Ausgabe 
25.9.1900 Erstes Blatt
 
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Nr 224 Erstes Blatt. Dienstag den 25 September 15V. Jahrgang LAOG

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Montags.

Die Gießener AamlltenVtLtter werden dem Anzeiger im Wechsel mitHess. Landwirt" u.Blatter für Hess. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelegt.

Amts« und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schukstraße Ar. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Matter für hessische Uatbskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.

Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Wil.

Bekanntmachung.

Die LebensversicherungS- und Ersparnisbank in Stutt­gart hat seit einigen Jahren mit dem landwirtschaftlichen Verein von Oberhessen einen Vertrag geschlossen, wonach den Vereinsmitgliedern bei Eingehung einer Lebensversiche­rung die- Vorteile zufallen, daß sie 4 pro Mille der Ver­sicherungssumme als einmalige Vergütung erhalten und bei einer Versicherungssumme von mindestens 3000 Mk. keine Kosten für Ausfertigung der Police außer Stempelkosten haben. Daran anschließend nehme ich Veranlassung, den Vereins- Mitgliedern den Abschluß von Lebensversicherungen über­haupt, und mit der genannten Versicherungsgesellschaft ins­besondere warm zu empfehlen. Die Lebensversicherung hat in den letzten Jahrzehnten außerordentlich an Umfang ge­wonnen, und ist gerade für den Landwirt von besonderer Bedeutung. Sie ist ein Mittel, beim Erbgang eine Be­lastung des Grundbesitzes mit Schulden zu verhüten, be­stehende Schulden zu tilgen, den Bestand der Wirtschaft zu sichern und der Familie zu erhalten, und sie gestattet in dem Falle der sogen, abgekürzten Versicherung dem alternden Landwirt, den Besitz an Kinder zu übergeben, sich auf Einsitz und Auszug zurückzuziehen, ohne auf weitere Beihilfe seiner Kinder angewiesen zu sein. Bei dieser abgekürzten Ver­sicherung wird die Versicherungssumme entweder beim Todes­fall oder bei Erreichung eines bestimmten Lebensalters aus­gezahlt.

Um möglichst billige Prämien zu erlangen, ist ein früh­zeitiger Versicherungsabschluß, schon in jungen Jahren nötig. In jedem Falle begründet die Versicherung einen wohl- Ihätigen Sparzwang, und die Police kann als Wertpapier in einem gewissen Maße beliehen und so für den Kredit des Landwirts nutzbar gemacht werden.

Die Stuttgarter LebensversicherungS- und Ersparnis­bank nimmt unter den zahlreichen Versicherungsgesellschaften, Ähnlich wie die Gothaer Lebensversicherungs-Gesellschaft, eine hervorragende Stelle ein; sie hat einen Versicherungsstand am Schlüsse des Jahres 1899 von 577 Mill. Mk. und ver­teilt in 1900: 38 Prozent Dividende. Ihre Bedingungen sind sehr günstig. Die Dividende kommt bei der Prämie nach 5 Jahren im vollen Betrag, und bei Zusatzprämien der abgekürzten Versicherung zur Hälfte in Anrechnung, die Versicherung bleibt auch für die Kriegsgefahr bei den Wehr­pflichtigen ohne weiteres in Kraft, (auch für Offiziere des Beurlaubtenstandes). Die Kündigungsverhältnisse, und die Folgen der Zahlungssäumnis bei den Prämien sind in sehr entgegenkommender Weise geregelt, sodaß ein gänzlicher Verlust der eingezahlten Summe nie eintritt; ebenso die Bestimmungen bei Selbstmord und Zweikampf. Die Police wird je nach Höhe ihres Kündigungswertes von der Gesell­schaft beliehen.

Ich würde mich freuen, wenn der Zweck dieser Zeilen, manchen Landwirt unseres Bezirkes zur Eingehung einer Lebensversicherung anzuregen, erreicht würde.

Gießen, den 19. September 1900.

Der Direktor des landw. Bezirksvereins.

___v. Bechtold.__________________

Bekanntmachung.

Betr.: Die Neugestaltung des Kastenwesens.

Au die Großh. Bürgermeistereien des Distriktseiuuehmereibezirks Treis a. d. Lda.

