Ausgabe 
6.12.1901 Zweites Blatt
 
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den Bürgersteigen innerhalb der Stadt verboten. Trotzdem bisher seitens der Polizei mit Verwarnungen vorgegangen idoüben ist, sieht man täglich die gesetzlichen Vorschriften in .fahrlässiger Weise übertreten. Wie wir hören, ist die Schutz­mannschaft nunmehr angewiesen worden, UeberLretungen solcher -Art unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen.

E. CH. Konzert-Verein. Das Weihnachts- Mysterium wird am Montag, den 16. Dezember, zur Aufführung kommen, die Hauptprobe am 15. Dezember stattfinden. An beiden Tagen handelt es sich um eine vollgiltige, unverkürzte Darstellung, bei welchen die farben­prächtigen, mimischen Darstellungen (lebenden Bilder) ohne jede Hinweglassung geboten werden, lieber das Nähere äußern wir uns später, für heute möchten wir nur noch darauf Hinweisen, daß die Aufführungen in der Turnhalle stattfinden und an beiden Tagen für ausreichend be­queme Plätze Sorge getragen wird. Wir betonen das hier ausdrücklichst, weil bei allen Unternehmungen, die von der Gunst des Publikums getragen sind, jedesmal voreilige Freunde, (oder sind es Freundinnen?)Ausver- fauft" kolportieren, wenn kaum der Kartenverkauf begonnen hat. Gleichzeitig machen wir die Mitglieder des Vereins darauf aufmerksam, daß es sich am Montag um ein Abonnements-Konzert handelt, ihnen also chre Plätze, trotz der enormen Kosten, ohne jede Nachzahlung reserviert sind.

* * Aus dem Theaterbureau. Der jugendliche Held und Liebhaber des Großh. Hoftheaters in Darmstadt, Hofschauspieler Willy Loehr wird hier am Freitag ein einmaliges Gastspiel alsRomeo" in ShakespearesRomeo und Julia" absolvieren. Herr Loehr hat «diese Rolle erst kürzlich in Darmstadt mit großem Erfolge gespielt.

* * Emm illustrierten Weihnachtskatalog hat die F e r b e r s ch e Universitäts-B uchHandlung (C.Koch)wiederum heraus­gegeben. Der prächtig ausgestattete Katalog enthält ein reichhaltiges Verzeichnis von Werken der schönen Litteratur, von Jugendschriften, Pracht- und Bildwerken, Gedenk- und Tagebüchern und dergl., Eneyklopädieen, Philosophie, Litteratur- geschichte, Kunst und Kunstgeschichte, Musiklitteratur, Geschichte, Lebensbeschreibungen und dergl., Erdbeschreibung, Reisen und dergll, Atlanten und Karten, Naturwissenschaften, Astronomie, Erbauungsschriften, Forst- und Jagdwesen usw., Hauswirt­schaft usw. usw. Es giebt wohl fein Gebiet unseres geistigen Lebens, über das der Katalog nicht orientierte. Der Katalog, der jedem überallhin unentgeltlich zugeschickt wird, kann des­halb Eltern beim Einkauf von Weihnachtsgeschenken warm empfohlen werden.

* * Leichenlauduug. Heute vormittag wurde am hiesigen Schweinemarktplatze die Leiche eines bis jetzt noch unbekannten Mannes aus der Lahn gekündet.

