so zerrissen, wie seit Menschen gedenken nicht. Das Bedenklichste ist, daß, von einem kleinen Stamm Liberaler abge- ,scben, die, gleich Predigern in der Wüste, vergeblich ihre Gtimnic erschallen lassen, keine einflußreiche politische Per- söi.lichkeit den Mut bat, zur Rückkehr vvn den verhängnisvollen Bahnen des Imperialismus aufzufordern. Auch von einem Kabinettswechsel wird man sich einen grundsätzlichen Umjchtvung in dieser Beziehung kaum versprechen dürfen. Ihn herbeizuführen, sind nur die Buren im stände, und zwar dadurch, daß sie den Krieg mit eiserner Konsequenz in die Länge ziehen und so den britischen Schatzkanzler nötigen, immer neue Kredite zu fordern. Wenn der Prozeß den Engländern gar zu „fett" wird, entschließen sie sich am Ende noch noch zu einem mageren Vergleich. Damit wäre dann der Verzicht auf weitere Thaten a la Rhodes-Chamberlain b esie g e l t.___________________________________________________________
Aus Stadt und Land.
(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.) Gießen, den 2. Oktober 1901.
** Versammlung des Vereins Anstalt für epileptische Kinder und Jugendl iche imGroß- h e r z»o g t u m Hessen. Am 25. September fand zu Darmstadt in dem Gemeindehause der Martinsgemeinde die diesjährige Mitgliederversammlung des Vereins „Anstalt für epileptische Kinder und Jugendliche im Großherzogtum Hessen" statt. Es waren aus dem über das ganze Land sich erstreckenden Verein, dem eine noch viel größere Zahl von Mitgliedern zu wünschen wäre, eine recht stattliche Anzahl von Freunden der Sache erschienen. In seiner Eröffnungsansprache warf der Vorsitzende des Vereins, Pfarrer Wid- m a n n von Darmstadt, einen kurzen Rückblick auf das vergangene Jahr und hob hervor, wie viel Ursache zum Danken sei: gegenüber Gott dem Herrn für seinen Schutz und Segen, gegenüber dem Landesfürstenpaar, insonderheit der hohen Protektorin der Anstalt, der Großherzogin, die mit dem regsten Interesse die Entwickelung des Werkes verfolgt und sich erst kürzlich wieder von dem Inspektor eingehenden Bericht erstatten ließ; gegenüber der Regierung und den Landständen, die in der Erkenntnis von der Bedeutung und Wichtigkeit der epileptischen Fürsorge für das laufende Jahr einen Staatszuschuß von 12 000 Mk. bewilligten, endlich gegenüber all den Herren, die mit Darangabe von viel Zeit und Mühe ihre Kraft in den Dienst der guten Sache stellten. Die Zahl der aufgenommenen Pfleglinge ist im Laufe des Jahres so rasch gewachsen, und es liegen so viele weitere Anmeldungen vor, daß ernstlich an die Errichtung des von vornherein bei dem Bau der Anstalt ins Auge gefaßten zweiten Flügels im nächsten Frühjahr gedacht werden muß. — Ein äußerst erfreuliches Bild boten die hieran sich anschließenden Referate der beiden Anstaltsleiter, des Inspektors Pfarrer Weimar und des Dr. med. Ganß. Ersterer berichtete über Frequenz »nd Betrieb der Anstalr in äußerer Hinsicht; ausgenommen worden sind bis jetzt 26 Psegllnge, 16 männliche und 8 weibliche, 2 konnten bereits zu ihren Angehörigen wieder entlassen werden. Unter diesen 26 befinden sich 7 aus Darmstadt, 3 aus anderen Städten (2 aus Mainz und 1 aus Offenbach) und 16 vom Lande. Der Konfession nach waren 21 evangelisch und 5 katholisch. Die Altersgrenzen bewegen sich zwischen dem 5. unb 20. Lebensjahr. Unterrichtspflichtig und -fähig sind zur Zeit 11 