Ausgabe 
3.10.1901 Erstes Blatt
 
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sonen zu hören sind. Die Verteidiger der angettagten Ehe­leute haben außerdem einen medizinischen Sachverständigen geladen, der darüber gehört werden soll, ob die Angeklagte Schneider schwachsinnig sei. Marie Schneider erklärt, als Angeklagte vernommen, sie ge- ,lehe zu, vor dem Amtsgericht Gießen in dem Prozeß wegen der 25 Mk. gewußt zu haben, daß sie ein falsches Zeugnis ablege. Als sie jedoch den Eid in der Strafsache vor dem Landgericht geleistet, da habe sie geglaubt, das, was sie sage, jii richtig. Erst als ihr das Protokoll der Frau Streck be­kannt gegeben wurde, sei ihr zum Bewußtsein gekommen, daß sie auch in diesem Falle die Unwahrheit gesagt habe. Sie habe jedoch geglaubt, an ihren viermal gethanen Aussagen nichts mehr ändern zu dürfen, weil sie sonst eingesteckt werde. Ihre Dienstherrschaft, die Biermann'schen Eheleute, hätte sie zu beiden in Frage kommenden falschen Eidesleistungen ver­führt und überredet. Noch am Tage der Eidesabgabe vor der Strafkammer am 15. Mai habe Frau Biermann auf dem '<ßege nach dem Gerichtsgebäude, besonders vor dem Eingang, in sie hineingeredet, ja fest zu bleiben. Die Angeklagte ge- steht zu, daß sie einige Tage vor dem Termin vor der Straf­kammer mit Frau Streck auf der Straße zusammengetroffen sei. Diese habe auf sie einzuwirken gesucht, vor Gericht nur die Wahrheit zu sagen. Auf Befragen der Verteidiger der b iermann'schen Eheleute erklärt die Angeklagte, daß sie nicht mehr wisse, ob sie vor dem Untersuchungsrichter behauptet habe, sie sei von Niemand zu ihren eidlichen Aus- ' '.gen beeinflußt worden. Der Vorsitzende stellt fest, daß die "Angeklagte Schneider dies unter Eid behauptet hat, beson­ders daß sie nicht von den Biermanns beeinflußt worden sei. 'Auf die Frage des Rechtsanwalts Leun (Verteidigers der Ehefrau B.) ob es richtig sei, daß die Angeklagte vor und nach der Verhandlung anderen Personen gegenüber erklärt habe:Heinrich Biermann sei unschuldig, sie wiffe e§"; er­klärt die Schneider, es könne dies möglich sein. Der An­geklagte bisher unbestrafte Biermann bestreitet mit aller Ent­schiedenheit die ihn belastenden Aussagen der Schneider. Diese habe sich ihm in beiden Fällen als Zeugin angeboten, indem sie ohne sein Zuthun erklärt habe, sie sei im Nebenzimmer gewesen und habe mit angehört, daß er dem Bremser Streck die Wohnung gekündigt habe. Der Angeklagte will, ehe der Sohn in Haft genommen wurde, gar nicht gewußt haben, daß die Schneider über dessen Angelegenheit etwas bekunden könne. Diese habe den Vorfall öfter geschildert und behauptet, der Sohn sei unschuldig. Er habe selber geglaubt, die Thal seines Sohnes sei nicht am Tage vor Neujahr passiert, und glaube auch heute noch, die Schneider habe nichts Falsches beschworen, denn nach seiner Ansicht seien die Strecks Ehe­leute am Sylvester-Abeud vor 9 Uhr überhaupt nicht in seiner Wirtschaft gewesen und der Vorfall solle doch zwischen 6 bis 7 Uhr geschehen sein. Die Ehefrau B. bestreitet ebenfalls ganz entschieden, die Schn, zum Meineid angestiftet oder verleitet zu haben. Im Gegenteil habe man die Sichn. öfter ermahnt, nur die Wahrheit vor Gericht zu sagen. Diese habe schon Tage vor den Terminen allen Leuten erzählt, sie habe gehört, daß den Strecks die Wohnung gekündigt sei und wisse, daß der Heinrich unschuldig wäre, so daß sie, Frau B., ihr den Mund verboten habe. Sie be­streite ganz entschieden, der Schn, jemals vor dem Gerichts­gebäude oder darin zugeredet zu haben, einen Meineid zu leisten. Am Tage der Strafkammer-Verhandlung habe der Schuhmacher Niklaus aus der Bleichstraße sie aus ihrer Wohnung in das Gerichtsgebäude begleitet. Sie sei mit der Schneider auf dem Wege wie in dem Gebäude nicht allein gewesen, Niklaus habe sich stets bei ihnen befunden. Hier­mit ist die Vernehmung der Angeklagten beendet.

(Fortsetzung im 2. Blatt.)

Vermischtes.

Berlin, 1. Olt. Eine Sängerin B. aus der Zimmerstraße soupierte am Sonntagabend mit einem angeb­

lichen russischen Grafen. Durch den Genuß von wahr­scheinlich ein Schlafpulver enthaltenden Süßigkeiten will sie in tiefen Schlaf gefallen und in diesem Zustande von ihrem Kavalier" ihres gesamten Schmuckes beraubt worden sein. Nach demGrafen", der aus einem Hotel Unter den Linden verschwunden ist, fahndet die Kriminalpolizei.

