'Sudermann seine Schuljahre zubrachte. Von jenen schweren Tagen, die den Namen der bescheidenen Stadt an unserer äußersten Nordostmark in der Geschichte verewigen, feiert^ der Geist seinen Ursprung, der das ganze Volk für den Dienst des Vaterlandes heranbildete, sodaß es mündig geworden, die fremden Ketten abwarf, aber auch die hemmenden Ketten des Vaterlandes. Mit Recht konnte Franz Ziegler sagen:
„Obgleich ich mich schäme, es zu sagen, aber es ist dennoch wahr, eine bessere Zeit hat für uns begonnen, seit-Iena und Tilsit. Bis dahin hatte unsere Regierung die chroßen Ideen, welche die Welt durchzittern, ignoriert, bis sie dann endlich gezwungen mit den Edikten vom 9. Oktober 1807, der Städteordnung vom 19. November 1808, den Kulturediktcn vom 14. September 1811, der Gewerbefreiheit, den Finanzgesetzen hervortrat und den ganzen Staat von Grund aus umschuf. Freilich ging es, als die nächste Not von außen verschwunden war, wieder rückwärts. Abgesehen von dem religiösen Truck litt das Volk unter einem bis zur Unfähigkeit examinierten und dressierten Beamtentum, das an das Mandarinentum erinnerte."
Bei der Ehrlichkeit des „alten Ziegler" wird es wohl stimmen, wenn er erzählt, wie angesehene Bürger geohr feigt wurden, weil sie die Obrigkeit nicht tief genüg gegrüßt hatten, und wie der Schulrektor vor dem Geist- lichen in gebückter Stellung vorbeischlich, und dann noch hinzufügt: „Ich habe noch gesehen, daß die Peitsche des gnädigen Herrn auf den Rücken des Bauern fiel." Tas war die „gute alte Zeit". Heute verkünden auch an der lange vernachlässigten Nordostmark die mächtigen Bogen der über den Memelstrom gespannten Eisenbahnbrücken ebenso wie am Ufer bss zur nahen russischere Grenze Industrie und Kultur allenthalben den Aufschwung des Landes. Vor 20 Jahren noch waren die Bewohner des Memelthales bei Eisgang oft wochenlang von aller Kultur abgesperrt. Die Zeiten, da der Deutsche auch thatkräftig mitarbeitet, mitratet und thatet unter den Völkern, sie sind erschienen, wnb in Ansehen steht die deutsche Flagge auf allen Meeren.
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Am 22. September 1900, 94 Jahre nach jeittzn schweren Tagen, hat nun in Tilsit die Enthüllung eines Denkmals der Königin Luise in Gegenwart ihres Urenkels, Kaiser Wilhelms II., stattgefunden.
Tse Stadt war mit Fahnen und Guirlanden reixf). geschmückt. Am Bahnhof und in der Hohen Straße waren Ehrenpforten errietet; einen besonders schönen Eindruck machten das Rathaus mit dem davor errichteten Kaiser- । zelt und der gegenüberliegende Schenckendorffplatz. Schon am Freitagabend trafen der kommandierende General des 1. Armeekorps General der Infanterie Graf Finck von Finckenstein, der Kommandeur der 1. Division General- Leutnant Graf zu Eulenburg, der Oberpräsident Graf Bismarck und der Regierungspräsident Hegel ein. Aus der näheren und weiteren Umgebung Tilsits rückten zahlreiche Krieger- und andere Vereine an.
Ter Kaiser traf kurz nach 2 Uhr ein und wurde auf dem Bahnhof von dem kommandierenden General des 1. Armeekorps, dem Oberpräsidenten und dem Regierungspräsidenten empfangen. Sodann begab sich der Kaiser zu Pferde unter lebhaften Ovationen der aus der Umgegend zusammengeströmten Bevölkerung nach dem Denkmalsplatz im schönen Parke Jakobsruhe.
Tie Feier wurde durch Feftgesang eröffnet. Hierauf hielt Regierungspräsident Hegel eine Ansprache und schloß mit dem Wunsch^, es möge dem Vaterlande niemals an Töchtern fehlen im Sinne der Königin Luise. Auf einen Wink des Kaisers fiel die Hülle. Nach dem Schlußgesang erfolgte die Niederlegung vieler Kränze, namentlich durch Frauenvereine.
