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4.10.1901 Erstes Blatt
 
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Wir vermuten, so schreibt Herr Klapper weiter, diese Beispiele dürften genügen, um dem objektiv urteilenden Leser die ganze Größe des groben Unfugs klar zu machen, den diese Herren In­dustriellen dadurch begehen, daß sie in einem so hetzeri­schen Aufruf gegen einen Tarifentwurf agitieren, der ihnen zu dem schon bestehenden Schutz noch solche exorbitanten Steigerungen bringt, während darin der Roggenzoll aus den schon fünf Jahre hindurch! fast wirkungslos in Geltung gewesenen Satze von 5 Mark dauernd festgelegt, der Weizen­zoll aber um ganze fünfzig Pfennige, also um zehn Prozent, erhöht werden soll!

54. Hauptversammlung des GuSav-Adolf-Vereins.

IL

G. S. Köln, 3. Okt.

Am Dienstag, 1. Oktober abends 5 Uhr sand in der 18571860 erbauten und 1900 restaurierten evangelischen Trinitatiskirche Festgvttesdienst statt. Schon lange vor Be­ginn war die Kirche völlig besetzt, daß viele wieder Weg­gehen mußten. Höfprediger D. Rogge aus Potsdam hielt die gedankenreiche, tief ergreifende Festpredigt, in der er unter Zugrundelegung des Textes Jes. 44, 24 u. ff. das Thema behandelte: Gvtt will es! Die Losung des Gustav Ädolf-Beveius und seines Werkes. 1) Gott will dieses Werk unseren Gläubens- brüdern zum .Schutz; 2) Den Widersachern un­seres evang. Glaubens zum Trutz; 3) Unser evang. Kirche zum Segen undNuA Pastor Regens- burg-Köln überreichte hierauf dem Zentralvorstand die in seine Hände gelegten Festgeschenke und zwar: Eine Glocke vom Kölner ev. Arbeiterverein, eine Bibel vom Köl­ner Jünglingsverein, zwei silberne Taufschüsselu und Abendmahlsgeräte vom Kölner Frauenverein^ dasselbe vom Düsseldorfer Frauenverein, eine Taufkanne von den Kon- ftrmanden in Kalk, eine Abendmahlskanne von München- Madbach, ein Krankenkommunionbesteck vom Frauenverein in Krefeld, Abendmahlsgeräte und eine Altardecke vom Frauenverein in Lennep, Altargeväte vom ev. Bürgerverein von Köln, Abendmahls gerate und einen gezeichneten ChrisAskopf von Weimar, endlich von einer Anzahl rhei­nischer und westfälischer Städte zur freien Verwendung die Summe von 2500 Mk. Im Namen des Zentralvorstandes dankte Generalsuperintendent D. Hesekiel aus Posen. Gegen 7 Uhr schloß der feierliche Gottesdienst

Für Dienstag abend war eine öffentliche Versammlung im Gürzenich vorgesehen. Da aber die' Beteiligung so außerordentlich stark ist, wurde im Evang. Vereinshaus eine Parallelversammlung anberaumt. Wir hatten schon unsere'Karte für die Gürzenichversammlung. Nun stehen wir in dem großartigen Saale mit seiner überwältigenden Pracht, den die Stadtverwaltung trotz mancher Hintertreib­ung von gewisser Seite dem Gustav Adolf-Verein zur Ver­fügung gestellt hat. Ueber 2000 Menschen füllten bis in oen letzter! Winkel' den Saal. Superintendent Terlinden (Duisburg) leitete mit großem Geschick die Versammlung. Nach Begrüßung der Erschienenen, weist er auf ein Wort hin, das vor kurzem ein'Mann, der der Stadt Köln nicht ferne steht, gesagt hat, und das er, wodurch die Anders­gläubigen erkennen sollen, daß Töne des'Friedens auf den Gustav Adolf-Versammlungen angeschlagen werden, mit vollem Herzen unterschreibe. Dies. Wort lautet:Wir tagen im Geiste der Liebe gegen (die Nächsten, im Geiste der Achtung gegen die Andersgesinnten, deshalb, werden wir den konfessionellen Frieden niemals stören. Wenn wir uns über etwas klar sind, sv ist es das, daß unserem lieben Vaterlande neben dem sozialen Frieden nichts nötiger ist als die Wahrung des konfessionellen Friedens." Er eigene sich diese Worte ün, füge nur hinzu: So ihr solches wisset) selig seid ihr, jb ihr es thut. (Starker Beifall.) Redner erinnert an Papst Urban VIII., der Gustav Adolf mit Alexander dem Großen verglichen und aus Anlaß von des Königs Tode sich weigerte,' ein Tedeum singen zu lassen. Ter Gustav Adolf-Verein treibe keine Politik, sondern ihm bleibt däs Wort bestehen: J'ch bin

