llnb btc Herren vom Weißen Hause rechnen auf ein Doppeltes Geschäft. Sie hoffen, durch ihr Vorgehen einen großen Coup bei den Wühlen zu machen, indem sie den gegen die imperialistischen Bestrebungen auftretenden Gegnern die Hauptargumente entziehen, und sie rechnen andererseits aus die chinesische Dankbarkeit, die nach per Beendigung der Wirren sich in recht zahlreichen Bestellungen bei der amerikanischen Industrie, in der Heißen Begünstigung auf dem chinesischen Markte bethätigen soll. Man möchte noch vor den Wahlen mit «Glanz und einiger WJrde sich aus einer Affaire ziehen, bei jder im bestes Iatte noch nicht einmal ans die Wiedererstattung der Kosten Lu rechnen ist, man möchte zeigen, daß man allen Aus- breitungs- unb Großmachtsplänen abhold ist und nur sso weit mitgeht, als es unumgänglich notwendig ist. Cs liegt eine krasse Komik darin, daß im letzten Grunde die Geschicke der Welt im Augenblicke von der Frage abhängen, durch welche Mittel der amerikanische Mob am besten für Mac Kinley oder Bryan gewonnen werden kann. Jetzt legt man die Flöte beiseite und derselbe .Mac Kinley, der in Cuba und aus den Philippinen die Bereinigten Staaten als Großmacht proklamierte, spielt heute den frommen Einsiedler, der sich still in seine Hütte jzurückzieht und von den Tingcn dieser Welt nichts mehr wissen will.
Genau in dem Moment, in dem Graf Waldersee auf dem chinesischen Schauplatze eintrifst, wird aus Amerika gemeldet, daß es seine Tricppen dem Oberbefehl pes deutschen Feldmarschalls nicht unterwerfen wird. Liegt in dem Vorgehen Amerikas nicht ein Stück Anmaßung? 'Aber man weiß in Washington so gut wie überall, daß ein unmaßlicher Ton am meisten imponiert und man weiß -auch, daß die alte Eifersucht der europäischen Mächte stark genug ist, um der amerikanischen Arroganz das gewünschte Piedestal zu schaffen.
73. deutscher Naturforscher- und Aerztetag.
Aachen, 24. September.
3n der Abteilung für Kinderheilkunde sprach Professor Tr. Biedert-Hagenau über die in München s. Z. angeregte „Versuchsanstalt für Ernährung" und die Arbeiten des dafür eingesetzten Ausschusses. Redner begann seinen Vortrag mit im letzten Jahre gesammelten neuen Beweisen für das Dringende der Anstalt. Unter anderem teilte er zahlreiche Skandalosa über Milchproduktion mit und legte hierzu Aeußerungen aus landwirtschaftlichen Fakultäten vor, von welchen eine die nach- ihrer eigenen Angabe gesundheitsstörende Fütterung (zum Beispiel mit gahrender, feuchter Treber, statt trockener) zuläßt, also ein nach § 13 des Nahrungs-Gesetzes mit Zuchthaus bedrohtes Vergehen. Die Aufgabe der Anstalt müsse demnach 1) die Ernährung von besonders kranken Säuglingen, Milcherzeugung und Behandlung, Kontrolle der Mhr- präparate, dies 2) auch für ältere Kinder und 3) für Er- wachsene — sein. Redner denkt sich eine große Anstalt mit eifriger ineinandergreifender Arbeit, von welckier erprobte Ratschläge für den besten und billigsten Unterhalt unseres, über die Erde wachsenden Volkes ausgehen und prompte Wiederherstellung der in der Ernährung geschädigten Glieder des Volkes erfolgen soll. Durch diätetische Maßregeln, Vorschriften über staatliche Beaufsichtigung der Nahrungs- unb Heilmittel, Aufsichtsführung darüber durch die Anstalt selbst, Maßgabe für die Produktion der Nährmittel-Industrie, um Verschleuderung von deren und des Volkes Vermögen vorzubeugen. Das stelle eine humane und uneigennützige, wahrhaft staatserhaltende Wirksamkeit in Aussicht unb Voraussicht, die jetzt dafür eintrete, werde einmal der Dank unserer Wissenschaft und unseres Volkes werden.
