Nr. 233 Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Freitag 4. Oktober 1901
erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.
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Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Herr Bürgermeister Köhler-Laugsdorf schickt uns ein langes Schreiben, in dem er uns zunächst bittet, Ausführungen in der „Dtsch. Agrarkvrrespon- denz" des bekannten Herrn Edmund Klapper abzudrucken. Gern kommen wir diesem Wunsche unten nach«. Herr K. pocht dabei mit gutem Recht auf unser stetes Be- stteben, volle Unparteilichkeit zu wahren und möglichst alle Parteien zum Wort kommen zu lassen, und fahrt dann fort:
„Ich beabsichtige damit, daß Ihren vom Handelsvertragsvereine, Freisinn und Sozialdemokratie gleichermaßen aufs schändlichste verhetzten Lesern in der Gießener Bürgerschaft hierdurch einmal vor Augen geführt werde, was es mit dem bäurischen „Brotwucher" in Wirklichkeit auf sich habe, und daß man füglich doch mit wirklichem Rechte von einem staatlich und gesetzlich geförderten Wucher der industriellen Betriebe sprechen könne.
Gleichermaßen möchte ich das perfide Verhalt en der Herren Handelsvertragsleute (dieser mit Millionen wirtschaftenden, Millionen verdienenden Kommerzienräte) der fast nur noch mit Unterbilanz arb eilenden Gesamtlandwirtschaft gegenüber hierdurch in den Augen aller rechtlich denkenden gebührend kennzeickyren.
Ich möchte aber auch wiederholt darauf Hinweisen, daß ich seit länger als 10 Jahren schon meine Berufs- und Standesgenossen, die Bauern in Hessen, wiederholt und dringend aufgefordert habe, niemals von anderen als von sich selbst und nur sich selbst Hilfe in diesen schweren Zeiten und Nöten zu erwarten. Insonderheit br- stätigt das perfide Verhalten eines großen Teiles der den Schutzzoll für sich selber fordernden Industriellen, daß der Bauer selbst dann einem andern nicht ttauen soll (wie leider der Bund der Landwirte es thut), wenn Jnter- essen-G em ein schäft zu bestehen Meint. (Siehe hierzu die Beschlüsse der Hess. Metz ger - und anderen Handwerker- Innungen).
Immer und immer wieder muß ich leider (ich sage mit großem Bedauern dieses Wort, ich muß es eben sagen, weil es die Wahrheit ist) sagen: Der Bauer darf sich niemals auf andere verlassen,
1. nicht auf die Beamten/ denn sie sind da, wo von oben oer Wind her weht, oder Lei der Partei, die im Besitz der größten politischen Macht sich befindet;
2. nicht auf die ev an gelt sch en Pastoren (die katho- tholischen nehme ich zu eurem großen Teile als für dre Bauern günsttg gesinnt und der Bauern Interessen und Leben besser kennend und verstehend, aus), denn teils huldigen sie der widerlichsten aller bis jetzt bekannt gewordenen Parteien, der national-sozialen, des großen Propheten Naumann, teils sind sie lau, fast niemals Kämpfer für der BauernJnte ressen und meistens nur bei u n s, weil wir Bauernbündler zuletzt auch Antisemiten sind;
3. nicht auf die Gelehrten, ganz besonders nicht auf die Professoren, denn die meisten von ihnen ind übergeschnappt vor lauter Weisheit; dazu ind sie an den Universitäten zu Cliquen geeinigt, ; >ie jeden andersdenkenden und -lehrenden ausschließen (siehe Prof. Ruhland). Vor allen Dingen gilt dies von den Professoren der Nationalökonomie, Brentano, Lotz und Genossen, und auch der Hess. Nationalökonom Birmer in Gießen ist einer von denen, die vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen, die
alles Heil von Handel und Industrie, nichts für des Vaterlandes Wohl vom Bauernstand erwarten;
4. nicht auf die Industriellen, denn sie sind zu egoistisch;
5. nicht auf die Handwerker, denn sie sind zu sehr geistig beschränkt und sehen darum uns! Bauern als ihre Feinde an;
; 6. endlich nicht auf die Kaufleute, denn sie sind fast alle unsere heftigen Feinde.
