Nr. 125 Zweites Blatt. Donnerstag den 31 Mai
1900
Gießener Anzeiger
General-Unzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme deS
Montags.
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Kamiufegerbezirke zu Gießen.
Wir haben den Kehrbezirk deS verstorbenen Kaminfeger- »ersters Ne bl zu Gießen dem Wilhelm Keil aus Fränkisch - Crumbach übertragen, welcher denselben am 1. Juni übernehmen wird.
Gießen, den 29. Mai 1900.
Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Garbenteich.
In der Zeit vom Samstag 2. Juni lfd. IS. bis einschließlich Freitag 15. Juni lfd. Jrs. liegen auf dem Rathause zu Garbenteich zur Einsicht der Beteiligten offen.
1 .^'DaS Wiesenmeliorationsprojekt (drei Pläne);
2 . Das Protokollbuch.
Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hiergegen findet statt
Samstag, 16. Juni lfd. Js., Bormittags «Vs bis 16 Vr Uhr im Rathause zu Garbenteich, wozu ich die Beteiligten unter dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzufassen, zu begründen, und auf Papier in Aktengräße, (mindestens ein halber Bogen) einzureichen.
Friedberg, den 26. Mai 1900.
Der Großh. Bereinigungskommiffär Süffert, Regierungsrat.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Verwendung von Fässern mit dem bayerischen Aichungsstempel im öffentlichen Verkehr.
Auf Grund von Verhandlungen zwischen den Bundesregierungen wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß Weine in Fässern mit dem bayerischen Aichstempel nach dem übrigen Reichsgebiete, sowie umgekehrt Weine in Fässern mit dem deutschen Aichstempel aus den anderen Bundesstaaten nach Bayern unbeanstandet eingeführt, hier wie dort eingelagert und in den Originalgebinden weiter verkauft werden dürfen. Verboten ist jedoch, die entleerten Fässer zu Weinsendungen, sei es innerhalb des betreffenden Staates, sei es nach dem Ursprungsstaate des Stempels weiter zu verwenden oder etwa mit dem fremden Aichzeichen
Auf S. W. S. „Wöve".
Besonders für uns Gießener dürfte die auszugsweise Veröffentlichung von einigen Briefen eines. Marineunteroffiziers, eines Bruders des Herrn Friseur B. Tosch in den Neuen Bäuen Nr. 12, von Interesse
Derlebe ist augenblicklich auf S. M. S. Möve in den südlichen Gewässern bei Vermessungen thätig und hat auch einen Strafzug gegen Eingeborene mitgemacht. Eine sehr schöne Waffensammlung, teilweise eroberte Waffen gelegentlich des vorerwähnten Strafzuges, hat Herr Friseur Da sch zur Aufbewahrung empfangen und um ihre Inaugenscheinnahme zu erleichtern, in seinem Fri eur- iaden aufgehängt. Ein Besuch dieser eigenartigen Ausstellung dürste angelegentliche zu empfehlen sem.
Wir geben nun einen Auszug aus den uns zur Ver- sügung gestellten Briesen:
Hongkong, 12. 1. 99.
Lieber Bruder! Nach' genau sechswöchiger Fahrt sind lv>ir gestern wohlbehalten im Hasen von Hongkong vor Anker gegangen. Nun sitzt man wieder einmal in dem Diel umstrittenen Reiche der Mitte. Glücklicherweise halten tvir uns nicht allzu lange hier auf; denn schon am ■'S Febr sollen wir nach' Manila und von da auf unsere Statin nach Neu-Guinea. „Möve" ist Vermessungsschiff, u^d wir müssen daher die meiste Zeit in teilweise unbe- kmnnten Gegenden kreuzen, um Seekarten anzusertlgen und vorhandene Karten zu verbessern, Unser Haupthafenplatz isst Matupi, wohin wir alle sechs bis acht Wochen einmal ,chen, um Post zu holen und &
FM erwartete ja durchjaus nicht, daß ich aus „Möve kmter Feiertage habe, aber es ist beinahe starker gekommen, M ich! glaubte. Ich hatte im Monat Januar allem (2
versehene leere Fässer über die Grenze einzuführen und »ach der Befüllung zurückzuliefern.
Darmstadt, den 10. Mai 1900.
Großherzogliches Ministerium des Innern.
Rothe.
v. Starck.
Hessischer Landtag.
Zweite Kammer der Laudstäude.
M. G. Darmstadt, 29. Mai 1900.
In Erledigung des ersten Punktes der Tagesordnung wurde folgende B e i l e i d s a d r e s s e an Se. Kgl. Hoheit" den Großherzog einstimmig beschlossen:
Allerdurchlauchtigster Großherzog!
Allergnädigster Großherzog und Herr!
Durch Allerhöchste Botschaft vom 25. d. Mts. haben Ew. Königl. Hoheit Allergnädigst geruht, an die Stände des Großherzogtums die Mitteilung von dem betrübenden Ableben Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Wilhelm von Hessen und bei Rhein gelangen zu lassen.
