Ausgabe 
3.12.1901 Drittes Blatt
 
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sehr vorteilhaft von den Anschauungen abhcbt, die von seinen beiden letzten Ämtsvorgängcrn vertreten wurden. Die Landwirth- schaft ist nach ihrer jetzigen Tcchnit thatsächlich außer Stande, ihre Prodnttion erheblich zu vermehren und dein inländischen Kousuin- bedurfniß voll zu genügen. ES muß aber unser Ziel sein, die Ein­fuhr ausländischen Getreides überflüssig zu machen. (Sehr richtig! rechts und im Ccntrum.) Und ich behaupte, daß das möglich sei, wenn unsere Anbauflächen vergrößert werden und wenn wir in Zu- kunft weniger Getreide verfuttern als in den letzten Jahren. Wir verfüttern 25 Prozent unseres Getreides, während nur 11 Prozent eingeführt werden. Es wäre außerordentlich kurzsichtig, wenn man, um momentan die Getreidevreise etwas billiacr zu halten, darauf verzichten wollte, unsere einheimische Getrcideproduttwn zu sichern. (Beifall rechts.) Der Gegensatz zwischen landwirthschasrlichem und induftriellent Betrieb, der oft konstruiri wird, ist gar nicht vor­handen; auch in Bezug auf die Ausfuhr haben sie die gleichen Interessen. Ich erinnere Sie daran, daß einer unserer größten Exportartikel Zucker ist.

Der vorliegende Entwurf verdient in Bezug auf äußere An­ordnung entschieden den Vorzug vor deut alten. Daß die Ver­handlungen des wirthschaftlichen Ausschusses so sehr berücksichtigt worden sind, war sehr zweckmäßig. Es ist zii hoffen, daß es wenig­stens späterhin möglich sein wird, die Stellungnahme dieses Aus­schusses zu den einzelnen Fragen bekannt zu geben. In der Begrün­dung heißt cD, daß die Produktionskosten der Landwirthe gestiegen seien. Wäre es da nicht angebracht, diese Erhöhung der Kosten bei der Erhöhung der Zölle zu Grunde zu legen? Schon diese Erhöhung der Produktionskosten allein rechtfertigt eine cntsprcchciide Er­höhung der Zollsätze. Die in dem Entwurfvorgeschlagene Erhöhunggenügtunsnicht; wir behalten uns vor, A n - träge auf weitere Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle einbringen. Wir werden auf solchen Aenderungcn bestehen müssen, wenn anders der Tarif für uns an nehm­bar sein soll. (Hört! hört!) Nur dann können wir ihn als brauchbare Grundlage für den Abschluß neuer Handelsverträge an­sehen. Wir werden ferner darauf bestehen müssen, daß für alle Zölle auf landwirthschaftliche Erzeugnisse die Grenze, bis welcher die T a r i f s ä tz c bei den Verhandlungen ermäßigt werden dürfen, gesetzlich fe st gelegt wird. Wir dürfen hier nicht ein Pro­dukt vor dem anderen bevorzugen. Herr Gothein hat in Wahlver­sammlungen darauf hingewiesen, daß manche landwirthschaftlichen Erzeugnisse zurückgcsetzt seien. Ick frage ihn, ob er und seine Freunde bereit sind, für diese zurückgesetzten Erzeugnisse ent­sprechende höhere Zolle zu bewilligen? (Sehr gut! rechts ) Es ist gegen den Tarif das Bedenken erhoben worden, daß der Minimal­tarif den Abschluß neuer Handelsverträge erschweren würde. Ich halte das nicht für stichhaltig. Es kommt hier in erster Linie darauf cm, zu verhindern, daß bei den neuen Verträgen wieder die Ver­günstigungen, die wir dabei erzielen, auf Kosten der Landwirthschaft erreicht werden. Der Reichstag muß hier aussprechen, daß er in Zukunft nur solchen Verträgen zuslimmen wird, bei denen die Land­wirthschaft genügend innerhalb bestimmter Grenzen geschützt wird. Das ist der Grund, weshalb wir für den Doppeltarif eintrcten, und ich meine, dieser Gesichtspunkt ist durchaus berechtigt. Ist es den Landwirthen zu verdenken, daß sie nach den traurigen Erfahrun­gen, die sie nach der ausdrücklichen Konstatirung der Begründung mit den jetzigen Verträgen gemacht haben, diesmal einen besseren Schutz ihrer Produkte sich sichern wollen? Auch wir sind Freunde von Handelsverträgen; aber wir unterscheiden uns von dem Handcls- vertragsvereine dadurch, daß wir nicht Verträge um jeden Preis wollen, sondern nur Verträge, die vortheilhast für uns sind und nicht einen wichtigen Zweig unseres wirthschaftlichen Lebens schädi- gcit. Wir wollen Verträge, durch die unser Export ohne Preisgabe wichtiger nationaler Interessen möglichst ge­fördert wird. Unter allen Umständen müssen wir für die Gestaltung unseres Zolltarifs unser Selbstbestimmungsrecht wahren.

