in Betracht kommende Bahn gebaut werde oder nicht; es sei dringend wünschenswert, daß endlich diese Angelegenheit, in der die preußische und hessische Regierung einig seien, auf deren Erledigung die Kammer seit 10 Jahren warte, beendet werde.
Eine größere Anzahl Positionen wurde hierauf nach Antrag dies Ausschusses erledigt. U. a. wurden für die Mobiliarausstattung des Kreisamtsgebäudes in Alsfeld 5300 Mark, zur Wiederherstellung der Friedberger Stadtkirche im Interesse der Erhaltung dieses mittelalterlichen Bauwerks außer den bereits gewährten 150 000 Mark weitere 50000 Mark bewilligt. Tie Regierungsvorlage, Errichtung von T i e n st w o h n u n - gen fürGendarmen betr., wird nach Erklärungen der Regierung, die neue Pläne hat ausarbeiten lassen, auf Antrag des Abg. Graf O r i o l a an den Ausschuß zurückverwiesen.
Für den Neubau eines Ueberwinterungshauses und Herstellung der Wege im Botanischen Garten zu Gießen werden 46000 Mark, für die Neuen Kliniken in Gießen (Kohlenschuppen am Kesselhaus, Verbesserungen der Warmwasserversorgung in der psychiatrischen Klinik, Umbau des gußeisernen Tampfsammlers und Herstellung einer zweiten Dampfleitung) 21130 Mark, für bereits ausgeführte bauliche Veränderungen verschiedener Räume des Universitätsgebäudes in Gießen und für seine Mobiliarausstattung 9200 Mark, für bauliche Veränderungen der Blindenanstalt in Friedberg 35 400 Mk. bewilligt.
Der Gesetzentwurf, die Abänderung des Gesetzes vom 7. Juli 1896, die Entschädigung für an Milzbrand und Rausch brand gefallenen Tiere will die Entschädigungspflicht auf die an Rotlauf gefallenen Schweine erstrecken und Schutzimpfungen gegen Rauschbrand und Schweinerotlauf ermöglichen, der Gesetzentwurf wird angenommen. Ein zu ihm gestellten Antrag des Abg. Kosell, in den Gesetzentwurf die Entschädigung der an Maul- und Klauenseuche gefallenen Tiere aufzunehmen, hat im Ausschuß eine sympathische Aufnahme gefunden. Die Wichtigkeit des Antrags wird von den Abgg. Weidner, v. Brentano anerkannt, der Antrag selbst von dem Antragsteller lebhaft begründet. Das Haus beschließt, den Antrag der Regierung zur Erwägung zu geben und sie zu ersuchen, dem 31. Landtag einen diesbezüglichen Gesetzentwurf vorzulegen. — Die Regierungsvorlage, Beitrag zu den Kosten für Errichtung von Lungenheil- a n st a l t e n betr., beabsichtigt einen einmaligen Beitrag von 50 000 Mark zu den Baukosten einer Lungenheilanstalt für Frauen, die vom Viktoria-Melitta-Verein ins Leben gerufen wird, zu bewilligen. Nach Mitteilungen des Staatsministers Rothe ist beabsichtigt, auch fernerhin Staatsbeiträge zu den Betriebskosten zu leisten. Die Vorlage wird allseits freudig begrüßt. Abg. Schröder will sich) mit seiner heutigen Zustimmung für später nicht gebunden wissen und bringt finanzielle und medizinische Gesichtspunkte vor, die ein lebhaftes Eingreifen des Staates als verfrüht erscheinen lassen könnten. Abgg. Ulrich und Reinhart sind der Ansicht, daß der Staat selbst staatliche Anstalten gründen müsse, um der verheerenden Krankheit zu steuern. Ter letztere sieht das Hauptbekämpfungsmittel der Tuberkulose in der Verbesserung der Wohnungsverhältnisse. Staatsminister Rothe legt den Standpunkt der Regierung und die Bereitwilligkeit, hier mit vollen Händen zu geben, dar, glaubt aber, daß nicht unter Staatszwang stehende Anstalten sich leichter und rascher entfalten und wirken können. Abg. Molthan wünscht gleichfalls staatliche Lungenheilanstalten. Abg. Graf O r i o l a führt aus, daß man wenig zögere, das für die Landwirtschaft Notwendige zu thun; es sei auch! Pflicht und Schuldigkeit, da einzutreten, wo es sich um die Besserung der Lage unserer notleidenden Mitbürger handele. In der Hütte des armen Mannes müsse man besonders Hilfe schaffen. Nach weiteren Ausführungen der Abgg. Ulrich, Schröder und Wolf.wird die Vorlage einstimmig genehmigt.
