GetrcidezMen. Tie Partei bekämpfe die Agrarier und die Schutzzöllner im industriellen Lager. Besonders scharf geht Wenck den „Gebildeten ohne Aar und Halm", die in der „Täglichen Rundschau", dem Blatt „für gebildeten Protestantismus", der Lebensmittelverteuerung das Wort reden, zu Leibe. Von der Obstruktion im Reichstage gegen die Getreidezölle, wie sie die „Hilfe" ^empfiehlt, will er nichts wissen. Dadurch würden die Grundsätze des liberalen Parlamentarismus verleugnet. Mit dem Kanzlerwecysel ist er zufrieden, da Bülow mehr Einheitlichkeit in das Ministerium gebracht habe und weniger 'Konfliktsluft gegenüber der Sozialdemokratie zeige. Miquels Rücktritt hat er nicht bedauert, trotz seiner Verdienste um die Steuergesetzgebung. Jetzt müsse es an die Wohnungsfrage gehen. Er hofft, dan die Regierung die Sozialdcmo- tratie sich selbst überlasse. Bei Stichwahlen z. B. in Württemberg treten seine Parteigenossen für die Demokraten ein. Mit der Chinapolitik ist der Berichterstatter einverstanden, wenn er auch! auf die Erfolge nicht besonders stolz istz In Bezug auf Transvaal ist die Stellung der Partei die alte. England sei daran, sich zu verbluten. Diesem Lande, mit dem Deutschland noch einmal gründlich ab- rechnen müsse, käme eine Intervention jetzt vielleicht gelegener wie den tapferen Buren. Roch einmal kommt der Redner auf den Zolltarif zu sprechen und schließt mit dem Muse: Frischer Kampf nach rechts und links!
Der Vorstand beantragt folgende Resolution zum Zolltarif:
„Die Nationalsozialen sind auf keine handelspolitische Doktrin eingeschworen. Sie sind der Ansicht, daß es von der wirtschaftlichen Lage eines Landes abhängt, ob Schutzzoll oder Freihandel nützlicher wirkt. Deutschlands Entwickelung ist jedoch heute soweit gediehen, daß e§ zu den Ländern gehört, die das größte Interesse an der allmählichen Abkehr vom Schutzzollsystem haben. Der von der Regierung vorgelegte Entwurf zeigt dagegen eine hoch schutzzöllnerische Tendenz, die, in die Wirklichkeit umgesetzt, auf dem Gebiete der Industrie der Kartell- und Syndikatsbildung Vorschub leisten, auf dem Gebiete der Landwirtschaft zu einer künstlichen Steigerung der Grundrente führen und so die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Landwirtschaft selbst auf die Dauer schwer schädigen müßte. Deshalb verwerfen wir den Zolltarif in seiner Gesamtheit. Insbesondere mißbilligen wir die Minimalsätze für das Getreide, die ein Ausnahmegesetz zu Gunsten der vom Getreideverkauf lebenden kleinen landwirtschaftlichen Minderheiten darstellen und dabei den Abschluß von Handelsverträgen aufs äußerste gefährden würden. Mit derselben Entschiedenheit, mit der wir für einen wirksamen Schutz des Bauernstandes nach den Forderungen unseres Landprogramms, insbesondere für eine grundlegende Hypothekarreform, eintreten, wenden wir uns gegen eine Zollpolitik, die auf die Großgrundbesitzer zugeschnitten, für die übrige Bevölkerung aber vom Nebel ist. Der Triumph dieser Zollpolitik würde gleichbedeutend sein mit einer Aera wirtschaftlichen Rückganges, sozialen Stillstandes und reaktionärer Gesamtpolitik. Aus sozialen wie aus nationalen Gründen fordern wir unsere Freuude auf, in Wort und Schrift, durch Unterzeichnung von Petitionen und durch Besuch von Protestversammlungen, durch eigene Kundgebungen oder durch Unterstützung anderer Kundgebungen alles dazu zu thun, um den Zolltarif zu Fall zu bringen."
Herr v. Ger lach begründete diese Resolution ausführlich, die mit stürmischem Beifall angenommen wurde.
