Ausgabe 
4.12.1901 Drittes Blatt
 
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Politische Tagesschau.

2>ie Ausländerfrage au den deutschen Hochschulen.

L e Ausländerfrage an den deutschen Hochschulen

befaßt sich ein Aufsatz derKreuzzeitung", der betont, oatz wenn es auch eine Ehrenpflicht des deutschen Volkes sei, den Ausländem die deutschen Hochschulen nicht w versperren, wie dies in Rußland bereits der Fall ae- wesen, doch mit Recht den Ausländern gegenüber die For­derung einer verschärften Kontrolle der wissenschaftlichen Besahagung und eines ausgedehnteren Vortritts der deutschen Studierenden aufgestellt worden sei. Ter Ver­fasser des Aufsatzes reiht daran aber noch die weitere Forderung, daß angesichts des Umstandes, daß die deutschen Hochschulen dem Staat außerordentlich viel Geld kosten und dem deutschen Steuerzahler nicht zugemutet werden könne, mit 1 einem Gelde den Ausländern die Erlangung der Waffen zum Konkurrenzkämpfe zu erleichtern, für die Ausländer eine Ve r do pp e l un g d e r Ge b ü h r e n und §^!/bgrengelder festgesetzt werde, wovon die eine ^alfte dann dem Stunt zur Bestreitung seines Universitäts­budgets zugute kommen möge. Den Anstoß zu all diesen Erörterungen hat das Zahlenverhältnis der ausländischen Liludierenden an den technischen Hochschulen gc- geben. Im verflossenen Sommersemester zählten die tech- nischen Hochschulen Deutschlands unter rund 11000 Stu­dierenden 1863 Ausländer, das ist nahezu 17 Prozent. Im einzelnen bewegte sich das Prozentverhältnis zwischen neun Prozent (Stuttgart) und über 25 Prozent (Darm­stadt). Außer Darmstadt hatten noch Dresden, Aachen und Karlsruhe mehr als 20 Prozent ausländische Stu­dierende, in München waren es über 17, in Braunschweig über 13, in Berlin über 11 und in Hannover fast 10 Prozent. In vier unter neun Anstalten war also mehr als der fünfte Teil Ausländer. Am stärksten ist der Andrang der Ausländer bei den Elektrotechnikern in Darmstadt. Dort gab es 242 Ausländer neben 281 Deutschen, und in Karlsruhe 118 neben 190; bei den Chemikern machten in fünf Hochschulen die Ausländer un­gefähr die Hälfte der Deutschen aus. Im ganzen waren es bei den Elektrotechnikern fast 37 und bei den Chemikern fast 28 Prozent Ausländer, das heißt also jeder dritte oder vierte Student war ein Nichtdeutscher. Bei den Uni­versitäten stellt sich das Verhältnis etwas günstiger, -^zwanzig deutschen Hochschulen zählten im letzten Sommer 2300 Ausländer unter 33 500 Studierenden, was nur eine Prozentzahl von sieben bedeutet, also nicht einmal die Hälfte gegenüber den technischen Hochschulen. Berlin weist einen Prozentsatz von etwa 15 aus; Leipzig, Halle, Freiburg, München, Heidelberg haben gegen 10 Prozent Ausländer, bei allen anderen itf die Prozentzahl kleiner.

Nachklange zum Gnesener Prozeh.

Warschauer Blätter teilen mit, daß der Zar gleich­zeitig die Erlaubnis erteilt hat, für ein Denkmal Chopins und die Angehörigen der in Wreschen verurteilten Personen Sammlungen zu veranstalten. Nicht nur sämtliche polnische Blätter, sondern auch Nowoje Wremja, Swet, Rossija und Petersb. Wjedomostie beteiligten sich an den Sammlungen. Tas Organ des Fürsten Uchtomsti veröffentlicht einen von Beleidigungen der Deutschen strotzenden offenen Brief des polnischen Dichters Sienkiewicz. Die Nowoje Wremja phan­tasiert in einem Leitartikel über das Erwachen des West- slaventums und sagt darin u. a., daß nicht nur Posen, sondern auch das für das Polentum gerettete Ob er- schlesien für Preußen verloren sei. In Warschau smd bereits gegen 30 000 Rubel gesammelt worden. Tie polnischen Blätter in Preußen haben mehr als 42 000 Mk. aufgebracht. In einer Fabrik, deren Inhaber Polen sind, wurden Arbeiten, die besondere Präzision erfordern, seit langer Zeit von deutschen Arbeitern hergestellt. Tie Leute sind jetzt entlassen morden, wie der Leiter des Unter­nehmens mitteilt, wegen des Gnesener Urteils. In volni- scheu Kreisen wird versichert, daß sowohl der Breslauer Akademilerprozeß, wie das Gnesener Urteil zum Gegenstände von Interpellationen im Reichstage gemacht werden sollen. Es ist auch vom deutsch-nationalen Standpunkte aus nur zu wünschen, daß das geschieht, damit die Regierung Ge­legenheit erhält, ürbi et orbi zu zeigen, mit welchen Mitteln auf polnischer Seite verfahren wird, um einen stets an- wachfenden Haß gegen alles deutsche Wesen in den Kreisen der polnisch sprechenden Bevölkerung Preußens zu erzeugen.

