Ausgabe 
9.5.1901 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

W. Weideuhaufeu, 5. Mai. Die Verlängerung der Bahn von Niederwalgern an der Main Weser-Bahn über unsern Ort hinaus bis nach Hartenrod wird Voraussicht- lich am 1. Juli dem Betrieb übergeben werden. Gegen­wärtig werden die Oberbauarbeiten ausgeführt, und es ver­kehren deshalb täglich Materialzüge. Die Steigung ist sehr bedeutend. Mit dem Ausbau dieser Bahn bis nach dem Dillthale, der in den nächsten Jahren ausgeführt werden soll, werden die Orte Herborn, Dillenburg, Betzdorf u. s. w. mit Marburg eine nähere Verbindung erhalten. Die Bahn­strecke ist eingleisig.

** Kleine Mitteilungen auS Hessen und den Nachbarstaat«. In Frankfurt a. M. ist im Alter von 70 Jahren Prof.

I Dr. Johann Georg Zehfuß, ehemaliger Direktor der höheren

Erster Staatsanwalt Jonen stellt die Strafanträge, die wir bereits gestern meldeten. Bet der Beurteilung kommt in Betracht die Gemein- gefährllchkeit der Angeklagten, vor allem die schlimmen Folgen, die eine lolche Handlungsweise, wenn sie weite Kreise zieht, auf das allgemeine Rechtsbewußtsein hat.

Als erster der Verteidiger erhielt Rechtsanwalt Kray das Wort: Er behandelt die Schuldfrage Baumanns und beantragt mit dem folgenden Verteidiger Rechtsanwalt Reichmann die Freisprechung Baumanns, der Witwe Dieckhoff und einer Anzahl der übrigen Angeklagten, deren »er- tkidlgung ihnen oblag. Der ganze Dienstag ist noch für Vorträge der Verteidiger und der Staatsanwälte vorgeseben.

Aus Stadt und Land.

Gießen, & Mai 1901.

** Parlamentarisches. Nach einem Bericht deS Zweiten Ausschusses der 2. Kammer sollen die Anträge der Abgg. Ulrich und Genoffen, betreffend die obligatorische staatliche Mobiliarverficherung und des Abg. sKöhler-Langsdorf betreffend die Einrichtung einer staatlichen Mobiliar-Feuer« versicherungSanstalt für das Großherzogtum Hcffen, in An- betracht einer ähnliches bezweckenden Regierungsvorlage be­treffend, für erledigt erklärt werden.

Mathematik und Naturwissenschaft. Der Verein zur Förderung des Unterrichts in der Mathematik und den Natur­wissenschaften hält seine 10. Hauptversammlung zu Pfingsten d. I in Gießen ab. Am Montag, den 27. Mai, abends 8 Uhr, findet eine gesellige Zusammenkunft in den Räumen deS Gesellschaftsvereins und am Dienstag, vormittags 9 Uhr, die erste allgemeine Sitzung statt, in der PoSke (Berlin) über Grundfragen des physikalischen Unterrichts sprechen wird. Darauf werden Abteilungsfitzungen und Besichtigungen ver­schiedener Institute die Teilnehmer in Anspruch nehmen. Am Mittwochvormittag wird die zweite allgemeine Sitzung durch einen Vortrag von Schmidt (Wiesbaden) eingeleitet werden, und nach der Frühstückspause sind wieder Abteilungsfitzungen, sowie Besichtigung des Braunsteinbergwerks und der Gail« schen Thonwarenfabrik, vorgesehen; um 6 Uhr: Festmahl in Steins Garten". Für die dritte allgemeine Sitzung am Donnerstagvormittag hat Kienitz-Gerloff (Weilburg) einen Vortrag zugesagt, an den sich Diskussion und geschäftliche Sitzung anschließen sollen. Am nachmittag soll ein Ausflug nach Bad-Nauheim und am Freitag ein solcher in das Lahn­thal (Braunfels, Weilburg) unternommen werden. So ist neben ernster Arbeit auch die Pflege der Geselligkeit berück­sichtigt. In denselben Tagen findet in Gießens Mauern ein Gynäkologen-Kongreß statt, darum dürfte den Besuchern der Versammlung zu raten sein, sich ftühzeitig durch als- baldige Anmeldung bei Oberlehrer Block in Gießen die Wohnung zu sichern.

