Ausgabe 
3.12.1901 Drittes Blatt
 
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Nr. 285

Dienstag, 3. Dezember 1901

151. Jahrg.

^scheint tSglich mit Ausnahme des MöntagS.

Die Efeßener Famillenblätter werden dem An­zeiger im Wechsel mit Hess.Landwirt und Blätter Vr f) AalLÄunde *mol wöchentlich beigelegt.

Gießener Anzeiger

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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UutversttätSdruckerei (Pretsch Erbens Gieba».

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

101. Sitzung vom 2. Dezember.

1 Uhr. Haus und Tribünen sind gut besetzt.

Am Bundesrathstische: Graf Bülow, Graf von Posa- dowSky, Frhr. von Thiel mann, Frhr. von Rhein­baben, Moller, bairischer Finanzminister Dr. von Riedel u. A.

Auf der Tagesordnung steht die erste Berathung des Ent­wurfs eine? Zolltarifgesetzes nebst Zolltarif.

Reichskanzler Graf von Bülow: Ich habe die Ehre, meine Herren, im Namen der Verbündeten Regierungen diesem hohen H^use den Entwurf eines Zolltarifgesetzcs zu unterbreiten. Ich werde die Einbringung dieses Gesetzentwurfs nur mit einigen kurzen Ausführungen begleiten.

Der vorliegende Tarifentwurf, der wichtigste und bedeutungs­vollste Gegenstand, welcher in der Session den Reichstag beschäf­tigen wird, ist das Ergebniß mehrjähriger, umfassender und sorg­fältiger Vorbereitungen. (Ruf links: Sorgfältig ist gutl) Nach gründlicher Ermittelung der bestehenden Produktwns- und Absatz­verhältnisse für Landwirthschaft und Industrie haben die im Wirth- schaftlichen Ausschuh vereinigten Vertreter und die unter ihrer Mit­wirkung herangezogcnen und unter ihrem Beistand vernommenen zahlreichen Sachverständigen aus den verschiedenen Erwerbszweigen ein umfangreiches und wcrthvolles Material zusammengestellt. Auf Grund dieses Materials haben die zuständigen Reichsbehorden unter gewissenhafter Abwägung (Lachen bei den Sozialdemokraten) der einander vielfach entgcgenstehenden Interessen den Tarifcntwurf aufgebaut. Mit Genehmigung Seiner Majestät des Kaisers ist dieser Tarifentwurf den Beratungen des Bundesraths zu Grunde gelegt worden. Nachdem bereits un Juni durch mündliche Rück­sprache unter den leitenden Ministern der größeren Bundesstaaten über die wesentlichsten Punkte des Tarifs Einvernehmen erzielt worden war, hat nunmehr der Bundesrath nach eingehen­den Berathungen dem Gesetzentwurf in seiner jetzt vorliegenden Gestalt seine Zustimmung crtheilt.

Der Entwurf, hervorgegangen aud den Bedürfnissen des deutschen Wirthschaftslebcns, will unter möglichst gleichmäßiger Berücksichtigung aller berechtigten Interessen in erfter Linie den Wünschen nach Erhöhung des Schutzes Rechnung tragen, welche von der Landwirthschaft erhoben worden sind und deren Berechtigung innerhalb der durch die nothwendige Rücksicht auf das Gemeinwohl gezogenen Schranken nicht bestritten tverden kann. (Lachen links.) Der Entwurf will aber auch der Industrie die Abhilfe derjenigen Mängel gewähren, welche sich bei der Handhabung des geltenden Tarifs im Laufe der Zeit herausgestellt haben. Endlich will dieser Entwurf für die künftigen Handelsvertragsvcrhandlungen mit an­deren Staaten eine bessere Waffe liefern. Dieser Entwurf bedeutet somit nicht die Abweichung von der Politik der Tarifverträge. (Lachen links.) Warten Sie doch ab. wie der Hase weiter läuft. Jedenfalls besteht im Kreise der Verbündeten Regierungen die feste Absicht, im Interesse der deutschen Ausfuhrindustrie diese Politik auch in Zulunft weiter zu verfolgen, selbstverständlich unter Wahrung unseres guten Rechts (lebhafter Beifall rechts und im Centrum), über die Grenzen desjenigen, was wir ohne Preisgebung vitaler deutscher Interessen gewähren können, nach eigenem Er­messen zu entscheiden. Mit der Vorbereitung dieses Tarifs haben die Verbündeten Regierungen das Ihrige für das Zustandekommen der seit Langem in Aussicht genommenen Reform unseres Zolltarifs gethan. An diesem hohen Hause ist es nunmehr, seinerseits einzu­treten in die Prüfung der Vorlage und dieselbe in gemeinsamer Arbeit mit den Verbündeten Regierungen zum Gesetz zu gestalten.