In der Debatte über diese Vorschläge befürchtete Geheimrat Prof. Dr. Heu b n e r-Berlin, daß sich) eine solche Zentralstelle zu einem Oberrichteramt auswachsen könnte, daß die Krankenkost nicht gleichmäßig zu gestalten sei und daß die Gründung einer derartigen Anstalt überhaupt
eine Benachteiligung der neu zu gründenden Kliniken in sich schließen würde. Er halte eine solche Anstalt nur für Gesunde angebracht. Dr. Dit tmer-Schwerte glaubt demgegenüber, daß das Bedürfnis für eine derartige Anstalt überall vorhanden sei, speziell aber in den Industriezentren, es müßten nur statt einer Zentrale Provinzialanstalten gebildet werden. Vor allem aber müßten die Kinder von diesen Anstalten profitieren.
Dr. F a l ke n he im-Königsberg i. Pr. glaubt wieder, daß die Anstalt nichts für Gesunde sein würde, da hier verschiedene GeschMackseinrichturrgen in Frage kämen. Man sollte sich überhaupt mit näherliegenden Dingen befassen und zuuäch)st einmal für Beschaffung von vollständig einwandsfreier Kindermilch) eintreten.
Eine interessante Sitzung hatte ferner die Abteilung für Meteorologie. Hier sprach) der Direktor der Deutschen Seewarte, Geh. Admiralitätsrat von Neuch ay er-Hamburg über die neuesten erdmagne- tischen Messungen in den Polarregion en. Redner besprach eingehend die Ergebnisse der letzten arktischen und antarktischen ForschungS-, und Entdeckungsreisen und würdigte bei dieser Gelegenheit vor allem die Verdienste Nansens und Borchgravens um die von diesen aufgenommenen Messungen des Erdmagnetismus, die eine durchgreifende Revision und Umgestaltung der bisherigen Tabellen und Pläne notwendig geucacht hätten. Au der Hand eines umfangreichen Materials, das für die Fachleute hochinteressant sein dürfte, wies der Redner die festgestellten Abweichungen im einzelnen nach und gab zum Schluß der Erwartung Ausdruck, daß die in Vorbereitung befindlichen Expeditionen sich diese erfreulichen Ergebnisse zunutze machen und auf diesem Gebiete weitere Beobachtungen anstellen würden. Weitere Vorträge in dieser Abteilung ibetrasen die Errichtung eines landwirtschaftlichen Prognosendienstes und die physische Geographie der antarktischen Region, über welch, letzteres Thema ein Teilnehmer an der „Belgica-Expedition", Dr. Ar stow ski-Lüttich, unter Vorführung einer Reihe guter Lichtbilder sprach-. Interessant waren bei diesem Vortrage namentlich die Schilderungen der antarktischen Gletscher.
Schwurgericht.
-x- Gießen, 25. September.
Wie gestern, verhandelte auch heute das Schwur- gericht hinter verschlossenen Thüreu. Zur Verhandlung kam die Anklage gegen Andreas Dinkel zu Gießen wegen Sittlichkeitsverbrechen. Als Beisitzer fungierten die Landgerichtsräte Müller und Prätorius, die Anklage vertrat Staatsanwalt Zimmermann, Verteidiger war Rechtsanwalt W e i d i g, als Geschworene wurden ans- gelost 1) Konrad Dietz, Bankier zu Gießen; 2) Joh. Lenz, Hüttenbaamter zu Lollar; 3) Karl Berg, Schuhmacher zu Gießen; 4) Moritz Ohly, Landwirt zu Holzheim; 5) Heinr. Schmidt VI., Rentner in Romrod; 6) Joh. Dan. Foucar, Postmeister zu Bad-Nauheim; 7) Jakob Scheid, Buchhalter zu Gießen; 8) Heinr. Volkmann, Landwirt zu Heuchelheim; 3) Heinr. Momberger VIII., Landwirt'zu Unterseibertenrod; 10) Rudolf Bücking, Fabrikant zu Alsfeld; 11) Wilh. Völ- zing IV., Landwirt zu Groß-Felda, 12) Wilhelm Holler, Landwirt zu Ober-Hörgern. Nach Verlesung des Eröffnungsbeschlusses, nach dem dem Angeklagten zur Last gelegt wurde, sich der außerehelichen Tochter seiner Frau gegenüber eines Verbrechens im Sinne des § 176 Pos. 1 Str.-G.-B. schuldig gemacht zu haben, wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Nachdem die Geschworenen die an sie auf Grund des § 176 Pos. 1 Str.-G.-B. gestellte Hauptfrage, ebenso die Nebenfrage auf mildernde Umstände bejaht hatten, wurde der Angeklagte zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr echs Monaten abzüglich eines Monats der erlittenen Untersuchungshaft verurteilt.
