Am 31. d. M., am Tage der großen Frühjahrsparabe der Potsdamer Garnison, wird in Gegenwart des Kaisers die Anstellung des Kronprinzen zur praktischen Dienstleistung in das erste Garderegiment zu Fuß stattsinden. Dieser Akt soll sich in,' zwei Teilen, und zwar im Hofe des Stadt- ßchlosses und im Lustgarten, abspielen.
— Wie die „Rat. Ztg." von wohl unterrichteter Seite hört, sind die ^verschiedenen Gerüchte über eine bevorstehende Verlobung der Königin von Holland, auch das, welches den Prinzen Bernhard von Weimar nennt, völlig haltlos. Heiratspläne irgenbwelcher Art schweben nüfjt
—(Der Kronprinz -und die> Kronprinzess in von Griechenland sind mit ihren Kindern heute vormittag zu längerem Aufenthalt aus Schloß Friedrichshof bei Kronberg eingetroffen.
— Das Staats Ministerium trat heute nachmittag unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe im Reichstagsgebäude zu einer Sitzung zusammen.
— Im preuß. Ministerium des Innern fand heute vormittag eine Konferenz statt, der u. a. die Minister Frhr. v. Rheinbaben und v. Thielen, Geheimrat Friedheim und zwei Direktoren der Straßenbahnverwaltung beiwohnten. Es handelte sich um die Frage, in welchem Umfange der Straßenbahnbetrieb heute und an den folgenden Tagen wiederj ausgenommen werden solle. Nachdem festgestellt war, daßs der Wiederaufnahme des vollen Betriebes schon am heutigen Tage nichts im Wege stehe, ließ der Minister v. Rheinbaben seine gestrigen Bedenken, den vollen Betrieb schon heute aufzunehmen, fallen, ordnete aber an, daß die Straßenbahinftrecken, namentlich in den Abendstunden, noch durch polizeiliche Patrouillen überwacht werden sollen, um jedem Versuch, den Vertrieb zu stören, oder die Beamten und Fahrgäste zu belästigen, vorbeugen zu können. Die am Ausstand nicht beteiligten Beamten haben Prämien erhalten. Ten ausständig gewesenen Beamten soll! dagegen am Gehalt nichts gekürzt werden.
— Bei der Fortsetzung der Beratung der Deckungs- frage für die Flotte, beschloß die Budgetkommission des Reichstages heute, für Schiffsfrachtbriefe zwischen in- und ausländischen Häfen den Stempel auf 1 Mark und für Kanossemente zwischen den Häfen der Nord- und Ostsee, dem Kanal und der norwegischen Küste auf 10 Pf. festzusetzen. Ferner wurde beschlossen, auf Wunsch der Abg. v. Kardorff, Graf Stolberg und Prinz v. Arenberg, bei dem Totalisator erst vom 1. Januar 1901 ab die Verdoppelung des Stempels ' eintreten zu lassen, damit die Einzelstaaten den Ausfall bei den Rennvereinen in den Etat einstellen können. Im übrigen soll die Novelle zum Stempelgesetz, deren Beratung hiermit abgeschlossen ist, am 1. Juli 1900 in Kraft treten. Weiterhin wurde die Novelle zum Zolltarif unverändert in der Fassung erster Lesung bestätigt; dieselbe soll eben- wlls am 1.' Juli d. I. in Kraft treten. Damit hat die Kommission das Flottengesetz erledigt. Der Bericht über die Beratungen des Flottengesetzes wurde heute verlesen und genehmigt.
— Nach einer Meldung aus Würzburg erhielt bei der Landtagswahl an Stelle des verstorbeiien Oertel, Dr. Freiherr Haller v. Haller stein (Sozialdemokrat) 161 Stimmen. Die Liberalen gaben 52 weiße Zettel ab.
— Wie der „Börsen-Courier" berichtet, ist die von der Stempel-Vereinigung und dem Verein für die Interessen der Fondsbörse gewählte Deputation gestern vom Handelsminister Brefeld zu einer Besprechung empfangen worden. Tie Eindrücke, welche die Mitglieder der Deputation bei diesem zweieinhalb Stunden währenden Empfange erhalten haben, sind nach dem genannten Blatte als die denkbar besten zu bezeichnen.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet: Sicherem Vernehmen nach ist die seit langer Zeit angestrebte Einigung über die Aufftellung gemeinsamer Grundzüge für die m e - dizinischen Promotionsordnungen sämtlick)er deutschen Universitäten durch eine Verständigung der beteiligten Unterrichtsministerien neuerdings zum Mschluß gekommen. Mit der getroffenen Vereinbarung hängt die im „Reichsanzeiger" vom 7. Mai d. I. zum Abdruck gelangte Bekanntmachung des preußischen Unterrichtsministers zusammen, wonach die an nichtpreußischen Universitäten des Reichsgebietes erworbene medizinische Doktorwürde im Sinste des § 2 des Kreisarzt-Gesetzes der von den preußischen Universitäten erteilten gleichgestellt wird, und mithin für die Anstellung als Kreisarzt in Preußen ein Unterschied in dieser Beziehung nicht mehr besteht.