Kinder, welche von dem eigenen Anstaltslehrer Gengnagel in sachgemäßer Weise unterrichtet werden. Den evang. Religionsunterricht erteilt der geistliche Inspektor der Anstalt, den katholischen ein kath. Geistlicher aus Darmstadt. — Aus dem Referat des Arztes war zu .ntnehmen, daß bei sämtlichen Pfleglingen, auch bei den hochgradig leidenden, im Verlauf der Anstaltsbehandlung eine merkliche Besserung eingetreten ist. Und selbst da, wo in der eigentlichen Krankheit eine Besserung nicht zu konstatieren war, haben sicb die begleitenden Nebenumstände und das Allgemeinbefinden zum Vorteil verändert. Auch hier ist die Erfahrung gemacht worden, daß, je früher ein Epileptiker einer sachgemäßen Behandlung, zumal in einer Anstalt, unterzogen wird, um so merkbarer der Erfolg und um so rascher und aussichtsvoNer der Besserungs- und Heil- i'ngsprozeß ist. Was das Wartepersonal betrifft, so sind auf der Knabenstation ein Oberpfleger und zwei Pfleger und auf der Mädchenstation zwei Pflegerinnen angestellt, die alle mit großer Hingabe und Treue in ihrer Arbeit stehen und denen deshalb ein gutes Zeugnis von den Anstaltsleitern ausgestellt werden kann, r- Der Vorsitzende
schätzenswerte Anlagen besitzt, von denen wir noch Erfreuliches zu erwarten haben. Den Prinzen hielt Herr G e r l a ch in dem Doppelspiel leider nicht so humorvoll, als er sich nehmen läßt. Es können die Pointen seiner Situation weit erschöpfender benutzt werden. Auch an temperamentvoller Laune und Herzenswärme blieb einiges zu wünschen. Die elegante Leichtigkeit des Prinzen Papillon ließe sich leicht um ein paar Grad erhöhen. Wir werden also weiteres abzuwarten haben, um dem Können dieses Herrn gerecht zu werden. Die kleine Paula, die eigentliche Glanzpartie des Stückchens, war Frl. Brand au zugedacht. Frl. B. ist eine Naive, deren Begabung ganz niedlich zu sein scheint, etwa so niedlich wie die kleinen Schuhe, in denen sie steckt. Ihr Organ ist nicht besonders farbig, aber es liegt auf ihren Lippen doch ein ganz traulich munterer Ton, und sie spielte gestern mit erfreulichem Eifer, liebenswürdig, ohne Schelmerei und Ziererei ganz wirkungsvoll, in der Art unbefangener Kindlichkeit, die alles frei heraussagt und mit keiner Empfindung hinter dem Berge hält, und doch ganz anmutig aus die Zurückhaltung der kleinen Salondame gestimmt. So kam denn der unwillkürliche Humor ihrer Situationen ganz glücklich zu Tage. Frl. Feige war eine liebenswürdige Baronin, in Bewegungen und Formen ansprechend. Ein ganz prächtiger Arnold Beckers aber war Herr Schneider, von so burschikos fideler, frischer, naiv zugreifender Ungezwungenheit, von einer so erquickenden, durch lächerliche Schüchternheit höchst furios gedälnpften Keckheit, kurz und gut einem immer sich gleichbleibenden guten, mitreißenden Humor, daß er den Abend über das lachende Haus ganz auf seiner Seite hatte. Herr Schneider ist es in erster Linie, der uns auf den weiteren Verlaus der Spielzeit gespannt macht; wir sehen der Entfaltung seines Talents auf unserer Bühne, die ihm die beste Gelegenheit zu weiterem Fortschritt giebt, mit Interesse entgegen. Aus dem Sekretär Engelbert machte Herr Sandor weniger den schlauen und devoten Kabinetsmenschen, als, ohne Grund, eine Possen-Karikatur, schon in der Maske, dlm die Repräsentationsrolle des Herzogs wollte Herr R am- ^seyer nicht beneidet sein. p. W.