So stehen wir Bauern denn einer Welt voll bewußter Aeinde, verhetzter Dummköpfe, überge- ichnappter Professoren, gewissenloser Egoisten und Streber gegenüber, allein angewiesen auf uns selbst und die Hilfe, die aus unseren Reihen uns selbst entsteht. Verlassen von aller Welt, wie unsere Brüder und Standesgenossen in Süd- Afrika, kämpfen wir einen fast aussichtslosen Kampf mit den Mächten des Großkapitals, das über die Presse gebietet und dient die landläufige Dummheit als Schildhalterin dient. Da kommen wir denn endlich wohl selbst zu der Idee, daß ein Gemeinwesen, das so wenig bestrebt sich zeigt, uns wie billig und recht ist, seinen starken Schutz angedeihen zu lassen, uns lieber heute gestohlen werden möchte, als morgen. Und ein Mittel dazu wäre (nach Marx — siehe dessen Brüsseler Rede —) der gänzliche Freihandel.
Würde mir jemand dazu nunmehr die Hand bieten, ich würde der eifrig st e Verteidiger de sFrei Handels werden. Tann möchten die Herren Jndusttiellen und ihre Schützer in den Residenzen einmal erkennen lernen, wie herrlich weit sie es mit ihrem „Kurs" gebracht. Eine herrliche Rache würde es für uns Bauern sein, wenn man sehen würde, wie ohne die berüchtigte „StaatsHilfe" ,von der man uns Bauern immer so sehr abmahnt, ein Krach der industriellen Unternehmungen der andern folgte. Und was würde für uns Bauern die Folge sein?
1. An ein weiteres Sinken der Getreidepreise würde nicht zu denken sein. T-enn die Unsicherheit auf allen Gebieten des Handels und der Industrie würden verhindern, daß eine rege Spekulationn in Getreide einträte und der Bauernstand würde durch Ringbildung die nunmehr Deprimierten, Jndusttie und den Handel, zwingen können, einzig und allein den sog. inne rett Markt zu berücksichtigen.
2. dem Bauernstand würde ein Heer entlassener Fabrikarbeiter sich zur Verfügung stellen;
ß. die Eisenpreise würden sinken — ein unendlicher Vorteil für den Bauernstand;
4. alle Maschinenpreise würden sinken (z. B. in Amerika kostet eine Mäyemascbine mit Garbenbinder noch keine 300 Mk., hierzulande 900 Mk. und mehr) u. s. f.
Also Vorteil für den Bauernstand überall! Freilich aber auch Rückgang der Machtstellung des Staates!
Wähle man also! Denn wir sind in erster Linie für angemessenen Schutzzoll, wenn auch« wir geschützt werden sollen. Wollen aber krasser Egoiswus, Staatsunklugheit, Dummheit der Massen und die revolutionäre Sozialdemokratie dies verhindern, nun gut, so ist auch das uns recht, dann gebt uns gänzlichen Freihandel, aber das Deutsche Reich wird nicht gut dabei fahren.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Köhler,
M. d. R. u. d. Hess. Ldtgs."
Wir haben diese Zuschrift in vollem Wortlaut wieder-! gegeben, nicht allein weil sie einen neuen bemerkens^ werten Beitrag liefert zur Charakterisierung unseres Vertreters im Reichstage, sondern in erster Linie, um die Sttmmung des Teiles der ländlichen Bevölkerung zu kennzeichnen, als deren Führer Herr Köhler anzusehen ist. Allerdings mag ja wohl diese Stimmung in solcher Schärfe wie bei Herrn K. kaum sonst noch irgendwo zu tage treten. Daß Herr K. ein ausgesprochener Freund der schroffsten Krastausdrücke ist, ist bekannt, und man wird daher seine maßlos heftigen Ausfälle nach; allen Seiten, nur nickst, nach bäuerlicher Richtung hin, nicht besonders tragisch« zu nehmen haben.
Im einzelnen leugnen wir, daß unsere Leserschaft von irgend jemand „verhetzt sei. Wer soll denn die Verhetzung gerade bei unseren Lesern verübt haben? Von uns selber ist das wahrlich nicht geschehen, wir haben vielmehr stets objektiv aus beiden Lagern berichtet. Und woher glaubt denn Herr K. unsere Leserschaft so gut zu kennen, daß er diese Behauptung aufftellen kann? Unsere Leser sind gut zur Hälfte Landsleute aus allen Kreisen Oberhessens, und daß diese nach der von Herrn K. angegebenen Richtung hin verhetzt seien, wird Herr K. selber nicht wahr haben wollen.