** Das Regierungsblatt, Beilage Nr. 5, auSgegeberr Darmstadt, 4. Mai, hat folgenden Inhalt: Oeffentliche An­erkennung edler Thaten. Bekanntmachung, die Prüfung für -ochbauaufseher, Dammmeister und Kreisstraßenmeister betr. Bekanntmachung, Vorarbeiten für eine elektrische Äsenbahn vom Bahnhof Bad Nauheim nach dem Johannisberg betr. Ordensverleihungen. Ermächtigung zur Annahme uud zum tragen fremder Orten. Namensveränderungen. Aufgabe der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft. Dienstuachrichten. Konkurrevzeröffnuugen.

** Die Viehzählung vom 1. Dezember 1900 im Groß. Herzogtum Hessen weist folgende Zahlen auf: 50 091 Pferde (1897: 56 002), 5 Maulesel, 53 Esel, 330 679 Rindvieh (1897: 324 626), 82 360 Schafe (86 732), 312 889 Schweine (271 595), 125 788 Ziegen (1897: nicht ermittel), Federvieh, wie Gänse, Enten, Hühner rc., 1 383 003 (nicht ermittelt), 35 860 Bienenstöcke (nicht ermittelt).

O Stangenrod, 7. Mai. Von unserem Orte aus, der eit dem vorigen Jahre mit Grünberg durch eine Kreisstraße verbunden ist, soll nun auch eine Straße nach Weiters- )ain gebaut werden. Von den Bewohnern der beteiligten Ortschaften wird dies mit Freuden begrüßt.

x Grüuberg, 7. Mai. Für die Lehrer des Konferenz- Bezirks Grünberg hielt heute Kreisarzt Medizinalrat Dr. )aberkorn aus Gießen im Schulhause hier einen schul« ygienischen Vortrag. An den Vortrag schloß sich ein gemeinschaftliches Mittagessen im Gasthof ..Zum Hirsch".

I-. Gensingen, 5. Mai. Gestern fand eine Generalver- ammlung der hiesigen Spar- und Darlehnskasse statt; ;r wohnten die Hälfte der Mitglieder der Kaffe und der Direktor deS Verbandes der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften, Geh. Regierungsrat Haas, Bankdirektor Ihrig und Revisor Brauer-Darmstadt bei. Nach sehr ein- ehenden Ausführungen des Verbandsdirektors beschloß die Generalversammlung einstimmig, daß die Kasse weiterbeftehen oll, ein Beschluß, der nur zum Segen der ganzen Gemeinde ^reichen kann. Auch über die Deckung der eventuellen Ber« uste wurde, nach den Auseinandersetzungen deS Verbands- strektorS der richtigen Beurteilung der Sachlage von Seiten der Mitglieder der Kaffe, eine Einigung erzielt. Ein Kon­kurs der Kasse ist damit abgewendet uud es ist sehr zu begrüßen, daß die Kaffe weiterbestehen bleibt.

Mainz, 6. Mai. Soeben wird eine Bekanntmachung er« affen über alle diejenigen Gegenstände, die während der ver- loffenen Theatersaison in dem Theater gefunden worden nd, ohne daß sich die Verlierer rechtzeitig gemeldet hätten. Inter den gefundenen Gegenständen befinden sich 91 Hand- chuhe und 41 Taschentücher, außerdem aber noch 2 Gebet- büch er und 2 Rosenkränze.

Mitische Tagesschau.

