Ausgabe 
30.11.1900 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

M, 281 EMes Blatt. Freitag den 30 November IS». Jahrgang 1OOO

General-Anzeiger

Amts- «nd Anzeigeblatt für den Ureis Gieren

H»Mchsel mitHess. SeaÄurt" a. glätter «« frfl. Volkskunde- «DG i mal beigelcgt.

Alle Luzeigea-BermittlungSstellm deS In- und AuSlaadeA nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

Meltnlmc »on Nnzeige« -u der nachmittags für de« le% erscheinenden Nummer bis vor«. 10 Uhr. «bbestelluagen fpLtesten- abeadS vorher.

<Itftbrt täglich jWilluSnahme deS Üi intag».

|it Gießener

icEcbarpes

^niiGeseliSChaft| 7m=n nnd !d8chuhe.

n-Röcke.

a y _ jj U-___, Ä Aezugspreis

V vierteljährl. Ml. 3M

Gießener AnzeigerW

nach dem Grundsätze Der jetzt verhaftete vorigen Jahre das

Me»»o«, Expedition und Druckerei:

-chatstraße Ar. 7.

I ftoU

j^Uind6 -SUMM m Pri

, »1 ^opfvmfend. f zie!

Kettengeklirr der im HochverratSprozeffe verurteilten Radi­kalen gehört; jetzt sind die Radikalen wieder in Freiheit und nunmehr sieht Gentschitsch zu ihrem Vergnügen vor der Gefahr, Spange und Kugel zu tragen. Er hat sich in der That dem Könige Alexander und der Frau Draga Maschin gegenüber ungeberdig benommen, offenbar weil er nicht rechtzeitig die Thatsache erfaßte, daß die Rolle deS Königs Milan in Serbien auSgefpielt fei. Er verließ sich

Naturalismus hindurchgegangeu ist. Die innere Wahrheit: kann ihr nicht wieder so verloren gehen, wie es zu Anfang der achtziger Jahre auf deutschen Bühnen der Fall war. Denn alle echte Kunst ist naturalistisch; in dem Sinne, daß sie stets auf die Natur als auf die größte Lehr­meisterin zurückgehen und durch die Berührung mit ihr, wie der Riese Antäus durch die Berührung mit der Mutter Erde, neue Kraft gewinnen muß. Tas natura­listische Drama als solches, das mit Vorliebe in die Niederungen der Menschheit hinabstieg, mag keinen Gipfel im Höhenreich der Kunst darstellend darüber gehen die Meinungen weit auseinander und werden es vermutlich! immer thun. TolstoisMacht der Finsternis" bedeutet innerhalb dieses Naturalismus einen Gipfel; darüber sind so ziemlich alle einig.

Denn was dem Drama seine vorzügliche Wirkung sichert und.es neben die grandiosesten Leistungen seines Schöpfers stellt, neben die RomaneAnna Karenina" und Auferstehung", das ist der gewaltige fünfte Akt. Wer diesen von der Bühne herab einmal auf sich hat wirke« lassen, dem wird er unauslöschlich in der Erinnerung haften. Bis dahin ist das Drama kaum mehr als eine Milieuschilderung, als eine möglick)st getreue Schilderung der Verhältnisse unter dem russischen Bauerntum. Deut Dichter kam es nur darauf an, die typischen Züge möglichst echt herauszuarbeiten. Es ist ein Freskogemälde mit breiten Pinselstrichen. Die deutschen Jünger haben den Meister darin übertroffen, daß sie auf das Individuelle mehr Nachdruck legten. Man denke nur, wie Gerhart Hauptmann in dem analytischen Massendrama seiner Webe r" über alle Schattierungen einer sorgsam differen­zierenden Kunst gebietet, wie er überall darauf aus ist.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Kandvnrt, Mtter für hessische Volkskunde. ___________

Adrcffr für Depeschen: Anzeiger chkß«» Fernsprecher Nr. 51.

Französische Huuuerrthaten.

.8-5 ist über ein Jahr her, daß das Drama von 3 imbe» bekannt wurde, wo die französischen -?ciiuptleu t e Voulet und CHanoine den ihnen geflWeti Oberstleutnant Klobb ermordeten, ieui en Begleiter, den Leutnant Maynier, schwer verwun­det-« und dann ihrerseits von den eigenen men­te rnbrn Soldaten ermordet wurden. Auf die

Die Macht der Jinsternis

Drama in 5 Akten von LeoTolstoi.

beseitigen, nicht widerstreben können.