Mus „Uslkgftivd" im frankfutttr Schuchielhach.
Im Frankfurter Schauspielhause spielt sich zurzeit bekanntlich ein Zyklus nordischer Dramen ab. Der siebente Abend brachte Ibsens Schauspiel „Der Volksfeind".
In dieses Drama hat der berühmte norwegische Dichter am wenigsten hineingeheimnißt. Die Nutzanwendung des poetischen Sarkasmus liegt auf der Hand, ist allen begreiflich, und da jeder darauf hält, für wahrheitsliebend zu gelten, so wird niemand zögern, dem Helden, der ein Märtyrer seiner Ueberzeugung wird, wenn diese im dramatischen Sinnbilde auch nur die Bakterien im Wasser einer Badeanstalt betrifft, lebhaften Beifall zu spenden. Das war auch am verwichenen Samstag der Fall; die gut inszenierte Vorstellung trug das Ihrige zur günstigen Stimmung des sehr zahlreichen Publikums bei.
Schade, daß der „Held" ein verrückter alter Hitzkopf ist. Die Apostel der Wahrheit sollten doch mehr gesunden Menschenverstand haben. Wenn Dr. Stockmann im 1. Akt k °^L^rcU^e "'cht lassen kann über eine Entdeckung, die dazu führen muß, das Bad, an dem er als Arzt angestellt ist, zunächst vollständig in Mißkredit zu bringen und bann an ben Säckel ber Stabt unb der Aktionäre große Ansprüche zu stellen, so ist bas eine Harmlosigkeit, bie un* mittelbar Unzurechnungsfähigkeit grenzt, unb wenn er s'ch einbilbet er werde für di- wissenschaftliche Be- -uchtnng de« durchfeuchten Bades Huldigungen einsammeln, so ist das eine Selbsttäuschung, die wohl jeder aus dem Publikum schon von Hause aus korrigiert. Sein Bruder der Bürgermeister unb Badedirektor, der leider steifen Bureankratismus, krassen Egoismus und lederne Engherzig- feit ebenso über alles reale Maß hinaus besitzt, wie der Doktor an utopistischem Optimismus unb illusionistischem Idealismus, versucht es auf seine Weise, ihm den Kopf zurecht zu setzen. Ein paar nicht weniger karrikierte Winkel- Jonrnalisteu aber, bie mit einer gerabezu klassisch breiften Nonchalance jede Gemeinheit als Geschäftsusus oder als Forderung des öffentlichen Interesses zu rechtfertigen wissen,
wittern bie Sensation und sind mit Freuden bereit, mit einem Artikel Dr. StockmannS Lärm zu machen. Daß aber ber von Dr. Stockmann für notwendig erklärte Umbau bes Babe-EtablissementS, ber milchenben Kuh, bes „pochcnben Herzens" ber ganzen Stabt, heillos viel Gelb kosten würbe, sehen biese famosen Journalisten erst ein, als sie ber Bürgermeister barauf aufmerksam macht. Unb nun wenbet sich Dr. Stockmann an bas souveräne Volk, er wirb gewissermaßen Gemeiubevorfänger, aber wieberum in sehr unkluger Weise, denn statt bei ber Stange zu bleiben, hält er vor einer Menge moralisch unb intellektuell Entarteter — falls man nämlich annehmen will, baß btc Art früher bester gewesen ist — eine an kräftigen Schlagworten reiche sozialpolitische Rebe, etwa nach dem Tone, ben Fürst Sapieha in Schillers „Demetrius" vor ber polnischen Reichsversammlung bonnernb anschlägt:
„Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Der Staat muh untergehen, früh oder spät, Wo Mehrheit herrscht und Unverstand entscheidet.^
Was Ibsen-Stockmann da von ber idiotischen „kompakten Majorität" üstentlich auSposaunt, ist ungefähr dasselbe, was sein etwas lebensklügerer Bruder im unbelauschten T6teät6te wiederholt zum Ausdruck bringt, ist eine Dutzend- Wahrheit, deren höchst relative Geltung jedem Einsichtigen ein Fensterglas ist. Es ja recht hübsch, wenn ein Wahrheitsfanatiker wie Ibsen derartige schöne Schlagworte ber Menge ins Gesicht wirst, benen eine gewisse Berechtigung wahrlich nicht abzusprechen ist, aber mit echter Kunst hat so etwas boch sehr wenig zu thun, und die Karikatur eines ganzen Gesellschastbildes, das breite Ausmalen eines ganz unb gar nur eingebilbeten, unrealistischen schoflen krähwinkeligen Hackelpackeis verfehlt am Ende auch baS hohe ethische Ziel, baS sich ber Dichter gesteckt hatte unb dessen Verfolgung bei ernsthafterer Gestaltung des ganzen Milieus zu einer befreienden That hätte werden können. Dieses hohe ethische Ziel Ibsens ist bie rücksichtslose Kennzeichnung
Aus Stadt und Sand.