Ein seltmes Jubiläum konnte am 1. Dezember Herr Rendant und Beigeordneter Karl Grüneberg in völliger körperlicher und geistiger Frische begehen. Er sah an diesem Tage auf eine 60jährig e Dienstzeit zurück. Der Jubilar ist am 29. Mai 1827 in Gießen geboren. Mit 14 Jahren trat er in die Dienste der Provinzialdirektion Oberhessens und des Kreisamts Gießen, wo er 36 Jahre hindurch thätig war, in den letzten 10 Jahren als erster Gehilfe und Protokollführer bei dem Provinzialausschuß und Provinzialtag, ferner dem Kreisausschuß und Kreistag. Seit 1852 war er außerdem noch Rechner verschiedener Kassen. Aus seiner Stellung bei der Provinzialdirektion und dem Kreisamt schied er im Jahre 1877 aus, wo ihm die Ver­waltung noch größerer Kassen anoertraut wurde, z. B. die ber Provinzialkasse Oberhessens und der Kreiskaffe Gießen. Im Ganzen hatte er jetzt nicht weniger als 10 Kaffen in seiner Obhut; auch die Verwaltung größerer Privatvermögen lag in feinen Händen. 1877 wählte ihn unsere Bürgerschaft in Anerkennung seiner bewiesenen Tüchtigkeit in den Stadtrat. Am 21. Februar 1878 wurde er auch Beigeordneter. 1885 verlieh ihm der Großherzog den Charakter alsRendant". 1892 wurde er als Beigeordneter wiedergewählt. Am 1. De­zember 1891 zeichnete ihn der Großherzog in Anerkennung feiner vielfachen Verdienste anläßlich seines 50jährigen Dienst­jubiläums durch die Verleihung des Ritterkreuzes 2. Kl. des Verdienstordens Philipps des Großmütigen aus. Am 1. De­zember dieses Jahres erhielt er zu dem Ritterkreuz die Krone. Von allen Seiten sind dem greisen Jubilar an diesem Ehren­tage Glückwünsche in Gestalt von Briefen und Telegrammen zugegangen. U. a. sandte ihm der ftühere Staatsminister v. Starck ein in den herzlichsten Worten gehaltenes Glück­wunschschreiben. Im Namen der Provinzialdirektion über- brachte ihm anstelle des durch Unwohlsein verhinderten Herrn Geheimrats v. Bechtold Herr Regierungsrat Dr. Wagner herzliche Glückwünsche, namens des Stadtvorstandes Herr Bürgermeister Mecum, namens der Stadtverordneten eine .aus den Herren Wallenfels und Petri bestehende Depu- «tation. Em Beweis für die große Rüstigkeit, deren sich Herr Grüneberg noch erfreut, ist die Thatsache, daß er auch jetzt noch 5 Kaffen verwaltet. Auch wir vereinen unsere Glückwünsche mit den vielen anderen und wünschen, daß seine Thätigkeit noch viele Jahre zum Wohl der Stadt er­halten bleiben möge.

* * Statistisches aus dem Grohherzogtum Heffen. Im Groß- cherzogtum Hessen sind im abgelaufenen Jahre 38 264 Ge­burten und 22 999 Todesfälle vorgekommen. Die Zahl der Ehescheidungen belief sich auf 90, davon allem in Mainz 20.

-1- Heuchelheim, 4. Dez. Unter unserer Schuljugend, und besonders den jüngeren Kindern, tritt schon seit einigen Wochen der Mumps in heftiger Werse auf. Die Betriebsinspektion 4>er Bieberthalbahn macht bekannt, daß vom 1. De­zember an auf unserer Station täglich morgens von 8 bis 10 Uhr gewöhnliche Güter, Eilgüter jedoch auch zu anderer Zeit, an den Zügen aufgegeben werden können.

§ Groß-Felda, 4. Dez. Wieder ein Diebstahl durch Zigeuner l Auch in früheren Jahren waren um diese Zeit ine Zigeunerhorden ständige Besucher unserer Gegenden. Durch fie verübte Diebstähle gehörten aber doch zu den Ausnahmen. Jetzt hört man aus den verschiedensten Gegenden von Diebereien, die Zigeuner sich zu Schulden kommen ließen. So besuchten letzthin wieder sechs Wagen unseren Ort. Die Weiber klopften bettelnd die Häuser ab. In einem Hause gelang es den Zigeunerweibern, einer alten Frau dieWahr­heit" sagen zu dürfen. Die Frau, die mit Garn handelt, hatte gerade einen größeren Betrag an Geld in der Tasche. Mil denWahrsagerinnen" war auch aus der Tasche der Frau wie Summe von 118 Mark verschwunden. Da die Wageu der Zrgeunn noch vor dem Orte anwesend waren,.