Meine Herren! Bei Einbringung dieses Entwurfs sind sich die Verbündeten Regierungen sowohl der weittragenden Bedeutung einer solchen Aufgabe für das wirthschaftliche Leben der Nation, wie der ungewöhnlichen Schwierigkeit ihrer Lösung wohl bewußt. Welche Fülle, welches Wirrsal widerstreitender Interessen ringen bei der Neuordnung unseres Zollsystems nach Befriedigung! In fast allen wichtigen Fragen streiten die verschiedenen Richtungen unter ein­ander und gegen einander in der Wissenschaft, wie im praktischen Leben. Wenn die Verbündeten Regierungen somit auf heiße Kämpfe auch in diesem hohen Hause gefaßt sein müssen, so glauben sie doch, daß mit diesem Tarif eine Grundlage gegeben ist, auf welcher sich für die Bedürfnisse der Landwirthschaft, der Industrie und des Handels eine gute Schutzwehr und ein billiger Ausgleich schaffen läßt, wenn uns die Volksvertretung ihre Hilfe nicht versagt. Ich habe, meine Herren, wiederum die Land- wirthschaft an erster Stelle genannt, weil ich mit den Verbündeten Regierungen davon überzeugt bin, daß sie sich in vielen Theilen des Reiches lange in besonders schwieriger Lage befunden hat, während sich Industrie und Handel in den letzten Jahrzehnten verhältniß- mäßig günstiger entwickelten und daß ihr daher bei der hohen Be­deutung. welche ihr für die Wehr- und Nährkraft der Nation zu­kommt (Beifall rechts und im Centrum), jedes mit den Bedingungen unseres wirthschaftlichen Gesammtlebens verträgliche Maß von Schuh und Hilfe gewährt werden soll. (Lebhafter Beifall.) Ich habe von einem billigen Ausgleich gesprochen, weil, wer angesichts so vieler schwer vereinbarer Forderungen mehr in Aussicht stellen wollte, cntlucber über Zauberkräfte verfügen müßte, die den Ver­bündeten Regierungen nicht zu Gebote stehen, ober in frivoler Weise Illusionen erwecken würde, die er nicht realisiren kann. Deutsch­land ist weder ein Industriestaat, noch ein reiner Agrarstaat, son­dern beides zugleich. Für die Millionen fleißiger Hände, welche in den Fabriken und im Verkehr zu Wasser und zu Lande ihre Be­schäftigung finden, müssen wir darauf bedacht sein, unseren Anthcil am internationalen Güteraustausch zu sichern und zu erleichtern. Es wird das ernste Bestreben jedes verantwortlichen Staatsmannes sein müssen, in Verhandlungen mit dem Auslande unter annehm­baren Bedingungen Handelsverträge zu erlangen. Durch eine solche Politik glauben die Verbündeten Regierungen die Arbeit für die breiten Massen in Stadt und Land und damit das Volkswohl zu fördern. Meine Herren, wir werden unsere Berathungen, und damit den häuslichen Streit, an dem es ja nicht fehlen wird, vor fremden Ohren, vor den Ohren des Auslandes zu führen haben. Lassen Sie uns in allem Kampfe der Cinzelinteresscn, in allem Zwie­spalt der Doktrinen und Parteimeinungen einerseits bewußt bleiben, daß wir hier über unsere eigenen Angelegenheiten mit dem natio­nalen Egoismus verhandeln (lebhafter Beifall rechts), der unser gutes Recht ist, und andererseits nickt vergessen, daß wir dem Aus­lande gegenüber1 nur dann geschlossen und nur dann stark auftreten können, wenn aus Reden und Beschlüssen dieses hohen Hauses immer und überall der Gedanke an das Gesamrntwohl, der nationale Ge­danke, hcrvorleuchtet. (Lebhafter Beifall rechts und im Centrum;