Gießen, ben 26. September 1900.
. c>n*.?ersoualnachrichten. DerGerichtSassessor Dr. Renterr l“ oürth würbe mit Wahrnehmung ber Dienstverrichtungen eine« amtsantoalt« bei bem Amtsgericht Darmstabt I unb der Genchtsafsessor Fresenius in Gießen mit Wahr- nehmung solcher bei ben Amtsgerichten Fürth, Beerfelben, Hirschhorn unb Wald-Michelbach, ber RegiermigSassefsor ltl Fr^berg mit ber Aushilseleistung bei dem Großh. KreiSamt Darmstabt beauftragt. Der Ministerial- kanzlist Johann Bisch würbe mit Wirkung vom 1. Oktober d. I. an zum Kanzlisten ber Staatsschulbenkasse ernannt.
’* Bieberthalbahn. Vom 1. Oktober ab halten sämt- Haje Zuge ber Bieberthalbahn, sofern bafelbft Personen ab- obet zugehen, an ber nachKrofbors-Gleiberg führenden, zwischen ben Stationen „Abenbstern" und Rodheim ab- zweigenden Straße. Es ist dies sowohl für bie Bewohner gen. Orte, wie für bie Ausflügler eine angenehme Neuerung.
. O Haftentlassung. Die wegen KinbeStötung seinerzeit m Haft genommene unverehelichte Hämmerle aus Staufen- berg, deren Muller unter dem Verdacht der Beihilfe zu dem Verbrechen ebenfalls in Haft genommen war, befiubet sich sehr schwer erkrankt in ber hiesigen Klinik, sobaß nach Ansicht ber Aerzte an beren Wieberaufkommen gezweifelt wirb. Unter biefen Umstänben hat man beren Mutter vorerst aus ber Untersuchungshaft entlassen.
** Ortsgewerbevereins Vorträge. Wie in früheren Jahren, f° werben auch in biefent Winter in ben einzelnen Ortsgewerbevereinen beS Großherzogtums Vorträge technischen, kunstgewerblichen und wirtschaftlichen Inhalts veranstaltet werden. Diese erstrecken sich auf nachstehende Materien: 1) Gewerbliches Unterrichtswesen, Lehrlingsprüfungen. 2) Organisation des Handwerks, gewerbliches Vereinswesen. 3) Genossenschaftswesen und Hilfskassen, Volkswirtschaft. 4) Handelslehre, Sozialpolitik. 6) Kunstgewerbe und Kunstgeschichte, Baukunde. 7) Chemie, Elektrizität, Beleuchtung. 8) Geologie, Baumaterialienlehre, Technologie. 9) Verschiedenes. Zur Abhaltung ber Vorträge haben sich bereit erklärt u. a.: Nentamtmann Schäfer zu Gießen, Rechtsanwalt Reh zu Alsselb, Rechtsanwalt Dr. C. Spohr zu Gießen, Profeffor Dr. CheliuS, Großh. Bergrat unb Vorstanb ber Babedirektion zu Bad-Nauheim.
