, 249, 251, 73, 242, 244, 74 St.-G.-B. zu verantworten hat. Geladen sind zu dieser Verhandlung ungefähr 50 Zeugen und ein Sachverständiger. Tie Anklage wird der Großh. Ober-Staatsanwalt Tr. Gün- gerich vertreten, die Verteidigung des Angeklagten Justizrat Metz führen. Zur Orientierung wollen wir unseren Lesern in Nachstehendem noch einmal kurz die Ereignisse vorführen, die den Anlaß der Verhandlung gegeben haben.
Der Leichenfund.
Am 20. August v. I. durchsuchte der Polizeidiener Feuerbach von Kloppenheim das zwischen diesem Ort und Dortelweil gelegene sogenannte Kloppenheimer Wäldchen nach Landstreichern. Am oberen Rande des Hinteren Wäldchens, d. h. nach Kloppenheim be^w. der Straße Vilbel— Friedberg zu fand er dabei die Leiche eines unbekannten Mannes und zwar an einem Orte, der durch Schwarzdornhecken, Gestrüpp und bis zum Boden bewachsenen Gebüsch beinahe unzugänglich war. Tie Leiche lag auf dem Rücken, der Kops, der nur eine unförmliche, verquollene mit geronnenem Blut bedeckte Masse war, lag nach der Chaussee, die Füße nach dem Walde zu. Gesichtszüge waren kaum zu erkennen, Unterkörper, Beine und Füße waren nackt, der Oberkörper bekleidet. In der Nähe der Leiche war das Gras niedergetreten, auch zeigten Gras und Sträucher einzelne Blutflecken und Spritzer. In der Nähe der Leiche lag ein blutiges Taschentuch, in das ein etwa handgroßer scharfkantiger Basaltstein eingeknüpft war, der ebenso wie das Tuch frische Blutflecken auftoied: Etwa zwei Meter davon entfernt lag ein großer, über einen Fuß langer schwerer Stein, der auf der einen Seite mit Blut bedeckt war, und an welchem sich mit Blut verklebte dunkelblonde Haare befanden. Weiter lagen noch folgende Gegenstände in der Nähe der Leiche, teils weiter, teils näher bei derselben: ein Paar alte Halb schuhe mit Gummizügen, an deren Absätzen Blutspuren waren, und dunkelblonde Haare klebten; ein Leibriemen, Schnapsfläschchen, Taschenspiegel, Säckchen mit Schuhnägeln und Kreide, ein Paar alte, mit Blut befleckte Strümpfe, im Gebüsch ein guter schwarzer Filzhut, ein Rock, eine graue Manchesterkappe, ein Taschentuch, zwei weiße Kragen, ein Schlips, ein Beutel, eine Feile, ein Riemen, eine Zigarrenspitze, ein Partie Knöpfe, Garn und etwas Kordel, ein Kamm, fünf Zeitungsblätter, eine Huthülle aus Papier mit der Firma H. Klipper in Offenbach a. M., Stücke einer Eisenbahnfahrkarte und endlich eine Krankheitsbescheinigung des Kassenarztes der allgemeinen Ortskrankenkasse Hattersheim auf den 6. August 1900 lautend auf Heinrich Möller, beschäftigt bei Wilhelm Schlocker daselbst. Tie Taschen der Kleider, die die Leiche noch anhatte, waren vollständig leer bis auf eine Westentasche, in der sich eine Schachtel schwedischer Streichhölzer befand. Irgendwelche Wertobjekte fanden sich nicht bei der Leiche.
Di e Sektion.
Tie am 20. August 1900 vorgenommene Sektion der schon stark verwesten Leiche ergab an deren Kopfe recht erhebliche bis zu 20 Zentimeter lange klaffende Wunden, die zum Teil den Schädelknochen hervorstehen ließen. Die rechte Seite des Schädels selbst war vollständig zertrümmert, sodaß die Gehirnmasse hervorquoll. Am Halse fanden sich 6—7 Verletzungen der Haut und der Muskulatur; die Zunge fehlte; um den rechten Unterschenkel war ein doppelt genommener Strick gebunden. Ter ganze Befund ließ darüber feinen Zweifel, daß der Tod auf gewaltsame Weise durch fremde Hand herbeigeführt worden war. Tie Thatsache, daß keinerlei Wertobjekte bei der Leiche zu finden waren, und daß diese sogar einesteils der Kleidung beraubt worden war, ließ in Verbindung mit dem sonstigen Befund von vornherein die Annahme als begründet erscheinen, daß es sich im vorliegenden Falle um einen Raubmord handelte.
Die Identifizierung der Leiche, war an Hand der Krankheitsbescheinigung möglich und
Der Mörder.
ergab, daß der Getötete der am 9. März 1852 in Sonton geborene Taglöhner Heinrich Möller war, der in den letzten Monaten vorher bei Wilhelm Schlocker in Hattersheim bei Höchst a. M. gearbeitet hatte. Er war am 13. August 1900 von dort mit der Bahn weggefahren, hatte seine in Frankfurt wohnende Schwägerin Frau Witte in der Friedbergerlandstraße 153 besucht, und derselben erzählt, er wolle in die Heimat und seiner verstorbenen Ehefrau einen Grabstein setzen lassen, ging dann in das Geschäft des in derselben Straße wohnenden Spezereihändlers Walther, bei dem er einiges einkaufte unü ein Goldstück sehen ließ. Tann begab er sich in die Herberge zur Heimat in der alten Mainzergasse 30, wo er in der Nacht vom 13. bis 14. August 1900 logierte. Am nächsten Morgen gegen 8 Uhr verließ er dieselbe wieder und marschierte gegen 8 einhalb Uhr nach Vilbel zu in Begleitung eines Unbekannten, von dem die Augenzeugen nur wußten, daß er größer wie Möller war, etwa in den 20 er Jahren gewesen fei, einen dunklen Filzhut, braunen Sackrock und ein Bündel getragen habe. Mittags gegen 1 Uhr wurde er dann mit zwei jungen Leuten, einem schwarzen und einem blonden, ersterer groß, etwa 25 Jahre alt, von gesetzter Statur, mit dunkelgrauem Rock bekleidet, letzterer etwa 18 Jahre alt, etwas kleiner, von schmaler Statur mit braunem Rock und dunklen Filz- but bekleidet, im Dortelweiler Chausseehaus beobachtet. Alle Drei tranken Schnaps und Möller sollte noch mehr bezahlen, weigerte sich aber dessen mit dem Bemerken, daß er sein Goldstück nicht mehr naß mache. Tann gingen die drei weiter die Straße nach Kloppenheim zu und wurden kurze Zeit darauf von Passanten neben der Straße unter einem Apfelbaum rastend und Zeitungen lesend beobachtet. Alsdann scheint sich Möller in Begleitung eines oder beider Genossen von der Chaussee rechts abbiegend nach dem einige 100 Meter entfernten hinteren Wäldchen begeben zu haben, um auszuruhen. Tort wurde er dann ermordet und beraubt und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach gegen 3 Uhr, denn zwischen 3 dreiviertel und 4 Uhr wurde von zwei Kloppenheimer Frauen ein junger Mensch, anscheinend L-andwerksbursche, dessen Beschreibung auf den jüngeren Begleiter Möllers paßt, beobachtet, wie er ein Bündel
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