Werde dieselbe einmal durchlöchert, so bube die Kammer die Konsequenzen zu tragen. Er empfiehlt daher den Aus- schußantrag anzunehmen.
Die Stamm er bewilligt hierauf den angeforderten Betrag von 452957 Mark, streicht aber den angeforderten Betrag von 2460 Mark für die M i e t e n t s ch ä d i g u n g der Provinzialdirektoren in "Darmstadt und Gießen, sowie die von der Regierung beantragte Aufbesserung der behalte der Kreisamtsdiener. Die Kapitel 31—35 werden ohne Debatte genehmigt. Zu Kapitel 36, Landesuni- versität beantragen die Abg. Schlenger und Molthan Strich der II. Professur für Philosophie und Pädagogik und der II. Professur für semitische Sprachen.
Abg. Köhler- Langsdorf beantragt Streichung des Lehrstuhls für innere Thierheilkunde und Ein führung des Instituts von Bezirkshebammen, um Hierdurch hervorgetretenen Mißständen, die er in seiner eigenen Praxis (Gelächter) kennen lernte, zu beseitigen.
Oberregierungsrat Weber stellt fest, daß es sich bei dem Lehrstuhl für semitische Sprache lediglich um das Interesse evangelischer G e i ft l i ch e n handele, die für ihr Examen die einschlägigen Gesetzesbücher kennen müßten. Ein Zuzug von semitischen Studenten sei hierdurch nicht zu befürchten.
Auf Antrag des Abg. Weidner wird die Abstimmung Iber dieses Kapitel gegen acht Stimmen bis auf morgen früh ausgesetzt.
-ck- Darmstadt,?. März.
Daß unsere Regierung stets etwas übrig hat für unser' Landes Universität, ist längst bekannt; dies konnte man heute wieder bestätigt finden, als man in die Beratung dieses Kapitels eintrat. So hat sie aus dem Blumenkorb, der ihr von der Universität geäußerten Wünsche wieder einige berücksichtigt und in den diesjährigen Voranschlag, weil zur Entwickelung unserer Landesuniversität Unbedingt erforderlich, eingestellt. So bemerken wir eine neue ordentliche Professur für Philosophie und Pädagogik und eine außerordentliche für die semitischen Sprachen. Jedoch mit diesen beiden Forderungen fand man wenig Entgegenkommen seitens der Kammer, da viele andere in dieses Kapitel einschlagende. Wünsche, die schon oft aus der Mitte der Volksvertretung »nd auch sonst geäußert wurden, auch diesmal nicht die erwünschte Berücksichtigung fanden. So hat sich die Kammer schon wiederholt dafür ausgesprochen, in Anbetracht der Wichtigkeit des Gegenstandes, die zur Zeit bestehende außerordentliche Professur für Geographie in eine ordentliche umzuwandeln. Eine zweite Professur für Nationalökonomie wurde schon oft als Bedürfnis Empfunden. Eine Lehrstelle für angewandte Mathematik ist aus diesem Kreise schon an- Seregt worden. Wenn Abg. v. Brentano die in den iesmaligen Voranschlag eingestellte außerordentliche Professur für f emitifche Sprachen damit zu bekämpfen glaubt, daß er befürchtet, es könnten Zustände wie an der Darm städter technischen Hochschule, daß vor lauter ausländischen Gewächsen, wie Polen, Rumänen re. der Einheimische zurück- gedrängt wird, durch diese Lernmöglichkeit entstehen, so verkannte er das Wesen dieser Professur völlig. (Es ist jedoch richtig, daß unsere Universitäten und Hochschulen den Ausländern gegenüber eine Liberalität Leigen, die nicht unbedenklich ist. Indem sie den Angehörigen fremder Nationen Gelegenheit geben, sich deutsche Kultur und deutsches Wissen anzueignen, entsteht dadurch Fir uns "im Auslande eine immer schärfere Korill r r e n z auf allen Gebieten der abstrakten und technischen Wissenschaften, die für uns natürlich nicht von Vorteil fein kann. Das gilt namentlich von den Gebieten der Volkswirtschaft, Landwirtschaft und des Kngenieurwesens. D. Red.)
