Getreidezoll, wenigsten? unfern Nachfolgern im Besitz, schlecht bekommt! Ich habe ihn gebeten, sich darum doch keine morgen zu machen. Die landwirtschaftlichen Zölle werden voraussichtlich mit Rücksicht auf langfristige Handelsverträge auf 12 Jahre abgeschlossen. Was dann wird, ob die Ge- trcrdezölle schwinden, ober erniedrigt oder erhöht werden, darauf kann weder der Einzelne noch der Staat spekulieren. Mindestens wäre es Thorheit, darauf zu spekulieren, und vor verkehrten Spekulationen kann man Niemanden schützen. Das zeigen am besten die unausgesetzten Spekulationen mit Wertpapieren aller Art.
__ Der preußische Staat spekuliert eben wenigstens nicht in der Hoffnung auf Erfolge der Getreidezölle. Er schlägt fortgesetzt bei Verpachtung von Domänen zu, obgleich vielfach nur die Hälfte des bisherigen Pachtpreises geboten wird. Der Vortragende hatte ganz recht, wenn er sagt, die Landwirte seien häufig nicht kapitalkräftig genug. Darin liegt aber auch der überzeugendste Beweis, daß unter den heutigen Verhältnissen sehr wenig zu verdienen ist. Denn wäre etwas zu verdienen, so würden kapitalkräftige Leute die Pachtungen übernehmen, die zahlreichen verkäuflichen Güter aufkaufen und die hohen Dividenden zu machen suchen.
* Die Landwirte, nicht allein die großen, sondern auch die kleinen, sind es leider herzlich müde zu wirtschaften, sie ließen sich gerne ablösen. Sie sind auch erbittert über die sog. guten Ratschläge der Leute, die landwirtschaftliche Verhältnisse nicht kennen und doch darüber große Worte machen.
Vor innerer Erregung versagt ihnen fast die Stimme, wenn sie auf die ungeheuerlichen Aeußerungen unserer Nationalsozialen antworten wollen. Schlenke.
Politische Tagesschau.
Boa den Plünderungen in Peking.
Fast wörtlich übereinstimmend erzählen der amerikanische Korrespondent Jasper Whiting und der englische Major Scott von plündernden Damen. Whiting schreibt, dir Plünderung sei die einzige Konversation bei Tafel, in den Straßen, in den Häusern, in den Läden gewesen. Am Nachmittag ging man nach seiner Gesandtschaft, um den Auktionen der geplünderten Gegenstände beizu- wohneu. Am Abend machte man kleine Exkursionen in die Umgegend, um zu plündern.
„Die Plünderung", heißt es dann wörtlich weiter, ,-ist nicht bloß die Beschäftigung der Männer; die Damen beteiligen sich in ebenso aktiver Weise daran, ja sie waren diejenigen, welche das erste Beispiel gaben. Man erzählt, daß weniger denn 5 Min. nach Ankunft der Truppen in Peking drei Damen in aller Eile ihr Gesandtschaftshotel verließen, sich.in ein gewisses, sehr bekanntes Magazin, in der Straße der Gesandtschaften gelegen, begaben, um nach kurzer Zeit schwer beladen mit Ballen von Seide, kunstvollen Spitzen und Kunftobjekten aller Art daraus zurückzukehren.
Ter andere Zeuge, Mchor Scott, erzählt, damit genau übereinstimmend, ausdrücklich, daß er die Dinge selbst gesehen hat:
„Es waren kaum 5 Minuten verstrichen, seitdem ich mit meinem Bataillon in die britische Gesandtschaft von Peking eingerückt war; das Gewehrfeuer unter den Stadtmauern dauerte noch fort. Da sah ich, daß drei Damen wie die Verrückten die Straße der Gesandtschaften hmunterliesen. Sie hatten sich nicht einmal die Mühe genommen, einen Hut aufzusetzen, und ihr Haar, derangiert durch den schnellen Laus, hing aufgelöst über ihre Schultern herab."
Und nun erzählt Scott genau dasselbe wie oben.
Aus Stadt und Land.
Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.
Gießen, 3. Dezember 1901.
- Gießener Volksbad. Im November wurden 8055 Bäder verabreicht, gegen 8714 un Oktober 1901 und 7420 im November 1900 oder im Durchschnitt auf den ganzen Badetag 288 Bäder gegen 300 im Oktober 1901 und 265 im November 1900. Der Besuch im einzelnen hat sich verteilt wie folgt:
Schwimmbad 4506 Manner, darunter 764 zu 10 Pfg.,
, 783 Frauen, , 122 „ 10 „
Wannenbäder 1. Kl. 263 Männer, 62 Frauen,
„ 2. , 602 , 386 „
Dampf- und Heißlustbäder sowie Massage zusammen 138 Männer, 26 Frauen,
Brausebäder 1157 Männer, 132 Frauen.