Die antiklerikale Bewegung in Portugal nimmt immer größere Heftigkeit an. In der Universitätsstadt Coimbra, o wird der ^kath.Köln. Volksztg." berichtet, war zu einer Doktorpromotion, die stets von einem feierlichen AktuS begleitet zu werden pflegt, auch der Bischof von Oporto eingeladen. Die gewählteste Gesellschaft der Stadt, unter ihr sehr viele Damen, hatte sich in der Aula eingefunden, und das Fest nahm anfangs seinen gewöhnlichen Verlauf. Der Rektor begrüßte in seiner Rede den Bischof und rühmte eine Verdienste. Darin erblickte das liberale Publikum ein Zugeständnis an den KlerikalismuS und brach in laute Pfui« rufe auS; es erhoben sich fast alle Studenten und auch ein Teil der Professoren und begannen den Bischof gröblich zu beleidigen. Es entstand ein furchtbares Getümmel und Gedränge; die Damen flohen entsetzt und manche zogen sich Verletzungen zu, der Rektor wurde alsKlerikaler" undJesuitcnjünger" verhöhnt und war vollkommen ohnmächtig, die Ordnung wieder herzustellen, ja man hätte sich vielleicht thätlich am Bischof vergangen chou begann man ihn spöttisch am Talare zu ziehen wenn ihn nicht einige Herren in ihre Mitte genommen und zur Thür begleitet hätten, wo sein Wagen bereit stand. Durch den Wagenschlag wurden ihm noch antiklerikale Flug- chriften auf den Sitz geworfen, und begleitet von einem auten Hallo, an dem die Bevölkerung teilnahm, konnte er >ie Stadt verlassen. DerOdia", ein dortiges Blatt, meint, der Bischof, der fast sein ganzes Leben als Heidenmisfionar unter den Wilden Afrikas verbracht habe und allgemeine Anerkennung und Achtung genieße, habe erst in sein euro­päisches Vaterland heimkehren müssen, umKaffern" kennen zu lernen. Im bedeutendsten Kulturzentrum Portugals hätte er solche gefunden.

Auf Antrag des Abg. Singer (Soz.) findet eine Be­sprechung der Interpellation statt.

Abg. Müller-Fulda (Zentr.) betont, man müsse doch ruhig erst die Untersuchung abwarten, bevor man über die Behörden ein so scharfes Urteil fällt; andererseits werden allerdings rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen sein, damit sich solche Unglücksfälle nicht wiederholen.

Abg. Wurm (Soz.) weist darauf hin, daß wie bereits wiederholt festgestellt Pikrinsäure auch im feuchten Zu­stande explodiere; dies habe auch der Brand der Bauerschen Fabrik in Elberfeld gezeigt. Festgestellt sei auch, daß in der Fabrik explosionsfähige Stoffe hergestellt wurden; in der Nähe befand sich ein Benzinlager, und man hatte keine Vorkehrungen dagegen getroffen, daß es auffliegen könnte. Das ganze Unglück wäre vielleicht au vermeiden gewesen, wenn man eine ständige Kontrolle eingerichtet hätte, wobei auch die Arbeiter mitzusprechen haben.

Staatssekretär Graf Posadowsky erklärt gegenüber dem Vorredner, daß der Brand der Bauerschen Fabrik in Elberfeld nicht entstanden sei durch Explosion von Pikrin­säure; die Ursache war vielmehr, daß die Pikrinsäure sich verbunden hatte mit kalkigen Salzen und Pikrat entstand, ein Stoff, der sehr explosionsfähig ist.

Preuß. Geh. Reg.-Rat Jaeger bemerkt, bezüglich des Benzinlagers seien diejenigen Vorkehrungen getroffen ge­wesen, welche sich aus den bisher über die Lagerung leicht explodierbarer Stoffe gesammelten Erfahrungen ergaben. Nach Feststellung der Behörden bestand für das Benzinlager ^keine Gefahr; es ist auch nicht aufgeflogen. Der Gewerbe- Inspektor, der die Griesheimer Fabrik kontrollierte, ist, wie Redner betont, ein^außerordentlich tüchtiger Fachmann auf dem Gebiete der Sprengstofftechnik; er war gerade in der letzten Zeit mehrmals jede Woche, da es sich um eine neue Konzession handelte, in Griesheim zur Besichtigung gewesen. Man könne hieraus ermessen, wie unbegründet die von den Sozialdemokraten erhobenen Vorwürfe seien.