* Berlin, 1. Okt. Der Geldverleiher Eduard Löffler wurde heute vormittag in seiner Wohnung, Greifswalder­straße, tot aufgefunden. Anscheinend liegt Mord durch Ver­giften vor.

* Berlin, 1. Okt. Wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, ist die Verletzung, die sich der Generaladjutant, Vizeadmiral Frhr. v. Senden, gelegentlich eines Jagdaus­fluges zugezogen hat, nicht ernster Natur. Der Unfall er- ereignete sich beim Entsichern eines neuen Gewehres durch Selbstentladen der Läufe. Die herbeigeführte Verletzung des rechten Handtellers (nicht des linken Armes) dürste in spätestens ß Tagen behoben sein.

* Köln, 1. Okt. In der Sprengstofffabrik bei Dell- ltrück fand eine Explosion statt. Ein Arbeiter wurde getötet.

* London, 1. Okt. Aus Jnverneß wird berichtet, bnß daselbst gestern nachmittag 3 Uhr 40 Min. mehrere kurze Erdstöße verspürt worden sind.

* Kalmar, 1. Okt. Gestern setzte ein holländischer Dampfer an der Ostküste von Oeland 17 Mann der Be­satzung des DampfersMarie" aus Flensburg ans Land, welcher, mit einer Holzladung an Bord, von Riga nach Grangemouth unterwegs war. DieMarie" war um 3 Uhr früh von dem Lübecker DampferAfrika" angerannt worden. Nach einigen Stunden sank dieMarie". Ein Bergungs­dampfer ist nach der Unglücksstelle berufen. DieMaja" ist an der Südküste von Oeland gescheitert. Der Lootsen- dampfer von Kalmar ist zur Hilfeleistung abgegangen.

* N e a p e!, 1. Okt. Im Lazarett von Nisida befinden sich fünf Kranke; sie erhielten Serumeinspritzungen, außer­dem im Lazarett drei Personen in Beobachtung, deren Ge- sund-heitszustand gut ist, 88 Personen sind isoliert. Die an Bord des DampfersOretv" gebrachten Lastträger find vollständig gesund. Gestern abend wurde ein verdächtiger Fall gemeldet. Es handelte sich um einen Lastträger ans Ponticclli, Namens Cinque. Man muh erst den Ver­lauf der Krankheit sehen, um feststellen zu können, ob es sich um Pest handelt. In den Krankenhäusern und Innern der Stadt ist. kein verdächtiger Krankheitsfall vor- gekommen. Ein Fall wurde aus Giovanni a Teduccion gemeldet. Es handelt sich um einen in der Mühle be­schäftigten Arbeiter Namens Eortese. Er wurde mit allen seinen Verwandten und Personen, die mit ihm in Be­rührung gekommen sind, ins Lazarett von Nisidas ge­bracht. Das Haus, worin Eortese wohnt, wurde isoliert. Alle darin wohnenden Personen erhielten Serumeinspritz- ungen. Tie Mühle, worin Eortese gearbeitet hat, ist ge­schlossen, und man sieht nach den anderen in derselben beschäftigt gewesenen 170 Arbeitern, um dieselben zu iso­lieren. Die Desinsektton im Gebiete des Freihafens wird fortgesetzt, und wenn sie beendigt ist, wird oie ganze Oberfläche des Freihafengebiets mit Kalk bedeckt. Tie Be­völkerung verhält sich vollkommen ruhig.

Theater, Kunst und Wissenschaft.

Frankfurter Schauspielhaus. Man schreibt uns: Zwischen Frau Agnes Sorma und der Intendanz des Schauspiels ist eine Vereinbarung zu stände gekommen, wonach die bekannte Künstlerin in der Zeit zwischen dem 8. und 14. Oktober in ihren Hauptrollen im Frankfurter Schauspielhaus als Gast auftreten wird.

Deutsche Kunst und Dekoration. Alexander Kochs Deutsche Kunst und Dekoration", die, dank ihres Reform-Pro­gramms, als führendes Organ der modernen deutschen Kunstweise eine weit über die Grenzen Deutschlands hinausgehende Bedeutung erlangt hat, eröffnet soeben mit dem Oktober-Hefte ihren 5. Jahr­gang. Dieses Heft, das wiederum illustrativ reichhaltig und typo­graphisch mustergiltitz ausgestattet ist, ist das 3. Heft in der Serie, welche speziell der in ihrer Art epochemachenden Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie gewidmet ist. Insbesondere ist es das formenfreudige, vielseitige, teils monumentale, teils humo­