Die Personenwage wurde von 180 Personen benutzt und das Bad von 16 Personen besichtigt.
•• Die Deutschen im Auslände. Man schreibt uns aus Darinstadt: Es dürfte wohl bekannt sein, daß seit zwei Jahren eine allgemeine Kirchenkollekte für die Versorgung der evangelischen Deutschen im Auslände bei uns in Hessen erhoben wird. Die Erträgnisse dieser Kollekte sind seither zum größten Teile den deutschen Kolonien zugute gekommen. Für den Kirchbau in Dar es Saturn und in Windhoek wurden bedeutende Schräge verwandt. Außerdem erhielten die Seemannsmission, die evangelische Gemeinde in Paris, welche viele Hessen zu Mitgliedern har, und die Diaspora an der unteren Donau namhafte Unterstützungen. Daß die Stärkung der evangel. Kirche im Auslande auch dem Deutschtum zugute kommt, ist einleuchtend. Ebenso aber dient sie auch zur Förderung der Mission. In unseren Schutzgebieten ist dies der Fall. In Windhoek, der aufblühenden Hauptstadt von Deutsch-Südwestafrika, das jetzt schon durch den Telegraphen Weltoerbindung hat, bald auch durch die Eisenbahn mit der Küste verbunden sein wird, eröffnet demnächst die Rheinische Mission eine Hauptstalwn. Missionshaus und Schule stehen schon, nun soll es auch an den Kirchbau gehen. Auch in Deutsch-Ostafrika geht es vorwärts. Das Kilimandscharo- gebiet^ ist völlig beruhigt. Die Leipziger Mission dehnt ihre Stationen aus und wagt sich sogar in den äußersten Westen. In Tsintan (Kiautschou) ist das großenteils aus dem Nachlaß des Ehinesenmissionars Dr. Faber hergestellte Faberhospital soeben fertig geworden. Es hat Platz für 60 Kranke und in einer Isolierbaracke noch für 50 weitere. Der Allgemeine protestantische Missionsverein hat die Oberleitung. Nur in dem fteberreichen Neuguinea kämpfen unsere Neuendettelsauer und Barmer Missionare noch mit denselben Schwierigkeiten wie im Anfang. Die scheuen und geistig tiefstehenden Papuas sind schwer zu gewinnen. Jetzt leisten sie wenigstens keinen Widerstand mehr, ja sic zeigen sich schon beim Kirchbau hilfsbereit. Einzelne Bekehrungen sind erfolgt. Wenn so im allgemeinen ein erfreulicher Fortgang der Missionsarbeit wahrzunehmen ist, so fehlt es doch auch nicht an Nöten. Die um Indien verdiente Goßner-Mission (Berlin) vermag ihre nahezu 50 000 Getauften und 17 000 Taufbewerber nur dann zu. versorgen, wenn ihr die heimatliche Kirche thatkräftig zu Hilfe kommt.
Vermischtes.
