Ausgabe 
26.1.1900 Erstes Blatt
 
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Nr. 2t GMes Blatt»

^reitaa den 26. Januar

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Die Gießener »«mitiruvkätter werden dem Anzeiger ton Wechsel mitHess. Landwirt" u.Blätter Mr Hess. Volkskunde" »öchtl. 4 mal beigelegt.

Meßmer Anzeiger

Keneral-Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

Die Handelskammerwahlen betreffend.

' Beiden am 22., 23. und 24. d. Mts. vorgenommenen Wahlen sind zu Mitgliedern der Handelskammer zu Gießen gewählt worden:

1) im WahlbezirkGieße« Laub":

die Herren: Hermann Steinecke zu Lollar, Firma ->* Eisenwerke Hirzenhain u. Lollar, und Ludwig Rinn zu Heuchelheim, Firma Rinn u. Cloos;

2) im WahlbezirkGrüuberg":

>.Herr LouiS Moll zu Grünberg;

3) im WahlbezirkLich'Huugerr":

Herr Heinrich Jhring jun. zu Lich, Firma I. H- Jhring zu Lich.

Es wird dies mit dem Anfügen öffentlich bekannt ge­macht, daß die Wahlprotokolle nebst Anlagen drei Tage lang, nämlich den 29., 30. und 31. ds. MtS., zur Einsicht der Wahlberechtigten in dem Geschäftszimmer unseres Bureau- varstehers dahier offenliegen, und Einwendungen gegen die Wahlen oder die Gewählten binnen dieser drei Tage, bei Vermeidung des Ausschlusses, bei uns vorzubringen sind.

Gießen, den 25. Januar 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: vr. Wagner.

Gießen, den 25. Januar 1900. Betr.: Wie oben.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie alsbald, soweit sie Ihre Gemeinde betrifft, ortsüblich veröffentlichen.

I. V.: Dr. Wagner.

Gießen, 23. Januar 1900.

Betr.: Die Ausführung des Jnvalidenversicherungsgesetzes, hier den Kreis der nach dem Jnvalidenversicherungs- gesetz versicherten Personen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Gr. Bürgermeistereien nud örtl. Juva« UdenversicherungSstelleu der Landgemeinden deS Kreises, sowie au die Vorstände der Betriebs- Fabrik-) Krankenkassen von Rinn nud ClooS zu Heuchelheim und der Maiuweserhütte zu Lollar.

AuS Anlaß der stattgehabten Aenderung der Gesetz­gebung auf dem Gebiete der Invalidenversicherung hat das Reichsversicherungsamt eine Umarbeitung und Ausgestaltung seinerAnleitung betreffend den Kreis der nach dem Jn- oaliditäts- und Altersversicherungsgesetz versicherten Personen vom 31. Oktober 1890 (Amtliche Nachrichten des Reichs- Versicherungsamts, Jnvaliditäts- und Altersversicherung 1891 Seite 4) veranstaltet. Die Neubearbeitung ist erschienen unter der Bezeichnung:

Anleitung, betreffend den Kreis der nach dem JnvalidenversicherungSgesetz vom 13. Juli 1899 Reichsgesetzblatt S. 463) ver­sicherten Personen" vom 19. Dezember 1899 und kann von der Buchhandlung von A. Asher u. Cie. in Berlin W., unter den Linden 13, bezogen werden (Ein­zelpreis 80 Pfennig, bei Entnahme von 50 Stück je 70 Pfennig, von 100 Stück je 60 Pfennig, von 300 oder mehr Stück je 50 Pfennig.) Dieselbe ist auch abgedruckt mit den übrigen von Reichswegen ergangenen Ausführungsvor­schriften zum JnvalidenversicherungSgesetz in Nr. la der Amtlichen Nachrichten des Reichsversicherungsamts vom 2. Januar l. Js. und wird auch demnächst in dem von dem Vorsitzenden des Vorstandes der Jnvalidcnversicherungs- anstalt Gr. Hessen, Regierungsrat Dr. Dietz, bearbeiteten Werke zum Abdruck gelangen.