Große Freigebigkeit zeigte die Regierung im Voranschlag der tierärztlichen Abteilung unserer Universität gegenüber, in dem ein neuer ordentlicher nnd ein außerordentlich!er Professor neu vorgesehen sind. Wenn Abg. Köhler die Errichtung der außerordentlichen Professur für innere Tierkrankheiten nicht gefällt, so muß das bei ihm Wunder nehmen. Denn wem iommcri die Fortschritte dieses Zweiges der Wissenschaft in erster Linie zu Gute? Sicherlich dem Bauernstand! Wie er alles stets allein für feine bäuerlichen Interessen zugespitzt wünscht, so will er auch, daß der Professor für Zoologie mehr für die Fischzucht des Landes thue. Die «geplante Professur für Philosophie und Pädagogik machte auch viel Kopfzerbrechen. Abg. Schlenger meint mit der SparsamkeitSschere im Interesse des Landes einen Schnitt machen zu können, indem der seitherige Modus, die Vorlesung über Pädagogik von einem Lehrer im Nebenamt lesen zu lassen, seinen vollen Beifall gefunden hat, besonders im Interesse des hessischen Geld- täckels. Ob dies jedoch geeignet ist, das Ansehen unserer lniversität zu erhöhen, wird wohl auch von Herrn Schlenger nicht behauptet werden können. Die Abstimmung über diese Punkte wurde in Anbetracht der vorgerückten Stunde auf morgen verschoben.
Interessant waren noch die Ausführringen des Abg. Haas-Darmstadt über die von ihm gedachte Ausbildung der hessischen Juristen, die sich der Verwaltung zu widmen gedenken. Er beleuchtete die mangelhafte fachliche Nusbildung und verlangte statt des jetzt erforderlichen halb- Iährlichen einen zweijährigen Vorbereit nngs- 'ienstbei denVerwaltungsbehörden. Außerdem brachte er in Anregung Beschäftigung bei Handelskammern, einen obligatorischen Besuch von national-ökonomischen Hebungen, auch Anrechnung von Lienstzeit, die bei kommunalen verbracht sind usw.
aI§ crJ)5?tltcr langjähriger Verwaltungsbeamter, muß wissen, wo es.hier fehlt und wie dem abgeholfen werden kann, vorderhand find ja zwar feine Ausführungen nur ein schöner Traum zu betrachten, die Verwirklichung wird wohl noch längere Zeit auf sich Karten lassen.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 7. März.
Am BundeSratStiscb befindet fich 6taat8ktrefär v. Tirpttz.
PiSsident Grat B-llettrcm etiffact die Sitzung um 1 Hbr JO Mw. und ergreift das Wort zu folgender «n'p etbe; .Ich &«b dem Hause die betrübende Mitteilung zu machen, d«h Seine Maftftä der Kaiser aestern bei einerFab'-t in B"wen durch ein Stück Eüen welches ein 20 Jahre alteS Individuum gegen den katserltchm Wag-.
schleuderte, nicht unerheblich im Gesicht verletzt worden ist. Es scheint bis fitzt, daß durch GottcS gnädige Fügung die Verletzunk k ine gefährliche ist, und daß unser kaiserlicher Har, welcher zurzet' jedoch b^tt ägelig ist, in nicht allzu langer Z tt wtederhergrstellt fein w>rd. Indem ich im Namen deS Reichstages der Abscheu über die unselige Thal hiermit Ausdruck gebe, verbinde ich damit den Dank gegen den gütigen Gott, welcher den Kaiser und unser deutsches Vater land vor schwerem Unheil gnädig bewahrt hat, und bitte Gott um baldige Herstellung des geliebten Monarchen und um feinen ferneren Schutz und Schirm seiner erhabenen Person. Sie haben sich von Ihren Plätzen erhoben, um sich dtrsen meinen Worten und Gefühlen anzusch'ietzen. Ich konstatiere daS.'