Was den V o r b c T ' T .* Inkraftsetzung des Ge­setzes anlangr, so *)arh- gewünscht, daß hier h'.e Absichten der

Regierung llarer -"M.lusd^--u gctommcn wären. Nack den bestimm­ten Versprech.ingeu, ?ic uns vorn Regierüngsnsch aus, aück vom Herrn Reickstanzter gemacht worden sind, lanu iw mir nickt denken, daß mau eiwa bcabsichligen könnte, die jetzigen Verträge unter ge­wissen Umständen auch nur einen Tag nach dem ersten Kündigungs- termiu in straft zu lassen. Eine solche Absicht wurde ja nichts weiter bedeuten, als daß mir uns einfach von dem guten Willen des Auslandes abhängig machten. 9?un führ: man. gegen den Minimal- iarif an Was wird dann geschehen, we::n sich der Satz als hoch Herausstellen sollte> Dafür haben wir doch immer die Mogllchteu der Korrektur seitens des Reichstags^

Wir tverdcn das Unsere :hun, um die jetzt beginnenden. Ver­handlungen zu einem befriedigenden Ende zu fuhren. Unsere Stellung zu dem Entwurf ist aber allein abhängig davon, ob darin der Landwirthschaft der genügende Schutz zu Theil wird. Wir dürfen den Landwirthen nicht noch einmei eine schwere Enttäuschung bereiten, sonst würde an Stelle der bisherigen Muthlosigkeu Ver­zweiflung bei ihnen Platz greisen. 2;c deutschen' Bauern, di- deutschen Buren kämpfen so gut wie die afrrkani-schen um' ihre Existenz Für einen deutschen Bauern ist die Aussicht, daß die ganzen Massen der Laiidarbeiter in die Reihen der Sozialdemokraten getrieben werden ebenso schrecklich wie für einer Buren die englische Herrschaft. (Gelächter links. Beifall rechts.- Ick gebe die Hoff­nung aus einen guten, friedlichen Abschluß Der Verhandlungen nicht auf. (Vciiall rechts )

Abg. Molkcnbuhr (Soz.): Ter Vorredner hat für die Be­hauptung keinen Beweis erbracht, daß die Landtvirthschäft einen Zollschutz braucht. Aber man sagtSchutz" und meintAusbeutung der Massen". (Lärm rechts.) Bei dem Anhören der bisherigen Rede kam mir fortwährend der Satz in Den SinntDie Sprache ist dazu da. um die Gedanken zu verbergen." Warum' rücken Sie nicht offen mit der Sprache heraus und sagen, worauf es.Ihnen ankommt? Der ganze Entwurf kommt mir als der Abschluß des Tivoliprogramms vor. bei dessen Aufstellung u. A. Hochrufe auf Ahlwardt ausgebracht wurden. Hätten die deutschen Bauern mehr für ihre Selbständigkeit gekämpft, so säßen viele von Ihnen (nach rechts) nicht hier. (Oho! rechts). Der Grundgedanke des Kampfes, den Sie führen, ist nicht ideal. Sie stellen es immer so dar. als hätten Sie einen bestimmten Rechtsanspruch auf Preise. Die zu irgend einer Zeit mal gezahlt sind. Das Verbot des TerminhgndclS haben Sie gekriegt, aber zufrieden sind Sie Damit nicht Dadurch ist bewiesen, daß nicht der Terminhandel an Dem Rückgang der Getreidcpreise die Schuld trägt- sondern ganz andere Umstände. vor allem die technischen " Umwälzungen. Haben Sie Denn einen Anspruch auf hohe Grundrente? Sie sagen, wir können nicht mit Amerika fonfurriren. Ja, warum denn nicht? Amerika zahlt weit höhere Arbeitslöhne als die Land- wirthe bei uns im Osten, dort ,st der Kapitalzins höher und die Kosten der Frachten sind größere, aber in technischer Beziehung ist Amerika weiter vorgeschritten. Die Agrarier behaupten, die höheren Getreidepreise würden feine höheren Brodpreise zur Folge haben. Ja, wer soll denn die Kosten tragen? Etwa der Muller? Das werden Sie doch nicht glauben, daß der Müller die höheren Zoll­sätze aufbringen kann, zumal da die Zahl der selbständigen Mühlen­betriebe in Deutschland in den letzten Jahren ganz erheblich zurück- gegangen ist. Sollen die Bäcker den Zoll tragen? Wir hören ja immer von Herrn Oertel, daß die Bäcker zu Grunde gehen, lvenn ihre Gesellen nur dreizehneinhalb Stunden arbeiten dürfen. Wenn es den Bäckern so schlecht geht, werden sie gewiß den Zoll nicht tragen können Wer hat also den Schaden von den höheren Zöllen? Die Arbeiter, die Aermsten der Armen, müssen ihre Pfennige für Die Agrarier opfern und ihnen ihren Tribut leisten. Und das, obwohl schon eine ganze Reihe von Arbeitern so gestellt sind, daß einige Hungertage in jeder Woche bei ihnen Die Regel bilden. Sie

