Ausgabe 
8.12.1901 Erstes Blatt
 
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bei. Noch ein Jahr etwa wird e§ dauern und wir bieten unfern Kindern und Lehrern Lokalitäten, mit denen wir uns jeder Gemeinde im Lande würdig zur Seite stellen können.

a. Watzenborn, 7. Dez. Hohe Güterpreise wurden bei einer vor einigen Wochen hier stattgehabten Versteigerung erzielt. Der Erlös für 17 192 Quadratmeter Acker und Wiesen betrug 10 015 Mark. Für den Normalmorgen (2500 Quadratmeter) ergiebt sich mithin ein Durchschnitts­preis von 1456 Mk. Ein anderer Acker von 1556 Qm. -Flächeninhalt wurde mit 1350 Mk. bezahlt.

fc. Ilbenstadt, 5. Dez. Wie wir meldeten, hat der hie­sige Bürgermeister Jakob Zwier seinem Leben durch Er­hängen ein Ende gemacht. Wie uns nun mitgeteilt wird, bekleidete Z. das Bürgermeisteramt seit 3 Jahren. Er hatte eine zahlreiche Familie und ist in seinen VermögenLverhält- nissen sehr zurückgegangen. Das von ihm gepachtete größere Gut ist ihm gekündigt worden, da er seinen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte. Dies alles hat ihn in den Tod ^trieben.

t Vvm höchsten Vogelsberg, 5. Dez. Unser ^--Korrespondent hält gegenüber der uns aus Leserkreisen zu- tgegangenen Mitteilung, die wir in Nr. 285 aufnahmen, seine Behauptungen aufrecht und schreibt: Sogar die Bewohner von nicht interessierten Gemeinden sind erstaunt darüber, daß die Dahn über Hartmannshain geführt werden soll. Scherzweise spricht man hier von einer oberhessischen Schweiz, weil man versuchte, Bahnen auf Berge zu bauen. Alle Be­wohner der hiesigen Gegend sind entrüstet. In der Be­gründung jener Vorlage heißt es, daß die Linie über Hart­mannshain den im hohen Vogelsberg gelegenen waldreichen Distrikten des Oberwaldes mit seinen Ausläufern bei Hart­mannshain und Herchenhain näher komme. Diese Äus- Iäu|er haben aber nur wenig nutzbares Holz. Man braucht 'sich nur einmal einen Buchenhock)wald hinter Herchenhain ianzusehen. Von dieser Qualität Holz, das höchstens als Brennmaterial verwendet werden kann, wird wohl wenig mit der Bahn versandt werden; und was aus diesem Bezirk zur Bahn gefahren wird, ist doch viel schwerer über Hart­mannshain oder gar Herchenhain zu schaffen, da der Ober­wald nordöstlich hinter der Herchenhainer Höhe liegt und um diese herum zu fahren ist. Die Statton Ilbes­hausen dagegen liegt nur eine Viertelstunde nördlich vom Lberwald und Grebenhain dreiviertel Stunde südlich vom -Oberwald. Im Winter aber ist es unmöglich, aus dem Dberwald nach den beiden Orten Herchenhain und Hart- .maunshain mit Fuhrwerk zu gelangen. Ferner ist in der 'Begründung angegeben, daß bei Hartmannshaiu und (Herchenhain Thonlager von erheblicher Mächttgkeit, und ^Basalte vorhanden sind. In der Gemarkung Herchenhain aber befinden sich gar keine Thonlager und in der Ge­markung Hartmannshaiir nur ganz unbedeutende. Die vor­handenen Basalte aber sind zu Bau- oder Pflastersteinen ungeeignet, weshalb die Herchenhainer und Hartmanns- hainer Thon aus der Gegend unterhalb Volkartshain (andert­halb Stunde entfernt) und bei Grebenhain (ebenso weit ent­fernt) holen müssen, und Bausteine (Basalt) holen sie aus den Steinbrüchen bei Gedern (2 Stunden entfernt). Basalt- Steinbrüche finden sich bei Hartmannshain und Herchern- ^hain nicht. Auch aus den Gemeinden Sichenhausen, Kaul- ;stos und Burkhards gelangt mau viel früher nach Gedern als nach .Hartmannshain. Diese Orte liegen fast in einer ; geraben Linie, und die Kreisstraße von Siechenhausen nach i Herchenhain ist so steil, daß die Steigung in einer Ent­fernung von einer halben Stunde ea. 180 Meter beträgt Ebenso ist die Steigung von Hartmannshain nach Herchen­hain nicht viel geringer. Diese Orte haben somit kein In­teresse an der Bahn. Auch wird von Sachverständigen be- !zweiselt, daß sich das Projett über Hartmannshain billiger (stellt als über Bermutshain-Bölzberg-VvlLartshain. Wenn die Bahn über Bolkartshaiu usw. geführt wird, wie ur- isprünglich beabsichtigt war, dann würden noch viele Wald­ungen (nämlich südöstlich dieser Linie) und auch, wie in Iber Begründung erwähnt, große Thonlager erschlössen wer- !den können, was zur Rentabilität der Bahn gewiß beitragen iwürde. Ferner giebt es in der Bolkartshainer Gemarkung 'eine Eisensteingrube, deren Abbau den Verkehr ebenfalls -heben würde. Die 13 petitionierenden Gemeinden wollen 'eine Terrainbesichtigung durch die Abgeordneten der Zweiten ! Sammer beantragen und sind bereit, falls ihre Angaben nicht den Thatsachen entsprechen, die Reisekosten der 'Herren zu decken. Es wird allgemein bedauert, daß die 'beiden Abgeordneten Schmalbach und Weidner in dieser 'Weise ihre Wahlkreise vertteten. Der Hauptverkehr geht tür 'die meisten der 13 Gemeinden nicht über Grebenhain ooer iEteinau, sondern nach Süden, nämlich über Gedern nach Gelnhcmsen, Hanau, Frankfurt usw.