Staatssekretär des Reichsschahamts Frhr. von Thiclmann: Das vorliegende Gesetz hat von allen Entwürfen, die je einem deutschen Reichstage vörgclegt worden sind, wohl die längste und eingehendste Vorarbeit erfordert. .(Zuruf: Lauter! Auf die Lrtbüne!)-

Präsident Graf Dallcstrem: Ich möchte den Herrn Staats­sekretär bitten, einen etwas mehr centralen Standpunkt einzu- nehmen. (Große Heiterkeit.)

Staatssekretär Frhr. von Tbielmann, der bisher von feinem Platze am Bundesratbst>)che aus gesprochen hatte, bcgiebi sich nun­mehr auf die >n der Mitte gelegene Rednertribüne und jährt fort: Welcher Act diese Vorbereitungen gewesen sind, ist dem hoben Hause nicht erst durch die Rede des Reichskanzlers bekannt geworden. (Sehr richt,gl links.) Diese Vorbereitungen haben feil drei Jahren nicht allein die beteiligten Reichsämter, nicht allem die Bundesregierungen, sondern auch die gejammten Erwerbsstände in Deutschland beschäftigt. Es ist selbst neuerdings noch der Vor­wurf erhoben worden, manche Aeußecungen der Erwerbsstände seien überhaupt nicht berücksichtigt worden. Dieser Vorwurf ist un­gerecht. Auch außerhalb des Wirthschaftlichen Ausschusses, außer­halb der Berathungen, welche seitens der einzelnen Landesregierun­gen mit ihren eigenen Interessenten gepflogen wurden, hat eine jede Eingabe, mochte sie kommen, von welcher Seite sie wollte, von einer Vertretung des Handels, der Industrie, der Landwirthschaft die ernsteste Prüfung gefunden. Daß natürlich von zwei entgegen; stehenden Wünschen nur der eine berücksichtigt werden konnte, darf nicht überraschen, und ebenso selbstverständlich hat derjenige, dessen Wunsch berücksicktigt war, geschwiegen, und der andere hat sich beklagt. Ich kann Ihnen aber wiederholen, daß in jedem Stadium der Angelegenheit, nicht blos im letzten. Stimmen aus allen Theilen Deutschlands gekommen sind, welche je nach der Stellung der Antragsteller Zustimmungen zu den betreffenben Bestimmungen des Gesetzes enthielten. Also baß bas Gesetz, wie vielfach in einem Theil der Presse behauptet wirb, auf allgemeines Mißfallen in Deutschland stoßen würbe, darf ich hier schon bestreiten. Ich lese in einer heutigen Zeitung, daß allein die sozialdemokratische Pefttion gegen das vorliegende Zolltarifgesetz dreieinhalb Millionen Unterschriften gefunden haben soll. Ob dies der Fall ist, kann ich nicht wissen, nur muß ich darauf aufmerksam machen, baß diese Ziffer ungefähr bas Doppelte ber sozialbemokratischen Wähler ,st. unb daß daher, wenn die Ziffer zutrifft, auch eine große Menge unmündiger Kinder und Frauen sich an dieser Petitron bethciligt haben müssen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.)