teilt sodann mit, baß die vvn dem Hauptrechner für die Jahre 1898 bis 1901 gestellte erste Rechnung des Vereins von einem Rechnungsverständigen geprüft worden ist und daß die wenigen bei der Revision gefundenen Anstände beseitigt sind. Dem Rechner, Ministerialrevifor Gerhardt, kann sonach Dechorge erteilt werden. Der alsdann vorgetragene Voranschlag der Hauptkasse und der Anstalts- kasse findet die Genehmigung der Versammlung. — Ms letzter und wütigster Punkt stand aus der Tagesordnung die Erbauung des zweiten Flügels der Anstalt. Die Knabenstation ist. unter Hinzurechnung der vorliegenden Aufnahmeanmeldungen, besetzt. Dieser Umstand sowie die als dringend wünschenswert sich erweisende vertikale Trennung der Geschlechter in zwei Flügelgebäude läßt es acs durchaus geboten erscheinen, mit dem geplanten Erweiterungsbau »richt zu zögern. So wird denn, zumal da nach Mitteilung des Vorsitzenden die leihweise Darbietung der erforderlichen Bausumme (ca. 70 000 Mk.) von einem Freund der Anstalt in sicherer Aussicht steht, der einstimmige Beschluß gefaßt, den Ausbau der Anstatt nach dem ursprünglichen Bauprogramm im nächsten Frühjahr in Angriff zu nehmen. Der Freude über diesen Beweis von dem höchst erfreulichen Aufblühen der Epileptischen Anstalt giebt Oberbürgermeister Köhler von Worms zum Schluß in beredter Weise Ausdruck, indem er zugleich dem verdienten Vorsitzenden des Vereins, Pfarrer Widmann, den lebhaftesten Dank aussprach für seine unermüdliche und von so schönem Erfolg gekrönte Thätigkeit für die armen Epileptischen unseres Landes. Daß man recht bald dazu übergehen könne, auch erwachsene Epileptiker auf- zunebmen, war der Wunsch, mit dem der Redner schloß
** Haushaltungsschule in Nieder-Oflei- d e n. Die Haushaltungsschule in Nieder-Ofleiden eröffnet am 1. Oktober ihren sechsmonatlichen Kursus, in dem jungen Mädchen aus dem Bürger- und Bauernstände Gelegenheit geboten wird, das Kochen, Waschen, Bügeln, Stricken, Nähen, Ausbessern, Anfertigen einfacher Kleidungsstücke und alle Hausarbeit gründlich zu erlernen, um für den Beruf als Hausfrau im eigenen Hause vorgebildet zu sein, oder im ffemden Haushalt eine thatkräftige Hilfe sein zu können. Tie Haushaltungsschule steht im Zusammenhang mit der Wirtschaftlichen Frauenschule in Nieder-Ofleiden; sie wird von einer geprüften Lehrerin geleitet und von Lehrerinnen und Lehrern der Frauenschule unterstützt- Die Lehrzeit ist auf 6 oder 12 Monate festgesetzt. Ferien sind nur Weihnachten, event. Ostern und Pfingsffeiertage. Der Preis für einen sechsmonatlichen Kursus beträgt für Schülerinnen, welche in der Schule wohnen, monatlich 34 Mark und ist im Voraus zu zahlen. Dafür wird Unterricht und vollständiger Unterhalt gegeben, g-ür Schülerinnen, welche nur den Tag über in der Schule sind und Unterricht, Mittag- und Abendessen nebst Nachmittagskaffe erhalten, wird der Preis von 20 Mark monatlich berechnet, voraus zahlbar. Mitzubringen sind: 1 Sonntagskleid, 2 Arbeitskleider, 6 Taschentücher, 4 Schürzen, 1 Paar Hausschuhe, 1 Paar derbe Halbschuhe, 1 Paar Stiefel, Unterröcke, 1 Arbeitskasten (mittelgroß), 1 Kammkasten und 1 Zahnbürste. Mr die Handarbeitstunde ist anzuschaffen von der Schule auf Rech,- nung der Schülerinnen: Stoff zu 1 Druckfleid, Stofs zu 2 Schürzen, Stoff zu 1 Nachtjacke, zu 1 Männerhemd, zu 1 Frauenhemd, Stoff zu 1 Nähtuch und Zeichentstch
(!) Nieder Gemünden, 1. Okt. Der Sohn des Landwirts Karl Fisseler hier hatte als Gefreiter des Ostasiatischen Feldartillerie-Regiments den Feldzug nach China mitgemacht und sollte am 16. September mit dem Dampfer „Batavia" in Bremerhafen eintreffen. Dieser Tage wurde nun seinen Angehörigen, die sich auf das baldige Wiedersehen mit ihrem jüngsten Sohn schon lange gefreut hatten, vom Generalkommando des 18. Armeekorps zu Frankfurt a. M. die erschütternde Mitteilung, daß der junge Mann im Hospital zu Suez gestorben sei. Er war während der Rückfahrt am Typhus erkrankt und in Suez ausgeschifst worden, starb aber dort schon nach wenigen Tagen.
