Ausgabe 
27.1.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Bekanntmachung.

Unter Aufhebung der Bekanntmachung in rubr. Betreff im Kreisblatt Nr. 19, vom 24. d. Mts., betrefsend: Feldbereiniauug in der Gemarkung Garbeutetch, geben wir hiermit bekannt, daß I. in der Zett vom 27. Januar I. IS. bis einschließlich 9. Februar l. IS. auf dem Gemeindehause zu Garbenleich die Arbeiten des II. Ab­schnitts rubr. Feldbereinigung zur Einsicht der beledigten aufliegen, nämlich:

1. 3 Bände Besitzstandsverzeichnis,

2. 3 Bände Giltergeschosse,

3. 44 Blätter Bonitierungskarten,

4. das Protokollbuch

Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hier­gegen findet statt:

Samstag den 10. Februar 1900,

vormittags S'/r bis lO1^ Uhr,

im Gemeindehaus zu Garbenteich, wozu ich die Be­teiligten unter dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen sind. VN KN'''-

Die Einwendungen sind schriftlich abzufassen, zu be­gründen und auf Papier in Aktengröße (mindestens einen halben Bogen) einzureichen.

II. Innerhalb der obenangegebenen Zeit liegen auf dem Gemeindehaus zu Garbenteich weiter die Entscheidungen der Großh. Oberen landwirtschaftlichen Behörde die gegen den allgemeinen Meliorationsplan erhobenen Einwendungen nebst dem allgemeinen MeliorationSplan zur Einsicht der Interessenten offen.

Friedberg, 17. Januar 190Q.

Der Gr. Bereinigungskommissär: SUffert, RegierungSrat.

Bekanntmachung.

Seit.: Borträge über Obstbau.

Der Obstbautechniker deS Oberhessischen Obstbauvereins, Herr Metz aus Friedberg, beabsichtigt, die unten bezeich neten Orte des Kreises Gießen zu besuchen, um daselbst Vorträge über Obstbau zu halten, und an Obstbäumen praktische Unterweisungen zu erteilen. Mitglieder deS Obst­bauvereins und sonstige Freunde des Obstbaues werden zu zahlreicher Beteiligung eingeladen.

Sonntag, 28. Januar in Geilshausen,

Montag 29. Odenhausen,

Dienstag 30. Kesselbach,

Mittwoch, 31. Londorf,

Donnerstag, 1. Februar Lumda, Freitag, 2. Beltershain,

Samstag, 3. Göbelnrod,

Sonntag, 4. Grünberg.

An Wochentagen finden die Versammlungen abends 8 Uhr, an Sonntagen nachmittags 3 Uhr statt; die Praktischen Unterweisungen am gleichen Tage von nachmittags 2 Uhr (außer Sonntags).

Den Herren Bürgermeistern gehen besondere Mit­teilungen zu.

Gießen, am 25. Januar 1900.

Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen. Frhr. Schenck.

* Reformkatholizismus. *)

Unter dem TitelRenaissance" läßt Dr. Josef Müller seit 1900 eineZeitschrift für Kultur­geschichte, Religion und Belletristik" erschei­nen, deren erstes Heft uns heute vorliegt.*) Der, namentlich durch seine BroschüreD e r R e f o r m k a t h o l i z i s m u s" bekannte Verfasser bezeichnet diese Zeitschrift als eine Ge­burt der Rot, der inneren und äußeren Rot, in welcher der Katholizismus heute befangen ist. Den Inhalt der ersten Nummer bilden folgende Aufsätze: Unsere Ziele. Das sexuelle Leben der Naturvölker. Katholizismus und Protestantismus. Mittelalter und Neuzeit. Die allein­seligmachende Kirche. Programm. Diesen hochinteressan­ten Themen sollen in den folgenden Nummern nicht min­der bedeutsame Artikel sich anschliKßett;>.-. B.: Reform­katholizismus im 16. Jahrhundert. Das Bild in der Dichtung. (Zur Geschichte und Philosophie der Metapher.) Ordens- und Weltklerus. Dostejcwsky als religiöser Re­formator u. s. w.