Die Abgeordneten haben fich während der Worte des Präsidenten von ihren P ätzen erhoben. Von den Sozialdemokraten ist niemand im Saale anwesend.
Das Haus tritt hierauf in die Beratung des Marine- Etats ein.
Abg. Röftcke-Katserslautern (Bd. d. Landw.) fragt an, ob es wahr fei, daß die Marine nach dem Erlaß deS Fltischbeschaugesetzes noch Konserven auS Amerika eingeführt habe. Redner wünscht ferner eine Statistik über die Verproviantierung der Marine.
Staatssekretär v. Tirpitz erklärt: Wir waren im vorigen Jahre nicht in der Lage, bestimmte Konservm im Jnlande zu de- tchaffm; eS gab bisher solche nicht in Deutschland. Wir mußten daher den MobilmachungSbedars den bisherigen Bezugsquellen entnehmen. Noch vor dem Erlaß deS Fleischbeschaugesetzes find die Intendanturen angewiesen worden, über einheimische Konservesabrikm Ermittelungen anzustellen. Bereits im Herbste konnten wir einheimische Konserven bestellen.
Abg. Bebel (Soz.) fragt an, ob der deutsche Flottenverein der Marine Geld angeboten und ob die Marine solches angmommen habe, ferner ob eS wahr sei, daß dem Kreuzer „Fürst Bismarck" auf der Fahrt nach China ein Unfall zugestoßen fei
Staatssekretär v. Tirpttz erklärt: Der Marine ist bisher vom Deutschen Flottenverein kein Geld angeboten worden. Der Auslands- Flottenverein beabfichtigt allerdings, Geld zu sammeln, daS war aber bisher nur Theorie. Wenn der AuSlandsflottenveretn unS ein Kanonenboot schenkt, giebt es keine Bestimmung, wonach wir eine derartige Schenkung ablehnen sollten. Wenn unS die Annahme derselben Kosten macht, unterliegen diese natürlich der verfassungsmäßigen Bewilligung des Reichstags Der Auslandsflottenvereia will die Deutschen im Ausland zu nationaldeutschm Zwecken zusammenführen. DaS ist nur mit Wärme zu begrüßen.
Abg. Molkenbuhr (Soz.) weist auf die großen Verluste hin, die die deutsche Marine seit 1878 an Schiften und Mannschasten erlitten habe. Offenbar geschehe nicht genug für Rettungsmaßregeln. Auch würden sie nicht zeitig genug vorgenommen, sondern es würden KaiserhochS ausgebracht und sonstige patriotische Kundgebungm veranstaltet.
Staatssekretär v. Tirpitz bemerkt; Es ist gang selbstverständlich, daß die Retiungsmaßregeln routinemäßig in der Marine geübt werden. Drei Kriegsschiffe find spurlos verschwunden, wobei natürlich niemand gerettet wurde. Bei der „Gneisenau" konnten die Schiffsboote gar nicht benutzt werden. Die größten Verluste traten durch Strandungen ein und gegen Strandungen ist kein Kraut gewachsen. Nur durch planmäßiges Vorgehen deS Kommandeurs konnten so viel Mannschasteen gerettet werden
Abg. Semmler (ntl) wünscht Ausbesserung der Werftmaschinen zweiter Klasse und der Werftschiffoführer.
Abg. Bebel (Soz.) sagt: Wenn die Marine noch amerikanisches Büchsenfleisch angekauft hat, nachdem wir das Fleischbeschaugesetz beraten hatten, beweist das, daß das Gesetz nicht deshalb erlassen wurde, weil das Büchsenfleisch gesundheitsschädlich ist, sondern nur, um den Agrariern einen Gefallen zu thun.
Abg. Molkenbuhr (Soz.) kommt nochmals auf die Rettungsmaßregeln der Marine zu sprechen.
Staatssekretär v. Tirpitz: Ein Vergleich zwischen den Verlusten der Kriegs- und Handelsmarine läßt fich nicht ziehen. Wir hatten auch Verluste, wobei kein Menschenleben zugrunde gegangen ist. An der Westküste Jütlands ist ein Schiff untergegangen, ohne daß ein Menschenleben zu beklagen war. Von 460 Mann der „Gneisenau" wurden 420 gerettet; das ist verhältnismäßig günstig.