Ein landwirtschaftliches Gutachten.
Die Minderheit des Sonderausschusses für Wirtsschaftß- politik der oldenburgischen Landwirtschaftskammer hat ein Gutachten zu den landwirischastlichen Zöllen des Zolltarifentwurfes veröffentlicht, dessen Gedankengang kurz folgender ist:
Die oldenburgische Landwirtschaft beruht viel mehr auf Viehzucht als auf dem Getreidebau. Das Amt Budjadingen mit seinen 16 000 Einwohnern, die zum weitaus größten Teil von der Landwirtschaft leben, hat schon bei den jetzigen Zollsätzen in den beiden letzten Jahren je 130 Mk. an Getreidezoll für mehr eingeführtes als ausgeführtes Getreide zu zahlen gehabt, d. h. weit mehr als die Einkommensteuer, die nur 84 602 Mk. betrug. Aehnlich liegen die Verhältnisse im Jeverlande, während in den Aemtern Brake und Elsfleth noch weniger Getreide gebaut wird und darum die Zollsumme im Verhältnis zur Bevölkerung noch höher ist. Auch die Geest führt bedeutend mehr Getreide ein als aus.
Eine einseitige Erhöhung der Getreidezölle würde, soweit es sich um Brotgetreide handelt, alle Konsumenten, soweit es sich um Mais und Gerste handelt, alle Landwirte schwer zu belasten. Die Landwirtschaft Oldenburgs hat sich in den letzten Jahrzehnten glänzend entwickelt, vor allem dadurch, daß die Viehzucht zugenommen hat. Erhöhung der Getreide- zölle, die eine Ausdehnung des Getreidebaues auf Kosten der Viehzucht zur Folge hätte, würde einen Rückgang der Landwirtschaft bedeuten. Uebrigens bedeutet eine künstliche Erhöhung der Getreidepreise einen dauernden Vorteil nicht einmal für die getreideverkaufende Landwirtschaft, sondern nur ein Geschenk für die augenblicklichen Pächter und Besitzer.
Von einem Notstände auf dem Gebiet der Viehzucht kann nicht die Rede fein. Die Preise waren meist auskömmlich, manchmal sogar sehr hoch, nur in Ansnahmefällen, die sich durch kein Gesetz aus der Welt schaffen lassen, zu niedrig. Eine Ueberproduktion an Fleisch ist auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Erhöhung der Viehzölle ist darum kein Bedürfnis. Uebrigens würde nie eine Erhöhung der Viehzölle allein eintreten. Ist sie aber verbunden mit einer Erhöhung der Getreidezölle, so wird die Lebenshaltung der Masse des Volkes verteuert. An Brot kann es kaum sparen. Worin es sich einschränkt, das sind die tierischen Produkte. Auf ihrem guten Absatz aber beruht die Blüte der oldenburgischen Landwirtschaft, die zumeist aus kleinen und mittleren Betrieben besteht. Eine gleichzeitige Erhöhnng von Getreide- und Viehzöllen würde darum den oldenbiirgischen Landwirten mehr schaden als nützen.
Auch die allgemeinen wirtschaftlichen Gesichtspunkte — Verschlechterung der Lage der Industrie, Rückgang der Kaufkraft der Industriearbeiter als Folge davon, Möglichkeit von Zollkriegen, Verhältnis von Groß- und Kleinbetrieb in der Landwirtschaft u. a. mehr — werden behandelt. Das Gnt- achten klingt in nachstehenden Sätzen aus:
„Jeder, der die Vorteile des Besitzes, in den er bnrcf) den ßufau der Geburt oder durch eigenes Verdienst gelangt ist, für sich in Anspruch nimmt, hat mindestens auch die Gefahr, die jeder
Besitz (n sich trägt, nämlich im Erwerbsleben teilweise oder ganz verloren zu gehen, selbst zu übernehmen. Lehnt er das ab, inoem er verlangt, daß der Staat ihm seinen gegenwärtigen Besitzstand gegen den Wechsel der Konjunkturen aus Kosten der Gesaintheit sicherstellt, so ist das ungerechtfertigt. Noch weniger zu rechtfertigen ist es aber, wenn er solches unter Beibehaltung einer gewohnten und ihm lieb gewordenen, aber unrentablen Betriebsiorm bean- prucht. Auf Grund dieser allgemeinen Erwägungen kommt die Ninderheil zu dem Ergebnisse, daß eine weitere Erhöhung der Getreide-, Vieh- und Fleischzölle auch im nationalen Gefamt- interesse zu vermeiden ist."
