Ausgabe 
25.11.1900 Drittes Blatt
 
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150. Jahrgang

Sonntag -en 25. November

Drittes Blatt.

Meßmer Anzeiger

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Heneral-Anzeiger

Amts- «nd Anzsigsblatt für den Ureis Gietzen.

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Ernst Eckstein.)

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Das Alter

Novelle von

riach einem |(ur begegnete em Wegrande

Gratisbeilagen: Gießener Familicnblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.

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Dies spitze, kindische Lachen war für Roland geradezu i Lllderhaft. Rasch setzte er seinen Weg fort.

f) Wir sind in der bevorzugten Lage, eine hinterlassene Novelle iH am 18. d. M. verstorbenen Poeten, bekanntlich eines geborenen .»«beners, hier zum Abdruck zu bringen. D. Red. d. G. A.

Adresse füc Depeschen: Anzeiger Hietza».

Fernsprecher Nr. 51.

Berliner Kries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

einmal dieHarmlosen". Ein WMommsgrub für Krüger. Berliner Totenfest. Auf dem Kirchhof der Lebensmüden.

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F* Viele En arrr ManW, Aba; inb 6d)®inbeigefüf)l, &' , Ku'lalhmigknt. M j, Migräne, müdnitr tfitottben, schwacher?nt< angel, Blähungen, 6obtr i k und stecht« ch U* ohne den wobtta i ieidm iu -»am twi HetlmMel i« W

«6 Buch mit faanti^: versendet an iebenma v. unb franko :

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erfcheiitt ISgNch eit Ausnahme deS

MentagS.

Sie Gießener

I«»lkie«-rstter Hrrdni dem Anzeiger 4- Wechsel mitHess, trobroirt* u.Blätter fir Hess. Volkskunde" ^icha. 4 mal beigelegt.

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^sttedernahWs-

4koch ist der Fall Sternberg, der die Gemüter i m Metropole in begreiflicher Spannung hält, und durch iw-plötzliche Verschwinden des Sternberg'schen Bergwerks ttmktors Luppa neuen Debattierstoff geliefert hat, noch ist der Fall Sternberg nicht erledigt und vor den (Wianken des Gerichtshofes taucl)en die Helden des ryiitard wieder auf, die sich schon einmal das grelle der Öffentlichkeit gefallen lassen mußten. Diesmal ist derWolf" im Schafskleide, der damals das Weite Jeiuiit hatte, mitten unter ihnen; dafür fehlt Herr !on Kröcher. Man kann es ihm nachfühlen, daß diese 'hifuarmunq der unliebsamen Affaire nicht nach seinem Schmack i[t. Es war ju bitter, was ihm damals alles W grünen Tische ins Ohr klang und ob es noch so miHie unb notwendig war! Dazu kommt be> dieser 7D dcrholuna noch die Anwesenheit des mit Zuchthaus i iu torbeftraften Gentleman unb Genossen, die die Qual Sthmtinn merklich steigert Es wäre wohl mancher XÄer dlestn^stLden Mchsalls^fortgebheben w sichchrlich" gemüht zu haben scheint, feine'gefdjeiterte fe^tu^nttTÄ- Snbe U ch?chtmeher trotz allem wieder mutig auf dem 'Pi» erschienen ist und den Kampf um seine burgerbche Irt aufs neue beginnt. Uebngens hat er noch vollständig

manche wackere Frau aus dem Volke wartet nicht ans Allerseelen oder den Totensonntag, um die Ruhestätte eines geliebten Toten in Ordnung zu bringen und mit einer Spende der Erinnerung zu bedenken. Ach, und in Berlin sind die Friedhöfe oft weit und manche Mutter muß für den Weg allein ein paar Stunden opfern!

