von Bildern und Szenen . . . Das war Alt-Heidelberg mit seiner epheu umsponnenen Schloßruine. . Alles rings umher blühte und loderte . . . Die herrlich bewaldeten Hügel, der schäumende Neckar, die frohen Kommerse, Ser schallende Rundgesang. Jeden Tag war dieses fun- - Milbe Leben neu; der Born rieselte unerschöpflich; es gab kein Besinnen und keinen Zweifel. Frei aus dem Vollen — das war die Losung der Glücklichen. Und Hießen! Nicht halb so großartig wie die Neckarstadt, aber vielleicht um so trauter, idyllischer! Der alt-ehrwürdige Gleiberg! Der Wind Hof, wo so manchmal die blitzenden Schläger geklirrt! Und der gewaltige Bau der Deutschherren auf dem buchenumgrünten Schiffen berg. Dort unter den Wölbungen des Hochwaldes hatte er Lilli kennen gelernt. . . Welche Verzückung! Wie schwamm er damals im vollen Strudel der Illusion! Alles in Gold getaucht, alles Blüte und Licht? Weshalb konnte er jetzt seines Glückes nicht froh werden, wie ehedem? Längst hatte er den jähen Verlust seiner Jugendgeliebten verschmerzt; Zeit und Arbeit hatten die Wunde vernarben lassen. . . Und Adele war so gütig und mild; ja — wenn er's genau überlegte — hübscher als Lilli . . . Sie hatte etwas von der sanften Madonna del Hranduca; nur etwas beweglicher und kräftiger.
Bei Gott, eine liebenswürdige holde Frau! Und doch: es war jetzt alles so völlig anders wie damals. Warum? Zum tausendsten Male scholl diese Frage durch seine Brust — und zum tausendsten Male gab er sich die beklommene Antwort: Wenn du damals noch eine Znkünst hattest, jetzt aber nur noch eine Vergangenheit!
„Vor mir die Nacht und hinter mir der Tag", murmelte er in lächelnder Bitternis und leerte sein Glas bis auf den letzten Tropfen.
Von neuem schweifte sein glanzloser Blick nach der frohen Gesellschaft hinüber, deren geräuschvolle Lustigkeit ihn wie Hohn berührte. Der prächtige Junge mit den südländisch angedünkelten Wangen hielt immer noch Andacht vor den Vergißm'einnichtaugen seiner lichtblonden Partnerin. Die übrigen scherzten und lachten flotter als je und gingen mit jeder Sekunde vollständiger auf im Genüsse der Gegenwart. So viel Freude und Jugendlust glaubte Roland noch niemals beisammen gesehen zu haben. Und diese Fülle reizender Farben und Formen! Die frischen Gesichter, die buntglühenden Mützen, die niedlichen Strohüütchen, zum Teil mit Laub und natürlichen Blumen geschmückt, die hellschimmernden Sommerkleider, die Bänder und Schleifen: das alles stimmte so prächtig zusammen! Kein Ton in diesem Bilde war störend; nichts, was ein Künstlerauge hätte beleidigen können. Oder lag das an Roland? War nur er heute ein so dankbares Publikum?
Damals auf der Höhe des Schiffenberges trug Lili ganz das nämliche sanftleuchtende Rosa, wie hier die Schlanke, Braune links in der Ecke . . . Ja, das Mädchen hatte sogar mit Lili eine entfernte Ähnlichkeit . . . Wenn sie sich ihrem Nachbar zukehrte, sodaß man außer der Wange nur noch ein Stückchen der Wimpern sah... . Wahrhaftig, das war ja geradezu täuschend. . .
Roland zog wie frierend die Schultern hoch. Es hatte ihn kalt überrieselt. Ein seltsames Grausen befiel ihn vor dem unlöslichen Rätsel, Leben genannt. Wie unaufhaltsam waren ihm diese Jahrzehnte dahingesunken! Traumhaft schnell, als wären sie nie gewesen! Und worin bestand künftig sein Los? Schweigend und mit gekreuzten Armen sollte er zuschauen, wie nun abermals von dem Rest dieses vermorschenden Daseins Stück um Stück abbröckelte, bis dann zuletzt. . .
Und so dachte er an den Tod.
Dem Tod entgegen zu reisen, dem sicheren, unabwendbaren, und kaum hier und da eine flüchtige Freude zwischen dein Jetzt und dem kläglichen Ende zu pflücken — das war sein Schicksal! Nein, schlimmer! Nach mensch?- licher Voraussicht stand ihm bevor, langsam und allmählich zu dorren, Kraft um Kraft schwinden zu sehen, grau, schlaff, welk zu werden, gleichsam bei lebendigem Leib zu verwesen ' Wenn er es herrlich weit brachte, glich er vielleicht einmal dem grinsenden Bettler da an der Landstraße, dem stumpfsinnigen, Lahnlosen Greis, der sich schlotternd im Staub wälzte, der zum Kinde, zum Tier ward. Das war das Alter — ein Ziel, von dem die Kurzsichtigkeit der
Menschen ihm Vorrede« wollte, es sei hehr und erstrebenswert?