Abg. v. Kardorfk (Rp.) meint, die Sozialdemokraten tollten nun auch gegen die Große Berliner Straßenbahn vorgehen, der täglich Menschenleben geopfert würden.

Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Jaeger (nl.) und Schrader (fr. 93er.) erwidert

Abg. Singer (Soz.), es sei verwunderlich, wie der Abg.v. Kardorff einen so komischen Seitensprung bei einer so ernsten Angelegenheit thun konnte. Gerade die sozial­demokratischen Stadtverordneten seien die treibende Kraft gegen die Große Berliner Straßenbahn. Mit seinen Be­schwerden gegen die Straßenbahn müsse sich v. Kardorff an den Eisenbahnminister v. Thielen wenden, der über den ^kopf der Stadt hinweg die Konzession um 30 Jahre ver­längerte und den der Abg. v. Kardorff immer verteidige. Herr v. Kardorff meinte, es sei überhaupt unrecht, daß der elektrische Betrieb eingeführt sei. Von einem wasch­echten Agrarier wundert mich dieser Einwurf nicht. Das ist allerdings richtig, mit der Umwandlung der Pferde­bahn in eine elektrische Bahn ist der Verkauf von Pferden und Hafer etwas eingeschränkt worden. (Heiterkeit.)

Abg. p. Kardorff (Rp.) entgegnet, er habe voll­kommen ernst gesprochen. Wo habe er übrigens den Minister v. Thielen verteidigt? Vielleicht bei der Kanalvorlage?

Präsident Graf B a l l e st r e m unterbricht den Redner: Die Kanalvorlage wollen wir ruhen lassen. (Heiterkeit.)

Hiermit schließt die Besprechung.

folgt die Interpellation des Abg. v. Hoden berg ^Wclse), die lautet: Welche Schritte sind gethan zur Be- Xeumg ber in Südafrika in englischer Gefangenschaft befinduck)>en deutschen Missionare.

benb er g (Welfe): Eine Reihe deutscher ..nssionarr sei m Südafrika von den Engländern festqe- nvmmen und nach Pretoria geschleppt. Ihr Vermögen sei von den englischen Soldaten fortgenommen. Die Engländer behaupte^ daß die Missionare nicht neutral geblieben seien Zehn en Pretoria verhaftete Missionare behaupten dagegen daß es den englischen Offizieren Freude gemacht habe, gegen die deutschen Myswnare vorzugehen. Erst als sie in her Nähe von Pretoria waren, habe man sie besser behandelt Die Frage sei, ob nicht das Auswärtige Amt einen Teil der Schuld trage, daß so viele Deutsche ihre Staatsange­hörigkeit aufgegcben haben. Der Kaiser habe den Schutz, der Missionare als Hauptaufgabe bezeichnet. In der Heimat Leten Tausende für die Befreiung der deutschen Missionare.

Der neue Elberfelder Mllitarbtfrejullgs.Projeß.

XX.

Elberfeld, 7. Mai.

In der gestrigen Sitzung behandelten die Schlußvorträge der Staats­anwaltschaft und der erste Vortrag der Verteidigung lediglich die Frage: Hat eine Verbindung des Freimachers Baumann mit Militärärzten, vor allem mit Dr. Schimmel, bestanden? Die Staatsanwaltschaft bejaht diese Frage, die Verteidigung vermint sie ebenso entschieden, ja, die Ver­teidigung behauptet sogar, daß ein direkter Beweis dafür erbracht sei, daß eine Verbindung zwischen Baumann und Dr. Schimmel nicht be- ianden habe. Bei diesem scharfen Gegensatz der Meinungen, der auch in das Publikum gedrungen ist, wird mit Spannung dem Urteil entgegen­gesehen, das in dieser Woche noch zu erwarten ist.