Wenn man die Vorlage in großen Umrissen beurtheilt, so zer­fällt sie hauptsächlich in zwei Theile: in die Urerzeugnisse des Bodens und die Nahrungsmittel im ersten und zweiten Abschnitt, in die industriellen Erzeugnisse in den übrigen Abschnitten. Jeder Ab­schnitt will für sich selber betrachtet werden. Die beiden ersten Ab­schnitte bezwecken den Schutz der deutschen Landwirthschaft, die übrigen Abschnitte betreffen nicht sowohl einen erhöhten Schutz ber deutschen Industrie in allen ihren Theilen, fonbern eine Aus­gleichung ba. wo bei bem gegenwärtigen Tarif Ungleichheiten be­standen. Was über die Lage der deutschenLandwirth- schäft gesagt worden ist, wird im Laufe ber nächsten Tage von verschiebenen Seiten des Hauses noch vielfach beleuchtet werden. Ich brauche darauf, auf ein Thema, das seit zehn Jahren alle Köpfe unb alle Herzen beschäftigt hat, hier nicht näher einzugehen. Ich muß nur daran erinnern, daß ber oft erhobene Vorwurf, bei ben Minimalzöllen, wie sie im Zolltarifgesetz stehen, seien Verträge überhaupt nicht möglich, völlig unbs- gründet ist. Der Reichskanzler hat Ihnen soeben gesagt unb ick wiebcrhvle es, es ist unser Wunsch, wieder mit unseren Nachbarn unb anderen befreundeten Staaten zu Verträgen zu kommen, unb es ist die Ueberzeugung der Verbündeten Regierungen, daß auf Grund ber Mmbestzölle, wie sie im Entwurf stehen, solche Verein­barungen möglich sinb. Sie bürfen nickt vergessen, baß. wenn wir im freundschaftlichen Verkehr mit den Nachbarstaaten leben wollen, die Nachbarstaaten von bem gleichen Wunsche beseelt sinb, unb ich erinnere baran, baß die Verträge, auf Grund deren unser letzigcs Zollverhältniß in Europa geregelt ist, auch nicht mit einem Schlage, sondern erst nack langen Verhandlungen, mit einem großen Nachbar- staate sogar erft nach einem Zollkrieg zu Stande gekommen sind. W«r wünschen selbstverständlich keinen Zollkrieg, wir haben aber die feste Ueberzeugung. es wird bem Geschick unserer Unterhänbler unb ber allgemein herrschcnben Stimmung nach friedlicher Lösung aller dieser Fragen gelingen, auch auf Grund des Zolltarif- gesetzesmit seinen Minde st zöllenent sprechende Verträge abzuschließen. Da ich gerade von ben Minbestzöllen spreche, will ich auf eine Bestimmung kommen, bie sich gewisser­maßen nebenbei im Zolltarifgesetz finbet, bie aber in den letzten Jahren ben Reichstag mehr beschäftigt hat, als irgenb ein anberer Theil der betreffenden Gesetze. Es sind die Transitläger mit Allem, was damit zusammenhängt. Der Entwurf sieht die Mög­lichkeit einer Beibehaltung der Transitläger an solchen Orten vor, wo für dieselben ein Bcbürfniß besteht. Dies Vebürfniß kann mannigfaltiger Art fein, es braucht nicht allein bas Vebürfniß des Handels zu sein. Sic erinnern sich, baß auch bie Lanbwirth- sckaft an gewissen ostbeutschen Transitlägerii seiner Zeit ein lebhaftes Vebürfniß beiunbet hat. Wir wollen aber gleichzeitig die mög­lichen Schäden, welche durch Transitläger entstehen können, dadurch heilen, daß wir den Zollkrcbit nicht mehr, wie bisher, unverzinst gewähren, sondern bem Zollkrebitnehmer eine billige Verzinsung von vier Prozent auflegen. Die Verbünbeten Regierungen sind überzeugt, baß biese Mobalität alle Beschwerben zu beseitigen ge­eignet ist, welche von Seiten unserer Lanbwirthschaft gegen baS System ber Transitläger überhaupt vorgebracht sind unb vielleicht noch vorgebracht werben können. Die hauptsächlichste Beschwerde war, baß dem Hänbler gewissermaßen unter Krebitgebung seitens bcs Reichs bie Anhäufung großer ©etreibemengen ohne eigene Kapitalien unb ohne die Rothwenbigkeit von bereu Verzinsung ge­währt werbe. Dies wird in Zukunft, wenn bas Zolltarifgesetz in biefer Beziehung in Kraft tritt, fortfallen. Der Hänbler wirb kein Interesse haben, größere Mengen im Jnlanbe aufzuhäufen, als ber unmittelbare Bebarf des Handels und die Versorgung der nächst- liegenben Theile des Reichs erforbert, und somit entfällt wohl die wichtigste Beschwerde, welche seiner Zeit gegen das System ber Transitläger vorgebracht würbe.