Darin bestand ja der Segen der heiligen Jugend: sie glaubte nicht an das Gesetz der Vergänglichkeit. Sie lebte leichtsinnig und ohne Ahnung von dem, was da kommen würde. Sie phantasierte mit göttlicher Sorglosigkeit in den blauschimmernden Tag hinein. Er aber, mit dem vollen Bewußtsein dieses Gesetzes, sollte geduldig abwarten, bis ihn das Schicksal gebührend zugerichtet, bis er — sich selbst und den Menschen zum Abscheu — umherschwanken würde, wie ein galvanisierter Leichnam? War das nicht der leibhaftige Wahnsinn?
Roland entsann sich jetzt eines Traumes, den er unzählige Male geträumt hatte in jener schrecklichen Zeit, oa ihn der Tod Lili's so tief elend gemacht. Es war immer das gleiche Geschehnis: Ein Hangen am Abgrund, eine tätliche Angst, die helle Verzweiflung, und dann ein plötzliches Loslassen. Diesem Loslassen folgte nach kurzem Entsetzen das Gefühl dumpferlösender Ruhe und starren Versunkenseins . . .
Die jungen Leute brachen jetzt auf. Die dralle Vroni heimste ihr Geld ein, wünschte viel Glück zur Fahrt und räumte mit Klirren und Klappen die Tische ab.
Roland erhob sich. Er trat an die Brüstung und sah der Gesellschaft nach. Es galt eine Kahnpartie. Drei hochrot bewimpelte Fahrzeuge lagen da drunten am Ufer. Im Nu waren sie von den Pflöcken gelöst und besetzt. Die jungen Leute stimmten ein volltöniges Gaudeamus an. So stieß die kleine Flotille hinaus in den See.
Roland rührte sich nicht. Unverwandt folgte er diesen Glückseligen mit dem Blick, bis sie hinter der nächsten Landzunge verschwunden waren. Dann rief er auch die neugierig gaffende Kellnerin, zahlte und ging.
Er wandte sich links am Ufer entlang in der Richtung des Herthaselsens. Die Mißstimmung, die ihn gleich beim Erwachen heut heimgesucht und ihm das Schaffen so schmählich verleitet hatte, war mit dem Landwein des „Goldenen Ankers" nicht mehr hinabzuspülen. Ein besserer Gedanke schien ihm gekommen zu sein — vernünftiger, weltkluger. Langsam schritt er dahin, tief atmend, ernst und ohne nach rechts oder links zu schau'n.
Der Herthafelsen war eine senkrechte Wand, die fast zweihundert Meter hoch in den See abfiel. Bei mittlerem Wasserstand lag am Fuß dieses Felsens eine horizontale Platte vom Umfang eines mächtigen Tanzsaales frei. Droben befand sich eine weithin berühmte Aussichtsbank, neuerdings durch ein gußeisernes Gitter gegen den Abgrund geschützt. An drei Stellen der Felsenhöhe ragten Kreuze über das Gras, zur Erinnerung an Verunglückte, die hier bei allzu verwegenem Klettern und Blumensuchen abgestürzt waren.
Nach ruhiger Wanderung erreichte Roland die Höhe. Er trat an das gußeiserne Gitter und schaute hinab. Da drunten, ganz fern bei dem Dörfchen Windheim, landete jetzt eben der erste Kahn . . . Schwimmende Nußschalen . . . Und doch bargen sie so viel Jugendglück, so viel süßen, wonnigen Selbstbetrug.
Roland preßte die Stirn in die Hand. Immer seltsamer, traumartiger ward ihm zu Mute. Der See dämmerte bläulich herauf; die breite Granitplatte senkrecht unter ihm war von Wasser entblößt und glänzte im Sonnenschein wie eine unregelmäßig behauene Treppenstufe. Vom Windheimer Kirchturm klangen die Glocken herüber, — halbverweht in dem leise rauschenden Südwind. Sterben, sterben! Ja, das war lockender als dies Leben mit der vollen Erkenntnis von seiner trostlosen Nichtigkeit! Der Abgrund, das Loslassen... Es war ja für Roland nichts neues mehr. Oft genug hatte er's nach dem Hinscheiden Lili's geträumt.
Er setzte sich auf die Bank, zog seine Brieftasche hervor und schrieb. Sanft und mild, beinahe demütig, suchte er seiner blonden Adele alles begreiflich zu machen. Er schloß mit den Worten: „Leb' wohl? Ich fühle mich krank und müde bis in das Mark hinein. Verzeih mir, — Adele, — aber ich leide zu tief?"
Er legte die Brieftasche neben die Bank auf den Boden. Hiernach trat er wieder zur Brustwehr. Jetzt eben stiegen die letzten hellfarbigen Kleider aus dem letzten der drei hochrot bewimpelten Kähne. Alles blühte und sprühte im flammenden Mittagslicht. . .
Oerichtssaal.