DieAnleitung" bezweckt, einmal die in der Recht­sprechung des Reichsversicherungsamts herausgebildeten Grundsätze in übersichtlicher Weise, insbesondere unter Her­vorhebung der allgemeinen Gesichtspunkte, zusammenzustellen sodann aber auch für die zum Teil recht schwierige Aus- der neu eingeführten Rechtsbegriffe z. B.Anwart­schaft auf Pension",Werkmeister und Techniker",sonstige Angestellte deren dienstliche Beschäftigung ihren Hauptberuf irc ?cCl"'«.,,^e^rcr ""d Erzieher" vorbehaltlich der instanziellen Entscheidung - einen ersten Anhalt zu gewähren.

Nach § 155 Abs. 1 Satz 4 des Jnvalidenv?rsicherungs- gesetzeS sind vom 1. Januar 1900 ab die zur Entscheidung von Streitigkeiten der dort erwähnten Art berufenen Der waltungsbehörden an die vom Reichsversicherungsamt auf­gestellten Grundsätze gebunden.

AlsGrundsätze" in diesem Sinne sind nach der Auf­fassung des Reichsversicherungsamts nur solche Grundsätze zu verstehen, welche in instanziellen Entscheidungen des Reichsversicherungsamts ausgesprochen worden sind. Dem- gemäß würden die außerdem in der Anleitung, insbesondere bezüglich der neuen Rechtsbegriffe und ' Vorschriften des Jnvalidenversicherungsgesetzes, enthaltenen Ausführungen die Bedeutung vonGrundsätzen" erst dann erlangen, wenn sie späterhin vom Reichsversicherungsamt instanziell bestätigt werden. Daß es übrigens dem Reichsversicherungsamt Vor­behalten bleibt, von Fall zu Fall darüber zu entscheiden, inwieweit etwa auch die durch instanzielle Entscheidung fest­gestellten Grundsätze infolge der Umgestaltung des Gesetzes der Berichtigung oder einer Abänderung bedürfen, ist selbst­verständlich.' - <4

Wir empfehlen Ihnen, sich mit den betr. Vorschriften vertraut zu machen und sich danach zu bemessen.

v. Bechtold.

* Englische Freundlichkeiten^

Gießen, 28. Januar 1900.

Im letzten Viertel des vergangenen Jahres veröffent­lichten große deutsche Zeitungen einen Artikel aus einem der angesehensten englischen Wochenblätter, derSaturday Review", der in seiner unerhört scharfen Tonart gegen Deutschland das Aeußerste leistete. Wir nahmen s. Z. aus­zugsweise von dieser Auslassung Notiz und kommentierten sie auch in einem längerem Artikel. Angesichts der Sprache derTimes" anläßlich - bc-r Antwort des Grafen vo.^. Bülow auf die Interpellation wegen der Beschlagnahme deutscher Dampfer scheint es aber angebracht, den'ganzen Artikel derSaturday Review" vom September 1897, der noch heute den Anschauungen eines großen Teiles des offiziellen und des inoffiziellen England entspricht, sine ira wieder­zugeben. Er lautet in sinngetreuer Uebersetzung:

Der alte Weise von Europa hat gesprochen. England hat daher die Aufgabe schweigender Ueberlegung und Vor­bereitung.Das Gespräch zwischen dem Kaiser und dem Zaren"*), sagte Fürst Bismarck, wie dieTimes" zitie­ren,muß England zum .Hauptgegenstand gehabt haben. Der alte Staatsmann hat das Wachsen der Reiser, die er in den preußischen Stamm eingepflanzt hat, verfolgt; er weß, daß die Fürstentümer und Provinzen des deut­schen Reiches zu einem kraftvollen, organischen Ganzen geeint sind. Er weiß, daß Rußland, gestaltlos und uner­meßlich, eine nicht zusammendrückbare, aber lenkbare Flüs­sigkeit, den Grenzen Deutschlands ferngehalten werden kann, während sie langsam und unaufhaltsam durch den Balkan dem Meere zufließt. Dort, in einem den deutschen Interessen entrückten Winkel, mag Rußland den Feinden Deutschlands mit explosiver Gewalt begegnen. Und Frank­reich? Erinnert Bismarck sich nicht, daß es Frankreich einst schwer wurde, die Einheit Deutschlands als fait accompli anzuerkennen, daß ihn dies mit einemvorsichtigen Miß­trauen" erfüllte und daß er deshalb zu Ferry sagte: Suchen Sie sich Kompensationen. Gründen Sie Kolonien. Nehmen Sie außerhalb Euro­pas, was Sie wollen; Sie können es haben?" Und daß Ferry, ohne daß Bismarckje daran gedacht hätte, ihm auch nur die geringste Schwierigkeit zu bereiten ganz im Gegenteil Tunis erhielt"? Und, hätte er hinzu­fügen können, Tonkin. Frankreich, beschäftigt mit Tunis und seinem Tonkin, und Rußland, ruhig nach Osten und Süden geschoben, überließen Deutschland die leichte Auf­gabe, friedlich auf seinen strotzenden Geldküsten zu sitzen, während seine Kaufleute den englischen Handel kaperten und seine Diplomaten Englands Diplomaten in ununter­brochene Zwistigkeiten mit andern Ländern verwickelten.

Fürst Bismarck hat das längst erkannt, was die englische Nation endlich zu begreifen beginnt, daß in Europa zwei große, unversöhnliche Mächte sich ent­gegenstehen, zwei große Nationen, die die ganze Welt zu ihrer Provinz machen und von ihr den Handelstribut er­heben könnten: England mit seiner langen Geschichte erfolgreicher Angriffe und mit seiner bewundernswerten Einsicht, daß es mit der Verfolgung seiner eigenen In­teressen Licht verbreitet über Völker, die in der Finsternis wohnen, und Deutschland, Knochen von demselben Knochen und Blut von demselben Blute, mit geringerer Willensstärke, aber, vielleicht, mit durchdringenderer In­telligenz, Konkurrent in jedem Winkel des Erdballs. In

*) Vom 7. bis z'lm 11. August 1897 verweilte das deutsche Ktiserposr bekanntlich in Rußland. (D. R-d.)

Transvaal, am Cap, in Zentral-Afrita, in Indien und im Orient, auf d'en Inseln der Südsee und im fernen Nord­westen, wo immer und wo wäre sie dies nicht die Flagge der Bibel gefolgt ist und der Handel der Flagge, dort kämpft der deutsche Reisende mit dem englischen Hau- sierer. Wo es eine Mine auszubeuten oder eine Eisenbahn zu bauen gilt, ein Eingeborener von Brotfrucht zu zron- servenbüchsen, von Mäßigkeit zum Branntwein zw bekehren ist, suchen der Deutsche und der Engländer sich den Rang abzulaufen. Eine Million winziger Streitigkeiten bilden die Ursache zu dem größten Kriege, den die Welt sehen wird. Wenn Deutschland morgen vernichtet würde, gäbe es übermorgen in der Welt keinen Engländer, der nicht reicher wäre. Völker haben jahrelang wegen einer Stadt oder eines Erbfolgerechts gestritten; sind sie nicht gezwungen, zu. kämpfen wegen zweihundertundfünfzig Millionen Pfund jährlichen Handels?