Bei der Entgegennahme des Ehrentrunkes vor dem Rathause erwiderte der Kaiser auf die Ansprache des ersten Bürgermeisters:
Ich trinke diesen Pokal auf das Wohl der Stadt und ihrer Bürgerschaft. Ich trinke ihn dankend zunächst als Landesherr und König für den treuen und zu Herzen gehenden Empfang der Stadt Tilsit. Ich trinke ihn zum Andern als Urenkel der hohen Frau, deren Standbild Sie heute enthüllten, dankend dafür, daß Sie das Andenken der schwergeprüften, nie verzagenden Königin in so schöner Weise in Ihrer Stadt fortleben lassen. Ich trinke ihn zum Dritten als Enkel, Denn der heutige Tag wäre einer gewesen, der recht von Herzen dem Wunsch? meines bochseligen Herrn Großvaters entsprochen hatte. Mögen oer Stadt Tilsit und unserem Lande stets Frauen und Mädchen erstehen, die eine ungeminderte, nie versagende Zuversicht auf Gott und seine Hilfe bei unserer Generation, bei ihren Männern und Söhnen pflegen bis in die entferntesten Zeiten. Das ist mein Wunsch für Tilsit, diese Provinz, unser Land.
In dem Festzuge fielen besonders 12 schmucke reitende Litauerinnen in Nationaltracht auf. Die Zäume der Pferde waren neu und ganz eigenartig gemacht, Pferdedecken, bunte Gurtbänder (Josten) und Schürzenstoffe eigens dazu gewebt. Die Reiterinnen trugen weite faltige SRörfe, weiße Bluse, farbiges ober dunkles Mieder, eine bunte Schürze und ein seidenes Schültertuch, waren aber w der Farbe ihrer Kleidung verschieden Der Charakter des Musters laßt sich kurz dahin bestimmen, daß größere KaroS ln ^uter kleinere von verschiedener Farbe und Große sowohl durch Aufzug rind Einschlag zerlegt werden. Doch hatten sie keine grelle Farbenzusammenstellung gelitten, sondern nur Harmonischwirkende, schön abschattierte c? verwendet . Schwarz, Braun, Dunkelblau, Grün, lebhaftes^ Rot waren Die Hauptfarben. Die weißleinenen Hemdblusen hatten farbig ausgenähte ober bestickte Ärmel Einige uralte immer wieber in den Jahrhunderten nach- aearbeitete Stucke glanzten beim Festzuge unb entzückten durch ihre hervorragende Schönheit aller Augen.
Das Denkmal ber Königin Luise — uns liegt davon eine Ansichtspostkarte vor ist ein Werk des Berliner Bildhauers Prof. Gustav Eberlein. Das ganze ist aus carrarischem Marmor gefertigt. Die Gestalt der Königin tritt dem Beschauer in ihrer vollen Anmut entgegen; das Haupt schmückt ein Diadem. Angethan ist die edle Frau mit dem hochtailligen, ausgeschnittenen Empiregewand, wie sie auch Gustav Richter gemalt hat. lieber das Kleid breitet sich der auf die Plinthe herabwallende
Hermelinmantel, der von einer Schulter herabgeglitten ist und von der linken Hand gefaßt wird; die rechte hält einen schlichten Strauß von Kornblumen und Aehren. Die Königin ist dargestellt etwa in dem Alter, als sie in Tilsit verweilte. Die 3 Meter hohe Figur steht auf einem großen mit Lorbeerfestons geschmückten Rundpostament, das mit seinen Ornamenten antiken griechischen Charakter trägt. Die Herstellung des Werkes erforderte einen Kostenaufwand von 40000 Mark.
Das Bürgermeisterbankett zu Paris.
Paris, den 22. September.