4- Vaitshain (Kreis Lauterbach), 30. Sept. Der bei dem Eisenbahnbau beschäftigte Arbeiter Emil Meinhardt von Grebenhain zog sich, als er die Wagen umlegen wollte, mehrere Verletzungen zu. Auch wurde ihm ein Knöchel abgesprengt. Die sofort herbeigeholte ärztliche Hilfe erwies sich als nicht ausreichend, weshalb der Verletzte noch an demselben Tag in die Klinik nach Gießen gebracht werden mußte.
ft. Gedern, 1. Okt. Der Fürst Christian Ernst zu Stvlberg-Wernigervd'e hat dem Pächter des Fürstlichen Hofgutes zu Ranstadt Bernhard Hofmann den Titel als „Oberamtmann" verliehen, den Rentamtsgehilfen Julius Cloios zu Gedern zum „Sekretär" und den Forstschützen Henkel zu Luisenlust zum „Mrstwart" ernannt.
A. Nidda, 1. Okt. Dem hiesigen Bierbrauereibesitzer Kraft ist gestern dadurch ein bedeutender Schaden zugefügt worden, daß ihm aus einem 2000 Liter enthaltenden Faß, das mit Aevfelmost gefüllt war, der Spund herausgestoßen wurde, so daß sich der gesamte Inhalt in den Keller ergoß Verdächtig, diese rohe That vollführt zu haben, sind der int Haus bedienstete Knecht sowie der Braugehilfe. Letzterer ist bereits gefänglich eingezogen, während der Knecht das Weite gesucht hat. Der Schaden wird auf 500 Mark geschätzt.
e. Bad-Nauheim, 1. Oktober- General-Oberst von Hahnke, der Gouverneur von Berlin und Befehlshaber der Truppen in den Marken, feierte heute feinen Geburtstag in Bad-Nauheim. Herr Vvn Hahnke weilt bereits seit fünf Wochen in Bad-Nauheim. Sein rheumatisches Seihen hat sich ganz bedeutend gebessert. Der General- Oberst nimmt die bekannten Sprudel-Strom-Bäder, eine Spezialität Nauheims. Von allen Seiten sind ihm Glückwunschtelegramme zugegangen, darunter auch ein Telegramm des deutschen Kaisers. Frau v. Hahnke ist heute mittag 12.52 Uhr nach Berlin zurückgereist, um die neue Dienstwohnung ihres Gemahls einzurichten, der am Freitag oder Samstag folgen wird. In Bad-Nauheim ist der stattliche liebenswürdige Soldat ein gern gesehener Gast. Eine Lieblingsbeschäftigung des General-Obersten ist es, auf seinem Balkon die Schwarzamseln zu füttern, die man in Nauheim viel findet. Dor einer Woche weilte hier ein Adjutant des Kaisers, um sich, nach dem Befinden des General-Oberst zu erkundigen.
k. Mainz, 1. Okt- Um die Veranstaltung des sogen. Rosenmontagszuges an den Karnevalstagen ein für alle Mal zu ermöglichen, hat sich bald nach! dem letzten Karneval ein Zugverein hier gegründet, der es sich durch fortwährendes Sammeln von Beiträgen zur Ausgabe gemacht hat, die notwendigen Mittel zu beschaffen. Letzter Tage hat der Verein seine erste Generalversammlung ab- gchalten, in der festgestellt worden ist, daß der Verein
jetzt schon die Mittel besitzt, um in dem kommenden Jahr einen glanzvollen Karnevalszug zu veranstalten. Ter Verein will Gewicht daraus.legen, daß die Karnevalszüge für die Folge weniger prunkvoll, dagegen um so humoristischer werden sollen.