Hanau, 6. Dez. An der zwischen Offenbach und -Mülheim liegenden, durch das Eisenbahnunglück vom vori­gen Jahre bekannte^ Blockstation wird jetzt zur

größeren Sicherheit der durchfahrenden Züge in Verbind­ung mit dem Hauptsignal ein Vorsignal aufgestellt.

Ter Ersenbahnuufall im Frauksurter Hauptbahnhof.

Frankfurt, 6. Dez.

lieber den Hergang des Unfalls werden folgende Einzel­heiten bekannt: Der hier um 3 Uhr 33 Minuten fällige Orient-Expreßzug Ostende-Wien war, von Ost­ende kommend, von Mainz mit 85 Minuten Verspätung ab­gefahren. Um etwas Zeit einzuholen, hat der Lokomotiv­führer zwischen Mainz und Frankfurt ein sehr schnelles Tempo eingeschlagen. Bei der Einfahrt in den Frank­furter Hauptbahnhof soll der Zug mit einer Geschwindigkeit von 85 Kilometern pro Stunde gefahren sein, während das vorgeschriebene Einfahrtstempo auf 20 Kilometer bemessen ist. Der Zug war aus drei Schlaftvagen und einem Post- und Gepäckwagen zusammengesetzt, mit zusammen 15 Achsen. Als Vorspann diente eine große Schnellzug-Maschine Mainz 329" mit Tender. Der Zug fuhr vorschriftsmäßig in Geleise 3, Bahnsteig 2, ein. Dort überführ er zunächst die Kiesschüttung und das dahinterliegende, etwa 20 Zenti­meter starke Asphaltpflaster, riß dann den schweren, eisernen und stark verankerten Prellbock wie ein Streichholz zusammen, fegte im Weiterrasen die Vaternahm-sche Buch­handlungsbude Nr. 1 mit ihrem gesamten Inhalt weg, überfuhr den Querperron und durchschlug die Vorder­fassade des Empfangsgebäudes zum südlichen Wartesaal erster und zweiter Klasse. Die Fassadenmauer ist an jener Stelle etwa L20 Meter stark- Der Durchbruch verursachte ein klaffendes Loch, das bei einer Breite von über zehn Metern etwa zwölf Meter hoch sein mag.