Verfolgt ber Entwurf betreffs der Landwirthschaft, wie Sie aus den einzelnen Tarifsätzen sehen, eine wesentliche Verstärkung des Zollsckutzes, so ist das Gleiche, wie ich bereits sagte, nicht ber Fall hinsichtlich ber I n d u st r i e. Die Jnbustrie hat sich bei bem ihr gewährten Zollschutz wohl befunben, sie ist sogar in bem letzten Jahre zu einem Aufschwung emporgeblüht, ber bis bahin in Deutsch- lanb nicht bekannt gewesen war. Hier gilt es aber, einen anberen Mangel zu heilen. Unser alter Zolltarif ist fast ein Jahrhundert alt ich meine nicht in seinen Sähen, Wohl aber in seiner ganzen Ge­staltung. Er wirft Dinge zusammen, bie vor hunbcrt Jahren viel­leicht züsammengehörten, weil ber Hanbel in ihnen gering unb bie Unterscheibung feiner, feinster unb allerefeinster Arbeit noch nicht soweit gebiehen war. Gegenwärtig ist eine Zusammenwerfung so vieler Dinge in eine Sammelposition, wie sie im geltenben Zolltarif vielfach vorkommt, ein Unding. Schon die Handelsverträge ber neunziger Jahre haben gezeigt, baß mit solchen Sammelstellen nicht auszukommen ist. Wenn Sie bas System ber Hanbelsverträge ber neunziger Jahre burchstubiren, so werben Sie finben, baß in jedem einzelnen der Verträge aus den Sammelstellen einzelne Artikel,