Alles, was das Gutachten, abgesehen von den Beispielen aus der oldenburgischen Landwirtschaft, an Ausführ- ungen enthält, ist nicht neu. Das Interessante daran ist jedoch, daß es Landwirte sind, die diese Ansführungen machen, und zwar bäuerliche Praktiker Niedersachsens.
Professor Yrauns drahtlose Telegraphie.
Als Mitte der neunziger Jahre die Kunde von der Erfindung der drahtlosen Telegraphie die Welt durchlief, da glaubte wohl mancher, daß in Kürze mit diesem Verfahren das Wort auf die weitesten Entfernungen hin über Meere und Wüsten gesendet werden würde. Als dann aber die weiteren Nachrichten von den erzielten Erfolgen nur über Ergebnisse zu berichten wußten, welche gegen die enthusiastischen Erwartungen weit zurückblieben, da verlor sich ein guter Teil des Interesses bei dem großen Publikum. Sehr mit Unrecht. Wie alle großen Erfindungen erst einer langen Erziehungszeit bedürfen, in welcher Wissenschaft und Praxis eifrig zusammenarbeiten müssen, um das Erfundene zu einem kraftvollen und leistungsfähigen Werkzeuge zu gestalten, so hat auch die drahtlose Telegraphie ein großes Maß fleißiger Arbeit für ihre Ausbildung gefordert. Es muß nun für jeden Gebildeten von Interesse sein, zu hören, daß diese Arbeit fruchtbringend gewesen ist, daß wir auf diesem Gebiete einen großen Schritt weiter gekommen sind. An diesem Erfolge hat die deutsche Wissenschaft und Praxis großen Anteil, und insbesondere muß hier der Name des Professors Braun-Straßburg genannt werden, der, ohne bisher viel Aufsehens davon zu machen, die Technik der drahtlosen Telegraphie sowohl nach der prinzipiellen wie auch nach der praktischen Seite hin um einen großen Schritt weiter gebracht hat. Die neuesten kundgewordenen Ergebnisse an der Anlage Cuxhaven—Helgoland—Feuerschiff Elbe 1, die nach feinen Plänen eingerichtet ist, und fein in diesen Tagen auf der Naturforscher-Versammlung in Hamburg gehaltener Vortrag über die drahtlose Telegraphie geben uns Gelegenheit, Über die von ihm erzielten Resultate hier zu sprechen.
Zum besseren Verständnis fei hier kurz erläutert, wie die drahtlose telegraphische Uebertragung zu stände kommt.
Tie sendende Stelle, d. h. diejenige, welche die Depesche ab schickt, sendet kürzere und längere Folgen von elektrischen Schwingungen aus, welche bei der empfangenden Stelle ausgenommen und zur Bethätigung eines Morseapparates benutzt werden; bei einer längeren Folge schreibt der Letztere einen Strich auf den Papierftreifen, bei der kürzeren einen Punkt. Aus diesen Punkten und Strichen setzt sich das telegraphische Zeichen für den Buchstaben zusammen.
Wir wollen diesen Zusammenhang zwischen Sender und Empfänger mit einem geläufigen Beispiel illustrieren. Es werde ein an seinem unteren Ende festgeklemmter Stahlstab mit einem Hammer angeschlagen. Derselbe giebt dann einen Ton von bestimmter Höhe. Die Schallwellen, welche er aussendet, verbreiten sich im Raum. Treffen sie auf eine Stimmgabel, welche auf denselben Ton abgestimmt ist, so tönt diese mit. Man könnte diese Uebertragung leicht derart gestalten, daß man den Stab für kürzere und längere Zeiten gemäß den Strichen und Punkten der Morse-Buch- ftaben tönen und also diese Zeichen an der Stimmgabel wieder erscheinen läßt. In der drahtlosen Telegraphie sind es nun zwar nicht hörbare Schwingungen, welche durch ihre Verbreitung im Raume und durch die Resonanz die Uebertragung bewirken, sondern elektrische; diese unterliegen aber ganz ähnlichen Gesetzen, wie die akustischen.