Tie Ausführungen der „Agrarkorrespondenz", die Herr K. an dieser Stelle veröffentlicht zu sehen wünscht und die allerdings recht interessant sind, lauten:
„Wie bei den Mitgliedern des Ausschusses des Han- delsvertragsvereins sich sreihändlerische Theorie und schutz- zöllnerische Praxis zu ihren Gunsten ganz wunderbar vereinen, zeigen folgende Beispiele. Unter dem bekannten Aufruf, der in hervorragend hetzerischer Weise gegen die Agrarzölle zu Felde zieht, finden sich Herren, deren eigene Fabrikate in dem selben neuen Tarifentwurf mit der daneben verzeichneten Zollschutzsteigerung apsgestattet worden' sind.
Arendt-Magdeburg (Firma Mundlos
& Co.) Zollsteigerung
Arnold-Magdeburg (Firma Schiffer &
Buden bürg)
Nähmaschinen Armaturen
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500 Proz.
400. „
Blanke-Barmen Couverts
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Hurtzig-Schweinfurt
Tr. Böttinger-Elberfeld.
Farben
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Eoppel-Solingen Waffen
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Heckmann-Berlin Erhard-Schw.-Gmünd Metallwaren
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Esche-Chemnitz Strumpfwaren
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Herz-Berlin
Oele, Gummi
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Krause-Berlin Papierwaren
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Löwe-Berlin Werkzeugmaschinen
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Manz-Bamberg Schuhwaren
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Marwitz-Dresden'
Gardinen, Spitzen
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Mey & Edlich, Leipzig Diverse Waren
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Gießener Stadtthealer.
Minna von Barnhelm.
Vor 140 Jahren begann Lessing sein berühmtes Lustspiel zu schreiben, im Herbst 1767 scherzte in Frankfurt a. M., wie Elisabeth Mentzel vor ein paar Jahren im „Frkf. Gen. Anz." nachmies, Minna zum erstenmale auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und noch heute ist das Fräulein von Barnhelm so jugendfrisch wie damals. Das ist die Eigenschaft eines vollkommenen Kunstwerkes, daß es die Zeiten überdauert. Lessings „Minna v. Barnhelm" hat auch heute noch nichts von seiner erstaunlichen Wirkungsfähigkeit eingebüßt, das beweist jede neue Aufführung.
Der gesttigen fehlte wenig, um, für die gegebenen Verhältnisse, tadellos zu sein, vielleicht nichts als dem Ganzen eine Probe mehr und einigen der Hauptdarsteller jenes Salzkorn Talentes und technischen Schliffes mehr, das überall erst die Würze wahrer Künstlerschaft verleiht. Die Reden an sich waren fast durchweg ganz sicher, aber sie griffen im Herüber und Hinüber der Gespräche nicht immer prompt ineinander. Wott und Empfindung kamen bei einzelnen unserer Künstler zuweilen zu früh, bevor das Leitwott des Gegenüber gefallen war, während sich andrerseits dieser oder jener damit manchmal ein wenig verspätete. So werden auf jene Weise kleine, aber bedeutungsvolle Bemerkungen zwangsweise unterdrückt, Momentsituationen auf diese Weise in, die Wirkung hindernde Länge gezogen. Wir möchten heute nicht gleich Namen nennen und wollen auch nicht zitieren, denn das würde bei der gestrigen im ganzen sehr hübschen Aufführung als Splitterrichterei erscheinen, vielleicht aber nimmt sich diese Bemerkung der eine oder der andere zu Herzen. Das Zusammenspiel war im allgemeinen besser als wohl gelungen und wir hatten unsere Freude an einzelnen nicht übel ersonnenen kleinen Zügen der Spielleitung, die wieder Herr
Ramsey er besorgte. Er hatte ja freilich sich selber am meisten damit bedacht, z. B. in dem Duett mit Franziska, das besonders gut gelang und einen Extraapplaus verdient hätte, aber auch der Wenter hatte ein Teil davon abbekommen, wenn auch manchmal nicht gerade etwas besonders Erfteuliches, wie das allzu derbe Hinaustransportieren des Wittes. Im übrigen hatten die meisten Darsteller für ihre Anfgaben so ziemlich alles Notwendige, das rechte Verständnis, den rechten schauspielerischen Instinkt und vor allem rühmenswerte Liebe zur Sache mitgebracht; aber es kam doch nicht alles in Wott und Spiel so heraus, wie es beabsichtigt gewesen sein mag. Weit schärfer als sonst tritt dergleichen zu Tage am Prüfstein der klassischen Dichtung, von der jedes Wort, oder doch nach dem gehätten Wott der Sinn des Folgenden so sehr bekannt ist, daß man mit den Künstlern gedanklich mitzuspielen wähnt. Doch macht die klassische Dichtung uns andrerseits auch wieder für alles Gelungene dankbarer, und das Gelingen überwog gestern das Verfehlen weit.