Es liegt etwas Pathetisches in der Weise, in der der greise Staatsmann gleichzeitig das rasche Hereinbrcchen der Katastrophe, die er als erster geahnt, und das Ab­bröckeln der Schutzvorrichtungen bemerkt, die er gegen ihr Eintreten getroffen. Betrachten wir zuerst das Nahen des Ereignisses. Bor zehn Jahren (1887) wäre die Idee eines Krieges zwischen den beiden großen protestantischen Mächten, die sich so gleich sind in Temperament und in. Fähigkeiten, jedermann, den Fürsten und vielleicht einen oder zwei wachsame Engländer ausgenommen, unmöglich erschienen. Vor drei Jahren (1894), als dieSaturday Review" gegen die traditionelle deutsch­freundliche Politik Englands zu schreiben be­gann, stand sie isoliert unter den leitenden Organen der öffentlichen Meinung. Als im Februar 1896 einer un­serer Korrespondenten, in einer Betrachtung der europäi­schen Lage, Deutschland für Englands ersten und un­mittelbarsten Feind erklärte, hielt mau diese Aeußerung für eine individuelle Ueberspanntheit. Einen Moment später wurde in einem Londoner Tingeltangel die ueutsch e Fla g g c a u s g ezi sch t, und als an einehr Sonnabend im April ein Abendblatt seine Zeitungs- trägcr mit dem Rufe aussandteKrieg mit Deutsch- l a n d", stand der Handel in Edgware Road still, um ihnen Beifall zuzujubeln. Die.......Thorheiten Wil-

helm's des... (die durch Punkte angedeuteten, gröblich be­leidigenden Epitheta lassen wir weg. Red.), die deutschen Pläne im Transvaal, die deutschen Brüche internationaler Gesetze in Zentralafrika, jenes Benehmen in allen diplo­matischen Beziehungen, welches Bismarck dasungebühr­liche Nörgeln der Engländer" nennt, der notorische Ein­satz deutscher Politik im Gesandtschaftsrate zu Konstan­tinopel, und vor allem die Art und Weise, in welcher England die Erkenntnis der thatsächlichen Ausdehnung der deutschen Handelskonkurrenz beigebracht worden ist, all das hat das Seinige gethan: jetzt erkennen Eng­land und Deutschland gleicherweise die un­mittelbare Wahrscheinlichkeit des Krieges. Was Bismarck erkannte und was auch wir vielleicht bald sehen werden, ist nicht nur der gegenwärtige scharfe Kon­flikt der Interessen Englands und Deutschlands, sondern auch, daß England die einzige Großmacht ist, die gegen Deutschland Krieg führen kann, ohne furchtbares Risiko und ohne daß der Ausgang zweifelhaft ist. Deutschlands Dreibundsgenossen können ihm gegen England nichts nützen: Oesterreich, weil es machtlos ist, Italien, weil es sich nicht gegen einen Angriff von Frankreich bloßstellen darf. Die Vergrößerung der deutschen Flotte hat nichts anderes bewirkt, als daß Englands Schlag desto wuchtiger auf Deutschland niederfallen wird. Die deutschen Schiffe werden sich bald auf dem Meeres­gründe ober unter Bedeckung a uf dem Wege nach englischen Häfen befinden. Hamburg und Bremen, der Kieler Kanal und die baltischen Häfen liegen unter den Kanonen Englands bis. zur Erledigung des Schadenersatzes. Wenn unsere Arbeit gethan ist, haben wir nicht einmal nötig, Bismarcks Worte an Ferry zu ändern; wir sagen zu Frankreich und Rußland:Sucht Euch Kompensationen. Nehmt innerhalb Deutschlands, was Ihr wünscht; Ihr könnt es haben."

Gegen das Nahen eines solchen Unglücks für Deutsch­land und eines so sicheren Triumphes für Eng­land erblickt Bismarck keine Hoffnung in den Unterhand­lungen zwischen Frankreich und Rußland.Ich fürchte, daß alle diese Bemühungen sich als ganz vergeblich er­weisen werden. Eine ernstliche handelnde Entente mit einem ganz bestimmten Programm, und einem großen Teil durchdringender Einsicht und Zähigkeit würde er­forderlich sein, um ein Resultat zu erzielen, das eine Mäßigung englischer Prätensionen bewirken könnte. Ich bin vollständig davon überzeugt, daß Deutschland dies nichd erreichen wird". Und ferner:Gewiß, der Zeitpunkt ist sehr günstig, den Engländern den Suez-Kanal und Egypten wieder pbzunehmen; ich glaube jedoch nicht, daß Frankreich dieser Frage irgendwelches leidenschaftliche Interesse ent-