Der Vorstellung der Hess. Militär an Wärter, Anrechnung ihrer Militärdienstzeit als Besoldungsdienstzeit betr. wird nicht stattgegeben, der Antrag Sch le n g er u. Gen., der eine Erhöhung der Vergütungen der Schulverwalter und Schulverwalterinnen um 100 Mark erstrebt, für erledigt erklärt, da die Regierung dem Ansinnen Folge geben will. Die Regierung wird ferner ermächtigt, entsprechend früheren Beschlüssen die erhöhten Vergütungen für provisorische Lehrer an den staatlichen Höheren Lehranstalten (2100 Mk. bis 2600 Mk.) auch! auf die in provisorischer Weise an den Höheren Bürgerschulen verwendeten akademisch gebildeten Lehrer zu erstrecken.
bereitem Revolver oder Gewehr, um die geraubten Gegenstände von dem ermordeten und wie man mit Ge- wißheit annehmen kann, aufgefressenen deutschen Kapitän eines Schooners zu entdecken. Als das gefunden, wurden Speere, Pfeile und Bogen als Kriegsbeute gesammelt und darauf das Torf TimbutzdenFlammen übergeben. Bei unserem Landungszug hatten wir fünf Tote zu verzehren, das heißt Schweine, die wir in Ermangelung eines andern erschossen, und die ein treffliches Mittagsmahl abgaben.
Ter zweite Landungszug, bestehend aus den 20 Polizeisoldaten mit ihrem schwarzen Unteroffizier brannten em anderes Torf' ab und töteten neun Ein- geborene. Zwischen 8 und 9 Uhr kehrten die Sieger an Bord zurück. Gegen Mittag zeigten sich nm Strande cme Schar von 20 bewaffneten Negern, worauf unsere erste Rcvolverkanone einige Granaten warf, die eine Flucht in möglichst beschleunigten Tempo zur Folge hatten.
Bei der nun folgenden Expedition nach F a i s i wurde der Verbrecher^ ein Brandstifter,ohne weiteres ausgeliefert- an Bord in Fußschellen gelegt brachten wir ihn nach Her- bertshöhe, wo er dem Kaiserl. Richter übergeben wurde.
M a t u p i, 26. 7. 99.
Mit letzter Post bekamen wir von Berlin aus Befehl, am 10. nächsten Monats nach Sydney in See zu gehen zur Erholung der Besatzung. Ende Dezember sollen wir wieder nach Neu-Guinea zurückkehren. Jedenfalls giebt es in Sydney für uns ein tüchtiges Zähneklappern, da bekanntlich zur Zeit des deutschen Sommers dort Winter ist. Meine ethnologische Sammlung wird täglich schöner,
Nach Erledigung weiterer kleinerer Vorlagen wird die Sitzung um 1 Uhr geschlossen.
Nächste Sitzung: Mittwoch, 30. Mai, Vorm. 9 Uhr. Wichtigster Gegenstand: Gesetzesvorlage, die Gehalte der Volksschullehrer betr.
Politische Tagesschau.
** Ein Arbeitsprogramm für den Goethebund hat Ferdinand Avenarius entworfen. Er sagt darüber in seinem „Kunst- wart" (Verlag von Georg D. W. Callwey in München) u. a.:
Ich möchte fragen, ob der Goethebund nicht versuchen könnte, ein „Parlament" zu bilden nicht der „Interessen", sondern der Intelligenz des Volkes. Die Anwendung des Paragraphen vom groben Unfug auf die Presse, die bekanntlich der Absicht des Gesetzgebers widerspricht, wäre ein erster solcher Gegenstand. Und nicht nur dieser Vorläufer der Heintze-Kunstparagraphen, sondern die Tendenz überhaupt müßte bekämpft werden, die Strafbestimmungen zur Beengung des freien Worts zu erweitern. Man denke an die ausgedehnte Anwendung des dolus eventualia. Man denke an den ambulanten Gerichtsstand. Man denke an die Erweiterung des Begriffes der Majestätsbeleidigung auf Vorfahren der regierenden Fürsten. Man denke an das dem natürlichen Rechtsgefühl geradezu unsittlich scheinende Verfahren in Sachen der Majestätsbeleidigung, das zu Gunsten einer staatsrechtlichen Fiktion den Wahrheitsbeweis einfach ausschließt, so daß zu hohen Strafen verurteilt werden kann, wer nichts als die lautere Wahrheit in reinster Absicht gesagt hat. Ja, in reinster Absicht, denn dieses Verfahren erkennt ja auch keinerlei berechtigte Interessen als strafmildernd an. Man denke daran, daß unser Gesetzbuch unter „berechtigten Interessen" überhaupt nur solche gelten läßt, die rein egoistisch sind. Verficht etwas, woran du mit zehn Mark beteiligt bist, und sie schützen dich, verficht uneigennützig das Recht eines andern, der sich nicht selber helfen kann, und sie schützen dich nicht. Man denke an die oft sehr anfechtbaren Entscheidungen über Gotteslästerungen und Unsittlichkeiten und an die Macht, die hier schon jetzt ohne Lex Heintze ganz untergeordneten Organen zusteht. Man denke an unsere Theaterzensur. Man denke an die Versuch'-, Journalisten zur Verletzung des Redaktionsgeheimnisses zu zwingen, also zur Verletzung ihrer Berufsehre. Man denke an die entehrende Behandlung von Redakteuren, die wegen nicht entehrender Preßvergehen verurteilt sind. Da ist weiter die Mißwirtschaft gewiffer Telegraphenbureaus zum Vorteil bestimmter „Jntereffentengruppen".