Den ftreng empfindlichen Ehrenmann Tellheim — manche nennen ihn einen Bonhomme — gab Herr Gerlach edel, ritterlich, mit großer Wärme. Die sparsamen Silberblicke des Humors, die aus dieser sehr ernsthaften Rolle hier und da hervorbrechen, brachte Herr G. sehr sparsam zur Geltung. Gewiß, der Humor ist keineswegs eine starke Seite an Lessings schwerblütigem Gemütsmenschen, und Tellheim ist eine Figur von tiefem, inneren Gemütsleben, das sich nicht leicht offenbaren läßt und auch vom Dichter vielleicht nicht genügend offenbart ist. Aber Herr G. machte schließlich doch so viel aus ihm, als sich schlechterdings machen läßt, er zeigte keine schlappe Weltschmerzelei, wie mancher andere Darsteller des Tellheim, sondern ganz respektable Lebendigkeit und Temperament, vielleicht sogar manchmal mehr davon als ein Tellheim verträgt; dann überanstrengte er sein Organ, selbst
in Gegenwart der Damen, doch allzu sehr. Immerhin aber haben wir von Herrn G. gestern einen wesentlich günstigeren Eindruck gewonnen als am Eröffnungsabend.
Tellheim findet in der frohgemuten, hin und wieder sogar schalkhaften Minna v. Barnhelm die schönste Ergänzung seines mehr passiven Wesens. Es ist eine Rolle für eine gereifte Künstlerin. Frl. Krebs ist sichtlich Anfängerin. Sie besitzt noch eine stereotype Pantominik und gar viel deklamatorische Gleichförmigkeit, das Frl. v. Barnhelm aber den strahlenden Sonnenschein herzlicher Innigkeit und warmen Gefühls, leichten Humor und den Hang zu anmutigen Neckereien. Bei Frl. Kr. trägt alles noch den Stempel der Gezwungenen und Unfertigen, ihre Bewegungen, ihre Sprechart bedürfen noch gar sehr der Ausreife. Ihr Organ ist ja ganz tragfähig, ihre Figur von überragender Schlankheit. Wir wollen hoffen, daß ihre große Befangenheit bald größerer Freiheit, lebhafterent Aussichherausgehen weichen wird. An Eifer scheint es ihr ja nicht zu fehlen. Als Franziska war Frl. Brand au ein nettes und munteres „Frauenzimmerchen". Frohsinn, Laune, Schmollen, Lachen, alles steht der jungen Dame ganz gut, und darin beruht vornehmlich das Geheimnis ihrer Wirkung. Hier und da freilich hätte der muntere Schalk noch mehr zum Ausdruck gebracht werden können, und das „stumme Spiel" reichere Ausarbeitung verdient. In der Rmgszene zwischen Tellheim und dem Fräulein im 4. Akte müßte Franziska ab und zu gehen, sich bald hier bald da zu schaffen machen und dabei doch ihre ganze stumme Aufmerksamkeit dem Zwiegespräche widmen. Die Szene würde dadurch gewinnen.
Herr Sandor als Werner gefiel uns im Verlaufe des Abends immer mehr und mehr. Anfangs hatte der derbe Soldat etwas Gemachtes, nicht Natürliches, es war mißlungene Pose, was er gab. Dann aber ging er bald aus sich heraus, als er fein treues Herz offenbarte, und der früh-