Neueste Mewungen.

Origiualdrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.

Berlin, 3. Dez. Den Abendblättern zufolge wurde gestern in dem benachbarten Schöneberg der Direktor der dortigen Spar- und Diskontobank C. Gollin ver­haftet. Tie von ihm begangenen Veruntreuungen sollen nach den bisherigen Feststellungen 170000 Mark betragen.

Berlin, 4. Dez. Nach den Bemühungen der Bundes­ratsausschüsse, das Reichsdefizit herabzilmindern, hat es ich derNationallib. Korresp" zufolge herausgestellt, daß auch in den folgenden Jahren nicht auf eine wesentliche Steigerung der Reichseinnahmen zu rechnen sei. Dazu bemerken dieBerliner Neuesten Nachrichten": Nach unserer Kenntnis besteht bei den Ministern fast sämtlicher Bundes- "taaten die gewissenhafte Ueberzeugung, daß die Reichs- inanzreform im Interesse der Selbsterhaltung des Reichs wie der Einzelstaaten ein Gebot der unaufschiebbaren Dring­lichkeit sei.

Köln, 4. Dez. In der vergangenen Nacht gingen in

Buir, wo kürzlich der Eisenbahn-Zusammenstoß stattfand, mehrere Getreideschober in Flammen auf. Augenscheinlich hat man es mit einer Anzahl von Vagabunden zu thun, die die ohnehin geängstigten Bewohner in ständiger Aufregung halten wollen.

London, 4. Dez- Mit Bezug auf die Meldung des Oberkommandierenden in Kapstadt vom 28. November, daß Fouche zwei englische Soldaten, die gefangen genom­men wurden, habe erschießen lassen, ist gestern bei dem Kriegsamt ein amtliches Telegramm aus Kapstadt eingegangen, in dem C. fjeifct, Fouche habe zwei Mann von den Cvnnaught-R^ugers erschossen, nicht aber ge­fangen genommen, und erschießen lassen. Der Sekretär des Kriegsamts richtete darauf an den Oberkommandieren- ben in Kapstadt folgendes Telegramm: Unter Bezugnahme auf Ihr Telegramm, soll der die Connaught-Rangers be­fehligende Offizier ermahnt werden, größere Sorgfalt bei Jemen Meldungen zu beobachten. Die Behauptungen über schlechte Behandlungsweise seitens der Buren, die nicht vollkommen erwiesen sind, sind sehr zu mißbilligen.

London, 4. Dez. DieDaily Mail" erfährt aus Bermudas: Eine große Anzahl von Buren sei ent- f loh-en. Tie Behörden haben eine Prämie von 3 Pfund für das Einbringen jedes Entlaufenen festgesetzt. Es scheint, daß die Buren von der Bevölkerung der Insel unterstützt werden.

Paris, 4. Dez. Heute nacht stürzte in einem Ba- rietelheater wäbreno der Vorstellung eine Treppe auf der Szene ein, wodurch 10 Schauspieler mehr oder weni­ger schwer verletzt wurden.

Pretoria, 3. Dez. (Reuter.) Botha befindet sich jetzt in Klinstapel bei Chrissisee mit Mitgliedern der Burenregierunq und 1800 Mann. Gefangene Buren sagen, Botha wolle weiter kämpfen, aber seine Leute seien dem Kampfe abgeneigt. (?)

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