Es ist nun offenbar nicht gleich, wie man den als Sender dienenden Stahlstab anschlägt. Trifft man nicht die richtige Stelle, so werden nämlich neben dem Eigenton des Stabes auch klirrende Tone entstehen, welche die empfangende Stimmgabel nicht erregen, daher einen Verlust an aufgewendeter Kraft darstellen. Tie erste Forderung wird also sein, daß wir einen möglichst reinen Don ohne Nebengeräusch erzielen, was, ins Elektrische übersetzt, bedeutet, daß wir vom Sender alle Schwingungen, auf welche er nicht abgeftimmt ist, fernhalten müssen.
Jetzt weiß aber auch der Leser aus dem Beispiel der Glocke, daß eine solche sehr leicht zu läuten ist, wenn sie im Takte ihrer Eigenschwingung gezogen wird, dagegen in ihrer Bewegung abgedämpft wird, wenn man sie in einem anderen Takte zieht. So ill es auch bei dem Stahlstabe. Schlagen wir ihn im Takte seiner Schwingungszahl an, so können wir ihn leicht zum lauten Tönen bringen und offenbar wird ein solches lautes Tönen die Stärke und die Weite der Uebertragung begünstigen. Professor Braun hat nun gezeigt, wie man die elektrischen Schwingungen eines Senders, der zunächst auf eine bestimmte Schwingungszahl akustisch: Tonhöhe, abgestimmt worden ist, außerordentlich verstärken Fann, indem man ihn im Rhythmus feiner Schwingungszahl elektrisch erschüttert. Professor Staun erreicht dadurch, daß fein Sender andauernd und mit großer Stärke tönen kann, während bei den älteren Verfahren, in denen der Sender nur durch einen einzigen elektrischen Stoß erschüttert wird, die Schwingungen nach dem Stoß rasch absterben. Air dem Beispiel der schwingenden Glocke erläutert, würde sich der letztere Vorgang demnach so dar- stellen, daß jemand mit einem einzigen starken Ruck die Glocke zum Tonen bringen will. Offenbar wird ihm dies nicht gelingen, während der Knabe, der ohne allzu große Anstrengung die Glocke im Gangmaß ihrer Schwingungen anzieht, sie leicht in andauerndes Läuten versetzt.
Bei den elektrischen Schwingungen tritt nun weiter noch ein Vorgang auf, den wir auch an unserem Stahlstabe erläutern können, wenn wir auf seinem schwingenden Ende ein Stück Kartonvapier anheften, sodaß es von dem schwingenden Stabe wie ein Fächer hin- und her- bewegt wird. Es ist offenbar, daß die hierbei erzeugte Bewegung der Luft aus den Schwingungen des Stabes geleistet werden muß, und daß dieser darum seine Bewegung rascher verlieren wird. Das aufgesetzte Papierblatt dämpft ihn ab. Solche dämpfenden Wirkungen treten nun auch bei den Vorrichtungen auf, in denen elektrische Schwingungen vorhanden sind, es wird erforderlich, sie nach Möglichkeit auszuschließen, damit nicht die Schwingungen des Senders geschwächt werden. Auch diesem wichtigen Punkte ist in dem System des Professors Braun Rechnung getragen worden. .Unter BexMiHtigung aller tiefer Verhältnisse ist es ihm
gelungen, elektrische Schwingungen zu erzeugen, welche rein von Nebenschwingungen, andauernd und stark sind. !