Die Zahl der Bürgermeister, die aus allen Teilen des Landes auf Einladung der Negierung gekommen sind, beträgt 22 000. Vom frühen Morgen an konnte man auf den Straßen von Paris Trupps von Bürgermeistern erblicken, die sich mit den Senatoren oder Deputierten ihrer Departements unterhielten. Der Eindruck, den diese Bürgermeister machten, war der ruhiger und friedfertiger Leute. Ganz Frankreich ist durch die Erwählten des Volkes vertreten. Denjenigen Bürgermeistern, die noch niemals in Paris waren, merkte man gleich an, daß sie durch den großen Lärm überrascht waren. Gegen 10 Uhr begaben sich die Bürgermeister nach dem herrlich geschmückten Tuillerien- garten, wo ungeheuere Tafeln gedeckt waren. Alle Gruppen wurden ohne Schwierigkeiten untergebracht. Die Gäste sind sehr zufrieden, das Mahl ist reichlich, der Wein vorzüglich. Nach dem besten Gericht, das verabfolgt wurde, hielt Präsident Loubet eine Rede, die wir nachstehend wiedergeben :
«Meine Herren! Die Regierung der Republik schätzt sich glücklich, die glorreichen Erinnerungen des Jahres 1792 mitten im Frieden mit Ihnen feiern zu können. Mein persönliches Empfinden ist eine doppelte Genugthuung, denn während der 29 Jahre meines Lebens, die ich im Dienste der Demokratie gestanden habe, hatte ich, meine Herren Bürgermeister von Frankreich, die Ehre, dieselbe Schärpe wie Sie zu tragen. Diese imposante Versammlung ist etwas ganz anderes, als ein Zusammenscharen zum Kampfe. Diese Versammlung ist national durch die Zahl und den Charakter ihrer Mitglieder. Sie ist ferner national durch die Gefühle, die Sie beseelen und durch das hoch gesteckte Ziel. Sie hängm, meine Herren, mit ganzem Herzen an den Gemeinden, die Sie gewählt haben, aber Sie hängen auch an dem großen Vaterlande. Das ist, wie Sie wissen, das beste Mittel, um der durch Sie vertretenen Obrigkeit Achtung zu verschaffen. Sie wissen aber auch, daß diese Achtung darauf beruht, daß Sie auch Achtung vor der über Ihnen stehenden Obrigkeit haben. Sie sind hierher gekommen, um die Versicherung zu erneuern, daß Sie an dem Werke der Beschwichtigung der Gemüter und des Fortschrittes Mitwirken wollen. Dieses Werk steht über allen vorübergehenden Zwistigkeiten, welche die Freiheit unvermeidlich machen. DaS Werk verlangt zuweilen, daß man Sonder- mteressen und individuelle Gefühle zum Opfer bringt. Alle guten Bürger muffen drei Ideale besitzen: Das Ideal der Eintracht, das Ideal der sozralen Gerechtigkeit und das Ideal der Ehre des französischen Namens Wenn unsere Kraft, an dem Werk mitzuarbeiten, erlahmen sollte, brauchen wir unsere Bücke nur auf unsere Vorfahren der Revolution zu richten, denen das heutige Frankreich so vieles verdankt. Als sie die Republik proklamierten, wollten sie die Landesverteidigung organisieren, zugleich aber auch die Demokratie. Sie haben uns das Beispiel des Mutes in jeiner schönsten Form gegeben und diese Jahreszahl ist ebensosehr eine Feier der Demokratie, als eine Feier der Freiheit. Die moralische Erhebung, die wir jenen großen. Erinnerungen verdanken, wird übrigens durch keinerlei Besorgnis getrybt. Die Republik hat stets über ihre Feinde triumphiert. Aus jedem Kampfe ist sie stärker hervorgegangen. Ohne Zweifel ist es möglich, daß sie einige ihrer Einrichtungen ändert. Wenn dies auf friedlichem und legalem Wege geschieht, so sehen wir dieser Eventualität gerne entgegen, aber die Grundprinzipien müssen unantastbar sein. Sie bilden die Existenzberechtigung und das Wesen der Republik. Sie sind der Ruhm und Stolz Frankreichs. Unsere Pflicht ist es daher, dieselben von Tag zu Tag mehr zu verwirklichen und mehr und mehr in die Gesetze und die Sitten eindringen zu machen. Wenn Sie, meine Herren, in Ihre Gemeinden zurückkehren, so wird man Sie über Ihre Reise und die gewonnenen Eindrücke befragen. Sagen Sie dann, daß wir dem Geiste der Revolution treu bleiben und unser Patriotismus eben so groß ist, wie unsere Liebe zur Republik, weil wir ein freies, starkes, glorreiches Frankreich wollen, aber innerhalb der Grenzen der Gesetze und des Rechtes; daß wir ferner ein wegen seiner Macht und Friedensliebe geachtetes Frankreich wollen. Sagen Sie zu Hause, daß wir nicht ehrgeizig sind, nach dem Posten gestrebt zu haben, auf dem wir uns jetzt befinden, daß wir aber ohne Zögern und ohne Schwäche das Mandat erfüllen werden, deffen Ausübung uns von Ihnen so bedeutend erleichtert wird. Sagen Sie endlich und sagen Sie namentlich, daß in unserem Herzen weder Haß noch Groll gegen irgend jemanden besieht und daß unsere theuerste Hoffnung darin besteht, alle Franzosen brüderlich vereinigt zu sehen mit einer und derselben Liebe zum Vaterland und zur Republik."
Die Rede wurde mit ungeheuerem Beifall ausgenommen.