In Serbien wird noch immer Heute mir, morgen dir- regiert, frühere Minister Gentschitsch hat im

>/

/ 'S*

&

Kolttische Tagesschau.

Zu dem von uns bereits kurz erwähnten Antrag deS Zentrums über die Freiheit der Religionsübung meint die Nat.-Ztg.", daß gegen eine Reihe von Bestimmungen, ins­besondere der mit Artikel 12 der Preußischen Verfassung sich deckende § 1 und der den Religionsgesellschaften die freie und öffentliche Ausübung ihres Kultus, das Recht zur Errichtung von Kirchen rc. sichernde § 5 grundsätzlich nichts einzuwenden sei. Aus Sachsen, Braunschweig, Mecklenburg rc. seien in den letzten Jahren wiederholt Vorkommnisse be­richtet worden, die bewiesen, daß in diesen Staaten noch gesetzliche Bestimmungen beständen, die mit der Religions­freiheit der Katholiken unvereinbar seien. In gleicher Richtung sagt dieKöln. Ztg.-, die Ausdehnung der Reichs­zuständigkeit auf die Frage der Freiheit der Religionsübung sei ihr in hohem Grade erwünscht. Sie brauche auch nicht zu wiederholen, daß sie die Einschränkung der Freiheit der Religionsübung, wie sie nicht zum Ruhme Deutschlands leider noch jetzt in manchen deutschen Bundesstaaten bestehe, aufs tiefste beklage und sehr gern mitarbeiten wolle, wenn es sich darum handele, im Ernste die Abstellung dieser Zu­stände herbeizuführen. Bon den konservativen Blättern meint dieKrzztg.-, man werde der Absicht, die in den genannten Staaten noch vorhandenen Rechte einer impari- tätischen Behandlung der beiden christlichen Konfessionen zu

Ich verlange", rief er,für die unglücklichen Neger O^icchtigkeit und Schutz gegen Abschlachtung und Plünderung. Die scheußliche Voulet-Chanome-An- gkltgenheit war nötig, um die tr a u r i g e n G e heint - milse unserer Eroberungen und Kolonisa- tiion zu enthüllen. Hauptmann Voulets Sendung war utrssSrünglich vollkommen friedlich gedacht. Voulet sollte

' I Job. Brahsi

x Mottl) W

ß. Straoa

p

' ' re|jx

22 No--

' R. Wagner.

' Mk 2.5('

einem einzigen Dorfe wurden einmal 8000 Gefangene gemacht, von denen 1000 abgeschlachtet würden.

Vigne erzählte ähnliche Greuelthateu vom französischen! Sudan, wo der Sklavenhandel in voller Blüte stehe, und von Madagaskar und beschwor die Kammer, gegen die unterworfenen Eingeborenen gerecht und mild zu sein. Die meisten Abgeordneten waren über diese Erzählungen aufrichtig entsetzt. Die Nationalisten warfen Vigne nur vor, daß er sie an die große Glocke hänge.Sie spielent den Engländern in die Hände!" rief ihm Paul de Cassagnac zu, und Lasies forderteim Namen der Vaterlandsliebe" Stillschweigen über die Missethaten der Mörder Voulet und Chanoine. Die Verbrechen kränken die Vaterlands­liebe dieser Leute nicht; sie wird erst empfindlich, wenn man die Verbrecher vor oer Welt anklagt.

ruft bei ernsthaften Leuten ein allgemeines Schütteln des Kopfes hervor über das Walten der Zensur und über die Verfasser. Das russische Drama hat sick) nicht minder aus den unfreiwilligen Banden losgerissen. Freunde wird es sich and) jetzt nur in beschränkter Zahl erwerben; aber die Achtung Aller.

Das Drama ist und bleibt bedeutsam, weil es am Eingang einer litterarischen Bewegung von höchster Trag­weite steht. Von hier aus führt die Linie direkt zu Gerhart Hauptmanns ErstlingVor Sonnenaufgang", der schon im Titel bewußt andie Macht der Finsternis" anklingt, und-veiter zum Sonnenaufgang der neuen Kunst, der die Nebel einer in französischer Abhängigkeit schmach­tenden Schablonenhalbkunst verscheuchte. Darum wird Tolstoi mit diesem Werk in jeder modernen Litteratur- geschichte seinen Platz finden müssen, wie ihn Lessings Emilia Galotti" in der Geschichte der Tragödie des 18. Jahrhunderts gefunden hat.