Ew. Königl. Hoheit glaubt die Zweite Kammer versichern zu dürfen, daß sie von diesem Trauerfalle mit tiefem Schmerze Kenntnis genommen hat. Wie das ganze Hessenvolk und seine Vertretung, die Zweite Kammer der Stände, mit Ew. Königl. Hoheit und dem ganzen Großh. Hause in Freud und Leid sich innig verbunden! fühlen, so teilen sie auch aus Anlaß des Dahinscheidens eines edlen Gliedes ihres angestammten Fürstenhauses Ew. Königl. Hoheit gerechten Schmerz Und bittet Ew. Königl. Hoheit die Zweite Kammer deshalb, den Ausdruck tiefsten und wärmsten Beileids allergnädigst entgegennehmen zu wollen.
In der gleichen Gesinnung und echt menschlichem Empfinden fühlt die Zweite Kammer sich zugleich gedrungen, Ew. Königl. Hoheit und Ihrer König!.. Hoheit der Großherzogin den Ausdruck der herzlichsten Teilnahme an dem weiteren schweren Schicksalsschlage zu unterbreiten, durch welchen nach göttlicher Fügung die freudigen Hoffnungen unseres geliebten Herrscherpaares und des ganzen Landes vernichtet worden sind.
Gott schütze Ew. Königl. Hoheit, Ihre Königl. Hoheit die Großherzogin und das ganze Großh. Haus für alle Zukunft vor Heimsuchungen so tief trauriger Art!
In tiefster Ehrfurcht
■ Ew. Königl. Hoheit allerunterthänigste, treUgehorsamste Zweite Kammer der Stände.
Die Adresse wird kommenden Samstag durch das Bureau der Kammer überreicht werden.
Eine sehr lebhafte Beratung entspinnt sich über die Wahl des Aba. Leun (Gießen-Land). Gegen die Wahlmännerwahl in Heuchelheim ist Protest erhoben worden. Die Wahl sollte laut amtlicher Bekanntmachung
Kranke, also über 50 pEt. der Besatzung. Hauptsächlich, waren es Fieberrückfälle, jedoch hatte ich beinahe immer drei bis vier Schwerkranke liegen. Von an Land gehen war ich für diese Zeit dispensiert. Nun endlich kann man wieder einmal Luft holen und sagen: „Na, heute gehen wir auch mal an Land."
Die Euch' von mir übersandten Reiseerinnerungen hebt mir aus. Ihr könnt Euch dadurch einen kleinen Einblick erwerben, in welchen Verhältnissen man nun zwei Jahre lang leben muß. Geld kennen die lieben „Deutschen" in jenen Gebieten noch, nicht. Am meisten schätzen sie Eisenware, Messer und Beile, wovon ich mir hier in Hongkong auch so einen kleinen Vorrat zulegte, um es nachher bei den Wilden gegen Kuriositäten zu vertauschen. Geld ausgeben kann man dort auch« nicht, denn Amüsement bei den Ka- nackern giebt es nicht. Ich mache deshalb Kapital. Das einzige Vergnügen ist die Jagd, welcher ich auch jede zu erübrigende Stunde widmen werde.
Am nächsten Mittwoch, 1. 3., verlassen wir Hongkong, um vorerst Kurs nach Manila zu nehmen, von wo wir nach kurzem Aufenthalt nach Jap auf Neu-Guinea weiter gehen. Anfang April werden wir wohl auf unserer Station anlangen. Dann beginnt das zurückgezogene Leben, alle acht Wochen einmal Post.
Matupi, 17. 4. 99.
Wir stehen momentan vor einem wichtigen Ereignis, welches Euch zu schildern ich nicht unterlassen darf. Vor einigen Tagen traf hier die Nachricht ein, daß auf den Saiomonsinseln mehrereDeutsche ermordet und beraubt worden seien. Nun hat unser Kommandant beschlossen, morgen am 18. dahin zu gehen, um einen Strafzug gegen die Eingeborenen zu führen. Zu diesem Zweck gehen 22 Mann schwarze Polizeitruppen mit uns, welch« im Busch (Urwald) sehr gut zu verwenden sind. Unser Landungskorps beträgt an oie 50 Köpfe, mit Schwarzen 70, worunter natürlich auch ich. Uns gegen»
von 4 bis 7 Uhr nachmittags stattfinden. Die Wahlhandlung wurde nach der Kirchenuhr um 4 Uhr eröffnet und Schlag 7 Uhr geschlossen. Es wurde festgestellt, daß die stets nachgehende Uhr, wie an jedem anderen Tage, so auch -am Tage der Wahl und zwar während des Wahlaktes, um 10 oder 7 Minuten nach der Gießener Normaluhr vorgerückt worden war. Der Unterschied im Wahlergebnis zu Heuchelheim betrug 34 Stimmen. Während früher der Ausschuß glaubte beantragen zu müssen, die Wahl des Abg. Leun für ungiltig zu erklären, beantragt er nunmehr