zum Theil Artikel von geringer Bedeutung herausgeklaubt, ihre Zoll­sätze besonders festgesetzt oder gebunden sind Das hat aber viel» fadi nicht geschehen können, und wo es unmöglich war, die speziellen Artikel, auf bie es ankam. aus der Sammelnummer herauSzu- grellen, ist die ganze Nummer einem Vertragssatz unterworfen worden, der für einen Theil davon viel zu hoch, für einen andern Tdeil vielleicht viel zu niedrig war Die Schäden davon haben sich vielfältig gezeigt. Ick möchte beispielsweise nur an die Fahrräder und an die Nahmasckinen erinnern: das sind aber bei Weitem nicht die einzigen Falle. Es gtebl Hunderte solcher Fälle. Diesem Be- dürfmß entsprechend hat bei der neuen Ordnung beS Tarifes eine bedeutendere eingehendere Scheidung innerhalb der einzelnen Grup­pen. und bei den einzelnen Maaren ftatrfmben müssen, und es ist statt des alten Tarifes mit 43 Nummern, aber vielen hundert Unter« nummern mit Buchstaben. Ziffern .griechischen Buchstaben und Be­merkungen cm einheitliches Gebilde von streng geordneten Waaren- gruppen geschaffen worden, das weniger als tausend Nummern zählt, das. wenn man die zollfreien Nummern abrechnet, nickt viel mehr als 750 umfaßt. Wir sind damit den anderen europäischen Staa­ten ungefähr gleichgekommen. Es giebt in den meisten Staaten Europas jetzt Tarife, bie in ben allgemeinen Grundsätzen der An­ordnung sich ziemlich nahe an die unserigen ansckließen werden; unb bas wirb den rein formalen Theil ber Vertragsverhanblungen sehr erleichtern. Nun ist es richtig, bah, wenn man eine cinznführenbe Waare genau ihrem Wcrthe nach einem Zoll unterwerfen will, bas einfachste System bas ber Werthzölle ist. Bei ben Werthzöllen wird jebes Fabrikat unb Halbfabrikat seinem inneren Werth ent­sprechend getroffen. Es giebt ja auch Staaten, welches dieses System, ivie z B. bie Vereinigten Staaten von Nordamerika, grundsätzlich, andere, wie Belgien unb Holland, welche es vielfach anwenden. Aber für Deutschland eignet sich dieses Stiftern aus vielen Gründen ganz und garnickt. Einmal ist mit ber Abschätzung bes Waaren- werthes eine so heikle Arbeit verbunden, daß der deutscke Handels­stand. ich bin überzeugt, wie em Mann sich gegen das System von durchgehenden Werthzöllen erhoben haben würde. Sodann haben bei vielen Waaren Wcrlhzölle an der Ostgrenze einen anderen Sinn als an der Westgrenzc. Die'gleichen Waaren, die vom Osten ein» gehen, können minder werthvoll ober werthvoller sein, als wenn sie über bie Schweizer Grenze eingchon. Unb schließlich sinb, wie bad Beispiel der Vereinigten Staaten zeigt bei einem durchgehenden Werthzollsystem unendliche kleinliche Plackereien des Einfuhrhandels zu erwarten. Wer mit Nordamerika Handel getrieben hat, weiß davon zu erzählen; und ich glaube deshalb, hier in diesem hohen Hause keinem Widerspruck zu begegnen, wenn ick sage, daß unser System den Vorzug verdient. Ick glaube ferner aber auch, daß gegen die Art und Weise der inneren Gliederung des Zolltarifs sich ernste Widersprüche nickt erheben werden. Dieses so zu sagen Skelett des Zolltarifs hat lange, ehe überhaupt eine Einstellung der Sätze ftattgefunben hatte. sämmtlichenBunbesregierungen vorge­legen und ist von ben Bundesregierungen im Verein mit ihren Han­delskammern und sonstigen Vertretungen gründlich durchgearbeitet worden. Ick glaube, baß es im Großen und Ganzen ziemlich fehlerfrei dasteht. Im Einzelnen mag bin und wieder ein Inter­essent eine Position an einer anderen Stelle zu sehen wünschen; 'ck glaube -aber nicht, daß ernste Einwendungen gegm die gewählte Art ber Aufstellung hier werden geäußert werben. Außerdem mache ick noch barauf aufmerksam, daß im inbustriellen Theil des Zolltarifs sich recht erhebliche Zollermäßigungen finden. Diese Zall- ermäßigungen sind eine Folge des gewählten Systems. Es hat sich bei der größeren Zergliederung ber einzelnen Sammelgruppen herausgestellt. baß dieser ober jener Artikel des Zolltarifs eines solchen Schutzes, wie er heute noch genießt, nicht mehr bebarf. Einige davon sind ganz zollfrei gelassen worden, andere mit erheblich ge­minderten Zöllen belegt. Eine starke Erhöhung der Sätze gegenüber dem geltenden Zolltarif hat nur startgefunden bei einzelnen we­nigen Artikeln, namentlich Luxuswaaren, die eine solche Erhöhung wohl zu tragen im Stande sind.