Im Wartesall machte die große Schnellzugsmaschine endlich Halt, aber nicht freiwillig. Einige zentnerschwere Quadersteine legten sich vor und unter die Vorderräder! der Maschine, die somit am weiteren Vordringen gehindert wurde, indem sich der Vorderteil etwas aufbüumte. Hatte sich dieses Hindernis nicht in den Weg gestellt, so hätte man wohl das noch ungewöhnlichere Sci-auspiel erlebt, daß der Train quer durch das Empfangsgebäude bis auf den Bahnhofsplatz gelangt wäre! Der schöne Saal bietet ein Bild der Zerstörung. Die ganze nach den Perrons zu gelegene Wandseite ist verschwunden. Trümmerwerk und Eisenteile sind umher zerstreut, öde und verlassen liegt das sonst so wirlliche Buffet. Äe Maschine ist verhältnis­mäßig wenig beschädigt Völlig vernichtet sind die Schutz­vorrichtung, die Puffer und Laternen; der obere Tell dcs Schornsteins ist verloren gegangen. Der Kessel und die Zylindergehäuse sind stark verbeult, das Laufbrett ist ver­bogen. Auch der Führerstand hat Beschädigungen erlitten, dagegen sind die inneren Teile der Maschine, wie die Feuerbuchse, die Heizrohre und auch die Armaturen, merk­würdigerweise ganz intatt geblieben. Während Maschine und Tender etwa 15 Meter weit in den Wartesaal bor­get) ruu gen sind, blieb der Pack- und Postwagen auf dem Querperron; der vorderste Schlafwagen gelangte noch zum Teil bis aus den Perron, dagegen blieben die beiden an­deren Schlafwagen auf dem Gelesei stehen. Die Schlafwagen wurden überhaupt nicht beschädigt, und konnten schon um 5 Uhr 15 Min., also 20 Väinuten nach der Katastrophe, mit einer Ersatzmaschine in der Richtung nach Wien weiter- gesahren werden.

Verunglückt ist niemand. Der hier nwhnende Loko­motivführer Christ und der Heizer Peter blieben auf der Maschine, nur ersterer erlitt leichte, unbedeutende Quetsch- ungent Im Zuge selbst befanden sich außer dem Zug­führer F l e t t n e r und vier Schlafwagenbeamten der Inter­nationalen Schlafwagengesellschaft nur wenig Passagiere, die erst später erfuhren, in welcher Gefahr sie sich befunden hatten. Hierbei sei bemertt, daß der verunglückte Zug auf Rechnung der genannten Gesellschaft gefahren wird.

lieber die Vorgänge im Wartesaal zur Zeit der Kata­strophe wird erzählt: Der diensthabende Portter hatte eben zum Orient-ExpreßHug ab gerufen. Es hatten sich darauf mehrere Anwesende aus dem Wartesaal bereits entfernt; in ihm befanden sich noch der Bahnhofsportier, zwei Kellner, zlvei Büffetdamen und von Paffagieren sieben Herren und eine Dame. Dem Portier siel das ungewöhnlich starke Geräusch, das beim brausenden Mherkommen des Eilzuges entstand, auh- Er ließ, Unheil ahnend, den Ruf ertönen:Rette sich wer kann!" und brachte sich schnell in Sicherheit. Das that auch der eine Kellner auf den Zuruf des Portiers. Der andere Kellner wollte einem Herrn gerade Kaffee servieren, ihm siel vor Schxeck das ganze Tablett aus der Hand. Die beiden Buffetdamen waren entsetzt, an Stelle von Gästen plötzlich die rauchende, schnaubende und keuchenöe Lokomotive im Wartesaal vor sich zu sehen? Ein Herr, der links in der Ecke auf dem Svpha schlief, konnte aus dem Trümmerwerk nur schwer den Ausgang sinden; später fand man in der Ecke sein

