Donnerstag den 1 Februar
1900
Drittes Blatt
■Vereins
. 1L ^optan)
; a. M. (Klavier),
^rfl
nder
Is 5 Uhr. rereimi
^Scptflspreis vierlelsährl. HJtr 2,26 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholestclle« vitz'rteljährl. Mk. 1,96 monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 Vierteljahrs, mit Bestellgeld.
Alle Anzeigen-BermittlungSstellen deS In« und Ausland«» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen« Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
Rtbeltien, Expedition und Druckerei:
Kchntstraße Nr. 7.
Ballestrem.
Die ungewöhnliche Bedeutung, die unter den obwaltenden Umständen der rednerischen Kundgebung des Reichstagspräsidenten zukommt, liegt klar zutage; es hieße -sie abschwächen, wollte man es des Breiteren ausführen.
Beachtung verdient auch die nicht nur geistvolle, sondern auch von warmer, patriotischer Gesinnung getragene Art, wie sich Graf Ballestrem über die vielbesprochene schwierige Frage der Stellung der Oesientlichkeit und der Volksvertretung zu den Kundgebungen deS Kaisers äußerte. Gegen feine Auffassung wird sich kaum ein begründeter Widerspruch erheben.
gegeben habe. <
Intentionen des Kaisers nach Möglichkeit, und, soweit es unsere Ueberzeugung zulasse, jederzeit zu fördern. Mit dem Gelöbnis, der edlen Thätigkeit des Kaisers nachzueifern, und mit einem dreifachen Hoch schloß Graf
der Großmutter herrührt, um ein reizendes Bauernmädchen zu drapieren, und ein in der Resterhandlung für wenige Groschen erstandenes Stück Bettkattun giebt den passendsten Hanswurstanzug. Welche Einfachheit gegen die großen Toilettesorgen bei sonstigen Ballfesten! Und doch wird die interessanteste Verschiedenheit hergestellt. Alle europäischen Nationen und sogar die verschiedensten Stände wirbeln durch und verkehren aufs Friedlichste mit einander, tote auf einem europäischen Jahrmarkt. Darum meinen wir, man lasse hauptsächlich der Jugend diesen unschuldigen Scherz. Er hat seinen Vorzug darin, daß er erlaubt, die Etikette mehr oder minder bei Seite setzen zu dürfen, welcher sich jedermann gern entledigt, wie des Frackes; und mit Recht, denn die Etikette ist nicht nur beengend, sondern sie erzieht leicht zur Ueberhebung und zur Ausbildung der Selbstliebe.
Deutscher Reichstag.
187. Sitzung vom 29. Januar. 1 Uhr. Schluß.
Adresse für Depeschen: Anzeiger HtehO« Fernsprecher Nr. 51.
Gießen, 31. Januar.
* Einen bemerkenswerten Kaisertoast
Lokales und Provinzielles.
(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhalte-, werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)
Gießen, 31. Januar 1900. __
«eschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 441 Jahren, am 1. Februar 1459, wurde m Wipfeld bet Schweinfurt der erste, 1487 von Kaiser Friedrich III. mit dem Lorbeer gekrönte Dichter Konrad CelteS geboren, der für das Wtederaufblüben wissenschaftlicher Bildung mit Erfolg in Erfurt, Leipzig, Ingolstadt, Regensburg und Mainz wirkte. Sein Hauptverdtenst ist die Pflege des lateinischen Versbaues. Er starb am 4. Februar 1508 in Wien.
hat der Präsident des Reichstages bei einem am Samstag zu Ehren des Kaiserlichen Geburtstages von den Reichstagsabgeordneten veranstalteten Festmahle ausgebracht. Nach den einleitenden Worten, und nachdem er des herben Verlustes, von dem jüngst die Kaiserfamilie betroffen worden ist, gedacht hatte, wandte Graf Ballestrem sich einer politisch hochinteressanten Erörterung zu. , .