Nur ein einziger Kirchhof in dem großen Weichbilde der Residenz ruht auch am Totenfeste in geisterhafter Oede, in unheimlichem Frieden. Selten, ach gar z» selten, pilgert einer hinaus zu jenen armen Schläfern, die getrieben von Schuld oder Not, aus dem fieberhaft pulsierenden Leben des rastlosen Berlins hinausgeirrt sind in die düstere Stille des mitunter recht melancholisches Grünewalds, um hier von allen Schmerzen und. Sorgen, von selbstverschuldetem und anderem Leid ein endliches Vergessen zu suchen. Da sind so lockende, dunkle. Wasser, in 'denen sich die alten Föhren so wundersam friedlich spiegeln; da hebt sich mancher versteckte, wald- umrauschte Hügel, auf dem sich die letzten Gedanken- ganz anders verträumen lassen, als in dem hastige» Trubel dort drinnen in der grausamen Stadt. Sie alle, mit geringen Ausnahmen, die hier ihrem Leben frei­willig ein Ziel setzten, finden auch die letzte Ruhestätte im Waldesschatten. Seitab vom Wege nach Schildhorn ist der stille Acker, in dem keine sorgende Gärtnerhand ihres Aisttes waltet. Alles hier ist verwahrlost und zerfällt. Die meisten Gräber ohne Reim oder Kreuz. Niemand erfährt mehr, wer dort unten schlummert. Mitunter ein Anfangsbuchstabe, den Wind und Regen auch schon halb wieder verlöscht haben. Eine kleine Tanne ragfe wohl hier und dort als letztes Zeichen der Liebe auS dem Hügel. Es ist eine trostlose Stätte, die von nichts als Jammer und Schuld, Not und Verzweiflung redetA Schenke auch Euch der Himmel mildes Verzeihen, unti ein mitfühlendes Herz ein stilles Gedenken, ihr verzagten Schläfer, zum Totenfeste? A. R.

Diesesentzückend" galt offenbar nicht nur den Reize« der Landschaft. Neben der kleinen Blondine saß eine schlanke Jünalingsgestalt von auffallender Schönheit, ei« wenig südländisch angedunkelt, ein Prachtbursche, mit weiß­blitzenden Zähnen und tiefschwarzem Kraushaar. Und dieser Prachtbursche erglühte ganz augenscheinlich in heißester Liebe zu der blonden Vergißmeinnichtüugigen, sah nur sie, hatte nur einen Gedanken: Ella ist dein jetzt und in alle Ewigkeit.

Auch die übrigen Paare schienen sich mehr oder weniger nahe zu stehen. . . Jedenfalls herrschte das glücklichste, sonnigste Einvernehmen, die wolkenloseste Freude am Zauber der Gegenwart. All diese Mädchen waren in ihrer Art.hübsch oder sahen doch wenigstens für den Augenblick hübsch aus unter dem Morgenglanze der Jugend, der Hoffnung und des leuchtenden Frohsinns. Die Studenten aber machten auf Roland durchweg den Eindruck von Halb­göttern. Welche Maftfülle! Welcher sprudelnde, jauch­zende Uebermut! Die ganze Welt gehörte ihnen zu eigen: da draußen der See mit seinen lichtspiegelnden Wellen, die Berge mit ihren Matten und Wäldern, der Himmel mit seiner Sonne, und hier die blühende, buntschillernde Mädchenschar mit ihren Herzen voll heimlicher Poesie un- stummer, glückverlangender Sehnsucht.

Roland seufzte. Wie endlos weit lag die glückselige Zeit hinter ihm, da er als junger Student ebenso reich ge­wesen wie diese Burschen da! Fast ein Vierteljahrhundert l Er war jetzt fünfundvierzig Jahre alt. Fünfundvierziß Jahre! Das klang so harmlos und einfach, -n und war doch die schroffe Bestätigung der traurigen Thatsache, daß jetzt; alles vorüber war! Noch sah man freilich dem Fünfund­vierzigjährigen das beginnende Alter nicht an . . . Er war noch stattlich und frisch, und der hochblonde Bart, der sein ernstblickendes Künstlerantlitz umrahmte, zeigte noch nirgends ein graues Haar. . . Und Roland besaß eine reizende fünfundzwanzigjährige Frau, die alles that, was sie ihm an den Augen absah ... Er hätte noch jung und zufrieden und glücklich sein können, wäre er nur klug gewesen, das ewige Grübeln zu bannen, das trosh- lose Wehgefühl über den Fluch der Vergänglichkeit. Hierin, lag seine Schwäche und sein Verhängnis. Roland Helm­stede war alt. Nicht an Körper und Geist und gestaltendem Kraft, sondern alt im Gemüt.

