Ausgabe 
2.10.1901 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Entschluß gefaßt gehabt, es aus der Welt zu schaffen. Richtig sei, daß sie ihrem Liebhaber, einem Burschen vor 20 Jahren, anfänglich gesagt habe, wie es mit ujr stehe, dieser habe auch gemeint, es sei das nicht schlimm, er sei ja da und werde sie heiraten. Ihren Eltern hat sie ihren Zustand zu verheimlichen gesucht und aus Befragen diesen gegenüber die Thatsache in Abrede gestellt. Die Beweisaufnahme ergab, daß, die Angeklagte die That nicht eher eingestand, als bis man durchs Zufall die Leiche des Kindes fand. Der Liebhaber des Mädchens, der als Zeuge vernommen wird, erklärt, er habe dem Mädchen die Heirat versprochen, er könne eine Familie ernähren. Seine Eltern seien einverstanden gewesen und ebenso hätte der Vater der Emma nichts gegen die Verbindung gehabt. Der Vater der Angeklagten ist nach der Aussage des Bürgermeisters von Flensungen em gut situirter Mann, der außer dieser einen Tochter nur einen Sohn hat. Landgerichtsrat Prätorius, der als Untersuchungsrichter die Voruntersuchung gegen Emma Erb geführt hat, erklärt als Zeuge, er habe in seinem Leben noch nie eine Beschuldigte vor Augen gehabt, die so oft wie die Angeklagte ihr angebliches Geständnis gewechselt hat. Zuerst habe sie überhaupt geleugnet, Mutter gewesen zu sein, dann, als man ihr die Leiche des Kindes vorführte, habe sie dessen Geburt zugegeben, aber behauptet, dessen Tod sei auf eine Fahrlässigkeit zurückzuführen, sie habe dabei mit allen Einzelheiten ein Märchen erzählt, das freilich

ganz und gar unwahrscheinlich geklungen habe. Im Laufe der Untersuchung wechselte die Angeklagte fortwährend ihre Angaben nnd erklärte stets, was sie angebe, sei die reine Wahrheit, bis sie schließlich ein Geständnis ablegte. Der medizinische Sachverständige Dr. König er erklärte, daß die ihm zur Sektion übergebene Kinderleiche ergeben habe, daß es sich um ein zum Leben reifes Kind handelte. Ob das Kind nach der Geburt gelebt habe, ober welches die Todesursache gewesen sei, habe man überhaupt nicht feststellen können, da die Verwesung der Leiche bereits zu weit vorge­schritten gewesen sei, auch die einzelnen Schädelknochen teil­weise gefehlt hätten. Damit war die Beweisaufnahme er­schöpft. Die den Geschworenen vorgelegte Schuldfrage lautet auf Kindesmord. Auf Antrag des Verteidigers wird die Frage nach mildernden Umständen gestellt. Dr. Hetzel begründet hierauf die Anklage. Er weist darauf hin, daß man früher eine Kindesmörderin mit dem Tode bestrafte, wie jeden andern Mörder, nur war die Todesart eine verschiedene. Erst in späterer Zeit kam man zu einer milderen Auffassung betreffs der Bestrafung einer ledigen Person, die ihr Kind tötet in der Art, wie es die Angeklagte gethan hat. Die An­geklagte habe roh und gefühllos gehandelt, weder die Not noch sonst etwas habe sie gezwungen, ihrem Kinde das Leben zu nehmen. Die Angeklagte habe nicht aus Verzweiflung gehandelt, ihr Bursch wollte sie ja heiraten, und die Eltern, die schon für ihr erstes Kind sorgten, hätten auch dem zweiten Kinde Brod gegeben. Auch könne man nicht als Milderrmgsqrund etwa anführen, daß die Angeklagte aus Scham die That verübt habe. Hier müsse die ganze Strenge des Gesetzes angewendet werben. Die Schulbfrage müsse im vollen Umfange bejaht werben. Der Verteibiger, Rechtsanwalt Wei big, pläbiert auf Bejahung bes Vorliegens mildernber Umstänbe. Er betont, daß seine Klientin erstens noch jung sei und zweitens das erstemal gegen das Gesetz gefehlt habe. Es sei auch in Rücksicht zu ziehen, daß das Mädchen sich über den zweiten Fall geschämt habe. Aus dieser Thatsache allein sei die That zu erklären. Nach erfolgter Rechtsbelehrung ziehen sich die Geschworenen zu einer halbstündigen Beratung zurück, worauf der Obmann Andreas Lepper III. den Wahrspruch verkündet. Er lautet auf Schuldig des Kindesmords unter Verneinung der Frage nach mildernden Ujmständen. Der Ankläger beantragt, auf eine Zuchthaus­strafe von 5 Jahren und Aberkennung der bürgerlichen Ehren­rechte auf die Dauer von 5 Jahren zu erkennen. Der Ver­teidiger plädiert auf ein weit geringeres Strafmaß. Der Gerichtshof erkannte auf 4 Jahre Zuchthaus unter An­rechnung von einem Monat der erlittenen Untersuchungshaft. Von der Aberkennung der Ehrenrechte hat der Gerichtshof abzusehen geglaubt.