Max Regis, ber Bürgermeister von Algier, ersuchte nach dem Präsidenten der Republik eine Rede halten zu dürfen. Politische Gegner hinderten ihn daran. Es entstand eine Balgerei, der durch die Ausweisung von Max Regis ein Ende bereitet wurde.
Präsident Loubet begnadigte 171 Personen.
Die Blätter bezeichnen einstimmig das Fest als einen glorreichen Tag für Frankreich und die Republik. „Figaro" ist der Ansicht, daß die gestrige Kundgebung die Herzen aller guten Franzosen erfreuen müsse, welcher Partei sie auch angehören mögen. Sie sei em Beweis dafür, daß das Land Ruhe und Frieden haben wolle. „Petit Parisien" glaubt, die Kundgebung sichere die Republik gegen jeden weiteren Angriff und zerstöre vollends die nur noch geringen Hoffnungen der Reaktionäre und Royalisten. „Siöcle" und „Radical" bezeichnen den Tag als eine Apotheose der Republik, die im Inland wie im Ausland großen Widerhall finden werde. „Matin" nennt den 22. September einen glorreichen Tag für Frankreich, der kundgegeben habe, )aß es nunmehr wirklich den Frieden im Innern haben wolle. „Rappel" hält den Tag für den glorreichsten in der ganzen Zeit der Ausstellung. Die „Lanterne" erklärt, die linheitliche Kundgebung werde ihren gebührenden Platz in )er Weltgeschichte finden.
Politische Wochenschau.
In Mainz war diese Woche der sozial de mo- kratischeParteitag versammelt. Zur Einleitung hielten ozialdemokratische Frauen einen Kongreß, auf dem u. a. beraten wurde über Frauenbildung, bürgerliche Frauenbewegung, Arbeiterinnenschutz. Bezüglich des letzten Punktes wurde eine zehnwöchige Schutzzeit für Wöchnerinnen ver
langt, mä^renb welcher der Tagelohn aber weiterlaufen soll, Den Parteitag begrüßte der Mainzer Genosse Dr. David, überwiegende Mehrzahl ber Mainzer Bevölkerung für die Ideale der Sozialdemokratie in Anspruch nahm, unb ine alten großdeutschen Farben aushing, indem er von der Versammümg der Roten in dem goldenen bzw. schwarzen sprach. Davids Persönlichkeit hat neuerdings an Interesse dadurch gewonnen, daß er einer weiteren Mauserung ber Sozialdemokratie das Wort redet und zwar hinsichtlich des Zusammengehens mit den bürgerlichen Parteien. Die um David rechnen nämlich auf das Hervortreten eines scharfen Gegensatzes zwischen den Interessen der Landwirtschaft und der städtischen Bevölkerung und hoffen nun gemeinsam mit den liberalen städtischen Massen vereint unter dem Zeichen des gemeinsamen Kampfes gegen die der Landwirtschaft zu gute kommende Schutzzollpolitik größere Wahl, erfolge erzielen zu können. Die Genossin Luxemburg, die sehr redselig und von Zornwütigkeit beseelt war, tadelte eS sehr, daß die Partei sich die günstigste Gelegenheit habe entgehen lassen, gegen die deutsche Chinapolitik eine Massenbewegung ins Werk zu setzen. Von ihr beipflichtender Seite wurden dann noch verschiedene, angesichts der bischerigen thatsächlichen Entwickelung der Dinge verspätete Bemerkungen gemacht. Die Parteileitung, für die ber Tadel der Genossin zunächst bestimmt war, ließ sich denselben nicht allzu sehr zu Herzen gehen. Der Leitung wurde auch sonst am Zeuge geflickt; so wollen einige ein paar jüngere Kräfte in derselben sehen. Genosse Auer schilderte mit viel Humor, wobei er sich selbst einen großen Teil der Kosten auferlegte, die Lage der Parteileitung und befestigte auch das Vertrauen zu derselben. Wie seinerzeit das Gehalt Liebknechts, so wurde jetzt aufs schärfste die angeblich zu hohe Bezahlung des Leiters des sozialdemokratischen Buch- haudlungSwesenS in Berlin, Fischer, angegriffen. Doch drangen die Mäkler diesmal so wenig durch, wie damals gegen den „Alten", deffen Andenken übrigens auf dem Kongresse warm geehrt wurde. Wie früher wurde auch diesmal an den Berlinern herumgezerrt, weil sie allzu viel Einfluß in der Partei beanspruchen.