Abg. Gras Klinckowströrn (kons.) protestiert gegen die Angriffe Molkenbuhrs, daß bei der Marine nicht mehr geschehe, um UnglückLfälle zu verhüten. Unsere Marine sei vorbildlich. Natürlich sei bei der Kriegsmarine das Risiko größer als bei der Handelsmarine. Für die Erklärung bezüglich des Büchsenfleisches sei Redner dem Staatssekretär dankbar.
Der Titel „Gehalt deS Staatssekretärs" wird bewilligt, hierauf wird ebenso bewilligt das ganze Ordinarium.
Im Extraordinarium beantragt die Kommission einige Abstriche, erner beantragt sie eine Resolution, der Reichskanzler möge im Jntereffe der Ersparnisse die Errichtung eines Panzerplattenwerkes auf Reichskosten erwägen.
Referent Abg. Müll er.Fulda (Cent.) weist darauf hin, daß das Marineamt der Bereinigten Staaten bereits im Vorjahre 400 Mk pro Tonne Panzerplatten weniger bezahlt habe als unsere Marine. Das bedeute für die Bauzeit des Flottenprogramms einen Nachteil von drei Millionen Mark.
Staatssekretär v. Tirpitz erklärt: Bezüglich der Panzerplattenpreise sind zwischen der Firma Krupp und dem Reichsmarineamt Ver. Handlungen gepflogen worden. Krupp bot eine Preisermäßigunn von 150 Mk. an, wenn das Reichsmarineamt einen Jahresbedarf an Panzerplatten von nicht unter 6000 Tonnen bestellen würde. Da Krupp auch onst noch kleine Ermäßigungen gewähren wollte, ergiebt sich eine Preisdifferenz gegenüber den amerikanischen Platten von 220 Mk. loco Esten. (Zuruf links: Auch noch genug I) Krupp erbot sich weiterhin zu einer noch erheblicheren Preisermäßigung, wenn die Bestellungen auf eine Reihe von Jahren gesichert würden. (Lachen links!) Hierüber schweben noch Verhandlungen. Krupp hat es am Entgegenkommen nicht fehlen lasten, und wir werden zu dem Resultat kommen, daß unsere Panzerplatten nicht teurer werden, als die amerikanischen.
Abg. Müller- Fulda (Centr.) hält das Entgegenkommens der Firma Krupp nicht für genügend und bittet, an der Resolution öfest- zuhalten.
Die Resolution wird hierauf gegen die Stimme des Abg. v. Kar- dorff angenommen, und sodann ohne weitere Debatte das Extraordinarium gemäß den Anträgen der Äommiffton genehmigt.
Nächste Sitzung morgen 2 Uhr.
Tagesordnung: 1. Beratung des Gesetzes betreffend die Unfalls- Fürsorge für die Soldaten, ferner kleinere Vorlagen.
Schluß gegen 3 Uhr.
Schwurgericht.
K. Gießen, 7. März.
Fortsetzung in der Straf fache gegen Günther und L ö b f a cf wegen gemeinschaftlichen Straßenraubs. Verteidiger Rechtsanwalt Hoos führt aus, daß sich aus den Zeugenaussagen doch manche Zweifel ergäben, sodaß die Behauptungen des Angeklagten Günther nicht so kurzer Hand zu verwerfen seien, ganz entschieden aber bestreitet er, daß der Raub, wenn die Geschworenen überhaupt zu der Ansicht kämen, daß ein solcher vorliege, auf der Straße geschehen sei. Es gehe aus den Zeugenaussagen und dem Augenscheinsprotokoll hervor, daß der Raub selbst auf einem Acker ausgeführt worden fei. Im übrigen schließt er sich dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf Zubilligung mildernder Umstünde an, umsomehr, als es fich doch nur um ein sog. „Räubcljen" handele.