fand eine Durchsuchung statt, aber ohne Erfolg. Nach der Untersuchung gaben die Zigeuner F«ffengeld. Inzwischen war der Gendarm Dörr von Ruppertenrod herbeigerufen worden, der die Bande verfolgte und bei Schellnhausen er­reichte. Den Zigeunern wurde ein Pferd als Pfandobjekt abgenommen und der bestohlenen Familie übergeben, von der sie es innerhalb acht Tagen auslösen können.

x Ober-Ohmen, 4. Dez. In unmittelbarer Nähe unseres Dorfes wurden dieser Tage eine Frau und ein erwachsenes Mädchen von einem Handwerksburschen in unsittlicher Absicht bedroht. Die Ankunft von Leuten verjagte den ftechen Patton. Leider erhiett die Polizei zu spät Kenntnis von dem Vor­kommnis.

Darmstadt, 4. Dez- lieber ein neu aufgefundenes Hockergrab aus der Steinzeit wird derDarmst. Ztg" geschrieben: Am Samstag abend fanden Arbeiter an einem von der Seeheimer Straße nach dem Frankensbein führenden Wege, im WalddisttiktBremster", Flur 9, der Gemarkung Eberstadt bei Darmstadt, bei Planierungsarbeiten zwei Skelette, von denen das eine zerstört, das andere aber, dank der Fürsorge des Oberforstmeisters Joseph erhalten wurde. Hvfrat Kofler, den man von dem Funde be­nachrichtigt hatte, ließ das ganze Grab mit seiner Um­gebung unterfangen, hob dann dasselbe aus dem Boden, verpackte es unverrückt und unversehrt in eine große Kiste und sandte es an das Museum in Darmstadt, dem die Gemeinde den Fund überwiesen hat. Das Skelett liegt auf der linken Seite, mit auswärts nach dem Kinn ge­richteten Armen und Beinen, in der Richtung Nordweft nach Südost. Ein in der Nähe des Hinterkopfes stehendes reich verziertes Thongefäß reiht das Grab der jüngeren Steinzeit an.

Darmstadt, 5. Dez. DieDarmst. Ztg." widmet dem verstorbenen Generalleutnat Wern her folgenden Nachruf: Mit dem gestern nach langem, schwerem Leiden verstorbenen Generaladjutanten a la suite S. K. H. des Großherzogs Generalleutnant z. D. Paul Wernher Exzellenz ist ein in jahrzehntelangem Dienste tteubewährter Offizier und ein durch Vornehmheit und Liebenswürdigkeit seines Charakters ausge­zeichneter Mensch aus dieser Zeitlichkeit geschieden. In dem Verblichenen betrauern S. K. H. der Großherzog einen alle­zeit treuerprobten Diener, die Generaladjuiantur und das Ofsizierskorps beklagen den Verlust eines ehemaligen durchaus gerechten Vorgesetzten und erprobten Kameraden, weite Kreise der Bevölkerung einen durch warme Empfindung für alles Wahre und Edle ausgezeichneten Mann. Wernher war am L Oktober 1855 bei der reitenden Batterie des Großh. Art.-Korps eingetreten und wurde 1858 in das 1. Retter-Regiment versetzt. Den Feldzug von 1866 machte er als Brigade-Adjutant der Kavallerie-Brigade, deren Komman­deur Prinz Ludwig, der spätere Großherzog K. H., war, mit. Am 24. November 1870 zeichnete er sich bei der Reiter- Attacke bei Bois Communs, bei der er eine Verwundung durch einen Lanzenstich erhielt, hervorragend aus. 1878 er­folgte seine Ernennung zum Flügeladjutanten. Am 15. De- §ember 1890 wurde Wernher zum Generalmajor und General­adjutant ernannt Am 22. März 1899 wurde er zum General der Kavallerie ernannt Am 18. September des­selben Jahres wurde Wernher auf sein Ansuchen unter gleich­zeitiger Stellung ä la suite des 2. Großh. Dragoner-Regts. Nr. 24 zur Disposition gestellt und am 22. September des­selben Jahres erfolgte seine Ernennung zum Generaladju­tanten ü la suite. Sehr zahlreiche Orden, darunter das Großtteuz des Ludewigsordens, schmückten die Brust des Heimgegangenen. Der Großherzog sprach den Hinterblie­benen im Sterbehause Beileid aus. Die Beerdigung des Verblichenen erfolgt voraussichtlich am Freitag.