Was wir hier vom Sender gesagt haben, gilt in ähnlicher Weise vom Empfänger. Es ist ja klar, daß — um k auf unser Beispiel zurückzugreifen — eine unrein ge-, stimmte Stimmgabel niemals so laut mitklingen wird, wie eine reintönende. Es ist auch weiter klar, daß die Dämpfung hier ebenso schädlich wirken wird, wie beim Sender, also nach Möglichkeit vermindert werden muß. Professor Braun hat in seinem System weiter durch eigentümliche Anordnungen erreicht, daß die Schwingungen, welche der Empfänger aufnimmt, sich an einer bestimmten Stelle an- ammeln. Wir wollen einmal diese Stelle mit der schon mehrfach erwähnten Glocke vergleichen, welcher vom Strick die Schwingungen zugeführt werden. Nehmen wir nun an, was allerdings nicht für die akustischen, wohl aber für elektrische Schwingungen gilt, daß nämlich jede von einer, anderen Glocke herkommende Schwingung an dem Strick der ersteren zieht, so wird diese Läuterung am stärksten werden, wenn die beeinflußte Glocke derart abgemessen und angeordnet ist, daß sie in demselben Rhytmus schwingt, wie die ankommenden Tonwellen. In ähnlicher Weise hat Professor Braun seinen Empfänger für die drahtlose Telegraphie eingerichtet und die überraschende Wirkung desselben auf der Naturforscher-Versammlung durch eine Anzahl Experimente dargethan. An dem Gelingen der an der Waterkant angestellten Versuche hat die fordernde Mitarbeit des Hauses Siemens L Halske und seines Oberingenieurs Tr. Koepsel einen wesentlichen Anteil gehabt, wie Professor Braun in seinem Vortrage dankend her-r vorhob. • *
Ans Helgoland wird gemeldet: Tie Naturforscher- Versammlung beschloß ihre diesjährige Zusammen- lunft mit einem Ausfluge von Hamburg nach Helgoland, dem sich über 1500 Teilnehmer angeschlossen hatten, und der von herrlichstem Wetter begünstigt war. Das Hauptinteresse des Tages richtete sich auf die Besichtigung der Station für drahtlose Telegraphie, die mit Cuxhaven auf 65 Kilometer Luftlinie arbeitet. Heber das hier angewendete System Braun und Siemens & Halske hatte Professor Braun den versammelten Naturforschern einige Tage vorher einen eingehenden Vortrag gehalten, der allgemeines Interesse! erregte. Tas neue System zeichnet sich vor dem früher, bekannt gewordenen dadurch aus, daß die größte Ueber- tragungsweite bei unbedingt sicherer Wiedergabe der. Zeichen sich hat erreichen lassen, und daß es im Gegensatz; zu anderen älteren Systemen durch eine von allen stören- Den Einflüssen unabhängige präzise Wiedergabe Überraschtei Außer den Stationen Cuxhaven und Helgoland ist auch noch das Feuerschiff „Elbe" als Station eingerichtet und-' dient in regelmäßigem Betriebe dem Lotsendienst. Noch! ganz vor kurzem konnte das Feuerschiff eine Strandung rechtzeitig melden. Nachdem bereits die Offiziere der österreichischen Tampfergefellschast die Stationen Cuxhaven und! Helgoland zum Studium des neuen Systems besichtigt, werden sich Mitte nächster Woche Vertreter des Torpedover- suchs-Kommandos in Kiel die Anlage vorführen lassen.
Arbois (Departement Jura), 29. Sept. Das Denk* mal für Pasteur wurde heute eingeweiht. Der Minister für die Kolonien, Decrais, hielt eine Ansprache, in. welcher er mitteitte, er habe beschlossen, eine vom Pasheur- schen Institut gebildete Abordnung nach Brasilien zu dürfen, welche sich mit der Frage der Bekämpfung des- gelben Fiebers beschäftigen soll, Djie. Abordnung wird dem- nächst abreisen. , . : ; 1
Schwurgericht.
m. Gieße«, 1. Oktober.
Gestern vormittag begann die erste Verhandlung der diesmaligen Tagung des Schwurgerichts.