Nach den Ausführungen des Rechtsanwalts Hoos werden sämtliche Zeugen im Einverständnis des Staatsanwalts und der Verteidiger entlassen. Der Verteidiger des Löbsack, Rechtsanwalt Raab, schließt sich im wesentlichen den Ausführungen des Rechtsanwalts Hoos an, findet es nur merk
würdig, daß sein Klient sich so außerordentlich^ belastet, auch ist er der Ansicht, daß die ursprüngliche Schlägerei, doch nur auf Veranlassung des Beraubten hin begonnen hätte. Auch er bittet für seinen Klienten um mildernde Umstände. In feiner Replik sucht hieraus der Staatsanwalt die Ausführungen der Verteidiger, soweit sie mit seiner Ansicht nicht übereinstimmen oder Zweifel in das Vorhandensein des.vollen Thatbestands des gemeinen Straßenraubs setzten, zu widerlegen, insbesondere die Annahme, daß der Raub nicht auf der Straße geschehen sei, wie die Verteidiger behauptet haben. Nachdem jeder der Verteidiger nochmals zur Tuplik das Wort erhalten hatten, in der sie ihre Hauptbedenken nach wie vor aufrecht erhielten, las der Vorsitzende die Fragen vor und knüpfte daran die Rechtsbelehrung der Geschworenen über Raub, Straßenraub, Mitthäterschaft und mildernde Umstände, ebenso auch über die Formalitäten der geheimen Beratung und Mstimmung. Die Geschworenen ziehen sich hierauf zur Beratung zurück, die Angeklagten werden abgeführt.
Nach etwa 20 Minuten bittet der Obmann der Ge- chworenen, Bürgermeister Karl Roth von Kaichen, das Gericht um Berichtigung der Frage hinsichtlich des Geldbetrags von 3 Mk. Der Vorsitzende erteilt zu eventuellen Anträgen dem Staatsanwalt Koch das Wort. Dieser er Ilärt, daß eine Mänderung wegen des Wortlauts des Eröffnungsbeschlusses unmöglich ist, daß es aber den Ge- chworenen überlassen bleibt, die Hauptfrage nur bezüglich eines geringeren Betrages zu bejahen. Die Verteidiger sind derselben Ansicht. Darauf ziehen sich die Geschworenen wieder zurück. Nach einer Beratung von 30 Minuten verkündet der Obmann der Geschworenen deren Spruch dahin, laß die erste Hauptfrage bezüglich des Günther zu bejah e n ist, mit der Einschränkung, daß nicht erwiesen ei, daß mehr als 1.80 Mk. bares Geld geraubt worden ei. Ebenso wird die Nebenfrage auf Zubilligung mildernder Umstände bejaht. Denselben Spruch verkündet der Obmann bezüglich der Fragen wegen Löbsacks. Ta die Form des Spruches undeutlich war, zogen sich die Ge- chworenen nochmals, zur Beratung zurück und der Obmann verkündet nach Abänderung des Spruches diesen nach etwa 10 Minuten. Darauf wurden die Angeklagten hereingeführt und ihnen der Wahrspruch der Geschworenen vorgelesen Nachdem der Vorsitzende aus den Akten konstatiert hat, eit wann die Angeklagten in Untersuchungshaft find, erteilt er dem Staatsanwalt zur Antragstellung bezüglich des Strafmaßes das Wort. Dieser beantragt gegen jeden der beiden Angeklagten eine Gefängnisstrafe von zwei ein halb Jahren und Tragung der Kosten, bezüglich des Löbsack auch die Untersuchungshaft anzurechnen. Beide Verteidiger halten die beantragte Strafe für zu hoch und bitten, diel Untersuchungshaft beiden Angeklagten anzurechnen. Nach geheimer Beratung verkündet der Präsident das Urteil dahin, daß die beiden Angeklagten wegen gemeinsamen Straßenraubs und zwar Günther mit 1 Jahr 9 Monaten, Löbsack mit 1 Jahr 6 Monaten bestraft würden. Letzterem wurde, da er geständig ist, die Untersuchungshaft mit 2 Monaten