Wie sich der Ultramontanismus der neuen Zeitschrift gegenüber verhält, ist daraus ersichtlich, daßdieRenais­sance" noch vor ihrer naissauce nebst den sämt­lichen Werken des Herausgebers von einigen übereifrigen Seminar-Regenten verboten wurde," trotzdem die Werke Dr. Müllers nicht auf dem Index stehen, und trotz­dem die Elite des deutschen Klerus bcn Müller - schen Reformideen sympathisch gegenüber steht. Die Zeitschrift soll ein Sammelpunkt fein für alle, welche eine Erneuerung und Vertiefung des religiösen Lebens heutzu­tage für nötig halten und einer Beratung und einem Meinungsaustausch darüber geneigt sind. Anzuerkennen ist, daß der Verfasser erklärt, die Lichtseiten und An­knüpfungspunkte Andersgläubigen gegenüber hervorsuchen ru wollen, um von ihnen zu lernen und zu einem fried­lichen Zusammenleben zu gelangen. Ob dies dem Her­ausgeber gelingen wird, ist freilich bei der jetzt wieder von ultramontaner Seite inszenierten Hetze eine andere Frage. Lobenswert aber bleibt der gute Wille, der Versuch, den wir um so freudiger begrüßen, als er, was man sonst nicht gewohnt ist, von eipem katholischen Priester gemacht wird. Wir gehen mit Dr. Müller zusammen, wenn er lagt, was heute not thut, ist nicht ewiges Wiederkäuett dessen, was er als unzureichend in den jetzigen Wirren sich klar herausstellt, sondern frische, anregende Ideen, die den neuen Bedürfnissen und geänderten Verhält­nissen auch gerecht zu werden im stände sind.

Wenn wir uns auch keineswegs mit alledem einver-

' *) Die Zeitschrift erscheint im Selbstverlag be« Herausgebers, Damensttjlstraße 7/., München, uub kost t jäh' lich 3.30 Mk., bei Abholung im Haute 3 Mk.

standen erklären können, was Müller von dem Verhältnis der katholischen Kirche zu Andersgläubigen sagt, so ist doch nicht zu läugnen, daß Dr. Müller sich alle Mühe giebt, der Geschichte und den gegenwärtigen Verhältnissen eine möglichst objektive Beurteilung angedeihen zu lassen. So schreibt er:Die katholischen Staaten sind vielfach inner­lich zerrüttet, von Parteiungen zerfleischt, finanziell unter­graben und sittlich korrumpiert, während bei den Pro­testanten trotz großer innerer Gegensätze die Gemeinsamkeit der Interessen immer lebhafter empfunden wird und selbst ungläubige Elemente für Missions- und Propaganda­zwecke thätig sind, wird die innere Kluft im Katholizismus immer weiter, die Entfremdung großer, der geheime und Massenabfall stärker."

In dem ArtikelU n f e r e Ziel e" wird ferner an­erkannt, daß der Fortschritt der .üirche, der einst unauf­haltbar war, stockt, und ihr Einfluß auf Staat, Gesellschaft und Kultur schwach ist;wie eine geschlagene Armee muß sie sich auf letzte Haltpunkte,katholische" Vereine zurück- ziehen, wo doch die ganze Gemeindekatholisch" sein soll, wenigstens den Namen trägt." Absicht und ernstliches Bestreben der Zeitschrift soll nun sein, den Ursachen dieser Zustände nachzuspüren und auf Mittel zur Abhilfe zu sinnen.

Nicht Verdammung, nicht schroffe Absperrung von den Kulturanregungen der Gegenwart kann uns helfen, sondern im Gegenteil nur rege Aufnahme alles wahrhaft Edlen und Fortschrittlichen, wo immer es herstamme. Denn eine gegensätzliche Periode kann überwunden werden, wenn ihr ganzer berechtigter Gehalt angeeignet und dem eigenen Besitz einverleibt wird."

Es wäre weit gefehlt, sagt der Verfasser ferner, wollten wir gleichzeitig an den außerkatholischenSekten" und Schulen vorübergehen und ignorieren, welch' reife Früchte durch sie der Zkulturentwicklung und indirekt auch der Kirche zugeflossen sind, und mit Recht hat Erhard von einer historischen Mission der Sekten gesprochen. Wenn es dem Herausgeber ernst ist mit dem Versuche, den er in seinem Schlußwort machen zu wollen verspricht, können wir die neue Zeitschrift im Interesse einer gesunden, vaterlands­freundlichen Entwicklung des deutschen Katholizismus nur begrüßen. Vorerst aber bleibt abzuwarten, inwieweit die Hoffnungen des Dr. Müller sich erfüllen, die er in nach­stehenden Worten ausspricht:

Die christliche Kirche rang sich aus der griechischen Kultur hervor, aber sie nahm die Weisheit der Antike mit in ihr Reich hinüber; der Katholizismus mar christ­liches Leben auf hellenischem Stamm gepfropft. Als dann in der Abgeschlossenheit grauer Schulstuben Verknöcherung und Formelkram einriß, brachte der Frühling der Re­naissance neue Verjüngung. Leider ist die angefachte, hoff­nungsvolle Entwicklung bald unterbunden und jene tot­geglaubte Sck;ulweisheit zu neuem Scheinleben in einer veränderten Zeit galvanisiert worden. Statt die neuen Formen für die neue Zeit zu finden, statt von der ge­steigerten Weisheit zu lernen und dadurch sein eigenes Wirken zu bemessen, soll der Zögling der Theologie in ferne Denkweise sich entrücken, die alten Schablonen auf die fortgeschrittene Wissenschaft gewaltsam aufdrücken und eine der Gegenwart unverständliche Sprache reden. Nein, das darf nicht sein! Eine neue Renaissance muß an- brechen, neue schöpferische Kräfte müssen sich regen und dann wird auch endlich neues Leben blühen aus den Ruinen!" . ..............