Wie der Goethebund einmal zusammengesetzt ist,' glauben wir: diese das Schädliche abwehrende Thätigkeit wird er am besten leisten können. Aber vielleicht kann er in der That auch aus sich heraus positiv fördern? Da sind all die Bestrebungen, der geistigen Arbeit die materielle Grundlage zu sichern, die über das Urheberrecht hinaus bis zu jenem „Urheberschatze" führen, den wir im ersten Januarhefte dieses Jahres als ein schönes Traumbild gezeichnet haben. Das geistige Schaffen einer-, das geistige Genießen anderseits nach Menschenmöglichkeit unabhängig zu machen vom Gelderwerb — gewiß, was stellt dieses höchste und letzt? Ideal einer praktischen Kunstpolitik auch dem Goethe- bunde für herrliche Aufgaben! Und es ist wahr: die Wege zu ihrer Lösung treten schon so klar aus den Morgennebeln hervor, daß es keine Weltenstunde mehr brauchen wird, bis wir sie gemeinsam betreten können. Es wird kaum solange dauern, bis wir über die Fragen der ästhetischen Erziehung einig sind.
Aus Stadt und Land.
(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhalte», werden grundsätzlich nicht ausgenommen»)
Gießen, 30. Mai 1900.
*♦ Seschicht-kalender. (Nachdruck verboten.) Vor 156 Jahren, am 30. Mai 1744, starb zu Twtckenham der englische Dichter Alexa-nder Pope. Beschreibende Naturschilderung, philosophisch- moralische Betrachtung der Menschen und des LcbenS, und vor allem kritisch didaktische Abhandlung in Versen sind sein Hauptgebiet. Berühmt auch in Deutschland ist sein Gedicht: „Der Lockenraub". Pope wurde am 22. Mat 1688 in London geboren.
— Vor 91 Jahren, am 31. Mai 1809, starb zu Wien der Schöpfer der modernen Instrumentalmusik Franz Joseph Haydu. Als Sohn eines armen WagnerS und fröhlichen Harfenspielers bildete er sich unter Mühen und Entbehrungen durch eigene Kraft aus. Dreißig Jahre lang wirkte er als Kapellmeister des Fürsten Esterhazy. Nach dem Tode des Fürsten ging er nach London, wo man ihn mit Ehrenbezeugungen Der schüttete. Als hoher Sechziger schrieb Haydn sein unsterbliches Meisterwerk: „Die Schöpfung" und „Die Jahreszeiten". Er wurde am 31. März 1732 zu Rohrei a. d. Leitha geboren.
* * Achtzigster Geburtstag. Man schreibt und: Ein jugendfrischer Greis, ein Förderer alles Guten und Freund alles Schönen, insbesondere der freien Natur, ein allbeliebter, echt deutscher Charakter, Dr. Eduard Stammler, kgl. preuß. KreisphysikuS i. P., tritt heute, am 30. Mai, in fein 80. Lebensjahr ein. Alle, die ihn kennen, wünschen )em hochverehrten Herrn bis zu den entferntesten Markleinen des menschlichen Lebens ein ungetrübtes Alter bei lauernder Gesundheit.