Gepäck. Ein anderer Herr wurde von vorgeschobenen Stühlen arg bedrängt. Auch er konnte erst nach vieler Mühe von seinem gefahrvollen Platz dicht vor der Maschine? befreit werden. Es ist thatsächlich eine wunderbare Fügung des Schicksals, daß bei der so gefahrvollen Situation nie- ntaitb zu Schaden gekommen ist. Der Führer, der mit dem Heizer, als die ßoEomotioe hielt, ab gestiegen war, begab sich wieder hinauf, um den Dampf abzustellen, da die Maschine furchtbarblies", und so die Gefahr einer Ex­plosion abzuwenden. Noch um 9 Uhr vormittags sül der Kessel Dampf gehalten haben. Der dienstthuende Bahnsteig­schaffner H a l b l e i n schwebte in größter Lebensgefahr. Er war gerade mit dem Visieren eines Fahrscheinheftes be­schäftigt und wäre unfehlbar überfahren worden, hätte ihn nicht im letzten Augenblick der bei ihm stehende Schlaf. Wagenkontrolleur Hügel zurückgerissen,. Hätte die Kato- stvophe einige Stunden später sich ereignet, dann wären lich die Folgen schrecklich gewesen.

Trotz des Unfalles verkehren fast sämlliche Züge voll- ständig fahrplanmäßig. Nur der Luxuszug nach Ostende, welchem der Unfall zustieß, hatte über drei Stunden Ver­spätung. Prinz und Prinzessin Friedrich Carl von H e s ss e n mit den ältesten Prinzen besichtigten heute vor­mittag die Unfallstelle.

*

Unser Originalberichterstatter meldet uns noch folgendes: Das war ein eigentümlicher Anblick, der sich den m die drei mächtigen Hallen einfahrenden Passagieren bot. Eine Trümmerstätte, eifrige Räumungsarbeiten und ein Massen­andrang seitens des Publikums, den die zahlreich aufgebotenen und an allen Eingängen postierten Schutzleute kaum zu flauen vermochten. Alles wollte den toten Lokomotivdrachen, der sich da gerade dem Buffet gegenüber im Restaurationssaal 2. Klasse, rechts von der Ankunftshalle aus, festgefahren hatte und der noch bis über die Mittagsstunden hinein auf seinem mit cyklopischem Ungestüm erstampften Terrain verharrte.

Wie wenig das Publikum noch von Selbsterziehung weiß, zeigt sich bei solchen Gelegenheiten. Unvernünftige Neugier behauptet den Vorrang vor jeder vernünftigen Ueberlegung. Und dann tauchen im Maffengewirr urplötzlich jene Gestalten auf, denen man selbst im hellen Tageslicht nicht gern be­gegnet, die Typen der Herumlungerer, die das Straf­gesetzbuch nur notbürftig im Zaum hält und die bei Brandunglücken und dergleichen am ersten zur Stelle sind, mit dem Instinkt des Raubtiers. Dazwischen auch feingekleidete Herren, denen es nicht darauf ankommt, da, wo Niemand sie sieht, den Rücken der Frauen, die sich ihrer Meinung nach nicht schnell genug vorwärts beroegen, einen Faustschlag zu versetzen.

Die Schutzleute haben unter solchen Umständen ein schweres Amt. Immer auf dem qui vive, immer genötigt, die Zudringlichen, die den scharf gezogenen Cordon durch­brechen möchten, abzuwehren, werden sie schließlich selbst nervös und zuwellen grob gegen harmlose Fahrgäste, die nur das Recht auf Weiterbeförderung und Zulassung zu dem Bahnsteig, auf dem ihr Zug hält, beanspruchen.