Mainz, 21. November. Vor dem heutigen Kriege g e r i ch t steht als Angeklagter der Soldat Johann Bap^> Loch aus Bamberg vom Pionier-Bataillon Nr. 11, ypeiI Kompagnie, in Kastel wegen Urkundenfälschung, Betrug und Unterschlagung. Der Angeschuldigte war Ende bei einem Oberleutnant als Bursche thätig. Er hatte Tage über die kleineren Ausgaben mit einem Vorschuß den er von seinem Vorgesetzten erhielt, zu begleichen m die bezahlten Beträge in einem Buche einzutragen. Angeschuldigte hat nun Eintragungen als bezahlt boi. zogen, die gekauften Gegenstände jedoch auf Kredit nommen und die Gelder in seine Tasche gesteckt, (fr. Rechnung der Wäscherin fälschte er dadurch!, daß er cur den Betrag für seine Wäsche unter dieselbe setzte. H einem Wirte und Bäcker kaufte er Eßwaren im Betnv von 10 Mk. 40 Pfg. auf Rechnung seines Vorgesetzt während er dieselben für sich verwendete. Ferner unter schlug er einen Betrag von 6 Mk., den er zur Bestreik,-, von Einkäufen erhalten'hatte. Der Staatsanwalt ton tragte 7 Monate Gefängnis, das Gericht erkannte oi;i 4 Monate und Versetzung in die zweite Klasse deskü datenstandes. Verteidiger: Dr. Braden.
Marburg, 20. November. Der frühere Ma>: meister Go h l k e in Homberg, Reg.-Bez. Kassel, hatte geges die dortigen Stadtverordneten eine Beleidig nngsklage beim Hornberger Schöffengericht an gestreng. Sie waren mit seiner Amtsführung unzufrieden und hatie: ein Schreiben an ihn gerichtet, worin sie ihn aufforbertcn bei Privatreiseu wenigstens für eine Vertretung zu sorgen In einem Antwortschreiben hatte er dies als ungehönü ungebührlich und unverschämt bezeichnet und seine Amtt niederlegung angezeigt. In einer darauffolgenden Ci? ung beschlossen die Stadtverordneten ein Schreiben tu den Bürgermeister, worin sie ihm diese Ausdrücke zurück gaben und bemerkten, die Niederlegung seines Amte^ fei die einzige Handlung, die er int Interesse der Stadl vollführt habe. Gohlke, der sich als Bürgermeister nn.ii Cranz in Ostpreußen gemeldet hatte, wurde dort abge lehnt, wie man annimmt infolge der Vorgänge in Hemberg. Als die Stadtverordneten vom Hornberger freigesprochen worden waren, legte Gohlke Berufung beim hiesigen Landgericht ein, welche heute aber vet worfen wurde mit der Begründung, die Stadtvcrock- neten hätten in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt.
Gin Schwung in die Tiefe . . .
Drunten am Herthafelsen rauschte der See.
leicht gekräuselten Wellen spülten freundlich heran • dem Leib des Zerschellten, eine mitleidig auf schäumen Welle strömte ihm voll über das blutende Antlitz, fcrj und schmeichlerisch wie die goldenen Selbsttäuschung der Jugendzeit. ' j
Kunst und Wissenschaft.
— „Michael Äramer", das neue ernste Künstlerdrama sei Gerhart Hauptmann, ist von dem Dichter so weit gefördert woüm, daß seine Erstaufführung auf der Bühne des „Deutschen Theaters" für den November in Aussicht steht.
Ungeachtet gewaltigen Wettbewerbs behauptet die
'ßlicAensderfer
ihren wohlbegründeten Ruf als einfachste, darum, zuverlässigste, dabei, dauerhafteste und handlichste
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Preis der No. 5: Mk. 160,-, der No. 7; Mk. SSL,-.
Ausführliche illustrierte Kataloge und Anerkennung schreiben durch die
jBrühl* 1 * * * * * * sehe Druckerei, Giessen, Schulstrasse 7.
Bekanntmachung.
Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntnis, daß der für Mittwoch den 28. November 1900 vorgesehene Krämermarkt iw Gießen ftattfiadet, daß aber die für dm 27. uub 98. November 1900 vorgesehenen Viehmärkte ausfallen.
Gießen, den 22. November 1900.
Großherzoaliche Mroermsisterei Gießen, I. V.: Wolff._____________________7626
ur Teilnahme an den Vorträgm haben ftch so viele Personen gemeldet, dieselben nicht alle zugleich den Vorträgcn beiwohnen können, wenn der Zweck derselben erreicht werden soll. Es kann deshalb nur die erste Hälfte Derjenigen, die sich in die Listm eingeschrirbm haben, an den am 26. l. Mts. beginnenden Vorträgen teilnehmen. Für die andere Hälfte werden nach Weihnachten die Vorträge wiederholt werden. Wer zu der einen oder anderen Hälfte gehört, wolle man aus dm in d r Alieefchule und bei Herrn Fuhr, Sonnenstraße, offenliegenden Listen ersehen. 7616
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