Wenn die Vorbereitung des Zolltarifs Jahre gedauert hat, so wird es Niemand anders erwarten, als daß eine gründliche Be­rathung in diesem hohen Haüse lange Monate dauern wird. Jetzt, in der ersten Lesung, stehen nur seine allgemeinen Prinzipien zur Frage. Ich versage mir deshalb, auf diejenigen Einzelheiten ein­zugehen. welche die einzelnen Abschnitte kennzeichnen. Daß der erste und der zweite Abschnitt, die Zölle auf Erzeugnisse des BodenS, Ihre besondere Rücksicht verdienen, brauche ich nicht.besonders her­vorzuheben; ich glaube sogar, annehmen zu können, daß die Be­rathung bei dieser ersten Besprechung des Zolltarifs sich im Großen unb Ganzen auf den Werth ober llnwerth der landwirthschaftlichen Zolle beschränken wirb. Was über bas Recht der deutschen Landwirthschaft auf einen ft ä r ! e r e n Schutz ihrer Arbeit und ihrer Erzeugnisse zu sagen war, haben Sie seitens des .«derrn Reichskanzlers soeben gehört. Die verbündeten Regierungen sind entschlossen. Alles zu thun. was zu diesem Schutze geschehen kann, soweit es mit ber Möglichkeit künftiger Handelsver­träge denn diese wollen wir bestimmt vereinbar ist.

Abg. Graf Schwcrin-Löwitz (kons.): Es ist hier nicht meine Aufgabe, auf bie grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten einzu- gehen. bie bei ber borliegenben Frage auftauchen. Ich werbe mich einfach möglichst knapp cm die Vorlage halten. Der Kampf gegen den Tarif hätte meines Erachtens mit etwas mehr Anstanb und etwas mehr vaterländischem Loyalitätsgefühl geführt werben müssen, als c5 leibet geschehen ist. (Lebhafte Zustimmung rechts unb im Centrum.) Durch diese Kampfesweise ist bas Ausland herauS- geforbert worden, gegen ben Tarif Stellung zu nehmen. (Sehr ricktig! rechts.) Der Entwurf ist zunächst nichts als eine innere häusliche Angelegenheit unseres Volkes. Denken Sie sich boch ein- mal. bei Ilnierhanblungen zwischen zwei Fabrikanten ginge bet Kommissionär bes einen zu bem anderen Fabrikanten unb sagte ibm: »Diese Bebingungen. die Dir geboten werben, sinb ganz un­annehmbar!" Ganz ähnlich war es bei ber Art unb Weise, wie namentlich unser Handel ben Tarif bekämpft hat. Der Hanbel sollte dock stets bedenken, daß auch seine Bliithe von ber Prosperität un­seres inneren beutschen Güteraustausches abhängt. Herr von Miquel hat einmal von der zu starken Mitwirkung bes Hanbels an ber Gesetzgebung gesprochen. Wir Alle sehen gewiß mit Stolz auf bie Entwickelung unseres Welthcmbels, aber gegenüber ber Be­deutung unserer Gütercrzcugung spielt er boch nur eine bescheibene Nolle. In unseren Rhebereicn steckt ein Kapital von zweitausend Millionen Mark; diese Summe kann aber gegenüber den sieben­tausend Millionen Mark, die unsere landwirthschciftliche Produktion selbst in ber jetzigen ungünstigen Pcriobe darsteUt, doch nicht auf- kornmen. Wenn es sich darum handeln sollte, den Rhedereien größere Divibenben zu verschaffen ober bie Lanbwirthschaft zu retten Mhen Sie barunter? Der Großgrunbbesitz hat doch auch heute seine große Bedeutung; vor allem ist es seine Aufgabe, ben teck- mschen Fortschritt für ben Kleinebtrieb vorzubereiten.

24 erkenne bankbar an, baß die Grundanschauungen, auf wel­chen berTarif unb seineBegrünbung sich aufbauen, sich "sehr vortheil- haft unterscheiden von den Anschauungen, die beim Abschluß der erften Handelsverträge maßgebend waren. Wir erkennen ebenfalls dankbar an, daß die Emfuhrungsrede des Herrn Reichskanzlers sich