* • Matsch. Einspänner (englisch Vollblut) gegen Fahrrad. Ein interessanter Match wurde gestern zwischen
manches wertvolle Stück ist dazu gekommen. Durch Allerhöchste Kabinetts-Ordre wurde mir ein neuer Titel zugelegt, leider ohne finanzielle Vorteile. Ich heiße nämlich nicht mehr San.-Geh., sondern Sanitäts-Maat.
Matupi, 1. 1. 1900.
Am 20. 12. trafen wir nach einem langen, sehr teuren Aufenthalte in Sydney wohlbehalten unter unseren schwarzen Landsleuten wieder ein. Die ersten sechs Tage unserer Reise gehörten nicht zu den angenehmsten meiner Seefahrt. Stürmisches Wetter und Maschinenhavarie trieben uns 18 Stunden lang an einem Tage von unserem Knrse ab. Dazu noch die gedrückte Stimmung, 14 Tage vor Weihnachten von dem Eldorado Australiens scheiden zu müssen. Es waren doch herrliche drei Monate, die Erholungszeit in Sydney. Da uns ein neues Oberdeck gelegt wurde, mußte die ganze Besatzung ausquartiert werden. Angenehme Nachbarschaft, unberschränkter Urlaub und eigenes fein möbliertes Zimmer gehörten zu den Hauptannehmlichkeiten. Als nun am 6. 12. v. M. unter den Klängen des bekannten „Muß i denn" die „Möve" in See ging, wimmelte die Landungsbrücke von Bekannten und Freunden, Deutschen und Australiern. Mit einem letzten kräftigen Hurra war der schöne Traum vorbei, und nun sitzen wir wieder gemütlich, im Lande mit der großen Zukunft nnb leben von Erinnerungen. — Nächste Woche gehen wir wieder in den Kampf mit den Kannibalen der Admiralitäts-Inseln. Jedenfalls wird es etwas heißer als in Timbutz, da die Bande 50 Gewehre und Munition besitzt.
dem Umverfitätsstallmeister Kreuzburg und demFahrral. Händler Wilhelm Hamel ausgetragen. Es handelte si-tz darum, wer von beiden schneller die Strecke Dutenhofen-- Dorlar-Atzbach-Heuchelheim-Gießen nehmen würde, Herr Kreuzburg mit einem englischen Traber ober Herr Hamel mit einem Fahrrad. Zahlreich waren unsere Sportleute gegen 5V3 Uhr nachmittags am Ziel auf der Rodheimer- straße erschienen, und begrüßten als Sieger den Radler der mit knapp 10 Minuten Vorsprung in brillanter fassung anlangte.
** Unfall auf der Bieberthalbahn. Ein Gießener hatte am Sonntag das Unglück, bei der Benutzung der Bieberthalbahn der Strecke Gießen—Heuchelheim von der Plattform eines Personenwagens abzustürzen. Glücklicherweise hatte er nur nachträglich über etwas Kopfweh zu klagen. Der Vorfall hätte aber auch ernstere Folgen haben können. Die Ursache des Unfalls war, wie man uns schreibt,, darin zu suchen, daß der an der Plattform des Personen, wagens angebrachte querlaufende Eisenstab fahrlässig eingehängt war. Bei dem geringsten Anlehnen an ihn konnte es nicht ausbleiben, daß er aus seiner Lage gebracht wurde. Es dürfte zum mindesten im Interesse des reisenden Publikums liegen, daß auf der Plattform eine warnende Aufschrift angebracht werde, etwa: „Nicht anlehnen."
• • Großen-Linde», 29. Mai. Der hiesige Turnverein beabsichtigt, am 17. und 18. Juni das Fest seiner Fahnenweihe, verbunden mit Schauturnen, zu begehen. Nach den bis jetzt getroffenen Veranstaltungen verspricht das Fest einen großartigen Verlaus zu nehmen; haben doch bereits eine Anzahl Turnvereine des Gaues Heffen ihr Er. scheinen fest zugesagt, und weitere in Aussicht gestellt. Hoffentlich hat der Himmel ein Einsehen, und verschont uns an diesem Tage mit dem an Turnfesten üblichen Naß.
4- Grnnbrrg, 29. Mai. Die Errichtung eines Elektrizitätswerkes für unsere Stadt scheint nunmehr gesichert, nachdem die Anmeldungen zur Stromentnahme in genügender Anzahl eingelaufen sind. Es sind bereits nahezu 1000 Flammen, sowie mehrere Elektromotore und zahlreiche Kochapparate gezeichnet. Der Unternehmer, Schäffer Frankfurt a. M, hofft, den Bettieb noch in diesem Jahre eröffnen zu können.