Offenbach,!. Okt. Der hiesige Handelskammerbericht schildert die wenig erfreuliche Geschäftslage der Schriftgießereien. Anschließend daran wird bemerkt: „Die Handelsverträge haben dadurch einen günstigen Einfluß auf u nser Gewerbe ausgeübt, daß die Zollsätze der meisten ausländischen Staaten einen Wettbewerb mit denselben nicht allzu sehr erschweren. Immerhin wäre die Herabsetzung der Zölle einzelner Staaten, sowie die Beseitigung anderer Erschwerungen der Ausfuhr beim Abschluß neuer Handelsverträge sehr erwünscht. Das deutsche Schriftgießerei-Gewerbe steht technisch und künstlerisch auf einer Höhe, daß es fein Interesse daran hat, durch Zölle geschützt zu werden, wohl aber darf es erwarten, daß diese Stellung nicht durch einen zu großen Unterschied zwischen den deutschen und ausländischen Zöllen, sowie durch! andere Tinge zu seinen Ungunsten verschoben werde. Jedenfalls legen wir besonderen Wert auf den Abschluß langfristiger Handelsverträge, da sich die Herstellungskosten des dem Geschmacke des Auslandes angepaßten Ziermaterials und der ausländischen Accente nur durch einen langjährigen, regelmäßigen Geschäftsverkehr bezahlt machen."
io. Wörrstadt, 30. Sept. Viel besprochen wird hier zur Zeit ein Vorkommnis, das sich am Schlüsse der M a - notier in unserer Nähe zugetragen hat. Das Biwakstroh war gesammelt und zwischen hier und Schornsheim aus- gestapelt worden. Die Intendantur hatte es an einen Landwirt aus der Umgegend verkauft und bis dieser es abholte, war ein Soldat vom Regiment 118 als Posten aufgestellt worden. Der betreffende Soldat bezog am Dienstag seinen Posten. Nachmittags kam der Käufer und wollte das Stroh ab holen, aber der wackere Vaterlandsverteidiger ließ keinen Strohhalm anrühren, ehe ihm nicht die Kaufbescheinigung vorgezeigt worden wäre. Der Käufer hatte dieselbe nicht zur Hand und mußte deshalb wieder unverrichteter Tinge wegfahren, weil der Wächter unerbittlich blieb und nur gegen Vorzeigung der Kaufbescheinigung die Wegbringung des Strohes dulden wollte. Nach! Hause zurückgekehrt, paßte es dem Käuftr abends nicht mehr, noch enimal zurückzufahren, und er verschob dies bis zum Nachmittag des anderen Tages. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er den 118er immer noch! auf seinem Posten vorfand. Erst nach Vorzeigung feiner Legitimation durfte der Landwirt das Stroh wegsahren und dann erst verließ der Soldat feinen Posten, auf dem er länger als 24 Stunden gestanden hatte. Die hiesige Bürgermeisterei quartierte den totmüden Mann allein hier ein, und am Donnerstag erst kehrte bann der Soldat in feine Garnison Worms zurück^ nicht ohne eine Bescheinigung der Bürgermeisterei, worin seine verspätete Rückkehr in die Garnison, aber auch gleichzeitig sein 24stündiaeZ Aushalten auf Posten attestiert wurde. Man hatte eben dem Soldaten die genaue Instruktion gegeben, nur unter der Bedingung das von ihm bewachte Strch herauszugeben, und in echt soldatischem Gehorsam hatte der Mann die Instruktion strikte befolgt; daß es aber so lang", dauern werde, bis er feinen Posten verlassen konnte, das hätte er sich im Traume nicht vorgestellt.