Staatsanwalt Alberts behandelte eingehend die Frage der Be° techung von Militärärzten durch Freimacher und beleuchtete die historische Grundlage dieses Prozeßes, die schon erwähnten Befreiungsprozefse auS den 70er und 80er Jahren -or Sivil- und Militärgerichten. Der Ver­dacht, daß Baumann bestochen hat. muß zur Gewißheit werden. Die Befreiungen, bei denen Dr. Lindemann und Dr. Schimmel in den 70er und 80er Jahren thätig waren, lassen deutlich erkennen, wie Baumann mit Militärärzten operierte. Dem Dr. Schimmel wurden in allen Garnisonen und zu allen Ersatzgeschäften, wo er thätig war, Baumannsche Klienten zugeschickt. Baumann selbst hat dem Viehhändler Simson, den Kommissar Düffel als unbedingt glaubhaft bezeichnete, ge­sagt: Mittel, die ein krankhaftes Aussehen erregten, würden nicht mehr gegeben, jetzt erkläre der Arzt beim Oberersatzgeschäft die Leute einfach ür untauglich; eine Freimachung koste 2t 00 Mk, von denen er und der Arzt je 1000 Mk. erhalte; Orte, wo es gut gehe, seien Osnabrück und Münster. Diese Simsonschen Angaben weisen auf Dr. Schimmel hin, be­sonders weil Baumann Osnabrück an erster Stelle nannte. Soll das ge- chehen sein, ohne daß Baumann mit Dr. Schimmel in Verbindung ge­standen hat? Ich hebe das ausdrücklich hervor, weil Generalarzt Dr. Stricker seine Ansicht von der Unschuld Dr. Schimmels in einer Weise mt*re<mn hat' die mit dem Amte eines Sachverständigen nicht vereinbar ist. Was bei Dr. Schimmel gesagt worden ist, trifft auch bei Dr. Linde­mann zu. Auch ihm sind von Baumann Leute zugeschickt worden. Die Untersuchung ergab elf solche W hrpfi.chtige, bei denen Dr. Lindemann

« gt hat; neun davon sind Einjährige, bei denen, wenn Dr. Linde- Jk für tauglich erklärte, das ganze Freimachungsgeschäft unmöglich war Daß Baumann ein Spieler auf gut Glück war, glaube ch bei Dr. Schimmel und Dr. Lmdemann nicht annehmen zu können.

Er richte deshalb an das Auswärtige Amt die Frage, was geschehen sei, um die deutschen Missionare zu befreien? Staatssekretär Frhr. v. Richt Hofen beantwortet hier­auf die Interpellation.

Auf Antrag des Abg. Arnswaldt (Welfe) beschließt das Haus die Besprechung der Interpellation.

Dieser Unfall habe gezeigt, daß für die Genehmigung der Konzession zu den Anlagen die zuständigen Behörden in Wiesbaden diejenigen Pflichten außer acht gelassen hätten, welche ihnen durch Reichsgesetz auferlegt seien. Tie Be­hörden hätten zu prüfen, ob die geplanten Anlagen eine erhebliche Gefährdung veranlassen können. Eine amtliche Erklärung der Polizeidirektion in Frankfurt habe die Sache zu vertuschen gesucht. Nur der günstigen Windrichtung sei es zu verdanken, daß das in der Nähe befindliche Benzin­lager nicht in die Luft flog. Tie Hydranten haben fast völlig versagt. Tie Arbeiter nennen diese Fabrik ein Schlachthaus". Bei über 200 Arbeitern sei nur ein Arzt angestellt, welcher auch noch eine große Privatpraxis aus- übe. Große Arbeitermengen werden über Gebühr an­gestrengt. Was haben die Behörden und die Gewerbe-In­spektion gethan, um diesen Mißständen abzuhelfen? Man hätte bei Zeiten Arbeiter hinzuziehen sollen, um Schutz­maßnahmen zu treffen. Ter Unfall sei frivol provoziert durch die Nachlässigkeit der Behörden. Eine Untersuchung sei ein­geleitet, aber noch nicht abgeschlossen.