Der Redner erinnerte zunächst daran, wie sich un ab« gelaufenen Jahre der Kaiser unter besonders schwierigen Verhältnissen dem Wohle des Vaterlandes gewidmet und durch Schärfung des Schwertes den Frieden erhalten habe. Graf Ballestrem sprach alsdann vom Kaisertum als von der obersten Spitze des stolzen föderalistischen Baues des Reiches; der Kaiser repräsentiere die Einigkeit der Fürsten, der Reichstag die Einigkeit des deutschen Volkes. Neben dem Kaiser stehe der Reichstag, dieser stütze die Spitze mit seinen Pfeilern, welche sind: Liebe, Treue und Ver« trauen des Volkes zu seinem Kaiser. Kaiser und Reichstag gehören zusammen. Es stehe gut um Deutschland, so lange sie zusammenhalten. Zu diesem Zwecke müssen sich diese beiden Gewalten verstehen. Jeder müffe wissen, was der andere erstrebe. Graf Ballestrem erinnerte daran, wie überall die Kaiser stand arte dem Volke anzeige, wo sein Kaiser ist. Daß es so auch auf dem geistigen Gebiete sein müsse, habe der Kaiser empfunden, der zu allen öffentlichen Fragen Stellung nehme. Er richte eine geistige Standarte auf, die man von weitem sehe, nach Ansicht des Redners nicht, damn man sich still und stumm vorbeidrücke, sondern damit sie beachtet, erwogen und besprochen werde, vor allem auch von den Volksvertretern. Der Kaiser habe wie alle Hohenzollernfürsten seine Zeit verstanden und gesagt: „Ich lebe in der Zeit der Oeffentlichkeit und der Mündlichkeit. Ich will auch kein sogenannter konstitutioneller Monarch sein, der da herrscht und auch regiert." ES nehme daher der Kaiser überall die ihm zukommende große staatsrechtliche Stellung ein. Dies müffe uns mit Bewunderung erfüllen; wir müßten der Vorsehung dafür danken, daß sie uns in diesen Zeiten einen solchen Kaiser
An.ts- und Anzeigeblatt fitt? den "Ureis Gieszen
Bonn, 27. Januar. Kaisers Geburtstag wurde gestern durch einen Kommers der „nationalen Studenten begangen, die in der farbenreichen Tracht der verschiedenen akademischen Vereinigungen und Klubs die reich geschmückte Beethovenhalle füllten. Als Ehrengäste waren der Rektor Konsistorialrat Sieffert, mehrere Pro- fesforen, Oberberghauptmann a. D. Exzellenz Huyssen, die Generäle Bartholomäus und Krummacher, der Kommandeur des 160. Infanterie Regiments Oberst Frhr. v. Gayl, Erster Staatsanwalt Müller u. a. erschienen. Der Kommers wurde auf Weisung des Vorsitzenden stnd phil. Felix Greve aus Hamburg (Ruderklub Rhenus) mit dem „cantus*: „Sind wir vereint zur guten Stunde" eingelsitet, der eindrucksvoll aus lausend frischen Kehlen klang. Die Kaiserrede hielt der Vertreter des D. C., etnd med. Erich Sonntag aus Bonn, der in schwungvollen, bilderreichen Worten den Gedanken ausführte, wie die gleich „der Heldenjungfrau in der flammenumwogten Halle schlummernde Germama des Helden harrte, der sie in kühler That zum Leben wach küssen sollte," und wie der junge Kaiser daS Erbe seiner großen Ahnen zu fördern bestrebt sei. Nachdem em Huldigungstelegramm an den Kaiser abgesandt worden, gedachte der Vorsitzende des Trauerfalles in der Familie deS Kaisers, ließ einen Trauersalamander reiben und daran feinsinnig den Gesang der Strophe »vita nostra brevis est“ sich anreihen. Die „Gästerede" des Vertreters der wissenschaftlichen Vereine beantwortete zunächst der Rektor
, Konsistorialrat Sieffert, indem er beredt und geistvoll Humor und Ernst zu verbinden wußte, davon sprach, wie das ..Schwänzen" der Kollegien im Gegensatz stehe zu eifrigem Besuch festlicher Gelage, zu dem im gleichen Maße alt und jung sich hingezogen fühlten, wie sich schroff gegenüberstehe der trockene und tote Stoff, den mitunter die Kollegien böten, und der ewig frische und belebende „Stoffwechsel" der Kommerse. Zu beklagen sei die noch immer bestehende Kluft zwischen den beiden großen studentischen Parteien, die aber demnächst hoffentlich überbrückt sein würde. Seinem Herzen habe es außerordeutlich wohl gethan, bei