liche gerade Sinn dieses wackeren Mannes kam in herzhafter Tonart zu schönem Ausdruck. Schon seine große Szene mit Tellheim sprach uns durchaus an, um alsdann von Szene zu Szene mehr an Sympathien zu gewinnen. Als über­nächtigen Glücksritter gab Herr de Giorgi den Chevalier Pret-au val de la Branche de Prensdor alias jRiccaut mit schönster Wirkung, in katzenhafter Geschmeidigkeit, die so­gar stellenweise fast zur Zierlichkeit wurde. Ganz gentleman- like gab sich dieser bettelarme Schmarotzer und Spieler, nur im Kostüm war seine Derangiertheit leicht angedeutet. Es war keine der landläufigen Kürrikaturen, die Herr G. bot, sondern eine durchaus lebenswahrscheinliche Figur, ein zer­knitterter Abenteurer, ein rührender Schelm, der trotz un- korrigirbaren Charükterdefekts herzbewegliches Mitleid weckt, selbst wenn er in nervöser Erregung Geld für seinen Spiel­tisch wittert. Sein Französisch sprach er sehr geläufig und glaubhaft. Den prächtigen Wirt spielte Herr Zoder etwas zurückhaltend, ohne besondere Drolligkeit Neugier und Agilität; diese Rolle verträgt selbst ein gewisses Quantum Drastik. Weit wirksamer, von grobkörnigster Charakteristik war der schwerfällige Just des Herrn Ramseyer> ein kleines Meisterstück der Darstellung, nächst Herrn di Giorgi die voll­kommenste Leistung des Abends. Er verkörperte so viel Bos­heit und gallige Grobheit und so viel rührende Anhänglichkeit zugleich, wie sie wohl nicht so leicht zusammen gefunden wird. Und gerade dadurch kam ein echtes Menschenbild zustande, eine Verschmelzung von raüher Außenseite mit goldtreuem Empfinden. Diese Leistung macht Herrn Ramseyers Ge­staltungskraft alle Ehre.

Die Jnszenirung derMinna von Barnhelm" stellt keine übermäßig großen Anforderungen. Wir verweisen Herrn Ramseyer auf die vortrefflichen Bemerkungen Bult Haupts über die Einrichtung eines entsprechenden szenischen Bildes von -essing's Lustspiels (Dramaturgie des Schauspiels, 1. Bd., ^Lchulze'sche Hofbuchhdlg., Oldenburg.) Hoffentlich wird die wohlgelungene Gesamtleistung zu einer Volksvor­stellung verwertet. p. w.

der Weg, die Wahrheit und das Leben, und darum führe er keinen Krieg. Redner erinnert daran, daß nun gerade 100 Jahre verflossen sind, seit die Protestanten von Köln, freilich, unter fremder Herrschaft, nach langem Ringen sich freier Religionsübung erfteuen dürfen. Dieses Werk haben seitdem Preußens Könige fortgeführt.. Mit einem Hoch auf den Kaiser schloß der Redner.