auf Grund erneuter Feststellungen, nachdem er zu der Ueberzeugung gekommen, daß das Wahlergebnis durch den Vorfall nicht beeinflußt worden ist, in seiner Mehrheit, die Giltigkeitserklärung der Wahl, während die Minderheit (Abgg. Cramer und Pennrich) aus dem früheren Standpunkt des Ausschusses beharren. Die Abgg. Cramer und Dr. David entwickeln den Standpunkt ihrer Partei, wonach jegliche Verletzung des Gesetzes die Ungiltigkeitserklärung «der Wahl zur Folge haben muß. Abg. Dr. David übt außerdem Kritik an der Art und Weise, wie die nach? träglichen Ermittelungen angestellt wurden. Alles stütze sich auf die Aussagen der Wahlkommission, die selber Partei sei. Abg. Schmeel und mit ihm nahezu alle nichtsozialdemokratischen Redner, stehen auf dem Standpunkt, daß bei derartigen Vorkommnissen nur zu beachten sei, ob das Wahlergebnis durch das Vorkommnis beeinflußt worden sei. Daß die Wahlkommission einen Fehler gemacht, dafür liege nicht der geringste Beweis vor. Abg. Graf Oriola stellt ebenfalls fest, daß keine absichtliche Verkürzung der Wahlzeit erfolt sei. Die Aufforderung zu wählen, richte sich übrigens nicht nach der alten Heuchelheimer Uhr, son- oern nach der wirklichen Zeit; es sei also richtig geschlossen, aber zu spät mit d'em Wahlakt begonnen worden; daß dieser späte Beginn Einfluß auf die Wahl gehabt, sei weder erwiesen noch behauptet. Abg. Weidner hält für aus-, geschlossen, daß in der Zeit von 7 Minuten noch 34 Personen ihr Wahlrecht hätten ausüben können. Abg. Schlenger sieht nicht den Beweis erbracht, daß den in, Gießen arbeitenden Heuchelheimern nicht die volle Mögliche feit gelassen worden sei, rechtzeitig zum Wahlakt zu erscheinen. Nach weiteren Ausführungen der Abgg. Wolf, Ulrich, Weidner, Graf Oriola, Seelinger, Dr. David und den Schlußworten des Berichterstatters^ Backes wird die Wahl gegen acht Stimmen für gUtig erklärt.
Präsident Haas widmet dem verstorbenen Abgeordneten Kreimer einen warmen Nachruf; das Haus erhebt sich zu Ehren des Toten von den Sitzen.
Abg. Reinhart regt die Neben bahn frage an, und es ivird festgestellt, oaß diese im Einverständnis mit der Regierung bis zum Herbste l. I. vertagt worden ist. Abg. Graf Oriola und mit ihm andere Abgg. (Molthan und Weidner) bedauern diese Thatsache, ersterer im Hinblick auf die hierdurch verursachte empfindliche Störung! der Feldbereinigung, da man nicht wisse, ob die jeweils
über steht eine Schur von ungefähr 1000 Kriegern. Gelingt es denen, sich' zu vereinigen, dann werden wir einen schweren Stand bekommen, denn mit Pfeil und Bogen auf 100 Meter treffen sie den Mann. Hoffentlich werden wir sie alber derart überraschen, daß sie nicht zum Schuß kommen, bevor wir mit ihnen abgerechnet haben.
Herbertshöhe, 1. 6. 99.
Ich! schieße und verspeise eben viele Papageien, vor 14 Tagen schoß ich an einem Tage 14 Stück. Allerdings mußte ich erst mehrere Stunden in dem Busch Vordringen, was jedoch mit Hilfe eines Negers ganz gut ging.
In meinem letzten Briefe erwähnte kfy eines Strafzugs auf den Salomons Inseln, der auch richtig am 21. 4. in Szene ging. Wir bekamen in Herbertshöhe 20 Neger von der Polizeitruppe an Bord, ebenfalls den Gouverneur von Neu-Guinea und gingen nun unter fieberhafter Thätig- keit in See. In allen Winkeln sah man nur Vorbereitung; zur Landung und zum Gefecht. Lazarett macht Verbandpäckchen, Feuerwerker fettet Gewehr- und Revolverkugeln, Büchsenmacher schleift die Seitengewehre usw. Am 21. morgens 2 Uhr Wecken, darauf Frühstück. Das Landungskorps klar machen zur Landung. Unter lautloser Stille mußten die Boote armiert werden, denn wir lagen nur eine Seemeile von Land, und ein Neger hat ein äußerst scharfes Gehör. Um einhalb vier Uhr setzten die Boote von Bord ab, zwei Dampfpinassen, ein Ringboot, zwei Jollen und eine Gig. In letzterer mein Stabsarzt und meine Wenigkeit, sowie meine Krankenträger, alles bis an die Zähne bewaffnet. Als der Tag zu grauen ansing, ging es zur Landung vor. Leider hatten uns die Schwarzen entdeckt, als wir dicht unter Land waren, und tm Nn war das ganze Nest ausgeflogen, ehe es uns gelang, durch die Brandung an Land zu kommen. Wir sahen ste nur nMf> verschwinden und horten ihr ohrenbelaubendes Geheul. Nun begann ein Tnrchsuchen der Hutten mit stets schuß-