Aus Stadt und Sand.

Nachrichten ooii allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.

Gießen, 1. Oktober 1901.

* Jahresversammlung der Hessischen Anwaltskammer. Wie wir hören, wird die heurige Jahresversammlung der Hessischen Anwaltskammer am Samstag, 5. Oktober, in Mainz statt­finden. Auf der Tagesordnung stehen außer dem üblichen Jahres- und Rechnungsbericht die Frage des anwaltlichen Verkehrs mit dem verhafteten Angeschuldigten und die Frage der Akteneinsicht in Strafsachen, zwei Punkte, bezüglich welcher die Rechte der Verteidigung in den letzten Jahren nicht immer genügend berücksichtigt worden sind. An die Beratungen, die um halb 12 Uhr im Justizgebäude zu Mainz beginnen, schließt sich ein gemeinsames Mittagessen an.

rl. Mendorf a. d. ß., 30. Sept. Die alljährliche Jn- pektion unserer Pfichtfeuerwehr fand gestern nach­mittag durch Kreisfeuerwehrinspektor Loos statt. Die Ueb- ungen der Mannschaften gingen flott von statten, auch die Geräte befanden sich in gutem Zustande. Der Inspektor drückte den Feuerwehrleuten seine volle Zufriedenheit aus.

r. Stangenrod, 30. Sept. Bei der heute hier vorge­nommenen Gemeinderatswahl wurden Heinrich Hof­mann VIII. und Johannes Will wiedergewählt und für das freiwillig ausgeschiedene Gemeinderatsmitglied Joh. Erbes II. der Landwirt Georg Neichmann neugewählt.

h. Butzbach, 30. Sept. Gestern abend gerieten zwei Be- wohner des städtischen Hauses Amtsgasse Nr. 25 in Streit, wobei das Messer eine Rolle spielte. Der Taglöhner Vier­heller verletzte den Fabrikarbeiter Adolf Volk durch mehrere Stiche in den Kopf, sowie des letzteren Frau durch Messer­stiche in beide Hände nicht unerheblich. Noch an demselben Abend wurde der Messerheld durch die Polizei verhaftet.

T. Alsfeld, 30. Sept. An der diesjährigen freiwilligen Gesellenprüfung des Ortsgewerbevereins Alsfeld betei­ligten sich sechs Lehrlinge. Sie bestanden sämtlich, und zwar Jak. Ad. Bauer (Schlosser) aus Alsfeld mitgut" für eine überbautes Hausthürschloß, Ad. Hahn (Wagner) aus Bieben mitgut" für eine Garnitur Chaisenräder, Wilh. Koch (Sattler und Tapezier) aus Alsfeld mitrecht gut" für einen Zaum und einen gepolsterten Sessel, Louis Konr. Rapp (Schreiner) aus Nieder-Breitenbach und Konr. Wiegand (Schlosser) aus Alsfeld mitgut", ersterer für einen Pfeiler­schrank mit Aufsatz, letzterer für eine schmiedeeiserne Thür- füQung, und Heinr. Zimmer (Schlosser) aus Nieder-Gemünden mitziemlich gut" für ein eisernes Fenster.