Im Namen des preußischen Oberkirchenrats ergriff hierauf Propst Frhr. von der Goltz-Berlin das Wort. Er weist darauf hin, wie die höchste Kirchenbehörde in Preußen je und je die Arbeit und das Werk des Gustav Adolf-Vereins zu schätzen und zu fördern gewußt habe. In dem Gustav Adolf-Verein erblicke er den stärksten Aus­druck dafür, was sich gerade in den letzten Jahren als Sehnsucht herausbildet, daß wir in den deutschen Landeskirchen geschlossen zusammen steh en. Das Ziel weiteren Zusammenschlusses ist in aller Herzen; der Weg dazu ist nicht leicht.'

Regierungspräsident v.Ba lau-Köln heißt den Ver­ein im Namen der kgl. Staatsregierung willkommen und wünscht den Verhandlungen den Geist der Liebe und christ­licher Frömmigkeit. Er wisse, daß die Staatsregierung der Mitarbeit des Gustpv Adolf-Vereins nicht entbehren könne.

Oberbürgermeister B e ck e r grüßt im Namen der Stadt, in der Katholiken und Evangelische stets in gutem un­getrübten Einvernehmen gestanden und stehen, und deren Bevölkerung, welcher Konfession sie auch sei, stets treue Liebe zur Kirche und durch feste Anhänglichkeit an Kaiser und Reich sich ausgezeichnet habe.

Generalsuperintendent U m b e ck - Koblenz weist hin aus die große Hilfe, die die Rheinlande vom Gustav Adolf- Verein erfahren, aber auch auf die reichen Unterstütz- ungen, die sie schon durch den Verein den Diaspora-Ge­meinden gegeben habe.

Von Bonn war als Vertreter her theologischen Fakultät Prof. Dr. Sachse erschienen. Fakultät und Gustav Adolf- Verein, beide wollen das Evangelium verteidigen, jene mit den Waffen der Wissenschaft, dieser durch das Werk der Liebe.

Der Vorsitzende des Zentralvorstandes', Geh. Kirchenrat D. P a n k - Lerpzig, weiß in seiner Erwiderung auf all die herzlichen Begrüßungen den richtigen Ton zu finden. Von einem anfänglichen leichten Humor geht er in einen ernsten, tief ergreifenden Ton über. Er erinnert an die alte Zeit, wo heidnische Zäsaren durch Köln gekommen sind, dann an Konstantin und Karl den Großen, an die Blüte­zeit der Kölner Hochschule, die von 8000 Studenten besucht war, an die Zeit der Hansa und Machtstellung von Köln. Auch hierhin flogen Funken von Wittenberg, die eine evan­gelische Bewegung zündeten, evang. Bekenner von Köln wurden zum Richtplatz geführt. Der Erzbischof selbst habe eine Erneuerung des kirchlichen Wesens angestpebt und sei darum in der Verbannung als evangelischer Christ ge- stprben. Darnach hob eine lange schwere Zeit an, bis endlich nach mehr denn 200 Jahren der Morgenstern auf­ging, wenn auch leider unter französischer Fremdherrschaft. Seit 1815 unter preußischem Schutz blühe die Gemeinoe auf, der Stadt nicht zu Schanden und Schaden. Wenn auch vor kurzem gesagt worden, die evangelische Kirche sei eine windschiefe Bretterhütte, sie sei aber eine Hütte Gottes, in der Millionen wohnen und sich wohl fühlen.

Nach> einer halbstündigen Pause eröffnet den Rede­reigen Generalsuperintendent N e b e in Münster, der den benachbarten rheinischen Gustav Adolfs-Bruder ru seinem schönen Feste Gottes Segen wünschte.

Hierauf sprachen Diaspora-Geistliche, Pfarrer Weh­ren Pfennig-Innsbruck, Pfarrer Fritze aus der bel­gischen Diaspora und Pfarrer B r i e g - Komotau in Böhmen. Alle drei wußten in anschaulicher Weise und treffenden! Bildern von den Noten, Kämpfen und Gefahren der treuen Glaubensbrüder in der Zerstreuung zu erzählen und die Zuhörer für ihre Sach^ zu begeistern. Nach gemeinsamen Gesänge wurde unter Orgelbegleitung nach 10 Uhr die erhebende Versammlung geschlossen.