Wie er jetzt schaute und sann, überkam ihn wieder die ganze Wucht jener weltmüden Stimmung, der er entfliehen wollte, als er heute sein Atelier verließ. Er schloß die Augen und lehnte sich schwermutsvoll in den weißge­strichenen Stuhl zurück. Traumverloren schlürfte er seine» Wein, der ihm herb und reizlos über die Zunge glitt. Daö Lachen und Plaudern da drüben, die frohe, lebendige Un­ruhe schien ihm heute den Trank zu vergällen. Seine Jugendzeit stieg vor ihm auf, ein frührot-bestrahltes EhaoS

zweifellos ein höchst intelligenter und tüchtiger Beamter geworden.

Vor einem größeren Gerichtshof, der sich selbst kon­stituiert hat, erscheint in wenigen Tagen ein Mann, der gleichfalls sein Spiel verloren hat und dabei doch die Sympathieen der ganzen Kulturwelt besitzt. Es war ein hohes Spiel, das er verlor, aber er mußte es spielen; sein brutaler Gegner drang ihm die Würfel auf und ruhte nicht eher, als bis er ihn gründlich ruiniert hatte. Dieser tapfere Spieler wider Willen ist der P r ä s i d e n t der Transvaal-Republik; der Gerichtshof aber soll das deutsche Volk sein. In Berlin hat die Reichs- post in den wenigen Tagen, seit denen die von Mannern wie Sudermann, Hans Hopfen, Georg Hirth ic. angeregte Svmpathie-Postkarte mit der InschriftUnser Mitgefühl dem treuen Vater seines Volkes"" erschienen ist, schon eine ganz erkleckliche Mehrarbeit zu verzeichnen.

Freilich helfen kann das alles den bedauernswerten Buren nicht. Transvaal ist ein großer Kirchhof geworden, zu dem auch manche deutsche Mutter im Geiste hinüber- sväbt und heiße Thränen vergießt, daß ihr nicht einmal vergönnt ist, den Hügel des drüben gefallenen Sohnes am Totensonntag mit einem Kranze zu schmucken! Und es flieht so viel Kränze in Berlin, just in diesen Tagen Die Straßen ersticken fast darin. Alle Blumen­händler türmen wahre Berge davon auf; vor jedem Gemüsekeller lagert eine Last davon und auf den Wegen zu den Kirchhöfen wird ein ambulanter Handel damit getrieben, der geradezu fabelhaft erscheint. Wenn nur nicht die bleichen, unschönen künstlichen Blumen aus dem frischen Lorbeer- und Tannengrün so grell abstächen? Wer keine echten Blumen kaufen kann, sollte sich nut dem schlichten, wirksamen Blattwerk begnügen. Aber das kennt die Berlinerin, die diese Einkäufe besorgt, nun einmal nicht? Schätzt sie doch die Kränze der Nachbarin. So ist sie darauf gefaßt, wieder geschätzt zu werden. Gott sei Dank, ist das nicht immer und überall so. Es gießt auch viele schlichte und echte Trauer in Berlin, «ns

Er kam an den See. Die Luft ward immer reiner und herrlicher. Zwischen Kastanien und Ebereschen lag daS weithin berühmte Wirtshaus zum Goldenen Anker. Hier gab eS einen vortrefflichen Rotwein, kalte Küche und die entzückendste Aussicht. Wenn Roland mit seinen trüb­seligen Anwandlungen gar nicht mehr aus noch ein wußte, ließ er sein Atelier plötzlich im Stich und machte den zwei­stündigen Weg über die Pöhlauer Flur nach dem Anker. Die Berge mit ihren kräftigen Linien, der Atem der Wasser­fläche, die Eindrücke von Urwüchsigkeit und Frische, die ihn hier allenthalben umringten, thaten ihm wohl.