(nach rechts) treten für die Interessen der Großgrundbesitzer etn, und wenn Sie sagen: Wir tämpfen ebenso zäh wie die afrikanischen Beeren. so können Sie überzeugt sein: die Arbeiter werden mit derselben ^äbigkeit für ihre hungernden Kinder ckampfen, wie Sie für d:e Interessen der Großgrundbesitzer 25 000 Großgrund- vcsiyer haben ein Viertel Der gejammten bebauten landwirthschaft- 11cf-cn Fläche >m Bentz: a!>'o von jedem Pfennig des Armen öekomaft der lÄcke Großgrundbesitz immer einen großen Theil ab. Die »leinen Landwirthe haben von der Zollerhohung nickts. Der Mehr- werth des Grund und Bodens in Folge Der Erhöhung der (betreibe» jc'Je beraa: wenn Die Satze des Tarifs verwirklicht werden, nach rr.?>:vr Berechnung sechseinhalb Milliarden Mark (Widerspruch rechts.) Ja wohl das ist die Kricgskosienentschädigung, die Sie j'ck dann von den Hnrorhekenban.'en gleich im Voraus zahlen lassen kennen. (Lachen rechts.) Wurden die Sätze des Bundes der Landwirthe angenommen, so wurde das auch nichts helfen, nach zehn Jahren wurden Sie wieder kommen und sagen: Wir sind noch viel bankerotter. (Heiterkeit.) Wenn Sie das Land nicht mehr bearbeiten können, ic sollte man Sie doch einfach ablosen und den Grund und Boden denen zur Bearbeitung überlassen, die die tech­nischen Fortschritte -u benutzen versieben, man sollte den Grund und Boden in Den Besitz der Ge'ammtheit überführen Sie be­klagen i',ck über die Entwickelung Deutschlands zum Industriestaat. Das :st eine natürliche Entwickelung, die niemand aufhalten kann, aber wem- sick heute die Bevölkerung mehr und mehr von der Landwirtlnchaf: abwendet, so sind daran die Agrarier Schuld, Die Den Leuten das Leben auf Dem Lande gründlich zu verleiden ver­stehen.