Staatssekretär Graf Posadowsky erklärt: Da eine Untersuchung eingeleitet sei, hätte die Sozialdemokratie doch noch einige Wochen mit ihrer Interpellation warten können. Viele Zeugen liegen im Krankenhaus, weshalb die Untersuchung noch nicht abgeschlossen werden konnte; deshalb hegt auch noch fein objektiver Bericht vor. Bei dem öorlijegenben Fall drängt sich die Frage auf, ob etwa die Konzessionierungsbedingungen der chemischen Fa­briken zu wenig scharf gestellt feien. Nach dem derzeitigen Stand der Untersuchung erfolgte die Explosion in einem Stadium, wo man bisher die Pikrinsäure nicht für explo­sionsfähig hielt, im Stadium der Feuchtigkeit. In dem Teil der Fabrik, wo die Pikrinsäure getrocknet wurde, also Explosionsgefahr vorlag, erfolgte keine Explosion. Es scheint also eine ganz neue Erfahrung vorzuliegen, und es wird zu prüfen sein, ob künftig für derartige Fabriken strengere Bedingungen zu stellen sind. Reichsgesetzliche Vor­schriften sind nicht verletzt worden. Ter Reichskanzler kann eben nur mit den Einzelstaaten in Verbindung treten und die Frage anregen, ob die Einzelstaaten neue, angemessene Vorschriften erlassen sollen. Tie Untersuchung wird sorg­fältig fortgesetzt werden.

Abg. Dr. Bachem lZtr.) giebt seiner Entrüstung dar­über Ausdruck, daß die Engländer in dem Transvaal­kriege die Missionsstationen nicht geschont haben. Er hoffe, ein Appell an die englische. Ehrenhaftigkeit werde von Erfolg gekrönt sein.

Abg. Dr. OerteT (kons.): Wir haben aus Südafrika Tinge gehört, die uns ganz unmöglich erschienen. So optimistisch denke ich von England nicht, daß ein Appell an die Ehre etwas nutzen wird. Es giebt andere Punkte, wo England empfindlicher ist. (Sehr richtig! rechts.) Für mich war das Bezeichnendste, daß der Staatssekretär zu geben mußte, die Maßregeln gegen die Missionare könnten durch die Härten des Krieges nicht genügend erklärt werden. Tas ist eine Offenheit, für die ich dem Staatssekretär danke. (Bravo! rechts.) Damit ist das Vorgehen des Eng­länders so stigmatisiert, wie er es verdient. (Beifall.) Ter Interpellant sprach von einem Hohn auf die deutsche Größe; ich^ will so weit nicht gehen, aber es kommt einem nach 1870 doch so vor, als ob das damals Erfochtene zum Teil wieder verloren gegangen ist, und dieses Gefühl der Be­schämung kann man nicht los werden. Deutschland hat nicht nötig, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen und sich dabei das Fell über die Ohren ziehen zu lassen. Wenn das Auswärtige Amt der britischen Regier­ung als maßgebende Stimmung des Volkes diese Stimm­ung unterbreiten wollte, würde es zweckdienlicher handeln, als wenn es an den Ehrenpunkt appellieren wollte, der vielseicht doch versagt. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Hasse (nl.): Ter Staatssekretär hat die Missionare insofern für mitschuldig hingestellt, als er meinte, sie hätten ihre Sympathie für die Buren nicht genügend zurückhalten können. Nach meinen Informationen ist gerade das Gegenteil der Fall. Es wird darüber gesagt, daß die Missionare vielfach zu große Sympathie für die Machthaber gezeigt hätten. Jedenfalls hat der Staats­ekretär durch seine Ausführungen nicht widerlegen können, ; die Kriegführung der Engländer bar- bar isch ist, die unsere Entrüstung herausfordert. (Bravo!)

Damit schließt die Besprechung der Interpellation. Nächste Sitzung Mittwoch.