x Schotten, 29. Sept. DieTelegraphen-Jmprag- ni er -An statt wird mit Beginn des Winters die Arbeiten einstellen. In den fiskalischen Waldungen wurden etwa 40000 Festmeter Fichten gefällt. Etwa 15000 Festmeter sind noch zu verarbeiten; das Holz wird von Fuhr­leuten aus der Umgegend herbeigeschafft. Da ein guter Fuhrlohn, (pro Festmeter 6 Mark) gezahlt wird, erhalten die Leute einen schönen Verdienst.

Hanau, 29. Sept. Die Gesamtherstellungskosten des hie­sigen Elektrizitätswerkes belaufen sich nach der Schluß­abrechnung auf 948 723 Mk. Hierzu soll noch ein Er- ueuerungsfonbs von 50 000 Mk. errichtet werden, sodaß die Gesamtsumme der Baukosten sich auf rund 1 Mill. Mk. be­laufen wird.

Handel und Uerkehr. Volkswirtschaft.

h. Stockheim, 29. Sept. Am 24. ds. Mts. nahm die dies­jährige Campaaue derAktien-Zuckersabrik Büdingen ihren An­fang. Die Anlieferung der Rüben geschieht bei dem gegenwärtigen Sten Wetter sehr prompt. Im vorigen Jahre verteilte seit langer it die Fabrik zum ersten Mal wieder Dividenden. Es ist zu ffen, daß unter der gegenwärtigen Leitung bei dem hohen Zucker­gehalt der Rüben auch für 1901/02 eine Dividende zur Auszahlung kommen wird.

Frankfurt a. M., 30. Sept. Die Brauerei Binding schlagt nach 432000 Mk. Abschreibungen und Rückstellungen 13 Prozent Dividende wie int Vorjahr vor.

Heilbronn, 30. Sept. Der Konkurs der Heilbronner Ge­werbebank ist infolge der geleisteten Garantten ausgeschlossen.

Berlin 28 Sept. Einem »onsorrmm uuier oer Kinna Deutsche Gesellschaft für Bergbau-Industrie 'm Aus­land Tsingtau-Berlin ist die Genehmigung als Kolomal- Gescllfchaft erteilt worden. Gegen,tand der Unternehmung ist ber Betrieb von Bergbau-, Hüttenwerken- und Industrien, ferner der Erwerb und die Verwertung von Grundbesitz, ^eigrecbten und Konzessionen zunächst in SchanMng. ^.as Kapital betragt vorläufig 1 Million Mark. ____

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehens Artikel übernimmr die Redaktion dem Publikum gegenüfcfi keinerlei Verantwortung.)

Abschaffung der Fremdwörter.

DerGieß. Anz." rügte jüngst mit Recht die Anwendung von Fremdwörtern auf einer Gießener Hotelrechnung. Unsere städtische Verwaltung würde gut thun, mit der Abschaffung der fremdländischen Bezeichnungen den Privaten voranzugehen, wir meinen nut der Um­wandlung des Wortes Oetroi an Sen Thorhäusern. In unseren hessischen Schwesterstädten hat man längst die deutsche Bezeichnung Perbrauchsabgabe" für diese Steuer gewählt. Die Schilder an den Thorhäuserii bedürfen ja so wie so bald der Erneuerung, und bei dieser Gelegenheit ließe sich die Perdeutschung ganz gut vor­nehmen. Es bedarf wohl nur dieses Hinweises, um seitens der Bürgermeisterei das nötige zu veranlassen. F.

Literarische Neuerscheinungen.