Aber mit dieser historischen Seite ist die Bedeutung derMacht der Finsternis" keineswegs erschöpft. Sie ist eine Ruhmesthat des naturalistischen Dramas geblieben. Vielleicht sind wir diesem Naturalismus, der uns einstens als Heil und Befreiung erscheinen mußte, im Laufe eines Jahrzehnts entfremdet worden. Aus allen Ecken und Enden tönt heute der Ruf nach einer neuen Kunst, für die man den Mischnamen einerneoromantischen" er- klügelt hat. Tos Bedürfnis nach Schönheit, nach Kostüm und Vers ist wiederum erwacht, und es regen sick) im weiten Bezirk allerlei Anzeichen dafür, daß der Tag der Wiedergeburt nicht mehr fern ist. Wie immer diese neoromantische" Kunst aussehen wird, es muß ihr zum Vorteil anschlagen, daß sie durch das Fegefeuer des

Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

Betreffend: Heilgehilfen-Prüfung.

Ni: bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß ! «ngutft GoNschald zu Butzbach, 2. Wilhelm Rauch zu ; Äießr-n und 3. Otto Rott mann zu Gießen die Prü- ' iumg für Heilgehilfen bestanden haben.

Gießen, den 23. November 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Wagner.

za haben.

alltags 11

:eD 50

zugleich mit Foureau-Lamy ten Einflußkreis erforschen, der Frankreich um den Tschadsee eingeräumt worden war, und mit der Bevölkerung Handelsbeziehungen an- knüpsen. Diese friedlick)e Sendung nun bezeichnete jede ihrer Haltestellen mit einer Metzelei. Hier einige Auszüge aus dem amtlichen Bericht des Militär­arztes Martinet und Leutnants Delaunnay. 48 Stunden nach Voulets Abzug schlug ihnen aus dessen Lager ein so entsetzlicher Leichengeruch entgegen, daß sie nur aus der Ferne die Toten im Busch sehen, sick) ihnen aber nicht nähern konnten, um sie zu zählen. Am 8. Januar 1899 fanden Voulets Aufklärer einen Neger, den sie zum Führer pressen wollten. Er versicherte, er kenne den Weg nach dem Osten nicht. Man schleppte ihn vor Voulet, der ihm sofort den Kops abschneiden läßt. In der Nacht Mm 9. Januar läßt Voulet ein Nachbardvrf überfallen und die Bevölkerung gefangen nehmen. Die Soldaten kehren am Morgen mit 250 Rindern, 500 Schafen, 28 Pferden und 80 Gefangenen zurück. Die Dorfleute hatten sich beim Ueberfall verteidigt und mehrere Negersoldaten getötet und verwundet. Voulet ließ zwanzig Mütter und ihre kleine u.Kiu- d e r m i t L a n z e n t o t st e ch e n. Ein Negersoldat hatte in diesem Scharmützel 124 Patronen verschossen. Wegen dieser Pulververgeudung ließ Voulet ihm eine Kugel durch den Kopf jagen. Am 13. Januar zündete er San- saneussa an, eine blühende Handelsstadt von 10000 Ein­wohnern. Am -14. verfolgten sechs Soldaten einen Ein­geborenen, der sich verteidigte und einen mit einem Pfeilschuß verwundete. Sie gaben darauf die Verfolgung aus. Als sie ins Lager zurückkehrten, ließ Hauptmann Chanoine sie ohne Urteil erschießen. An demselben Tage wurde ein Dorf niedergebrannt. Am 17. führte eine Streifwache dem Hauptmann Voulet zwei Gefangene vor. Er ließ sie, ohne eine Frage au sie, erschießen. Die Soldaten brachten ihm aurh eine Anzahl frisch abgeschnittener Hände. Diesen Brauck) führten Chanoines Spahis ein. Am 24. verfolgte Chanoine einige Angreifer; er stieß dabei auf die Einwohner eines Nach­bardorfes und tötete ihrer zehn, deren Köpfe er auf Stangen stecken ließ. Die Träger wurden in den Dörfern aufs Geratewohl gepreßt. Fielen sie vor Müdigkeit zu Boden, so schnitten die Sol­daten ihnen den Kopf ab. Mitunter schoß auch! der Feldwebel sie mit einem Revolver tot.Sonderbar", sagte er,die Kugel macht ein ganz kleines Loch, man sieht kein Blut, und der Kerl sinkt ganz sachte seitwärts um."- Der Leutnant Peteau, der an dem Zuge der beiden Mörder und Mordbrenner teilnahm, schreibt: Chanoine wird hier der weiße Samory genannt. Er ist ein Streber und kaltblütiger Bluthun-d, dem alle Mittel recht sind, um in die Höbe zu kommen. Voulet ist ein Schwächling und Strohmann." Als Hauptmann Granderye, der alles selbst gesehen hat, einen 28 Seiten langen, nur Thatsachen enthaltenden Bericht schrieb, warf man ihm vor, sick) um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angingen, und bat ihn, aus beruflicher Verschwiegenheit den Mund zu halten. In