dem Kaiserkommers der katholischen Verbindungen beobachtet zu haben, wie begeistert man dort den Manen des eisernen Kanzlers gehuldigt habe, und damit sei der Stein des Anstoßes zwischen beiden Parteien hinweggeräumt. Auf die Entwickelung der deutschen Hochschulen übergehend, warf er die Frage auf, ob mit dem äußern Fortschreiten derselben die idealen Kräfte gleichen Schritt gehalten. Nicht neidisch und eifersüchtig blickten die Universitäten auf die Entwicklung der technischen Hochschulen, cs ergebe sich daraus für die erstern nur die Mahnung, mit um so größerer Entschiedenheit um die Palme zu ringen in dem Erforschen der Erkenntnis und Wahrheit. Die zweite Erwiderung auf die „Gästerede" gab Exz. Huyssen. Er erinnerte an eine trübe Episode, die Besetzung Bonns durch Napoleon vor dem Zuge nach Rußland. Napoleon habe Bonn zu einer Festung machen wollen und zu diesem Zwecke die Stadt besichtigt. In der Rheingasse habe sein Pferd ihn abgeworsen; der abergläubische Kaiser habe nach diesem „vorläufigen" Sturz den Plan, Bonn zu einer Festung zu machen, aufgegeben. Und daß er seine sonstigen Pläne mit Deutschland habe aufgeben müssen, dazu hätten die deutsche Jugend unb bic deutschen Universitäten ihr gut Teil beigetragen. Ihnen galt sein Hoch. Stud. theol. Heinrich KolfhauS aus Krefeld (Wingolf) entledigte sich der ihm „durch des Loses neckisches Geschick" zugefallenen Aufgabe der Damenrede mit größtem Geschick und Entfesselung stürmischer Heiterkeit. Bei der FidulitaS übernahm Prof. Heffter das Präsidium. Wie er desselben gewaltet, entzieht sichunftrer Kenntnis, da es sich zu weit m die Morgenfrühe hmem
I erstreckte.
J (
JWw, 1 ? Mmtes
ollektyx t
ftit
Bedienung.
sie werden ™ig ratfamü
Gießener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
Edw. Schalte.
Bich. Wagner. H. v. Kom.
J. L. F. OlOck. Edw. Schulte. Job. Btabine.
\%Y
. Oäkat Wer. E. d’Albert.
8 d
Ed Kremser.
Aime Mail!art.
Franc Liszt. , 8 Racbmaninoi. Edw. Grieg. Franz Liszt. Ed. Kollner.
Konr. Kreutzer-
' H. Zöllner. [entarten Mk. !• • 2e nbandlungron । 1U haben
GratisbeilaaeniGießener Fanrilienblätter, Der hessische Landwirt Matter für hessische Volkskunde.
_ _
»tfl!
"‘"'M«
•nWh.
n Die tzi-
«vn.hme Den Anzeigen zu der nachmittag« für den -atzenden tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.
•• Zm Zeichen der Maskenbälle stehen wir jetzt. Die Maske hat das Gute, daß sie beim Aufstecken eines anderen N MPiitn einen iv.uih. «»Mo» i Gesichtes dasselbe nicht verschönt, sondern meist verzerrt. Es müsse uns anspornen, die großen I Cs ist die Zeit, in welcher jeder das Recht hat, ein ^^611= > gesicht zu tragen. Vielleicht sind das gerade aber bei vielen Menschen die richtigen Gesichter, und wir können der Maskenzeit dankbar sein für ihre Offenheit und Wahrheit. Ein Menschenkenner hat gesagt, gerade die übrige Zeit ist die Zeit der Maskeraden, weil eine Reche von Menschen sich eines lieblichen Gesichtsausdruckes mit glatten Mienen befleißigen, während dahinter der Schuft, mindestens aber der Egoist versteckt ist. In der Maskenzeit will man wenigstens nicht in schönerem Lichte erscheinen und bekennt sich offen zur Narrheit; das ist ein Bekenntnis, was den Menschen ziert. Wenn das Leben eine Bühne ist, so spielt mancher jetzt seine wahre Rolle so wahr, daß er sich trotz seiner Maske erkannt sieht. Die Zeit lehrt darum ferner, daß die Verstellung nicht so leicht ist. Milten im bunten Gemisch als Fremdländer verkleidet, finden wir doch den Bekannten heraus, den nun alle Mühe nicht zu etwas sremdartigem zu stempeln vermag. Denn die Maske allein thuts nicht. Der Gang, jede Bewegung bleibt uns so eigen, daß wir uns ihrer nicht vollständig zu entäußern vermögen, oder wir müßten Künstler sein, im wahren Sinne des Wortes. Denn durch die Maske wird der Handwerksmeister nicht zum Baron und die Näherin nicht zur Gräfin. Immerhin ist es aber jedenfalls nicht