A Burkhards, 25. September. Am Samstag erfolgte nach vorhergegangener Verhanblung burch ben Kreisausschuß des Kreises Schotten bie Bestätigung ber Wahl bes Heinrich Klein II. zum Bürgermeister unserer Ge- meinbe. Bekanntlich hatte bie Gegenpartei balb nach ber Wahl im Februar Reklamation bei ber zuständigen Behörde erhoben. Hoffentlich kehrt jetzt ber längst ersehnte Friede in unserer Gemeinde wieder ein.
0 Buseuboru, 25. September. Dem Schulverwalter Robert Backmann zu Bannerod wurde die hiesige Lehrerstelle definitiv übertragen.
§ Hercheuhain, 25. September. Bürgermeister unb Landtagsabgeordneter Weidner hat nur feine liegenden Güter an den hessischen Staat im Betrage von 25 000 Mk. verkauft. Die Gebäude sind also noch Eigentum des Herrn Weidner.
x Hercheuhain, 25. September. Gegenwärtig werden in hiesiger Gegend, in ben Gemarkungen Hercheuhain, Hartmannshain, bem Oberwalb usw. etwa 90 Quellen gemessen zum Verkauf an bas Tiesbauamt Frankfurt a. Main. Dem Vernehmen nach soll bie Gemeinbe Hartmannshain für ihren eigenen Wasserbebarf eine Wasserleitung von bem Tiefbauamt Frankfurt a. M. vollstänbig hingestellt bekommen.
sozialer Nebel, ber Kampf gegen gesellschaftliche unb konventionelle Lügen. Der nordische Poet will reformatorisch wirken, bie Geister „revolutionieren." Er selbst hat sich da- rüber in einem Briefe an L. Passarge, seinen Biographen, einmal wie folgt ausgesprochen:
Die Politiker wollen nur Spezialrevolutionen, ,Revolutionen" iw? Aeußern, im Politischen. Aber daS Alles sind bloße Lappalien. Woraus es allein ankommt, das ist die Revolutionierung des Menschengeistes.-
Wenn er bas aber will, bann barf er uns nicht mit einem Zerrbilb bes Lebens kommen, unb mit so hanbgreif- lichen Wibersprüchen, wie er sie seinem Dr. Stockmann an- bichtet, ber trotz seiner scharfen Verurteilung biefer Welt bes Elends schließlich boch mit ihr Fühlung nehmen will, um in ihr unb mit ihr seine Jungen zu „freien unb vornehmen" Männern zu erziehen.
Zu betounbern bleibt an bem Werke baS Bühnengeschick bes Dichters, bie geschloffene, alles Nebensächliche unb Episobenhafte verschmähenbe Hanblung, bie straffe Führung aller psysischen Fäden, bie mit zwingenber Notwendigkeit den Konflikt herbeiführen; vornehmlich aber baS Hinzaubern schärfster und witzigster Charakteristik. Was für ein Profil, dieser Bürgermeister Stockmann! Und dann kommt Ibsen noch ein Talent zu statten, die Flüssigkeit der greifbaren, meist der Alltagswirklichkeit entnommenen und daher volkstümlich wirksamen Methapher, bie außerorbentlich epigra- matische Knappheit unb Schlagkraft feiner Sprache.
Die Samstag-Aufführung in Frankfurt brachte im wesentlichen recht gelungenes unb gutes. Einzelnen Szenen freilich schien bie letzte Feile zu fehlen. Der Dr. Stockmann bes Herrn Bauer empfahl bie Guillotine mit Bon- hommie. Er gab ben alten Strubel- unb Wirbelkopf mehr naiv als mit bem Ingrimm, ber aus ber moralischen Ent- rüflung sproßt. Wenn ber VolkSfeinb aus VolkSfreunbschaft als ber Weisheit Schluß zu bem Satze gelangt: ber stärkste Mann ber Welt ist ber, ber allein steht, so liegt barin Grimm unb Schmerz — Grimm über bie Niedertracht der anderen, bie ihn zwingt, stark im Verneinen, statt im Schaffen zu sein; — Schmerz über bie Feigheit ber anberen, die ihn zwingt allein zu sein, statt fröhlich mit ben Fröhlichen,