^nmrverbote sind, wie sattsam bekannt, ein Teil der die stets das Gute will und nur das Böse schafft ,it oslimistischem Sinne gedeutet; richtiger wäre es viel- -cid jtt, im Hinblick auf jüngste Ereignisse die Formel um- rufdifiten und zu behaupten, sie seien ein Teil der Kraft, die: jetS das Böse will, und nur das Gute schafft. WeMkitens Grifft letzteres auf des'Grafen Tolstoi er- ||U ichüq lkmdes Drama:Di e Macht d e r F i n st e r n i s" ilt zas seit zwölf Jahren im Truck vorliegt, das bei -Geburt des deutschen Naturalismus sit venia verbo? Ü" - . d^iiinmendienste geleistet hat und doch nachträglich, wenn and) nur vorübergehend, als das Deutsche Theater in g-ilrn kürzlich eine Aufführung des bis dahin nur in dramatischen Vereinen gespielten Dramas vorbereitete, iieimm Strengen Herrn vom Polizeipräsidium zum Opfer j ftfiel l Pas Wunder wenn der Goethe-Bund der m tue)en lMao«n auf geheiligtem Boden zusammenkam und nach Ur lann-ein Winterschlaf ein erstes Lebenszeichen von sich gab, - , im Len des deutschen Volkes tiefe «11^196 ht£ ..il^rarchk Bevormundung entrüstet verwarf und A)re ganz- Ab schaffung forderte! So wie die Zensur letzt ge- wurde, war sie geeignet, un^ den Spott der h(r gftfta Welt zuziehen. Heute sucht die Aust

fühWng eines Kunstwerks von Tolstoi zu inhibieren, moi'igen legt sie gegen einen Blumenthal^radelburgschen Protest ein, wahllos Kraut und Ruben in einen - ui>. Der deutsche Schwank hat sich seine Freiheit zieht triumphierend von Bühne zu Buhne und

xtuwiie v»on diesen Greuelthaten warfen dieselben Leute, dien den Fälscher und Verräter Henry für einen Blutzeugen dein Patcerlandsliebe erklärten und ihm ein Denkmal er* eich ten - wollten, sich sofort zu Verteidigern der beiden Mi tber Voulet und Chanoine auf, besonders Chanoines, Der als der Sohn jenes Generals Chanoine, der das Krtiegsni inister-Portefeuille erschlichen hatte, um das Mi- rdfBiffiuin zu verraten und seinem Kameraden Mercier HeMödienste zu leisten, besonderes Anrecht auf ihr Wohl- woülm tyatte. Voulet sollte das Opfer der Regierungs- rnri le geworden fein. Chanoine aber wäre überhaupt idjLi.Moä gewesen, höchstens ein Verführter, der nicht die ______________ <Utn.it ge habt habe, dem Einflüsse Voulets rechtzeitig zu

IQ 9 iviH'tifieHjen. Diese von den Nationalisten in Umlauf ge- ^'NSage war ein Jahr lang nicht aufgehellt worden. iUI Ivlwllli Te-r Abgeordnete Vigne d'Octon hat es auf sich genommen, ' , n iai künstliche Dunkel der von mehreren Augenzeugen

LÖM6H 't-miaeniD klar beschriebenen Begebenheit hinabzuleuchten, rin 1 tl)ot es in Form einer Anfrage an die Regiernng,

DaconiiErörterung die Freitagssitzung der französischen chaftsvereins totiStei ausfüllte und auch die nächste Freitagsschuug K-ttor fi 7^/EN. oecn frei tag ist nämlich zum Schwerinstag erklärt worden im Anspruch nehmen wird. Vigne, der Mit dem Wort Berlin W , ung fer Feder an der Aufdeckung der von den Europäern -iBtärkt M ana in im überseeischen Besitzungen an den Eingeborenen ver­übte Scheußlichkeiten arbeitet, gab Einzelheiten zum m a >eftreri, bei denen den Hörern in der Kammer das Blut

. . L. vat * rschnte.

- * - * " -:-cfür die unglücklichen Neger

gegen Abschlachtung und