Volksversammlung in Meins Garten.

tt Gsreßett, 2. Okt.

Gestern abend fand im großen Saale von Steins Garten eine von der hiesigen freisinnigen Partei einberufene zahl­reich besuchte Volksversammlung statt, um zum neuen Zvlltarifentwurf Stellung zu nehmen. Justizrat Metz eröffnete die Versammlung. Er begrüßte die Er­schienenen und legte dann den Zweck dar, den der freisinnige Verein mit der heutigen Versammlung verfolgt. Gerade jetzt habe man diese einberufen, weil es notwendig sei, daß man seine Stellung zu dem neuen Entwurf scharf accentuiere, da sich ja die bevorstehende Partamentssession mit ihm werde zu befassen haben. Reichs- und Land- tagsabg. Dr. Klop sch- der das Referat übernommen hätte, war leider im letzten Augenblick am Erscheinen verhindert worden. An seiner Stelle hätte may den Landtagsabg. Dr. Goldschmidt als Referenten gewonnen, der in längerer Rede die ja nun schon hinlänglich bekannten Vor­teile resp. Nachteile, die der Entwurf für das deutsche Volk im Gefolge habe, entwickelte. Zunächst warf er einen Rückblick auf die Entwicklung der deutschen Landwirtschaft und ihre frühere Stellung zu den Zöllen: In der Zeit, wo Deutschland noch Agrarstaat war, waren die Landwirte Freihändler. Das wäre vielleicht so geblieben, wenn nicht die Bevölkerung Deutschlands so überaus rasch zugenommen hätte. So mußte einmal der Augenblick eintreten, wo die Landwirtschaft nicht mehr im stände sein konnte, die für das deutsche Volk notwendigen Lebensmittel zu produ­zieren. Wahrend früher Agrarprodukte ausgesührt und Jndustrieprodukte eingeführt wurden, werden jetzt die ersteren eingeführt und um sie kaufen zu können, mußte man Jndustrieprodukte produzieren und auf den Weltmarkt bringen. Wie es aber auch in der sogen, guten alten Zeü bestellt war, zeigt die enorme Preisdifferenz ländw. Pro­dukte, die zwischen 1 zu 6 sich bewegte. Es ist bekännt, daß um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 15ft ein Teil

Landes reichen Erntesegen hatte, während in eindtzn änderen bitterer Mangel, Hungersnot herrschte. Als sich die deutsche Industrie immer größere Absatzgebiete ver­schaffte, kam das Stichwortvom Schutz der nationalen Arbeit" auf. Die Sache wurde so dargestellt, als ob der deutsche Handwerker, die große Masse, einen Vorteil davon haben würde, in Wirklichkeit aber verstand man darunter, daß die landw. Produkte gegen das Ausland durch einen Zjoll geschützt werden sollten. Anfangs war man sehr bescheiden. Der Zolltarif des Fürsten Bismarck setzte 50 Pfg. für Getreide an, der Reichstag erhöhte den Satz auf 1 Mk. Nach wenigen Jahren wurde der Zoll schon auf 3 Mk. und nach wieder einigen Jahren auf 5 Mk. erhöht. Schon anfangs fehlten Stimmen nicht, die betonten, das sei der avlcbüfsige Weg. Sogar konservative Kreise, ebenso