Den Anlaß gab der Umstand, daß gerade die Berliner sich gegen das „hohe" Gehalt Fischers in einem Anträge aussprachen und zu verstehen gaben, daß sie, weil sie so viel Geld für die Partei aufbrächten, auch entsprechend zu sagen haben wollten. Abg. Singer trat in Verteidigung des Parteivorstandes der Anmaßung derjenigen entgegen, die, weil sie daS meiste Geld aufbrächten, auch das meiste zu sagen haben wollten. Auch die polnische Angelegenheit kam zur Sprache; die Fraktion im Reichstage will gegen die Behandlung der Polen Einspruch erheben, wie Frau Luxemburg angeregt hatte. Anderseits zankte sich letztere mit einem polnischen Genossen herum, der lediglich national* polnische Ziele verfolgen sollte und ziemlich ungünstig ab- schnitt. Auch einen Antrag auf Abschaffung des Majestätsbeleidigungs-Paragraphen will die Fraktion im Reichstage stellen, sie kann dabei u. a. sich auf die Thatsache berufen, daß ein sozialdemokratischer Redakteur in Erfurt wegen Abdruckes eines in München unbehelligt gebliebenen Artikels zu einem Jahre Gesängniß verurteilt worden ist. Interessant waren die Debatten über den Antrag, betreffend bie Heber» nähme der Eisenbahnen auf das Deutsche Reich. Der Abg. v. Vollmar führte den Antragstellern zu Gernüte, daß die Durchführung dieses Gedankens gleichbedeutend sei mit der Unterstellung der sämtlichen deutschen Bahnen unter die Einwirkung Preußens, die man mit ihren Folgen für die Behandlung der Beamten u. s. w. nicht wünschen könne. Vollmar wies dabei hin auf den Verlust seiner wirtschaftlichen Selbständigkeit, den Hessen durch die Verschmelzung ber Verwaltung seiner Eisenbahnen mit ber preußischen erlitten habe, brang aber bemerkenswerterweise nicht mit seinem Wiberstanbe gegen bie reichspreußische Vereinheitlichung des Eisenbahnwesens durch. „Nun ändert sich bie Weltgeschichte!" rief er, als man gegen ihn beschloß. Auch bie Stellungnahme ber Partei zum Zentrum wurde be« sprachen unb angetünbigt, baß demnächst eine Flugschrift unter bie Bevölkerung ber Zentrumswahlkreise geworfen werden soll, die den Beweis führen soll, daß das Zentrum auf sozialpolitischem Gebiete feine Versprechungen nicht gehalten habe. Dadurch soll bann die Arbeiterbevölkerung dem Zentrum abspänstig gemacht werden. Vollmar trat wiederholt der oben erwähnten, in der Presse gegebenen Anregung von David bezüglich der gemeinsamen Agitation mit der bürgerlichen Bevölkerung gegen bie Lebensmittelzölle entgegen, inbem er als Parole ausgab: nicht gegen bie Lebens- nittelteuerung, fonbern für höhere Löhne, da man mit höheren Lohnen auch höhere Preise bezahlen könne. Der von Köln audgegangene Antrag, betreffend Einwirkung von Parteiwegen gegen den Schnapsteufel, wurde auch diesmal abgelehnt, trotzdem aus verschiedenen Städten Bilder ber Folgen bes Alkoholgenusses entworfen würben. Es war remerkt worben, baß man sich durch Annahme den beson- >eren Dank der Frauen verdienen werbe. Sehr lebhaft platzten )ie entgegengesetzten Anschauungen auseinander bei der Erörterung ber Beteiligung an ben LanbtagSwahlen, wobei auch bie WahlbünbniSfrage wieder zur Sprache kam.
Für eines der wichtigsten Verbrauchsmittel der Bevölkerung, die Kohle, sind die Preise ganz erheblich gestiegen, sodaß namentlich bie Jnbustrie darunter leidet, während freilich der Familienvater auch für den Winter erheblich tiefer in ben Beutel wirb greifen müssen. In ber Presse wird jetzt viel über biefe Kohlennot gesprochen unb nach ben Ursachen geforscht; baß die Preissteigerung künstlich ist, wird in weitesten Kreisen angenommen. Kein gßunber, wenn deswegen wieder ber alte Vorschlag auf» taucht, bie Kohlenproduktion zu verstaatlichen.
Der Reichstag ist immer noch nicht zusammen berufen. Die Aeußerungen tiefer Mißstimmung werden immer allgemeiner, immer lauter wird ber Ruf : Wir leben in einem konstitutionellen Staate! Die Reichsregierung aber