* Der Kaiser am Spieltisch. Der Kaiser weilte beim jetzigen Grasen, damaligen Herrn v. Alvensleben auf Neu-Gattersleben, als Jagdgast und gewann dort von dem durch seinen Witz bekannten Advokaten Hagemann aus Leipzig zwanzig Mark im Piquet. Das gewonnene Zwanzigmartstück ließ der Kaiser mit Diamanten umgeben zu einer Busennadel fassen und Herrn Hagemann nach Leipzig senden. Infolge dieser Auszeichnung reiste der Rechtsanwalt natf) Berlin. Er begab sich im Frack und weißer Kravatte ins Schloß. Mit seiner ihm eigentümlichen Gemütlichkeit gelang es ihm, bei den Wachtposten und Lakaien ungehindert vorbei- zubommen, indem er mit seinem sächsischen Dialekt wiederholt sich äußerte: „Nu, idp will mich nur beim Kaiser für das schöne Geschenk bedanken." Hö gelangte er schließlich dis zu den Gemä(em des Kaisers und wurde von dem- elben nicht nur empfangen, sondern auch noch zur Tafel geladen. Der Rechtsanwalt entschuldigte sich, jedoch, der Auszeichnung nicht Folge geben zu können, indem er sagte: „Nu ne, Majestät, das geht nicht, ich muß nach Leipzig zurückreisen zur Wahl." Mit liebenswürdigem Lächeln bemerkte der Kaiser: „Ah, ein pflichttreuer Unterthan, das gefällt mir; ich erwarte Sie übermorgen zur Tafel." — Nach einem Jagddiner, das gleichfalls beim Grafen Mvens- leben stattfand, schnupfte Hagemann oft aus einer unansehnlichen Dose. Der Kaiser, dies bemerkend, fragte: „Was haben Sie denn da für eine alte häßliche Dose?" — „Maje- tät", erwiderte Hagemann, „das ist ein Andenken von meinem lieben teuren Freunde, dem berühmten Döring." Einige Zeit darauf wurde Herrn Hagemann im Kaiserlichen Auftrage eine goldene, mit Diamanten reich verzierte Dose übermittelt. Er schnupfte nun noch mehr als früher, schon um feinen vielen Bekannten Gelegenheit zu geben, das Kaiserliche Geschenk bewundern zu können. — Vor nickst langer Zeit ist Hagemann nach kurzer Krankheit geswrben.
* Der Revolver unter den Stadtvätern. Heißblütige Diskussionen im Stadtrat von Roquebrunn, dem romantisch gelegenen Felsenneste in der Nähe von Monte Carlo, haben zu einer grimmigen Tragödie im Heiligtum Mer ehrbaren Körperschaft geführt. Es stand eine Maßnahme zur Debatte, deren Ausführung zu einer schweren Erhöhung der Steuern und zu einer direkten Bereicherung
des Stadtoberhauptes Brigliano geführt hätte. Einer dett Stadtverordneten, Orsini, der ganz besonders durch dis geplanten Beschlüsse benachteiligt worden wäre, geriet über eine Rede des Bürgermeisters in solche Wut, daß er einen Revolver aus der Tasck>e zog und auf feinen Gegner ab- feuerte, der, in den Unterleib getroffen, zusammenbrach. Mit einer zweiten Kugel traf Orsini den Unterbürgermeister Sigaut, und zwar derart, daß dieser bald daraus verstarb. Ein im Saale anwesender Polizist warf sich sofort auf den Mordbuben, um ihm die Waffe zu entreißen und ihn zu verhaften, aber Orsini emwischte ihm und lief hinter die flüchtenden Stadtväter die Treppe hinunter, wobei er noch einmal seinen Revolver abfeuerte und einen der Stadtverordneten im Gesicht verwundete. Unten auf der Straße kam ihm der Bruder des ersten Bürgermeisters entgegen. Orsini schoß auch auf diesen und traf ihn in den ^pf. Tann flüchtete er zur Stadt hinaus und enttarn. Man glaubt, daß er sich über die italienische Grenze geflüchtet habe. Die schweren Blutuiaten haben eine gewaltige Aufregung in dem sonst so friedlichen Städtchen hervorgerufen. Der Zustand der Verwundeten, besonders der des ersten Bürger- meifters, ist sehr bedenklich. Tie Beerdigung Sigauts wird unter Beteiligung des ganzen Ortes stattfinden. Ter flüchtige Orsini ist ein früherer Jäger des Fürsten Carl von Monaco. Seine Frau wird feit der That ebenfalls vermißt.
Neueste Meldungen.
Origiualdrahtmcldungen des Gießener Anzeigers.
Berlin, 3. Dez. Die österreichisch-ungarische Regierung hat hier ihr Bedauern über die preußenfeindlichen Demonstrationen der Polen in Galizien ausdrücken lassen.
Kopenhagen, 3. Dez. Der norwegische Dampfer „Waagan* wurde, aus Drontheim kommend, auf offener See infolge einer Explosion ein Raub der Flammen. Zwei Menschen kamen ums Leben.