Die Regierung erklärt, sie habe alle Interessenten gehöiL Gewiß, alle Interessenten. die etwas haben wollen, nicht aber Die Arbeiter, die Die st osten zu tragen haben. Sie sagen, besser thcureS Brod und höhere Löhne, als billiges Brod und niedrige Löhne. Nun. Sie batten ja 1591 höhere Roggenpreise Haben Sie Da etwa Ihren Arbeitern höhere Löhne gezahlt? Keineswegs. In einer 23er« 'ammlung von Fabrikanten in Essen hat Krupp erklärt, daß Die Industrie der Landwirthschaft, wenn nöthig, einen höheren Zoll ge­währen werde, denn die Brodpreise seien von keinem oder nur geringem Einfluß auf die Höhe Der Löhne. In Wirklichkeit werden die Arbeiter, wenn sie das Brod Hjeurer bezahlen müssen, am Ein­kauf con Jndustrstbroduktcn sparen, und die Folge davon ist em I Rückgang der Industrie, Arbeitslosigkeit und Arbeiterentlassungen^ Sie berufen sick auf Amerika, aber dort hat die Schutzzollpolitik Milliardäre gezüchtet, und die Farmer sind zu Proletariern hcrab- gefunien. zu Unterifjanen des Eisenbahnkönigs und des Schweine­grafen. Bei uns gebt man ganz systematisch vor. Zuerst bringt man das Zuchthausgefctz ein, um die Arbeiter zu knebeln, und dann will man ihnen das Brod vertheuern. Auch in England wollte man in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Arbeiter knebcln. ?r_ir gestand man ihnen wenigstens billiges Brod zu. Die Agrarier sagen, wir müssen hohe Schutzzölle haben in Folge unserer passiven Handelsbilanz. Wäre es wirklich wahr, daß eine passive Handelsbilanz ein Land arm macht, wie arm müßte dann Eng­land sein? Wir müssen uns entschieden dagegen verwahren, daß man unter der FirmaSchutz der nationalen Arbeit" die nationalen Arbeiter aussauge. Würde jetzt Der Reichstag aufgelöst und unter der Parole: für oder gegen höhere Zölle die Neuwahl vor sich gehen, ich glaube, Sie würden einen Reichstag bekommen, dem Sie gar nicht wagen würden, diesen Tarif vorzulegen. .(Lachen rechts; Beifall links.)

Hieraus vertagt das HauS die wertere Derathung mq Dienstag. 1 Uhr. , > »

Schluß 5 Uhr,

M n-nra? ft-nr..

Tas natronalsozialc 2L,;rcrrprograruru uub der Zukttttst-Sbarrer.

Von Herrn Oekonomierat Schl en k e geht uns folgende Zuschrift zu:

Der Schreiber dieses hatte auch daS Vergnügen, den Ausführungen des Dr. Maurenbrecher-Berlin über dre Zu­kunft der deutschen Landwirtschaft und der Entwicklung des nationalsoziatcu Agrarprogramms zuhören zu können. Wirk­lich das Vergnügen! Die Ausführungen waren glänzend, packend, fast sinnverwirrend. Ich. hartgesottener Agrarier berauschte mich einige Zeit an den Bildern, die der Redner, anscheinend selbst berauscht von seinen Zukunftsbildern, entwarf.

Größere Besitzungen, einförmige Ackerflächen ver­schwanden vor meinen Augen. Zahllose kleine Bauernhöfe, in denen ein blühendes, fruchtbares Geschlecht hauste, bauten sich aus. D>er Getreidebau war eingeschränkt bis auf den Bedarf der Familie. Die übrigen Ländereien mehr als 20 Morgen können es nicht sein sind mit üppigen Futter­pflanzen für die zahlreichen Kühe mit strotzenden Eutern bedeckt. Andere Flächen sind mit Obstbäumen und Beeren- sträucherri bepflanzt, unter denen das Gemüse für den nächsten Markt unter den fleißigen Händen der Besitzer gedeiht. Hühner und sonstiges Eier legendes und Fletsch lieferndes Geflügel durchschreitet sorgfältig die üppigen An­pflanzungen, Schädlinge aufpickend und Eier präparierend. Die glattesten Verbindungswege sind geschaffen. Die durch die Industrie reich gewordenen Städter haben das Geld dazu hergegeben, das ist ihre Pflicht. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land wird so ausgeglichen, das ist national.

Auf den Wegen zwischen diesen weit ausgedehnten hun­derten und lausenden von Bauernbolonien laufen billige und rasche Bahnen, am besten elektrische Bahnen, die alle Produkte billig und rasch, alles auf Kosten der reich ge­wordenen Stadt, auf ihren Markt führen. Kaum ist das Ei gelegt, so ist's auch schon auf dem Wege zur Stadt, wo es von der Köchin im Spitzenhäubchen sehnsüchtig erwartet und in Empfang genommen wird.

Vor der Menge von goldenen Früchten und dem präch­tigen Gemüse wird's den Marktbesuchern grün und gelb vor den Augen. Denn die Städter haben die Pflicht, alles zn guten Preisen zu kaufen und besonders auch aufzuessen.