Er trat auf die reben-umwachsene Holz-Veranda und setzte sich ganz rechts in die Ecke. Vroni, die vollbusige Kellnerin, grüßte ihn herzlich, brachte ihm seinen Schoppen und setzte sich dann einen Augenblick zu ihm. Es war noch am Vormittage; der einzige Gast, der bis jeüt vorge­sprochen ein botanisierender Schullehrer, der seine Pfingstferien ausnutzte hatte vor fünf Minuten die wissenschaftliche Wanderung nach dem Braunskegel fort­gesetzt und der Vroni die bisherige Ausbeute seines Um­herstreifens in Verwahrung gegeben.

Roland hörte dem freundlichen Mädchen mit den blitzenden Augen und den knallroten Backen etwas zer­streut zu, trank seufzend und fragte sie dann, was ihr Schatz, der Mainfelder Holzknecht, mache.

Eben wollte ihm Vroni ausführlich antworten, als es am Thore lebendig ward. Plaudernd und scherzend kam eine große Gesellschaft quer über den Hof, Studenten und xunge Mädchen, zehn Paare vielleicht. Eine gute dicke Mama von wohlwollendem Phlegma spielte die Ehren­dame. Im nächsten Augenblick war die noch eben so stille Veranda der Schauplatz eines beweglichen, farbigen Trei­bens. Tische und Stühle wurden gerückt, Vorschläge ge­macht, Fragen beantwortet und Bestellungen an die herbei­eilende Vroni gerichtet. Nach mannigfaltigem Hin- und Her setzte man sich. Die gute Mama, in Erwartung des Kaffees, zog ihre braungelben Handschuhe aus. . .

Das war nun ein holdes Geschwatze, ein Lachen und Tändeln, ein Sprühregen sorgloser, thörichter, jauchzen­der Lebensfreude. Die Flamme der Jugendlust glühte auf allen Gesichtern. Selbst die beleibte Ehrendame ward ein wenig mit fortgerissen. Ihr Antlitz strahlte; ihr kirsch­roter Mund legte sich in vergnügliche Falten. Sie warf einen Blick hinaus auf den blaugrünen See, musterte dann die schönblättrigen Ranken, die ihr zu Häupten breit und schwer um das bräunliche Holz kletterten, nickte einem der jungen Mädchen verständnisvoll zu und sagte mit heller Stimme:

Ein herrlicher Platz! Nicht Ella?"

Und Ella, die sanften Vergißmeinnicht-Augen schwär­merisch ins toeitc ^richtet, murmelte halblaut:

Entzückend!"

Uczagsprei» tartdiäbd. Ml. 2,29 m»natlich 75 Pfg. mit Bringerlohu; tarch die 9lbl)o(cftenm »irrlcljährl. Mk. 1,9t monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2,40 Vierteljahr, mit Bestellgeld.

halbstündigen Marsch über die Pöhlauer Roland einem achtzigjährigen Greis, der saß und bettelte. Mit stumpfsinnigem Lächeln "glotzte der Mann zu ihm auf, hielt ihm die !Thinu tzige Strohkappe hin und bat um ein Geldstück. Der , öunti des Alten war zahnlos und eingesunken, das gelblich i bnaune Gesicht von unzähligen Runzeln bedeckt, der kahle «opf unaufhörlich in leise zitternder Pendelbewegung. 'Mamd fühlte sich bei dem unerwarteten Anblick dieser . FMmergestalt seltsam ergriffen. Der Gang durch die ©aati elber hatte feinen umdüsterten Sinn etwas erhellt; , b k köstliche Lust, deren Wärme nicht drückend war, und .dik Mes verklärende Juni-Beleuchtung flößten ihm einen lwiiv ollen Hauch von neuem Lebensmut ein. Jetzt sah . tn bett elenden Mann da im Staub der Heerstraße und sank mit einemmal in die farblose Schwermut zurück, die ihn i wn Jahr zu Jahr mehr beherrschte. Er gab dem Bettler Silberstück. Der Greis befühlte die Münze, hob sie i licht an die Augen und lachte- dann vor dankbarer Freude

Fr.ScninW> 'M aufs neue beginnt. Uebrigens yar er uuupu. nitel* Olten dreisten Schneid, die unbeugsame, eiserne Ruhe,

überraschende und treffsichere Erfassung des Wescnt- in jeder Frage. Er wäre wenn er nicht auf die wS?/ Iw« Ebene des Gewohnheitsspieler» geraten wäre.

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