London, 3. Dez. Kitchener meldet aus Pretoria: von gestern: Wie die verschiedenen englischen Truppen- abteilungen berichten, sind in der vergangenen Woche 32 Büren gefallen und 18 verwundet worden. 256 wurden gefangen genommen und 14 ergaben sich. Dio Generale Bruce Hamilton, Spence und Plumer marschieren gegen, den Feind im Ermelsbezirk. Methuen hatte in Westtransvaal einen kleinen Zusammenstoß mit Burentruppen. Die Burentommandos im Südwesten des Oranjestaates wurden durch Gefangennahme einzelner kleiner Ztommandos beträchtlich, verringert. General French berichtet, feine Truppen brachten im Nordosten der Kapkolonie den Scharen von Myburg und Fouche schwere Verluste bei. Diese sind jetzt zerstreut. Im Südweslen ist Kommandant Theron mit geringen Streitkräften südwärts den an der Eisenbahn; nach Clanwilliam stehenden englischen Abtettungen enti wischt. Man ist ihm aber auf den Fersen-
London, 3. Dez. Aus Vryheid wird gemeldet: Zahlreiche Buren sind in der Umgegend aufgetaucht. Die Engländer haben Höhlen aufgefunden, in denen große Mengen von Proviant aufgefpeichett waren. De Wet wäre beinahe in Gefangenschaft geraten iu der Nähe von Kroonstad, wo er sich mit einem kleinen Kommando aufhielt. Die Kolonnen Elliots und Frenchs verfolgen ihn und bringen ihm schwere Verluste bei.
Wien, 3. Dez. Gestern Abend stieß auf der Station Sollena'i der Aspangbahn ein von Süden kommender Personenzug mit einem Wiener Zuge zusammen. 3 Wagen wurden zertrümmert. 3 Personen wurden schwer, 19 leicht verletzt.
Washington, 3. Dez. Das Staatsdepartement bezeichnete es als unrichtig, eine Anzeige vom Tode der Miß Stone erhalten zu haben. Die Vereinigten Staaten werden bei der Pforte Vorstellungen über die Haltung der türkischen Behörden erheben.
Schanghai, 2. Dez. Die Regierungstruppen sind von den Boxern im Nordosten der Provinz Tschili geschlagen worden.
.Erfahrung lehrt’s tagtäglich, daß ein Geschenk um so wertvoller ist, je prak- rischer es für uns ist, je größere Dienste es uns leistet. Tie eleganten Weihnachts-Kartons mit je 3 Stuck Doering’s Eulenseife sind daher eine doppelt wertvolle Beigabe zu Weihnachts-Geschenken, denn 1. sind sie das Beste, was die Reifen-Branche bietet, 2. sind die Kartons sehr schon ausgestattet, 3. sind dieselben in Tarnen- wie in Herrenkreisen als Geschenk sehr beliebt und 4. ist ihr Nutzwert in Folge ihrer günstigen Wirkung auf Zarthett der Haut und Klarheit des Teints, ein anerkannt ^großer. Doering's Weihnachts-Kartons sind überall ohne Vreisausschlag zu haben.
(Nachdruck verboten.)
n.
.,el und Gretel", die as sollte also unsere
Kriefe aus der Residenz
(Originalbericht des „Gieß. Anz.")
„Kammersänger". „Ich kann Ihnen nur sagen, daß seit Wagners Tod noch nirgends ein Bedürfnis nach neuen Opern besteht." Man braucht fiti)i daraufhin nur unsere Buhnenreperroirs anzufehen, um zu finden, daß cs stimmt!
„Carmen", „Cavalleria" und „Bc.uzzo" sind die einzigen Nach-Wagnerifchen Opern, mit be;iL_, abgesehen vielleicht
Tie Herren Riechmann, Weber, Kreft und Wolf schufen ein prächtiges Quartett, das so tief und sonnig in der Farben- und Lichtzusammenstellung wirkte wie ein altes niederländisches Bild. Aber auch Frl. Benay als Vertreterin der lieblichen „Rosa", die sich von Anfang bis zu Ende anfingen lassen muß, that ihre volle Schuldigkeit Ter Komponist wurde nach jedem Akt gerufen. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog wohnte, der Aufführung bei und spendete auch zu wiederholten Malen seine Anerkennung. T-r M
sind ihrer drei, die um das Röschen werben. Ter eine, ein
verkappter Ritter, der zweite ein Maler und der dritte ein, um.
tzkstdschmied. Letzterer, den das Nttidcheu wieder liebt, muß' von Humperdincks Märchenstück . natürlich auch den Sieg erlangen, und dem alten Küfer-1 Bühnen Geschäfte gemacht haben.
Darmstadt, 2. Dez.