uninteressant, wenn sich der Schneidergeselle einmal auf die Rolle eines polnischen EdelmanneS und die solide BürgerS- tochter in der einer Weltdame im großen Stil versuchen darf, wie umgekehrt die Gräfin von Geburt in der eines Landmädchens aus Polen, Elsaß, aus der Normandie und bergt Manches bringt der Maskenball zu Ehren, was ohne ihn für immer im weggesetzten Winkel der Vergessenheit anheim fallen würde, und er regt in manchem Backfischköpfchen die Findigkeit an, daß sie in gar nicht zu verkennender geschickter Weise zu Tage tritt. Ein alter Filzhut aus der Zeit des siebenjährigen Krieges paßt just genau zu der Ehre, das Paradestück eines beliebten Fuhr- mannskostümcs abzugeben, das durch ein biederes Nachthemd und ein Paar lederne Unaussprechliche ergänzt wird, wozu sogar der Korrektheit halber die Stallpeitsche nicht fehlen darf. Für ein Damenkostüm genügt sogar ein altes schwarzes Sammetmiederchen, das sich im Familienlumpen-
Abg. Büsing (ul.) begrüßt ben Versuch mit großer Freude. In Mecklenburg bestanden bereits 15 000 Check- conten, je eins auf 40 Einwohner, also vielmehr (Sollten als in Oesterreich. In Mecklenburg sei der Checkverkehr auf die allereinfachste Weise eingerichtet: in jedem Dorfe sei eine Stelle, welche Geld annehme und Checks ausgebe, und es Kerrsche völlige Gebührenfreiheit (Hört! Hört!). Ferner werde chie kleine Verzinsung gewährt, die mit dem Tage der Einzahlung beginne und mit dem Tage der Auszahlung ende. Die vorliegende Checkorduung habe er dreimal gelesen und dabei gefunden, daß die Postverwaltung mit der einen Hand dem Publikum eine Erleichterung schaffen wolle, mit der anderen Hand aber die Benutzung unmöglich mache, habe sie denn Angst vor den Portoverlusten? Die Absicht hier ist gut, schließt Redner: ich wünsche auch, daß der Plan gelingen möge. Aber so, wie er vorliegt, glaube ich das nicht. (Beifall.)
Staatssekretär von Podbielski bemerkt nochmals, daß es sich hier nm eine Fiskalität nicht handele. Es sei sein eigen Kind, das er wünsche, lebensfähig zu machen und Glicht, ihm den Hals abzuschneiden.
Aba Bl-ll (frf. V°lksp.).ist gleichfalls für Herab I sack h-rumtreibt und schließlich van einem P^crabendscherr setzung der Gebühren, denn nur so könne der Beitritt '■ h.rrührt. um em reuendes Bauernmädche«
erleichtert werden. ( t m
Abg. Dasbach (Zentr.) will den Weg der Verordnung unter keinen Umständen betreten wissen. Lasse sich der Reichstag darauf ein, dann könne der Staatssekretär ev. auch den Zinsfuß erhöhen, und dann seien die Postsparkassen vorhanden, die der Reichstag schon zweimal abge-
98# 99 !>
fl»
99 f 00'
900.
wtf
Art ß- l'lH
ib.
Abg Rickert (frf. Vp.) hält den Plan für nicht sehr qesund, diese Checkordnung sei weder einfach noch bequem, noch billig, und er bezweifele, ob das gesteckte Ziel erreicht werde, es müßte denn sein, daß in den Kommissionen das System wesentKch geändert werde
Staatssekretär v. P o d b i e l s k i befreitet, daß die Einrichtung von Postsparkassen im Hintergründe stehe
Aba. von Staudy (kons.) billigt Namens feiner Freunde das Ziel der Vorlage, aber auch sie hatten große Bedenken. Kommissarische Beratung hielten sie für un-
Der Etat für den Checkverkehr wird der Bndgetkom- mission überwiesen.
Es folgt der Postetat. , .
Bei den Einnahmen bemängelt Abg. Dasbach (Ztr.) die Höhe des Zeitungsbestellgeldes
Staatssekretär v. Podbielski lehnt es ab, das Gewicht in die Bemessung der Zeitungsbestellgebühren hinem- znziehen. , t
Die Einnahmen werden bewilligt.
Morgen 1 Uhr Fortse^ung der Beratung.
stS s $S:S ’
M, I
et«» 81d
m. 26
tzrscheinl täglich an: Ausnahme des
MoniagS.
Die Gießener AiamtkieuSlätter werden dem Anzeiger an Wechsel mit „Hess. Landwirt" h. „Blätter !är Hess. Volkskunde" »öchti. 4 mal beigelegt.
A sich ' Stänstraße 59. oaenapparat in uni ----0241 tot
Mbftt
Flucht. Stellung Mörderlich. Briefe Expedition dieses
19 OMRtr.
L \jtv-
ß HiMNULÜM.