hervorragende Zentrumöleute erklärten, vte Steuer aus Brot sei eine Steuer auf die Armut, die abgelehnt werden müsse. Aber heute treten Zentrum und die Rechte einschließlich! eines Tells der Nationalliberalen mit den Antisemiten ist nicht zu rechnen, die fallen teils nach links, teils nach rechts um fast einig für eine erhebliche Erhöhung dieser Zölle ein. Von der Erhöhung der Zölle versprach man sich ein neues Aufblühen der Landwirt-, chaft, das dann auch belebend auf Handel und Industrie zurückwirken würde. Dann würde auch das Abfluten der Landbevölkerung nc^ch den Industriezentren aufhören. Aber gerade das Gegenteil ist eingetreten. Durch die Zollpolitik ist der Grund und Boden so verteuert worden, daß der kleine Mann weit weniger als früher die Möglichkeit hat, eßhaft zu werden; ein noch lebhafteres Hinfluten der Arbeiterbevölkerung nach den Industriestädten war die Folge. Redner bespricht nun die nachteilige Wirkung res Zolles auf die Lebensmittelpreise. Auch heute noch erkläre der deutsche Landwirtsch^ftsrat, die Zölle, d. h. die Verteuerung des Getreides habe keineswegs eine Ver­teuerung des Brotes zur Folge. Das werde praktisch widerlegt durch die Brotpreisstatistik des Berliner Statisti- chen Amts. Dort habe man mit Schärfe festgestelll, daß mit dem Steigen des Brotgetreidepreises genau Hand in Hand gehe ein Steigen der Bvotpreise, wie andererseits ein Fallen der Getreidepreise auch ein Fallen des Bvot- rreises zur Folge hatte. Auch die von den Agrariern ge-, machte Behauptung, daß der Zoll nicht von den Jnlands- konsumenten, sondern vom Auslände getragen werde, sei unrichtig. Ja, wenn Deutschland wirtschaftlich unabhängig vom Weltmarktpreis gemacht werden könnte, dann würden in guten Erntezeiten die Preise tiefer und bei schlechten höher stehen. Der Inlandspreis aber reguliere sich, nicht nach der Zollhöhe, sondern nach dem Weltmarktpreise. Und es sei immer als Thatsache nachgewiesen worden, daß der Getreibepreis int zollgeschützten Lande stets ungefähr um den Betrag des Zolles höher gewesen sei als der Weltmarkt-, preis. Eine in Danzig aufgenommene amtliche Statistik gebe einen Beleg dafür. Der Getreidepreis werde im wesent­lichen von dem zollgeschützten Lande getragen. Wenn die Landwirtschaft einen angemessenen Verdienst für ihre Arbeit verlange, so sei das ein billiger Wunsch; aber keines­wegs sei sie berechtigt, zu verlangen, daß der Staat diesen Gewinn künstlich steigere. Was' dem einen recht sei, sei dem andern billig. Auch die Industrie habe Wechte Zeiten durchgemacht und befinde sich gerade jetzt in einer Krise, und die kleinen Gewerbetreibenden hätten am meisten zu leiden. Die Großindustriellen hätten ein Interesse daran, daß ihre Waren geschützt würden. 'Deshalb ver­bänden sie sich mit denen, die landw. Zölle wollen. So sei es gekommen, daß beispielsweise der Zucker in Amerika billiger sei als bei uns, wo er produziert werde. Krupp liefere seine Stahlplatten nach dem Auslande billiger als im Jnlande. Man treibe hier die Preise in die Höhe, um auf dem Weltmarkt Schleuderkonkurrenz treiben zu können. Eine solche Volkswirtschaft sei unmöglich zu billigen. Der Brotverbrauch sei in Familien mit kleinem Einkommen am größten. Der neue Zoll belaste sie also mit einem höheren Zollanteil als die, die größere Einkommen haben. Aber nicht nur das Brot, sondern auch andere Lebens­rnittel sollten höher besteuert werden. Die natürliche Folge der Lebensmittelverteuerung sei, daß die kleinen Leute den Verbrauch von anderen zum Leben gehörenden Gegen­ständen einschränken müßten. Das bedeute wiederum für das Gewerbe eine Einschränkung der Betriebe, für die Arbeiter niedrigere Löhne, es bedeute Arbeiterentlassungen. Eine Berliner Statistik weise nach, da?