Vermischtes.

* K a s ch a u 6., Dez. Bei Baches Z^edovka ertranken infolge (Äsdurchbruches auf dem Bvorog-Fluß 4 Fischer.

* Zu dem Mord Prozeß in Gotha. In dem zweiten Teile der Verhandlungen gegen den Berliner Siu- i>enten Fischer vor dem Schwurgerichte in Gotha, hacte der Vater des Angettagten unter anderem Folgendes be­kundet: Sein Sohn habe einmal von seinen Berliner Er­lebnissen erzählt und dabei erwähnt, daß er dem Alord- prozeß Gönczy und dem Sternberg-Prozeß beigewohnt habe, über die später Franz v. Liszt eine Vorlejung gehalten habe. In dieser Vorlesung habe Professor o- Liszt nach der Behauptung des Angeklagten ausgeführt, daß jeder Mensch %utn Verbrecher geboren sei, und daß es nur der Erziehung, den Lebensgewohnheiten des Menschen zuzuschreiben sei, wenn diese seine Verbrecher­natur nicht einmal zum Durchbruche komme. Diese An­schauung habe sich der Angeklagte vollständig zu eigen gemacht, und er sei nicht mehr davon abzubringen ge­wesen. Geheimrat Professor v- Liszt sendet demBerl. Tagebst" dazu folgendes Schreiben: Die Angabe des An- getlagten ist vollständiger Blödsinn. Ich bin seit 1889 Jahr aus Jahr ein gegen die Theorie Lombrosos vom geborenen Verbrecher aufgetreten, habe auch niemals eine Vorlesung über Gönczy oder Sternberg gehalten.

Kartoffelduell. In Badersleben bei Halber­stadt macht eine Duellgeschichte, die zwischen einem Oster­wiecker und einem Halberstadter aus dem Scheibenstande stattgefunden hat, und bei dem nicht Säbel und Pistolen,

über alles geht, des schwelgerisch Genießenden. Es sei aber anerkannt, daß Frl. F. an zarter Innigkeit, hingebungsvollem Mut, an Seelenkraft des geprüften Weibes, an tragischer Entschlossenheit der Heldin vieles in überzeugender Wahrhell gab, und daß ihre Leistung durch die schöne Wärme der -Empfindung im ganzen recht ansprechend war, wenn es ihr auch an Bestimmtheit der Form fehlte und ihrem Leid an Weichmut zu viel anhaftete.

Wie Julia ein Geschöpf der üppigen Renaffsance-Kultur (ist, das ohne die geringsten Gewissensbedenken ihre Eltern hintergeht und sich von einem Waldmönche spornstreichs mit ihrem Seladon trauen läßt, so ist ihr Vater eine Abart jener Rasse italienischer Notabeln, deren Typus die von Andrea Verrocchio gemeißelte Coleoni-Statue im Berliner Museum verkörpert. Herr Ramsey er gab uns den trockensten und iherbesten Realismus, unbändige Heftigkell, bar alles Zere- 'moniells. Er traf damit wohl zumeist das Richttge. Frl. v. 'Hellbronn blieb als Gräsin Eapulet farblos; wer aber vermag wohl aus dieser starren Figur eine lebensechte mater dolorosa zu machen! Ms Mercutio war Herr Gerl ach frisch und tüchtig. Ganz verfehlt, wie sein Rektor Wiedemann in Sudermanns Glück im Winkel", war Herrn Herzogs Lorenzo. In seiner steif pedantischen Deklamation kam die sinnige Bettachtung über die Kräuter gar nicht zur Geltung; Herr H. redete das Kräutermönchlein wohl, aber gestattete es nicht. Dazu hätte die Behaglichkeit und gute Laune des Herrn Woisch weit bester gepaßt, der die kindliche gutherzige Unschuld dieses naiven Seelsorgers, von dem sich nur Kinderherzen beraten lasten können, besten Gelahrtheit höchstens einer Amme imponiert, gewiß recht gut getroffen hätte. Frau Kruse ließ als Amme nach der Sette der Charakterisierung manches zu wünschen.