Die Mutter der Kaiserin

Dresden, 2S. Januar, 12 Uhr 32 Miu. Herzogin Friedrich von Schleswig-Holstein ist soeben verschieden.

Herzogin Friedrich von Schleswig-Holstein war eine Tochter des Fürsten Ernst zu Hohenlohe-Langenburg aus dessen Ehe mit der Prinzessin Feodora von Leiningen, deren Mutter sich in zweiter Ehe mit dem Herzog von Kent vermählte und die dadurch die Halbschwester der Königin Viktoria von England wurde. Als jüngere Schwester des jetzigen Stadthalters der Reichs­lande ward Herzogin Adelheid am 20. Juli 1835 zu Langen­burg geboren. Am 11. September 1856 vermählte sie sich mit dem Erbprinzen Friedrich zu Schleswig-Holstein Sonderbura-Augustenburg.

Die ersten Jahre ihrer überaus glücklichen Ehe ver­lebte die Herzogin auf dem ihrem Gemahl gehörigen Schloß Dölzig im Kreise Soran. Die liebliche Gegend, die von einer von der Oder bei Glogau bis zur Elbe hinlaufenden Hügelkette durchzogen wird, ähnelt der waldgeschmückten, meerumspülten Heimat des Herzogs. Inmitten eines schö­nen Parks, umgeben von herrlichen, uralten Eichen, den Zeugen einer bewegten, historischen Vergangenheit, liegt das schlichte Herrenhaus. Als das fürstliche Paar den Tod des erstgeborenen Sohnes, des kaum mehr als ein

Jahr altgewordenen Prinzen Christian Friedrich beklagen mußte, lächelte den Eltern bereits ein lieblicher Trost ent­gegen: am 22. Oktober 1858 war ihnen ein Mägdelein, Prinzessin Auguste Victoria, geboren worden. In Dölzig haben noch Prinz Gerhard (geb. 20. Januar 1859), (gestorben im Aprill 1859) die seit 1885 mit dem Herzog Friedrich Ferdinand zu Schleswig - Holstein- Glücksburg vermählte Prinzessin Karoline Ma­thilde (25. Januar 1863) und Herzog E r n st G ü n - ther (11. August 1863) das Licht der Welt erblickt. Ihnen folgte am 8. April 1866 zu Kiel, die seit 1889 mit dem Prinzen Friedrich Leopold von Preußen vermählte Prinzessin LuiseSophie und am 3. Juli 1874 zu Prim- renau Prinzessin Feodora Adelheid.

Unter den hohen Pathen, die außer dem Prinzregenten von Preußen und dessen Gemahlin am 30. November 1858 der Taufe der erstgeborenen Prinzessin Auguste Victoria beiwohnten, befanden sich auch der Prinz und die Prinzessin Friedich Wilhelm von Preußen. Innige Freundschaft ver- verknüpfte dieses ja auch durch die Baude des Blutes ihnen nahestehende Fürstenpaar mit den Eltern des Täuf­lings, eine Freundschaft, die später auch der Wechsel der Zeiten nicht zu zerreißen vermochte. Herzog Friedrich und seine Gemahlin haben sich durch ihre persönlichen Eigen­schaften überhaupt stets die Liebe von Hoch- und Niedrig­stehenden erworben; wie sie selbst die Treue zu ihren vor­nehmsten Tugenden zählten, so ist diese in schöner Wechsel­wirkung auch ihnen in Freud und Leid in reichem Maße erzeigt worden.

Nun ist dies leuchtende Auge für immer geschlossen. Doch wer im Andenken liebender und dankbarer Menschen fortlebt, der ist nicht tot. Am Grabe der Herzogin Friedrich von Schleswig-Holstein werden Thränen geweint werden, wie sie zum Schlüsse eines sich und anderen nutzbringenden Daseinswerkes echter kein Sterblicher wünschen kann.

Sitzung der Stadtverordneten

am 25. Januar 1900.