Wir ersuchen Sie ergebenst, in Ihren Gemeinden bald­gefälligst bekannt machen zu lassen, daß die Distrikts- einnehmerei Treis vom 1. Oktober d. Js. ab aufge­hoben wird.

Zahlungen können nur noch bis 26. d. Mts., mit dcm Beginn der Ueberlieferung, an dieselbe geleistet werden.

Die etwa rückständigen Steuern müssen daher von diesem Tage ab an die Großherzogl. Distriktseinnehmereien Gießen II und Grünberg resp. an deren Untererheber ab- geführt werden, während die rückständigen indirekten Auf­lagen (Hundesteuer, Polizeistrasen, Forst- und Feldstrafen) nur von Großh. Distriktseinnehmerei Gießen II in Empfang genommen werden.

Die übrigen Zahlungen (Zinsen, Renten rc.) find an die auzufordernde Behörde zu bezahlen.

Gießen, den 21. September 1900.

Großherzogliche Distriktseinnehmerei Treis.

Dieter.

Tilsit.

Tilsit der Name erweckt die Erinnerung an eine schwere Zeit. Tilsit das bedeutete den Zusammenbruch des Staates Friedrichs des Großen, die Vernichtung. Der Hochmut und die Willkür des Korsen hat hier die Besiegten schonungslos gedemütigt. Aber wundersam sind die Wege der Geschichte: gerade die Demütigung von Tilsit sollte den Gedemütigten zu einem Ruhmestitel werden. Aus der Nacht der TilMer Tage strahlt Luisens Sterne in einem hellen, fleckenlosen Glanze. Nie war Preußens Königin als Fürstin unMrls Frau so groß, als in jenen Unglückstagen, Ä.a sie dMtGewaltherrn gegenübertrat.

Als das Unglück 18w über Preußen hereinbrach und die königliche Familie zur Flucht nach unserer äußersten Nordostmark nötigte, war Königsberg die erste Stadt, wo die vor dem Korsen fliehende königliche Familie ein paar Wochen ausruhen konnte. Zu allem Unglück gesellte sich noch der Typhus, und auch die Königin Luise wurde von ihm befallen. Ihr Arzt, Hufeland, schreibt darüber:

Endlich, ergriff der Typhus auch unsere Königin, an der alle Herzen und auch unser Trost hing, und /nie werde ich die Nacht des 22. Dezember 1806 vergessen, wo sie in Todesgefahr lag. Aber es fing an sich zu bessern."

Plötzlich kam die Nachricht, daß die Franzosen heran­rücken. Und so wurde ^die Königin am 3. Januar 1807 bei heftiger Kälte, bei fürchterlichem Sturm in den Wagen getragen und zwanzig Meilen weiter über die Kurischß Nehrung nach Memel transportiert. Nachdem die ver­einigten Russen und Preußen bei Pr.-Eylau und später die Russen am 14. Juni 1807 bei Friedland geschlagen waren, mußte sich Friedrich Wilhelm III. entschließen, mit Napoleon zu unterhandeln. Am 5. Dezember 1806 hatte die Königin Luise in ihr Tagebuch die Goethe'schen Verse geschrieben:

Wer nie sein Brot mi? Thränen. Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß. Der kennt Euch, nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein. Und läßt den Armen schuldig werden; Dann überlaßt ihr ihn der Pein, Denn alle Schuld rächt sich auf Erden!."

Zehn Tage nach der Schlacht bei Friedland schrieb die Königin an ihren Vater nach Strelitz:

Aufs neue ist ein ungeheures Unglück über uns gekommen, und wir stehen auf dem Punkte, das König­reich zu verlassen.....Mein Glaube kann nicht wanken,

nur zu hoffen wag ich, nicht mehr. Auf dem Weg des Rechts leben und sterben, wenn es sein muß, Brod und Salz essen, nie werde ich, ganz unglücklich sein. Nur zu hoffen wag ich nicht. Wer so von seinen Himmeln herunter­gestürzt ist, kann nicht mehr hoffen. Kommt das Unglück es wird mich auf Augenblicke in Verwunderung setzen, aber beugen kann es mich, nicht, so lange es nicht verdient ist. Nur Unrecht unsererseits wird mich zu Grabe bringen. Da 'komme ich, aber nicht hin . . Nie wird etwas von unserer Seite geschehen, was nicht mit der strengsten Ehre ver­träglich ist."