Kunstwart. 14. Jahrg. 1. September- (Raabe i Heft. 60 Psg. Nord und Süd. Heft 295. 2 Mk. Deutsches Protestanten­blatt. Nr. 37, 38, 39. Vierteljährl. 1.50 Mk. Simplieijsimus. Nr. 26/27. 1.80 Mk. vierteljährl. Zukunft. Heft 51/52 ä 50 Pfg. Euphorion, Zeitschr. f. Litteralurgesch. VIII, 2. 4 Mk. Ge­sellschaft. Septeniber-Doppelheft. 2. Mk. Südwestdeutsche Rund» schau. Heft 17. 25 Psg.

Vermischtes.

* Nürnberg, 30. Sept. In der Ottosttaße wurden heute früh die Prostituierte Anna Stephan und deren Zu­hälter, Arbeiter Käser, mit durchschnittenem Halse tot auf< gefunden. Es scheint Mord und Selbstmord vorzuliegen. <

Neapel, 30. Sept. Das Befinden der drei im Lazarett' auf Nisida untergebrachten Kranken ist unverändert, nur einer ist nicht fieberfrei. Die bakteriologische Untersuchung bestätigte, daß der Vater eines im Lazarett Befindlichem pestkrank ist. In Neapel und Umgebung ist kein neuer Pestfall vorgekommen. Mit der Desinfektion der Frei-, Hafen-Umgebung wird fortgefahren. Die Abordnung hie­siger Vereine sprach dem Präfekten den Dank der Einwohner für das Vorgehen der Regierungsbehörden aus.

* Kaschau, 30. Sept. Der Bauer Johann Ragahli gaS aus den Kandidaten zum Abgeordnetenhause Grafen Hadik> als derselbe eine Rundfahrt im Bezirk machte, vier Rei volverschüsse ab. Der Graf erlitt keine Verletzungen; der Bauer wurde verhaftet.

* Ein heiteres Ab enteuer bi er ZSrin. Aus» Kiel wird- berichtet: Vor kurzem besuchten die Zarin und die Prinzessin Heinrich die Kunsthandlung von Hulbe in, der Dänischen Straße in der Nähe des königlichen Schlosses.- Vor den Schaufenstern sammelte sich eine Menschenmenge, die von Minute zu Minute anschwoll und« auf das Er^ scheinen des fürstlichen Schwesternpaares wartete. Eine halbe Stunde verging, eine Stunde, vergebens! Inzwischen verbreitete sich die Kunde, daß Zarin und Prinzessin schon im Schlosse eingetroffen seien. Tie Menschenmenge wau aufs Höchste überrascht. Als die Zarin bemerkte, daß dies Straße mit Menschen besetzt sei, hatte sie den Ladeninhabech gefragt, vb das Haus einen Ausgang nach hinten habe.-/ Herr Hulbe erwiderte:Der Ausgang ist durch eine Planke, gesperrt."Macht nichts", meinte die Zarin,wenn Sie uns eine Leiter zur Benutzung geben, steigen wir über, die Planke". Gesagt, gethan! /Tie Leiter wurde aufgestellt/ die Zarin und die Prinzessin stiegen hinauf und sprangen auf das Nachbargrundstück hinab. Von dort erreichten sie ohne Hindernis die Falckstraße; schritten an der Ostseite, des Kleinen Kiel weiter, und erreichten unbemerkt ba$ Schloß.________________

BLNZEND BEGUTACHTET: BBRfKB UTARISÄ TE-FETT-SEIFE |

ttietpntde« Rein, wild, manant 9 . Parfümerie Fabrik, Offenbach a.M. fl

BfMBT3MffiWr'nTrWWlTroMB

velamitmachimg.

Unterm Heutigen wurde un§ seitens der

GrossherzogL Salisieei Oirekiloai Bad-Üauheim

eine

Vb Verlxan&stelle

ihxer Produkte übertragen. Wir halten uns deshalb zu deren Bezüge nnd besonders von

Nauheimer Salz

bestens empfohlen.

Gieße«, den 1. Oktober 1901.

( 6508

Tribus & Zuudheim.