Die Wirtschaften verzapfen nicht mehr Bier und andere alkoholischen Getränke, sondern nehmen den Baucrnkolonien pslichtschuldigst alle Milch ab. Sie bezahlen sie auch gut.

Der regsamere und wieder durch städtische Mittel ge­bildetere Bauer zählt schmunzelnd am Abend die Tages­einnahme. Er zählt auch bedenklich die Häupter seiner Lieben, ob's auch schon genug sind.

Denn er hat der Stadt gegenüber in dieser Beziehung Verpflichtungen übernommen. Er hat der durch die In­dustrie degenerierten städtischen Bevölkerung frisches Blut zuzuführen, auch die Lücken, die Fieber und Unfälle in die Bevölkerung unserer Kolonien gerissen haben, auszufüllen. Kurzum, der Bauer hat fruchtbar zu sein. Das platte Land ist verpflichtet, viel Menschen zu erzeugen. Das ist national.

Vor Schulden kann das Programm der Nationalsozialen ihren Zukunftsbauern auch nicht ganz behüten. Aber es hat ein Heilmittel: die Hypothekarresorm.

Das ist der eigentliche Grundgedanke unseres Pro­gramms, sagt der Redner. Die heute bestellenden.'Hypo- thekenbanken kaufen das Gold zu J bis Dp0 Proz.. um es ihren Hhpothekargläub.gern zu leihen, zu 4 bis 4.^0 Proz. Das ist ein unrichtiges Verfahren. ,

Die Gemeinde muß das Geld kaufen,. ebenso wie die Hypothekenbank, sie leiht cs ihren Gemeindec'ingesessenen. auch zu 4 bis 4.50 Proz. Der Gewinn fließt nun m die Gemeindekasse. Die Gemeinde, dadurch reich an Mitteln, bestreitet damit die Bedürfnisse der Gemeinde. Der Ge- meindeeingcsessene spürt aus einmal, daß man. seitens der Gemeinde reine Anforderungen mehr an ihn stellt er braucht also wohl keine Gemeindesteuern mehr zu bezahlen.

Das war zu viel. Ich stürzte aus allen meinen Him­meln, in die ich mich, im Banne des Redners stehend, ge­träumt hatte.

Ich tvar wieder in Gießen mit seinen 250 Prozent Kommunalsteuern. Uno dies unglückliche Gie­ßen, das fortgesetzt neue Anleihen selbst macht, soll Geld hergeben fürs platte Land, damit ihm noch mehr Milch, iwch mehr Butter, viel Gemüse^ viel Obst, um Gottes Willen aber fein Getreide das können wir in Amerika billiger kaufen auf den Markt gebracht werde.

Dasselbe Gießen soll aufs platte Land billige Ver­kehrsmittel schaffen da Straßen vorhanden sind, werdens doch Bühnchen auf diesen Straßen sein müssen die den städtischen Markt rasch und leicht versorgen. Dasselbe Gießen, dessen durch die Industrie reich gewordene Be­völkerung jid) in ihren Omnibuswagen zum Bahnhof martern läßt, noch dazu auf städtische Kosten.

Jetzt war ich wirklich wieder auf Gottes Erdboden.

Der gewandte Redner hatte sich's von vornherein leicht gemacht mit seinen Luftschlössern. Er erklärte, tcchnisck/e Fragen kümmern mich nicht, die lasse ich beiseite. Bas war auch nötig, sonst wäre das Bild, was er von der zukünftigen deutschen Landwirtschaft entwarft unmöglich gewesen.

Es giebt bei uns leider Gottes wenig Land, auf dem sich so ein kleines Paradies selbst mit Aufwendung großer Geldmittel und noch größerem Fleiß und Intelligenz schassen ließe. Für den, der's übernimmt, hat der Tag in der besseren Jahreszeit mindestens 16 Arbeitsstunden. Man frage nur nach da, wo auf nicht großen Flächen unter besonderen Bodenverhältnissen bei Mainz oder Frank­furt die fleißigsten Menschen, die es giebt, dem Gemüsebau obliegen. Kann die Bevölkerung der dortigen, nahe zu­sammenliegenden reichen Städte das dort erzeugte Ge­müse alle verzehren? Nein, große Massen desselben gehen auf den Rheinschiffen stromabwärts bis ins Ausland, wenn ich nicht sehr irre, selbst bis nach London. Was würde werden, wenn die großen Güter der dortigen Gegend, die oft guten Gemüsebvden haben, aufgeteilt und an fleißige intelligente Bauern vergeben würden, um aus- jchließlich Gemüse, Obst, Milch, Butter, Eier zu erzeugen. Sie würden mit ihren Produkten, wenn sic angemessene Preise erzielen wollten, sofort auf den Export angewiesen sein.