ristische Schaffen des Bildhauers Ludwig Habich, das diesem hoch­interessanten Hefte seinen besonderen Reiz giebt. Kein Besucher der Darmstädter Ausstellung" wird sich der großartigen Wirkung ent­zogen haben, welche Habichs KolosseDer Mann" undDas Weib" in ihrer Pracht jugendschöner Glieder vor dem Eingänge desErnst- Ludwigs-Hauses"'ausgeübt haben. Im vorliegenden Hefte derDarm- städter Zeitschrift finden wir diese, wie auch den entzückenden Jung- lingsbrunnen, die Klein-Plasttken Habichs und die Einrichtung seines reizvollen Künstlerheimes auf der Mathildenhöhe in Reproduktionen, die wohl geradezu als mustergiltig verzeichnet werden dürfen. Daran schließt sich die Vorführung des malerischen Schaffens verschiedener anderer Darmstädter Künstler, die, wenn auch nicht Mitglieder der Kolonie, doch eine besondere Beachtung für sich in Anspruch nehmen können. Dies gilt vor allem von Wilhelm Bader, einer eigen­artigen Künstler-Natur. Seine höchst stimmungsvollen Gemälde, die dieDeutsche Kunst und Dekoration" mit so viel Sorgfalt wiedergiebt, üben einen gewissen märchenhaften Zauber aus. Auf dem Gebiete der Wohnungs-Einrichtung, des künstlerischen Möbel-Baues, der angewandten Kunst jeder Art, sowie der Archi­tektur, bekanntlich das Hauptaebiet der Darmstädter Zeitschrift, bietet sie wiederum so viel und so Gediegenes, daß es unmöglich ist, auf alles Einzelne einzugehen, nur so viel sei gesagt, daß mau sich angesichts eines so liebevoll ausgearbeiteten und starken Heftes nicht verwundern wird, daß KochsDeutsche Kunst und Dekoration" einen so rapiden Aufschwung genommen und eine so weite Ver­breitung gefunden hat. Mit Interesse nehmen ivir übrigens zur Kenntnis, daß der Koch'sche Verlag über die Ausstellung der Darm­städter-Künstler-Kolonie zu Weihnachten ein besonderes Werk zum Preise von ca. 30 Mk. herausgeben wird.

Landwirtschaft.

sb. Aus Rheinhessen, 30. Sept. Infolge des anhaltenden Regenwetters sind die Aussichten auf eine gute Wernernte getrübt worden. Die Trauben fingen an, vor vollständiger Reise zu faulen, die Beeren liefen aus, und so ist die erhoffte Quantität auf die Hälfte zusammengeschmolzen. Viele Winzer ließen in den Wein­bergen, in denen die Traubenfäule nicht gar zu stark war, aus­lesen. Sie hoffen, dadurch von den noch guten Trauben infolge des jetzigen schönen Wetters eine bessere Qualität Wein zu betomirteii. Die meisten Besitzer lesen aber alle Trauben. Sie schätzen die Quantität auf einen guten halben Herbst und sind mit der Qualität recht zufrieden. Der Most tjat bis 90 Grad Zuckergehalt und etwa 11 /co Säure. Der Preis ist zur Zeit noch sehr sehr gering. 8 Liter Treber (ein sogen. Viertel) werden mit 1.20 Mr. bezahlt.

Arbeiterbewegung.

Lüttich, l.Okt. Die Ausstandsbeweaung nahm an Zahl zu. Die Zahl der Ausständigen ist von 3000 auf 5000 gestiegen. Der Ausstand dehnte sich auf etwa zehn weitere Kohlengruben aus. DieAusständigen durchziehen, dieCarmaanole" singend,dieAusstands- aebiete. Heute früh wurden mehrere Versuche gemacht, die noch Arbeitenden zur Niederlegung der Arbeit zu zwingen.

Benütze redlich deine Zeit greifen, suchs nicht weit! Das gilt besonders auch von denen, die denGeist der Mediän" begreifen wollen. Wenn man ein Mittel zur Heilung irgend einer Krankheit sucht, geht man oft lange Zeit in der Irre umher und vor den eigenen Füßen lag die Arznei, man brauchte sich nur zu bücken, um sie aufzuheben. Auch die Aerzte sind glück­licherweise heute vielfach von oem Gebrauch abgekommen, bei jeder Unpäßlichkeit gleich zu oen scharfen Arzneien zu greifen und wenden sehr häufig die einfachen Mittel an, die uns die gütige Natur so reichlich darbietet. Besonders bei den Erkrankungeii derAtmungs- organe erzielt man mit unfern althergebrachten Heilthees noch immer die besten Erfolge, und einer der besten ist der russische Knöterich-Brustthee, dessen Wirkimg bei Husten und Heiserkeit, Asthma, Brustbeklemmungen, Lungenkatarrhen. Kehlkopfleiden, Luftröhren­katarrhen, Lungenspitzenaffektionen, Blutspucken rc. als eine ganz schnelle, vielseitig geprieseii wird. Durch die rasche Beseitigung der erwähnten Krankheitserscheinungen ist es aber auch das beste Vor­beugungsmittel gegen Lungenschwindsucht; Herr Ernsi Weide- m an n in Liebenburg a. H. bespricht in einer Broschüre ein­gehend dieses vortreffliche Heilmittel und versendet dieselbe gratis und franko an alle Interessenten.

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