Am Nachchittag des 4. Juli war's, als die Königin im Dorfe Piktupönen bei Tilsit ankam; im Hause des Geistlichen fand sie eine recht gute Wohnung. Gleich nach ihrer.Ankunft kam Hardenberg, die Königin für ihre schwere Mission zu instruieren. Der springende Punkt dieser In­struktion war Magdeburg. Magdeburg als den Haupt­stützpunkt der Elblinie dem arg verstümmelten Preußen zu erhalten, daran sollte Luise alles setzen. Am Asbend kam der König aus Tilsit, und die tiefgebeugten Ehegatten konnten die Aussichten des Versuches erörtern.

Am nächsten Tage erschien Napoleons Oberstallmeister Caulineourt in dcm Dorfe, um die Königin namens seines Gebieters zu begrüßen und ihr zu melden, Napoleon werde ihr seinen Besuch abstatten, sobald sie sich in dem neutral erklärten Tilsit befinde. Es war klug, mit der Fahrt nach Tilsit nicht zu s ehr zu eilen; man setzte sie aus den nächsten Tag fest. Nack),mittags 4 Uhr fuhr Napoleons achtspänniger Staatswagen donnernd vor dem schlichten Pfarrhause von Piktupönen vor, und unter der Eskorte französischer Garde- Dragoner fuhr Königin Luise der Schicksalsstunde entgegen. Ihre treue Voß, die Oberhofmeisterin, und die Gräfin) Tauentzien begleiteten sie.

Am 6. Juli fand in einem Hause der Deutschen Straße zu Tilsit die denkwürdige Zusammenkunft zwischen der Königin Luise und Napoleon statt.

Welche Gegensätze, die sich da in Tilsit trafen! Alt­fürstliches Blut und kaiserlicher Emporkömmling, weib­liche Hoheit und brutaler Wille, die verzweifelnde Be­siegte und dieJncarnation des Erfolgs". Luise war trotz ihrer Leiden damals noch im vollen Besitz ihrer Schönheit; ein Kleid von. weißem dünnen Stoffe, das am Saume mit Silber gestickt war, und das Diadem auf ihrem Haupte ließen die ganze Hoheit ihrer Erscheinung

voll zur Geltung kommen. Napoleon war damals nichp mehr der hagere bleiche Offizier, der noch vor zehn Jahren in unbefriedigtem Ehrgeize das Pflaster von Paris ge­treten hatte; er war dick, braun und häßlich geworden, nur Mund und Zähne waren in dem harten Antlitz schön. Das waren die beiden, die sich, dort an dem Sommer­nachmittage zu Tilsit trafen; nur der geschmeidige, falsche Talleyrand, le diabie boiteux, war Zeuge ihres Gespräches.