angerechnet, die der Strafe entsprechenden Gerichtsgebühren werden beiden gemeinsam unter solidarischer Haftbarkeit auferlegt. Beide Angeklagten erkennen das Urteil an. Tie Sachlage, auf der dasselbe basiert, ist kurz olgende: Am 11. November 1900 gingen die beiden Angeklagten mit dem Beraubten Klumm von Friedberg nach Ober-Roßbach zu, wobei es zwischen ihnen zum Wortwechsel kam. Klumm, der stark angeheitert war, trennte sich bald von den beiden, um von ihnen loszukommen. Da er aber nicht mehr sicher auf den Beinen war, hatten die Angeklagten leichtes Spiel, ihre Absicht, ihn zu berauben, auszuführen. Den Anfang hat Günther gemacht, der vorschlug, dem Klumm seine Barschaft abzunehmen und ihn laufen zu lassen. Sie gingen ihm also nach- schlugen ihn auf der Straße zusammen und schleppten ihn dann auf einen auf die Straße stoßenden Kleeacker, wo ihm Günther den Stock abnahm und ihn mit demselben, während Löbsack ihn festhielt, mehrfach schlug, sodaß er im Gesicht blutende Wunden und auch sonst blaue Male davon trug. Auch Löb- ack schlug mit den Fäusten aus Klumm, der fich, soweit es ihm in feiner Betrunkenheit möglich war, wehrte. Dann nahm ihm Günther das Geld, das er lose in der Hofen tasche hatte, etwa 1.85 Mk., heraus, und die beiden ent- ernten sich mit dem Stock, der Mütze und der Pfeife des Ueberfallenen. Zufällig des Wegs kommende Spaziergänger und Radfahrer nahmen fich des Verletzten an, und aust >effen Angaben hin gelang es, die beiden Angeklagten kurze Zeit darauf dingfest zu machen. (Schluß im zweiten Blatt.)
Aus Stadt und Sand.
Gießen, den 8. März 1901.
*' Personal-Nachrichten. Der Großherzog hat am 25. Februar dem Pfarrverwalter Georg Landmann zn Burkhards, Dekanat Schotten, die evangelische Pfarrstelle daselbst übertragen.
** Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Als letzten Redner der diesjährigen Vortragsreihe hatte die Gesellschaft Prof. Detmer-Jena gewonnen, dessen Vortrag über Brasilien schon im vorigen Jahre einen großen Eindruck hinterlassen hatte. Diesesmal führte er seine Zuhörer nach Algier, Tunis und in die Sahara. Auch bi» Schilderung dieser Reise fesselte mächtig. Sprudelnd« Lebendigkeit, eine seltene Beobachtungsgabe und ein für alle Schönheiten überaus empfindliches Auge bereinigen sich, ein farbenprächtiges, malerisches Bild Nordafrikas zn entrollen. Berber, Kabylen, Tuareks, hamitische Ackerbauer, die semitischen Juden, Araber und das Mischvolk der Mauren ziehen mit ihrer Eigenart an Tracht und Lebensgewohnheiten in ihrer palmenreichen Heimat an uns vorüber; die Stadt Algier tritt in ihren orientalisch engen und komfortabel europäischen Stadtteilen, mit ihrem bewegten Straßenleben, mit ihren Bazaren plastisch vor die Augen des Zuhörers. Die Ruinen Kartagos, eine große Schuttstätte, mitten im flachen Lande, von Mohn und Disteln überwuchert, vo» ■ glühender Sonne überstrahlt, wird gestreift, die merkwürdige ; herrliche Pflanzenwelt der Küste und die sonderbare wildwachsende Vegetation des waldlosen, von undurchdringlichem Gestrüpp bestandenen Landes vorgeführt. Bald taucht, dem Innern zu, das gegen die Kabylen erbaute Fort „National" auf und vor den Augen liegt nun die wundervoll« alpine Landschaft des Atlas. Wie Schwalbennester liegen die Dörfer kreisrund um die Berghöhen gelagert, festungs- artig eng gelegt. Ganze Familien, Väter, Söhne und Enkel \