Nun kommt aber noch ein Gegenstrom von dergleichen Produkten vom Ausland, von Holland, aus Italien, aus dem südlichen Frankreich, selbst aus Algerien. Äeser

Gegenstrom soll nach dem Programm der 22a'. o..asozialen durch Emgangszöüc nicht gehemmt werden ui: p schon den Gemüsetrieg an Den Grenzen entbrennen sie schmeißen sich gegen]citig mit den unverküupichen Salat- köpfen.

Also in einzelnen Gegenden läßt sich der Gemüse­bau, die intensive Viehhaltung durchführen mit viel Kapital und Arbeit. Wir haben intelligente Köpfe genug, die derartige Unternehmungen ins Werk setzten, roenn sie nicht die Marklberhältnisse zu gut fennien, und ün voraus wüßten, daß die Unternehmung notwenbigerweise fehlschlagen müsse.

Ich frage: warum bilden sich keine Aktiengesellschasteir für solche Zwecke? Die Gründer solcher finden doch sonst überall heraus, wo hohe Dividenden zu machen sind!

Die lechnischen Fragen läßt Redner beiseite. Tas giebt bequeme Arbeit. Er hätte ja sonst bekennen müssen, daß der größte Teil der Kulturflächen Deutschlands sich durch­aus nicht für den Gemüsebau, nicht für den Obstbau, nicht einmal für eine intensive Viehwirtschaft eignet. Daß die Bewirtschafter vieler, vielleicht der meisten Ländereien den Hackfruchtbau (Kartoffeln, Rüben) pflegen, besonders Damit die folgende Halmfrucht, der Klee und andere Blattpflan­zen besserer^ Und sicherere Erträge bringen.

Mit einem Wort, die deutsche Landwirtschaft ist ge- zwungen, Getreidebau zu treiben oder ihre Länder zum großen Teil veröden zu taffen. Sie wählt das kleinere Uebel und baut neben Futterpflanzen und Handelspflan- zen, wo sie fortkommen und lohnen, auch Getreide über den eigenen Bedarf hinaus.

Der Redner verwarf alle Einfuhrzölle auf landwirt­schaftliche Produkte, nur an die Jndustriezölle rührte er nicht. Da das nicht gerecht ist, kann eS unmöglich national sein.

Denn die Jndustriezölle legen der Landwirtschaft große Opfer aus. Das Eisen ist teuer durch den Eingangs­zoll und durch die Ringbildung. Alle unsere Geräte und die Maschinen, welche heute schon der Kuhbauer braucht, sind teuerer. Die Verkehrsmittel (Eisenbahnen) kosten viel Geld, weil alle diese Dinge und Materialien entweder einen hohen Eingangszoll bezahlen oder von den Verwaltungen ausschließ­lich bei deutschen Fabrikanten bestellt werden, und diese mit aller Sicherheit Den hohen Eingangszoll auf ihre Erzeugnisse schlagen. Daß die Arbeitslöhne dem Landwirt unter diesen Umständen verteuert werden, liegt bei dieser sorgfältigen Be­hütung der Industrie auf der Hand.

Der nationalsoziale Redner sagte in der Diskussion: Wir müssen Baumwolle und Petroleum vom Auslande be­ziehen, warum sollen wir nicht das Getreide vom Auslande beziehen, wenns dort billiger ist? DaS soll also auch natio­nal sein!

Nordamerika z. B. senden wir unseren Ueberfluß an Jndustrieerzeugnissen zu. ES erwehrt sich derselben durch immer wieder erhöhte Zollschranken. Wir nehmen den Hebet* stuß an Getreide Nordamerikas auf, nach dem nationvlsozialen Programm ohne Eingangszoll. DaS wäre zu Dumm, um national sein zu können.

Der nationalsozale Redner war in Sorge, daß unS der