Mainz, 4. Dez. Professor Dr. Biermer aus Gießen hielt gestern abend hier seinen zwetten Vortrag überden Handel und seine vollswirffchaftliche Bedeutung". Er be­leuchtete zunächst, demMainz. Anz." zufolge, die produktive Thättgkeit des Handels. Unter Produktion muß man die Steigerung der Werffähigkett eines Gegenstandes verstehen. Der Grubenbesitzer wirkt produktiv, indem er die Kohle aus der Tiefe in vertikaler Richtung nach oben befördert, der Kohlenhändler wirkt in derselben Weise produktiv, indem er die Kohle in horizontaler Richtung von der Grube zum Konsumenten befördert. Der Grubenbesitzer kann auch direkt mtt dem Konsumenten in Verbindung treten und die Tätig­keit des Kohlenhändlers ausschalten. Es kann dies aber nicht als die höhere Unternehmungsform gelten. Auch der Korbflechter, der die von ihm verfertigten Waren hausierend absetzt, der Landwirt, der seine Bodenerzeugnisse auf den Wochenmarkt bringt, tritt direkt mit dem Konsumenten in Verbindung, und dies ist die primitivste Form des Waren­absatzes. Die Großindustrie bedarf jedoch zur Erzielung eines regelmäßigen Warenabsatzes der vermittelnden organisatorischen Thätigkeit des Handels und des Eingreifens des Handels­kapitals. Der ftonfument bedarf der vermittelnden Thätigkeit des Handels ebenfalls, weil nur dieser dafür sorgen kann, daß ihm die Quantitäten der Waren, die er gebraucht, stets zur Verfügung stehen. Der Redner ging dann zu Bettacht­ungen über die Bedeutung der Spekulation und der Börse für den Handel über. Die Spekulation, wie sie im Waren­terminhandel zum Ausdruck kommt, ist ein volkswirtschaftlicher Vorteil. Der Terminhandel entspricht dem Bedürfnis der beteiligten Kreise, das Risiko verteilend abzuwälzen und wirkt gewissermaßen als Versicherungsanstalt. Prof. Dr. Biermer erläuterte zum Schluffe das heutige Verhältnis des Groß­handels zum Detailhandel. Letzterer befindet sich in sehr schwieriger Lage und läuft Gefahr, von den großen Waren­häusern und Versandgeschäften erdrückt zu werden. Diese ungünstige Lage wurde zum großen Teile durch die außer- ordenttiche Vermehrung der Detattgeschäfte ohne vorhandenes Bedürfnis herbeigeführt. Der Redner glaubt, daß die Krisis im Detailhandel, der zu einem großen Teile weder über die nötigen Mittel noch Fähigkeiten verfügt, ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat, und daß die Notlage sich noch steigern wird. Polizeirat Travers ist bei der Bürgermeisterei um seine Pensionierung eingekommen. Der erst kürzlich durch die Stadtverordneten zum Bezirkskommissär gewählte Polizettornmiffär v. Toussaint, zurzeit in Frankenthal, hat die hiesige Stelle abgelehnt. Infolge der jüngsten poli­zeilichen Vorkommnisse hat sich Oberbürgermeister Dr. Gaßner veranlaßt gesehen, jeden Schutzmann einzeln zu sich zu bescheiden, um ihn eingehend md dringend auf das dien-st/l-che Verhalten und die Pflichten sowohl gegen

das Publikum, wie gegen die Vorgesetzten aufmerksam zu machen.