Anwesend Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Georgi, Grüneberg und Wolff, von feiten der Stadtverordneten die Herren Brück, Em me­lius, Euler, Faber, Flett, Dr.Fuhr, Dr. Gaffky, Hanau, Heichelheim, Helfrich, Huhn, Keller, Kirch, Krumm, Leib, Höher, Loos, Petri, Dr. Schäfer, Scheel, Schiele, Schmall und Wallen­fels. Entschuldigt die Herren Stadtverordneten Hau­bach, Heyligenstaedt und JugHardt.

Die von Herrn Kommerzienrat Gail nachgesuchte Er­laubnis zur Beseitigung eines, vom Eigentum des Gesuch« stellers umgebenen Weges bei den Thonwerken, wird erteilt. Bezeichneter Weg geht zum Preise von 50 Pfg. für den Quadratmeter in das Eigentum des Gesuchstellers über.

Die entlang der Kirchstraße, vom Pfarrhause nach demGambrinus" hinziehende Mauer wurde im Jahre 1892 aus Versehen in der Richtung nach Norden zu um circa 50 (Zentimeter zu weit in die Straßenlinie gebaut, sodaß diese sowohl wie das im vorigen Jahre errichtete Konfir­mandenhaus zum Teil auf städtischem Gelände stehen. Der Antrag der Baudeputation, das die eigentliche Bauflucht überschreitende Gelände dem Kirchenvorstande wieder käuflich abzutreten (es handelt sich um 16,2 Quadratmeter), wird angenommen, und der Preis auf Mk. 1.12 pro Quadrat­meter festgesetzt.

Herr Brauereibesitzer Bichler will einen Teil des hinteren HardtwegeS chauffieren, und richtet an die Stadt das Ersuchen um Anlage geeigneter Entwässerungsanlagen. Die Versammlung beschließt, die auf 250 Mk. berechneten Kosten für Anlage zweier Sinkschächte und eines Röhren­stranges auf die Stadtkasse zu übernehmen. Herr Huhn bemerkt, daß auch der andere Teil des HardtwegeS der Aufbesserung dringend bedürfe. Herr Oberbürgermeister Gnauth teilt mit, daß zur Aufbesserung dieses Weges Herr Pfaff laut Vertrag verpflichtet fei. Gründliche Ab­hilfe würden die bezeichneten Mißstände indes erst erfahren durch Zusammenlegung der Grundstücke im Neustädter Feld. Hierzu könne er übrigens mitteilen, daß die Abstimmng über die Zusammenlegung eine dieser günstige Mehrheit der Grundbesitzer ergeben habe.

Der folgende Gegenstand der Tagesordnung: Errich­tung einer Hilfs- und Abschlußklasse und die Teilung der Schüler des 1. und 2. Schuljahres der Stadtkn aben- schule in je 3 Klassen, sowie die Errichtung neuer Klassen in der Stadtmädchenschule gibt zu einer längeren Debatte Anlaß. Der Schulvorstand hatte beantragt, die Klasse 6 der Stadtknabenschule und die Klassen 3 und 5 der Stadt­mädchenschule in je 3 Parallelklassen zu teilen, dafür 3 neue Lehrerstellen zu schaffen und die neuen Klassen in Baracken nach Art der bereits im Vorjahre auf dem Hofe der Stadt- knabenschule errichteten unterzubringen. Nach den von Herrn Oberbürgermeister gegebenen Erläuterungen kommen i« Gießen im Durchschnitt auf eine Volksschulklasse 53 Kinder, wenig günstiger steht nur Darmstadt mit 52,4 Kindern, während der Durchschnitt des Großherzogtums 61,3 Kinder beträgt. Aus dem bisher befolgten Prinzip, eine Klaffe zu teilen, sobald in dieser mehr wie 60 Kinder sitzen, ergab sich der Antrag des Schulvorstandes. Ein weiterer Antrag des Schulvorstandes geht dahin, eine Spezialklasse für schwachsinnige Kinder, die bisher nur einige Stunden Unter­richt in der Woche erhielten, für 16 bis 20 Stunden ein­zurichten, von einer sog. Abschlußklasse, in welcher wegen sonstiger Gebrechen, häufigen Domizilwechsels der Eltern u. s. w. zurückgebliebene Kinder unterrichtet werden sollen, vorerst abzusehen. Stadtverordneter Krumm spricht sich gegen die Errichtung weiterer Baracken ans sanitären und praktischen Gründen aus; man solle den Neubau eines Schulhauses nach Möglichkeit fördern; er empfiehlt auch eine andere Einteilung der Unterrichtszeit. Ober­bürgermeister Gnauth spricht sich gegW die von Herrn Krumm vorgeschlagenen Wanderklaffen auS; eS handle sich hier um eine Notlage, man könne auf die Teilung der Klaffen nicht verzichten, auch nicht bis zur Fertigstellung