Wetzlar, 1. Okt. Die auf Wiederherstellung des Doms gerichteten Bestrebungen haben jetzt zur Gründung eines Dombauvereins geführt. Als Ziel des Vereins bezeichnete in der konstituierenden Versammlung Kreisbauinspektor Stiehl erfteulicherweise nicht einen Ausbau, sondern, entsprechend dem Stand der heutigen wissenschaftlichen Denkm.lspslege nur die Wiederherstellung und Sicherung des alten Bestandes. Dieser fei durch Beeinträchtigung seiner äußeren Erscheinung infolge des Wegfalls ganzer Bauteile, fehlerhaft aufgebauter Dächer und Turmspitzen, sowie des Verlustes eines großen Teiles seiner Zierformen schwer gefährdet, was jeder bestätigen wird, der das majestätische Bauwerk in seiner jetzigen Ruinenhastigkeit auch nur flüchtig gesehen hat. Als die ältesten Teile des jetzt zwischen Katholiken und Protestanten geteilten Tomes, an dem sich fast jedes Jahrhundert der letzten 1000 Jahre betätigt hat, sind der bis auf den Erdboden verschwundene Heidenturm nebst seinem Zwillingsbruder, sowie der Zwifchenbau mit dem hochinteressanten, altromanischen Portal zu betrachten. Die übrigen Teile aus dieser Bauzeit mußten einem Neubau weichen, der mit dem Chor begann, und dem sich in zeitlicher Folge die südlichen Hälften des Querschiffs und des Langhauses, sodann die entsprechenden nördlichen Teile anschlossen. Der Chor bildet demnach eines der ersten und bedeutendsten Beispiele der hessischen Frühgothik, während die Nordseite des Querschiffes und Langhauses die prächtige Entwickelung des reifen gothischen Stiles zeigen. Leider war man nicht auf entsprechend dauerhaftes Baumaterial bedacht, und infolge der Vernachlässigung des Dachstuhls hat die Zeit auch im Innern sich unliebsam geltend machen können. Die in Aussicht genommenen Arbeiten erfordern daher die Kleinigkeit von mehr als 1 Million Mark. Der Dombauverein kann also recht viele Mitglieder gebrauchen, selbst wenn sie mehr als 1 Mk. Jahresbeitrag zahlen!
Homburg, 1. Okt. Die Stadtverordneten hatten in einer ihrer letzten Sitzungen beschlossen, falls die nun schon mehrere Monate mit Herrn Meyerowitz geführten Pachtvertragsverhandlungen bis zum 1. Oktober d. I. zu keinem positiven Ergebnis gekommen wären, die Neuverpachtung der Saalburg-Restauration, wofür Meyerowitz 10000 Mk. geboten hatte, öffentlich auszuschreiben. Diese Ausschreibung dürfte nunmehr erfolgen. Auch beabsichtigte M. anstelle des von ihm projektierten großen Hotels mehrere Villen nächst der Saalburg zu errichten, ist jedoch seitens der Stadtverordneten abschläg- lich beschieden worden.
Schwurgericht.
m. Gießen, 2. Oktober.
Verhandlung gegen Ma rie Schneider wegen Meineids und die Biermannschen Eheleute wegen Anstiftung dazu.
Der Gerichtshof ist gebildet aus dem Landgerichtsrat Müller als Vorsitzenden, den Landgerichtsräten Hellwig und Hörle als Beisitzern. Die Anklagebehörde vertritt Staatsanwalt Reuß. Ms Verteidiger für die Angeklagte Schneider fungiert Rechtsanwalt Mendelsohn, für die Biermannschen Eheleute die Rechtsanwälte R-ömheld und Leun. Es waren ursprünglich von der Staatsanwaltschaft sechs Zeugen geladen. Es sind jedoch auch von der Verteidigung Zeugen zur Entlastung geladen worden, fo daß schließlich 19 Per-