H'ähnlein, 29. Mai. Philipp Schweickert, Sohn des Jägers Karl Schweickert, erzog vor drei Jahren ein kleines Reh an einem Fläschchen. Das Reh wuchs zusehends, und ist so zahm, daß es frei im Hofe, Straße und Garten herumläuft, und des Abends wieder in seinen Stall zurückkehrt. Voriges Jahr, anfangs August, in der Brunftzeit, war genanntes Reh nicht mehr zu halten, und blieb etwa 10 Tage aus. Auf einmal fand eS sich wieder in feinem Heim ein. ES kam direkt vom Bensheimer Wald. Anfangs April war es ersichtlich, daß das Reh trächtig sei. Am 10. d. M. warf dasselbe zwei prächtige Junge. Gewiß eine große Naturseltenheit.
** Gre»zhanseu, 29. Mai. Die Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. hat auf Antrag des hiesigen Gewerbe. Vereins beschloffen, während der ganzen Dauer der Keramischen Ausstellung hier, also vom 3. bis 17. Juni, Sonderzüge zwischen Grenzau—Grenzhausen im Anschluß an alle fahrplanmäßigen Züge zu befördern.
Herborn, 29. Mai. Mit dem heutigen Tage ist für )en Bereich des Regierungsbezirks eine „landespolizeiliche Anordnung" in Kraft getreten, welche die Herabminderung der Einschleppung von Maul- und Klauenseuche be- < wecken soll, aber auf der anderen Seite eine schwere Schädigung der Viehmärkte des Regierungsbezirks darstellt. Sie ordnet an, daß zu den Märkten im Regierungsbezirk nur solches Vieh eingesührt werden darf, daS- eine sechs- tägige Beobachtungszeit durchgemacht hat, und nach einet zweiten tierärztlichen Untersuchung entlasten ist. Diese zweite Untersuchung erfolgt auf Staatskosten zwischen dem 7. und 9. Tage, und zwar gelegentlich anderer Dienstreisen: die Kosten fallen dem Besitzer der Tiere zur Last, wenn derselbe zu einer andern Zeit einen besonderen Besuch des Tierarztes beantragt. Diese Anordnung war der Gegenstand einer am Sonntag hier abgehaltenen Protestver- sammlung. Die enorme Schädigung, die Händler, Metzger, Kaufleute rc. durch die Verordnung erfahren, wurde scharf betont, und eine Protestresolution angenommen, in der die Forderung aufgestellt wird, daß der benachbarte Kreis Wetzlar in diesem Falle als zum Regierungsbezirk Wiesbaden gehörig betrachtet werden möge. Die Resolution wird gedruckt und soll den anderen interessierten Ortschaften zwecks eines ähnlichen Vorgehens übermittelt werden.
* Frankfurt a. M., 29. Mai. Im Gymnasialverein sprach Direktor Reinhardt vom Goethegymnafium für die Reformgymnasien. Er ist der Ansicht, daß man durch Ueberzeugung die Reform herbeiführen müffe. Vor allem wollen wir die Bildung des Charakters auf dem Gymnasium, und es fei besser, wenn wir ein sechsjährigeS- vollkommenes Gymnasium haben, als ein neunjähriges un* vollkommenes. Seiner Ansicht nach stehe die Bevölkerung stark auf Seite der Resormgymnasien. Die Vertreter des Gymnasiums haben ein starkes Wort mitzureden, aber sie sollten nicht mehr an dem Standpunkt des non posaumu» festhalten. — Der heutige Polizeibericht zählt seit Anfang April nicht weniger als drei Kindesmorde und eine Kindesaussetzung auf. Er schreibt über die verschiedenen Fälle: Anfang April wurde im Straßenkehrichl hinter der GalluSwarte die Leiche eines neugeborenen Kindes aufgefunden. Das Kind war stark verbrannt. Die Obduktion hat ergeben, daß es ein lebensfähiges Kind gewesen und vor drei Monaten, also im Januar d. I., bei Seite geschafft worden ist. Am 13. Mai wurde am Kettenhof- weg die Leiche eines neugeborenen Kindes (Knabe) im Grase ganz nackend gefunden. Die Obduktion hat ergeben, daß das Kind etwa acht Tage gelebt haben kann. Am 25. Mai wurde auf dem Hofe Friedbergerlandstraße 271 ein soeben geborenes Kind (Knabe) in einer gewöhnlichen, alten Pappschachtel