Den Ton des grimmen Tybald traf Herr Leßmann ganz wohl.

Wie schwierig die szenische Einrichttmg des Trauerspiels mit seinem fortwährenden Ortswechsel für die Regie ist, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Für die erwünschte Ver­einfachung der Szenerie war denn auch zumeist das Richtige getroffen. P. W.

Der Dichter Shakespeare ein Sohn der Königin Elisabeth? Mr. Mallock, der in demXIX. Century die bekannte Ansicht verttitt, daß nicht der Schau­spieler Shakspcre, sondern Bacon der eigentliche Dichter Shakespeare sei, will in den geheimen Schriften Bacons den Beweis dafür gefunden haben, daß Bacon ein Sohn der Königin Elisabeth gewesen sei. Er sagt:Bacon erklärt in seiner Geheimschrift immer wieder, daß er nicht der sei, der er zu sein scheine. Er war nicht, wie die Welt annahm, der Sohn von Nicholas Bacon, sondern der Sohn der Königin von England und entsproffen einer geheimen Ehe mit Leicester. Demnach war er der älteste Sohn und berechtigte Thronerbe." Als Bacon von seiner Abstammung Kenntnis bekommen habe, sei er unter der Aufficht von Sir Amyas Panlet nach Frankreich geschickt worden imd sei von hort erst beim Tode seines Stiefvaters Sir Bacon zurückgekehrt. Die Königin fei fest entschlossen gewesen, ihn niemals und unter keinen Umständen als ihren Sohn öffentlich anzuerkennen. In Frankreich habe sich der junge Bacon in die Gemahlin Heinrichs von Navarra verliebt und diese habe seine Neigung erwidert. Bacon habe beabsichtigt, die Fürstin nach ihrer Trennung zu ehelichen, Königin Elffabeth habe aber diesem Plane heftigen Widerstand entgegengesetzt und so wäre die

Ehescheidung unterblieben. Diese frühe Liebe habe auf Bacon einen solchen Eindruck gemacht, daß er lange nachher seinen tiefen Gefühlen inRomeo und Julia" Ausdruck gegeben habe. (Selbstverständlich sind solche Entdeckungen mit aller­größter Vorsicht aufzunehmen. Bei dieser Gelegenheit sei er­wähnt, daß schon einmal der Nachweis versucht wurde, Bacon sei ein Sohn Maria Stuarts gewesen.)

lieber Shakespeare's Konsession haben, wie der Gaulois" behauptet, viele Franzosen tiefgründige Unter­suchungen angestellt. Nun hat Mgr. Rougemont das Testa­ment des Dichters entdeckt, und dieses beginnt mit folgenden Worten:Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes erkläre ich, William Shakespeare, unwürdiges Mitglied der heiligen apostolischen und römischen Religion usw.!" E§ soll also jetzt geschichtlich fesfftehen: Shakespeare war katholisch! Uns ist Shakespeare's unvergängliches Lebenswerk jedenfalls wichtiger als sein Glaubensbekenntnis.

Darmstadt, 6. Dez. Gestern abend gelangte hier zum ersten Male das vierakttge LustspielDer Tugend- Hos" von Rich. Skowronnek zur Aufführung und fand eine recht freundliche Aufnahme. Das Stück, mit dem EngelsAusflug ins Stttliche" manche Aehnlichkeitcn aufweist, wenn letzteres auch derber und in der Schilder­ung krasser ist, ist gewandt gearbeitet, geht aber schärferen Konflikten aus dem Wege, weshalb es mehr unterhaltend als spannend ist. Am meisten gefiel der dritte Akt, der mehrere hübsch erdachte und humoristisch behandelte Szenen^ aus dem Soltzatenleben enthält.