ß teure Brotpreise eine Erhöhung der Kosten für die Armen und die Unter­haltung der Krankenhäuser, der Sterblickfleitszisfer unb der Verbrechen zur Folge habe. Schon im Interesse des allgemeinen sittlichen und nationalen Wohls müsse man fordern, daß wenigstens die Preise für die Lebenshaltung Nicht künstlich erhöht würden. Nun führten die Agrarier etwas anderes an. Das nationale Interesse fordere, daß man das Opfer.bringe. Es könne eine Zeit kommen, wo unsere Lebensmittelzusuhrwege blockiert würden. Doch die Ansicht, daß sämtliche Zufuhrwege auf einmal abgeschnitten werden könnten, sei lächerlich. Es müßte eine ganz unfähige Regierung sein, die es gleichzeitig mit allen zu einem Konflikt kommen lassen könnte. Wenn der Staat zugebe, daß auf Kosten eines Teils der Bevölkerung ein anderer in seinen Interessen künstlich gefördert werde, so sei das eine einseitige Jnteressenpolitik, die nicht mit dem Staats­ganzen in Einklang zu bringen sei. Nicht der Landwirtschaft, sondern nur wenigen Tausend Großgrundbesitzern kämen die Zölle zu Gute. Es sei beschämend, daß zahlreiche Bauern sich durch Anschluß an den Bund der Landwirte in den Dienst der agrarischen Jniereffen gestellt hatten. Dieser warte doch nur die Zeit ab, um den Bauer wieder in feine Bot­mäßigkeit zu bringen. Aber der Getreidepreis werde einst die Kampfbasis bilden. Redner erwähnt hierbei den in der Mittwochnummer desGieß. Anz." veröffentlichten Artikel Ein landwirtschaftliches Gutachten", nach dem die Minderheit des Sonderausschusses für Wirtschaftspolitik der oldenburgischen Landwirtschastskammer sich gegen eine weitere Erhöhung der Getreide-, Vieh- und Fleischzölle ausgesprochen hat.Je höher die Zölle würden, um so schlechter werde es der Landwirtschaft gehen. Das Geschrei über die Not der Land- wirte sei heute viel lebhafter als vor 20 Jahren. Professor Brentano habe in einem Vortrage nachgewiesen, daß die künstliche Verteuerung der landw. Produkte in Verbindung mit der stark wachsenden Bevölkerung zur Folge hätte, daß der Boden, auf dem die landw. Produkte gebaut würden, bei uns zwei- bis fünfzehnmal teurer wären, als der Boden aller übrigen landw. Produkte auf den Weltmarkt bringenden Völker. Eine solche Differenz könne durch eine Zoll­erhöhung nicht ausgeglichen werden. Jede Zollerhöhung

würde eine weitere Steigerung der Bodeupreise

zur Folge haben. Welche Wirkung würde diese Wirtschafts­politik auf unsere Handelsvertragspolitik haben. Seiner Zeck hätte man beim Abschluß der Handelsverträge auf eine Zoll- basis von 3.50 Mk. herabgehen müssen > heute fordere man 6 Mk. Es sei nicht daran zu denken, daß ein Staat daraus eingehen werde. Handelsverttage aber müßten wir haben. Caprivi habe richtig gesagt:Deutschland muffe entweder Waren oder Menschen exportieren." Wer aber in Deutsch­land geboren ist, wolle auch auf deutschem B^wen leben und beschäftigt sein. Die? sei nur möglich bei der lA-n Weiter., entwickelung unserer Industrie und unseres Welthandels. Wenn das WortUnsere Zukunft l.egt aus dem Wasser" so gedacht sei, dann sei cs richtig. Man durse dre Grenzen Nicht sperren. Eine Abschließungspolitik würde die grötzte Gefahr bilden. Die Ausgabe einer volkssreundlichen Politik sei es, die breiten Massen zu immer höherem wirtschaftlichen w>«