b. Mainz, 5. Dez. In der am Sonntag hier ver- anstalteten großen Protest Versammlung gegen die Aus­lassungen Chamberlains wurden 1242 Mk. vereinnahmt. Dieser Betrag ist zum besten der Buren-Frauen und -Kinder bestimmt. Wie verlautet, sind einleitende Schritte geschehen, um einen Frauenausschuß zu bilden, welcher die Liedes- thättgkeit für die Burenfrauen fördern soll.

Schierstem, 4. Dez. Bei der Einweihung des Dewet- D en km als war eine Begrüßungsadressc an den Präsidenten Krüger gesandt worden. Der greise Präsident dankt jetzt in einem Schreiben allen Festteilnehmern.

Frankfurt, 4. Dez. Professor Rehn, der Chef der chirurgischen Abtettung des städtischen Krankenhauses, be­handelte dieser Tage einen eigentümlichen Fall. Ein 35 Jahre alter Arbetter war bei einer Schlägerei durch einen Stich in den Rücken verletzt worden. Ein hiesiger Arzt nähte die Wunde zu, doch brach dieselbe nach 14 Tagen unter den eigentümlichsten Symptomen wieder auf. "Professor Rehn nahm einen operativen Eingriff vor, wobei sich herausstellte, daß eine 1 x/2 Ctm. große abgebrochene Messerspitze im Rücken­wirbel saß. Die Verletzungen des Wirbels waren so schwere, daß der Mann verschied. Der erste Arzt hatte den Fremd­körper in der Wunde nicht gefunden.

Vermischtes.

* Berlin, 4. Dez. Der 21jährige Student Jet Medizin Kurt Volk, Sohn eines Mainzer Kauf­mannes, hat sich aus unbekannter Ursache in seiner hiesigen Wohnung erschossen.

* Budapest, 4. Dez. Bei Fuzesabony stieß ein von hier kommender Schnellzug mit einem Lastzüge zu­sammen. Die Lokomotive des Schnellzuges entgleiste. Von dem Lastzüge wurden drei Wagen zertrümmert. An­geblich ist Niemand ernstlich verletzt.

* Warschau, 4. Dez. In dem Orte Zawiercze wurden 28 Personen von einem tollen Hunde gebissen. Ein achtjähriges Mädchen ist bereits gestorben.

Universitäts-Nachrichten.