Der Gerichtshof setzte sich zusammen aus Landgerichtsrat Müller als Vorsitzendem, Landgerichtsrat Schmerfenbecher und Amtsrichter Schmidt als Beisitzer. Verbandelt wurde gegen die im Dezember 1882 geborene, noch unbestrafte Emma Erb von Flensungen, die des Kindmordes angeklagt ist. Die Anklage wurde vom Gerichtsassefsor Dr. Hetzel vertreten. Die Verteidigung führte Rechtsanwalt Weidig. Es waren 7 Zeugen und der Kreisafsistenz- arzt Dr. Königer geladen. Vor Eintritt in die Verhandlung wendet sich der Präsident des Gerichtshofes an die Geschworenen; er weist darauf hin, daß in der gegenwärtigen Tagung des Schwurgerichts außergewöhnlich hohe Anforderungen an sie gestellt würden. Abgesehen davon, daß die Tagung sicher 14 Tage dauern werde und daß es möglich sein könne, daß oie Verhandlungen sich noch in die dritte Woche hineinziehen können, seien es auch besonders' schwere Fälle, die zur Verhandlung kämen und die die ganze geistige Spannkraft in Anspruch nehmen würden. Es handle sich in einem Fall sogar um eine Anklage wegen Mordes, sodaß möglicherweise ein Todesurteil zu fällen fein werde. Es kämen weiter zur Aburteilung 4 Anklagen wegen Meineid, 6 wegen Notzucht, 2 wegen Kindesmords und ! Anklage wegen Brandstiftung. Der Gerichtshof werde in Berücksichtigung dieser Umstände das weitgehendste Entgegenkommen bei Urlaubsgesuchen einzelner Geschworenen auf einzelne Tage gegebenen Falles bekunden, doch bitte er, nur in wirklich dringenden Fällen um Urlaub nachzusuchen.
Hierauf wird die Geschworenenbank wie folgt gebildet: 1. Louis Christ, Müller in Griedel, 2. Daniel Erb II.» Landwirt in Wieseck, 3. Konrad Hahn, Landwirt in Ulfa, 4. Adolf Bourgeois, Buchbinder in Gießen, 5. Johann Nikolaus Schlitt, Beigeordneter in Bernsburg, 6. Karl Repp, in Bobenhausen bei Ulrichstein, 7. Wilh. Jacobi V., Landwirt in Rodheim o. d. H., 8. Friedrich Dörr, Pflasterer in Annerod, 9. Balthasar Burck V., Schreiner in Watzenborn, 10. Andreas Lepper III., Landwirt in Zell, 11. Johannes Hinkel in Büdingen, 12. Rudolf Quantz, Landwirt in Eichelsachsen. — Die Angeklagte ist geständig, ihr Kind am 19. Juli, vormittags 9 Uhr, unmittelbar nach der Geburt, mit Vorsatz getötet zu haben. Sie erzählt, wie sie sich an dem Morgen in dem elterlichen Hanse in ihre Kammer begeben, die sie hinter sich verschloß. Die Angeklagte will auf der Erde liegend dem Kind das Leben gegeben haben, eS habe gezappelt und auch einen Schrei von sich gegeben. Emma Erb gesteht zu, daß sie dem kleinen Wesen den Mund zugehalten, eS über das Knie haltend mit der Faust auf den Schädel geschlagen habe, so daß das Kind bald eine Leiche war. Sie habe den kleinen Körper in ein altes Tuch gewickelt und tagsüber unter ihrem Bett verborgen gehalten. Am Abend um 9 Uhr, als alles im Hause ruhig war, hat die unnatürliche Mutter ihr Kind im Garten verscharrt und, um jede Spur ihres Verbrechens zu beseitigen, will sie auf der mit wenig Erde bedeckten Leiche herumgetreten sein, wobei sie die Wahrnehmung machte, daß es unter ihren Füßen krachte. Emma Erb erklärt, sie habe, als sie kaum 16 Jahre alt gewesen, schon einem Kinde daß Leben geschenkt. Die Eltern hätten damals sehr geschimpft und aus Furcht vor den eitern habe sie schon vor der Geburt des getöteten Kindes den