Auf St. Helena ungeheure Wendung des Schick­sals! hat Napoleon, später geäußert:Sie blieb trotz meiner Gewandtheit und trotz aller meiner Mühe Herrin der Unterhaltung, und dies mit so großer Schicklichkeit, daß es nicht möglich! war, darüber unwillig zu werden." Er versuchte dem Gespräche einen leichten Ton zu geben, indem er von ihrer Toilette zu sprechen begann; aber Luise antwortete:Sollen wir in einem solchen Momente von so unbedeutenden Sachen sprechen?" Da brüskierte sie der Kaiser mit der plötzlichen Frage:Wie konnten Sie nur Krieg mit mir anfangen?" Mer würdevoll ver­setzte die Königin:Sire, dem Ruhme Friedrichs war es erlaubt, uns über unsere Kräfte zu täuschen, wenn anders wir uns getäuscht haben." Napoleon war über­rascht; die Wahrheit und Hobeit dieser Frau machte Ein­druck auf ihn, und als sie die Sache vorbrachte, die ihr auf der Seele lag, als sie das große WortMagdeburg" nannte, soll er geantwortet haben:Ich werde daran denken!" Jedenfalls durfte Luise den Verlauf dieser Viertelstunde als nicht ungünstig ansehen. Mer, einmal ihrem Banne entrückt, ward Napoleon gleich- wieder er selbst. Auf dem Heimwege schon soll ihn Talleyrand be­arbeitet und gefragt haben, ob er um einer schönen Frau willen seine größte Eroberung nicht gehörig ausnntzen wolle; und Napoleon war brutal und nüchtern der Ansicht, daßMagdeburg hundert Königinnen wert sei." Mer warum sollte er zu der schönen und interessanten Frau nicht liebenswürdig sein? Er war es nach Kräften bei do nnPrunkmahle, das sich anschloß. Freilich, so oft sie auf ihr großes Anliegen kam, wich er aus. Aber Luise ließ nicht ab. Im Scherze wie im Ernste vertrat sie ihre Sache. Als der Kaiser, der sehr guter Laune schien, sich nach dem Essen mit ihr unterhielt und ihr eine Rose anbot, nahm sie die Rose mit den Worten:Zum mindesten mit Magde­burg."Ich! muß Ew. Majestät bemerken, daß an mir ist, zu bieten, an Ew. Majestät anzunehmen oder abzu­weisen", versetzte Napoleon scharf. Da lehnte Luise die Rose ab. Trotzdem war sie, als sie nack)ts nach' Piktupönen zurückfuhr, ziemlich guten Mutes; fte1 war mit dem bis­herigen Gange der Dinge nicht unzufrieden und glaubte auf Erfolg rechnen zu dürfen.

Schwere Enttäuschung! Als die Verhandlungen am nächsten Tage fortbesetzt werden, fuhr Napoleon den preußi­schen Bevollmächtigten Grafen Goltz mit den Worten an, alles, was >er cher Königin gesagt, seien jnur höfliche Phrasen gewesen, die ihn zu nichts verpflichteten. Umsonst also alle Bitten, umsonst die Demütigung! So konnte Luise nur mit tiefstem Widerwillen nochmals nach Tilsit zurück­kehren . Zweimal fuhr Napoleon an ihrem Hause vor­über, ohne sie zu befinden; er wollte ihr wohl zu ver­stehen geben, daß sie nichts zu hoffen habe. Kein Wunder, daß bei der Mendtafel, zu der der Kaiser die Königin eingeladen hatte, die peinlichste Stimmung herrschte. Na­poleon, so erzählt die Gräfin Voß, sah verlegen und zu­gleich tückisch und boshaft aus, die Konversation war all­gemein sehr gezwungen und einsilbig, und Luise machte aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. Sie bedauere, sagte sie zu ihm, daß er sie scheiden sehe, ohne daß sie in dem Helden auch den großmütigen Sieger ehren könne. UnS ihr Mschiedswort an ihn war:Ich! bin grausam ent­täuscht worden!"

Ja, grausam enttäuscht! Nie hat Luise diese Stunden vergessen.

Sie reiste trostlos nach Memel zurück. Der Friede ward geschlossen, alle Schwach der Mederlage ausgekostet. Sie aber war Siegerin. Die Würde und Hoheit eines edlen Frauenherzens hatte den sittlichen Triumph davongetragen über die Uebermacht, über den allmächtigen Mann der Zeit. Sie hatte sich keinen Augenblick verloren. Darum durfte sie Heinrich von Kleist mit Recht feiern als die,

. ... Die aus dem Kampf empörter Zeit t

Die einz' ge Siegerin hervorgegangen.

* *

Neben der Schloß müh le in Tilsit, an einem einfachen Hause, in dem damals Friedrich Wilhelm III. mit seiner Gemahlin wohnte, befindet sich jetzt eine Tafel mit der Inschrift:Im Juni 1807 hat hier das preußische Königs­paar residiert." Unweit davon schauen die waldbekränzten Uferhöhen in die Straßen der schön am breiten Memel- ström gelegenen Geburtsstadt Sck)<nckendorffs hinein, die allezeit ein Hort mannhaften Bürgertums war, in der einst T e m m estrafversetzt" wirkte, W i l h e l m I o r d a n seine ersten dichterischen Schwingen regte und Hermans