DieNordd. Allg- Ztg." erklärt im Anschluß an die Wiedergabe von statistischem Material, daß auch vom statisti­schen Standpunkte aus dem Straßburger Prof. Michaelis der Vorwurf nicht erspart werden könne, er habe sich, wenn auch unwissentlich, zum Träger und Verbreiter un­richtiger Bepauptungen gemacht- Nun hat Prof. Michaelis wieder das Wort. DerVoss. Ztg." wird geschrieben: Schwerlich konnte die preußische Universitätsver­waltung ihre Abwehr gegenüber der Michaelissä>en Kritik ungeschickter und unglücklicher beginnen, als indem sie den Fall Schweninger wieder an die Oessent- lichkeit zog. Dr- Schweninger war infolge bekannter Vor­gänge aus der in München begonnenen wissenschaftlichen Laufbahn herausgekommen. Er war als behandelnder Arzt erst zu dem Sohne des Reichskanzlers, dann zum Reichs­kanzler in Beziehung getreten. Er wünschte sich eine äußere ordentliche Professur und eine Stelle an der Charitee, unbr Fürst Bismarck dekretierte, daß dieser Doppelposten Schweninger übertragen wurde. Man weiß, wie hart es dem Kultusminister Goßler ankam, diesen Befehl auszu-> führen. Das Fach der Hautkrankheiten, das sich Dr- Schweninger auserwählt hatte, war ausreichend besetzt; die Abteilung für Hautkrankheiten, die er beanspruchte, war zweckentsprechend von je her mit einer verwandten Ab­tettung verbunden. Es lag für die medizinische Fakultät, keine Spur einer Nötigung vor, sich durch Dr. Schwenmger zu ergänzen. Aber was that es? Fürst Bismarck wünschte die Ernennung Schweningers zum Professor, und sein Wunsch war für die preußische Universitätsverwaltung ein sttikter Befehl. Das Kultusministerium mußte eigens für Dr. Schweninger eine außerordentliche Professur einrichten und die Abteilung für Hautkrankhetten aus chrer bisherigen Verbindung herauslösen und Schweninger überweisen. Wenn je von dem Rechte der Regierung, Professoren ohne Be­fragen der Fakultäten zu ernennen, ein übler Gebrauch gemacht worden ist, so geschah es im Falle Schweninger. Offensichtlich erfolgte die Ernennung ganz allein auf das Geheiß einer Persönlichkeit, die ganz außerhalb des Uni» versitätswesens stand daß diese Persönlichkeit ein Bis­marck war, thut nichts zur Sache und die Professur war nichts als ein freundliches Angebinde. Die Folge hat auch- gelehrt, daß die Auszwingung Dr. Schweningers ein Fehlgriff war. Trotz der Kommandierung von Studierenden der militärärztlichen Bildungsanstalten uv Schweningers Kolleg und troH der von ihm gegründeten^ Aerzte schule" hat er niemalseine auchnurirgend» wie bedeutendere Lehrthätigkeit entfalten^ können. Ein Lehrauftrag für Hautkrankheiten wurde dem Nachfolger Georg Lewins (Lewin mußte 1884 die Hautklinik an Schweninger abtreten) wieder zugeteilt. Für den Ethiker Paulsen ist es hart, daß er als Kronzeuge im Falle Schweninger herangezogen wird. Das hat er sich sicher niemals träumen lassen.

J ena, 4. Dez. Eine Adresse hiesiger ordentlicher Uni­versitäts-Professoren geht heute an Mommsen ab.

Gegenüber der von uns nutgeteilten Erklärung des Prof. Dr. Spahn in Straßburg verwahrt sich der Rektor der dortigen Universität, Prof. Spitta, int Ein­verständnis mit seinen Kollegen gegen die willkürliche Deut­ung, die Prof. Spahn den Worten der Professorenadresse an Mommsen gegeben habe, und gegen Spahns daran ge­knüpfte Schlußfolgerungen.

Als absolut erfunden bezeichnet dieGermania" die Straßburger Mitteilung eines Regensburger Blattes, daß die Alumnen des Priester-Seminars die Vorlesungen des Professors Spahn nicht besuchten, und daß ferner die als bevorstehend bezeichnete Note der preuß. Regierung über die Errichtung dertheologischenFakultät dem Vattkan bereits übermittelt und von ihm abschlägig beant­wortet worden ist. Thatsächlich besuchten Alumnen des Priester-Seminars Spahns Vorlesungen, thatsächlich sei die letzte Note der Regierung über die theologische Fakultät von der Kurie nicht abschlägig beschieden und thatsächlich betreibe die Regierung die Berufung eines katholischen Philosophen an die Universität zu Straßburg.

In Jena starb am 4. d.M. Profeffor Henry Settegäft, Direktor des Landwirtschaftlichen Instituts der dortigen Universität, nach längeren Leiden. (Settegast war der Sproß einer angesehenen Gutsbesitzersamille aus dem Kreise Ragnit in Ostpreußen. Er pro­movierte m Leipzig zum Doktor und habttrtierte sich bei der Uni-»