Eine neue Oper, „Merster Martin und seine Gesellen" von Wendelin Weißheimer, auf die wir ziemlich lange warten mußten, da sich der Premiere immer wieder unvorhergesehene Hindernisse entgegen^ stellten! Als erste Opernnovität der Saison fand das Werk, das am Sonntag unter persönlicher Leitung des Komponisten in Szene ging, ein allseitiges Interesse und eine Aufnahme, die an einigen Stellen die Grenzen des konventionellen Beifalls überschritt. Die Oper ist nach einer Erzählung des bekannten Romanttkers Hoffmann gearbeitet, die aber, ausnahmsweise, weder grotesk, noch schauerlich ist, sich vielmehr vortrefflich zu jener Art von Librettos eignet, welche Lortzing liebte. eifter Martin und feine Gesellen" verlangt feiner ganzen Anlage nach eine Musik, wie sie der „Waffenschmied" aufweist, nach der orchesttalen Seite hin vielleicht eine Jnstrumentenmifchung im Meister- -fingerftiL Tenn auch das Mottv, das der Handlung zu Grunde liegende Hauptthema erinnert etwas an Meister Pogners Preisaufgabe; der Wagnersche Zunftmeister wlll die Hand seiner Tochter nur einem geben, der im Wettsingen den Preis ba Don getragen — Meister Martin mag nur einen Küfer als Eidam. List und Liebe werden voll den Frauen ausgewendet, um sich in Meister Martins Dienst treue Gesellen den begehrten Schatz zu erwerben. Es
-----J —J y— 1 vy-kVkyVL, daß die Einstudierung einer alten Oper, sagen wir einmal der Verdischen „Aida" noch immer mehr trägt, als die riskante Inszenierung einer Novität, welche die Pflichtabende kaum überdauert. Gerade die letzten Jahre haben uns hier auf dem Gebiet der Opernneuerwerbungen eine Menge von Fehlschlägen gebracht. Zwei „Festopern", die Sophie von Br^ baut" und die „Assarpai" von Hummel sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Mit dem öden Machwerk „Die Bettlerin von Pont des Arts" ließ sich gar nichts ausrichten — und unwilltürlich sagte man sich: Ta haben uns die Opern unseres Hofkapellmeisters Willem de Haan, feine „Kaiserstochter" und seine „Jnkasöhne" doch ungleich mehr geboten! Warum giebt man diesen Werken, die stets volle Häuser machten, nicht wieder ein gewisses Daseinsrecht? Wir wollen uns freuen, wenn man die Weißheimersche Oper nicht so bald einsargt. Tenn es ist ein edler Geschmack in ihr, und der Komponist weiß sich bis zum Schluß auf der Höhe der angeschlagenen (Stimmungen zu halten. Dazu kommt, daß jeder Akt seine eigene Farbe hat, und die Menschen nicht als Figuren, sondern als Individualitäten behandelt werden. Namentlich gilt dies von dem „Meister Martin" und den „Trei Gesellen".
meister kommt beim Anblick des schönen Goldpokals, den | ^beaterbireftionen bestimmen, gierig nach neuen Partie- Friedrich gefertigt, wie eine Erleuchtung, daß die Lippen'kuren Ausschau zu halten, nachdem die Erfahrung gelehrt, seines sterbenden Weibes mit den Worten: „Ein glänzend "
Häuslein wird er bringen, würzige Fluten treiben drin . . ." auf einen Goldschmied und nicht, wie er bisher gemeint, auf einen Küfer, hingedeutet haben. Freude und allgemeine Zufriedenheit bildet die Stimmung des Finales. Auch die abgewiesenen Freier tragen ihr Schicksal mit Würde. Tie Partitur zeigt den Komponisten, der über ein reiches musikalisches Wissen verfügt und auch den Ehrgeiz besitzt, volkstümlich zu schreiben. In Karlsruhe ist die Oper häufig gegeben worden. Weshalb sie nickst die Runde über alle deutschen Opernbühnen gemacht hat, erscheint uns keineswegs wunderbar. Es ist nickst die triviale Liedertafelmusik, die immer und überall ihr Publikum findet, es ist andererseits aber auch nicht der ganz vornehme Stil eines Originalgeistes, dem zu Liebe man sich in kritische Fehden und Vorkämpferschlachten einläßt. In der Kunst haben und beherrschen den Markt entweder das ganz Große oder das ganz Minderwertige. Das anständige Mittelgut kommt, wenigstens auf der Bühne, meist recht schlecht fort. Und die Oper „Meister Martin und seine Gesellen", die zu einer Zett entstanden ist, als gerade Wagner begann, seine magischen Kreise zu ziehen, kann noch von Glück sagen, daß sie sich überhaupt durchgesetzt hat, denn im allgemeinen gilt durchweg der Ausspruch des Tenors in Wedekinds