— 100 hervorragende Druckereibesitzer haben hier in einer Versammlung beschlossen, dem Publikum mitzuteilen, daß vom 1. Juni ab eine Erhöhung der Satz- und Druckpreise um 10 pCt. und eine Erhöhung der Papierpreise entsprechend dem jeweiligen Marktpreise eintreten werde. Einstimmig war man in der Versammlung der Meinung, daß die Truckereibesitzer zu diesem Schritte gezwungen feien, weil sie sonst nicht mehr existieren könnten. Es sind die angesehnsten Berliner Firmen, die sich zu diesem Schritte entschlossen haben, und es steht zu erwarten, daß in ben nächsten Tagen die anderen nennenswerten Buchdruckereien dieser Erhöhung zustimmen werden. Die in der Versammlung anwesenden Firmen verpflichten sich auch durch Unterschrift, während der Dauer eines halben Jahres Arbeiten, dre früher in anderen Druckereien hergestellt wurden, nicht zu übernehmen, sofern wegen der Preiserhöhung ein anderer Drucker gesucht wird. Ein Ehren- cht von sieben Buchdruckereibesitzern wurde gewählt, der rn zweifelhaften Fällen entscheiden soll, ob die Arbeit übernommen werden kann oder nicht.
f en, 22. Mai. Aus Libyllenort wird amtlich gemeldet, bay sich bei dem K ö n i g A l b e r t nack) der Rück- ? t 00 or rX^€r Pürschjagb Blasenbeschwerden eingestellt haben. Auf ärztlichen Rat muß der König einige Tage das Bctt hüten. ES soll ein Spezia,arzt für Blasenleiden aus Berlin an das Krankenlager berufen werden.
Karlsruhe, 22. Mai. Die Torpedoboot-Division tritt morgen' früh 9 Uhr 30 Min. die Rückreise nach Mainz an. Die Offiziere und ein Teil der Mann- fchaften wurden heute vom Großherzog empfangen. Kapitänleutnant Funke erhielt/ das Ritterkreuz 1. Klasse, die übrigen Offiziere das zweiter Klasse.
— Bei dem heutigen F e st e s s e n, das die Stadt zu Ehren der Torpedoboot-Division gab, wurde folgende Antwort des Kaisers auf das gestrige Be
grüßungsielegramm bekannt gegeben: „Eurer Kgl. Hoheit spreche ich meinen wärmsten Dank aus für die freundlichen Mitteilungen über den begeisterten Empfaäg, welcher meiner Torpedobootdivision in dem badischen Lande bereitet worden ist.. Ich habe mich sehr gefreut, daß auch Eurer Königlichen Hoheit Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe es sich! nicht hat nehmen lassen, Offiziere und Mannschaften der Division, in ihren Mauern zu begrüßen und ein glänzendes Zeugnis von dem lebhaften und verständnisvollen Interesse abzulegen, welches die Herzen des badischen Volkes für unsere Flotte erfüllt. Die freudige Aufnahme, welche die Torpedoboot-Division auf ihrer Rheinfahrt überalt sgefunbew hat, bestärkt mich in der frohen Zuversicht, daß meine Bestrebung, Deutschland auch eine starke Kriegsflotte zu schaffen, dank der freudigen Mitarbeit des deutschen Volkes, unter Führung seiner erlauchten Fürsten, zu einem segensreichen Ziele führen werde. Ich bitte Eure Königliche Hoheit, auch der Bürgerschaft von Karlsruhe Meinen herzlichen Dank für ihre treuen Grüße zum Ausdruck zrh bringen. Wilhelm.
Straßburg, 22. Mai. Bei dem Bürgermeister ist ein Telegramm des Kapitänleutnants Funke eingegangen, wonach die Fahrt der Torpedoboote nach Straßburg sich als unausführbar herausgestellt hat. Die Boote gehen morgen nach, Mainz.
München, 22. Mai. Eine Rede, welche Prinz Ludwig in Straubing gehalten hat, wird hier wegen der auf das Reich bezüglichen Stellen sehr lebhaft besprochen. Die einen meinen, es handle sich um eine rednerische Entgleisung, andere meinen, der Prinz, der sich vor zwei Jahren mit so großer Zuversicht auf die ihm vom Kaiser bezüglich des Mainkanals/ gegebene Versicherung berufen hat, sei verstimmt, gewesen, daß es mit der Mainkanalisation nicht vorwärts gehe. Thatsache ist aber, daß eine Vers! n d i g u n g bereits erfolgt ist. Wieder andere meine", daß die Worte des Prinzen auf andere allgemeine politische Verstimmungen zurückzuführen seien, die gewissermaßen ungewollt zum Ausdruck gekommen seien. Man erinnert in dieser Beziehung an seine Moskauer Rede, auf die dann allerdings Kiel gefolgt ist. Im Grunde genommen, fanden alle Parteien in der Rede etwas, was ihnen unbequem ist.__________________
AsÄmÄ.
London, 22. Mai. Das Kolonialamt ist feit einigen Tagen ohne Nachrichten von dem Gouverneur von Kumassi, der nach den letzten Meldungen von 10,000 Ashantis eingeschlossen war.
Haag, 22. Mai. Die Zweite Kammer bewilligte einen Kredit von 1V2 Millionen fL, um die Bewaffnnng der Truppen durch ein neues Gewehr von 6ya mm Kaliber zu vervollständigen.
Paris, 22. Mai. In der heutigen Kammerdebatte über die Interpellation Castellane, betr. die Wiederauf- nahme der DreyfuS-Angelegenheit und die all- gcmeine Politik der Regierung griff Paul de Cavaignac die Regierung heftig an, erklärte jedoch, er wolle das Kabinett nicht stürzen helfen, obgleich das mehr, als jede Oppositionspartei dazu beitrage, die Republik zu diskretieren. Waldeck-Rousseau antwortete, indem er die Politik der republikanischen Vereinigung befürwortete und verteidigte. Ribot griff ebenfalls die Regierung in einer längeren Rede an. Schließlich wird die einfache Tagesordnung, gegen welche die Regierung sich erklärt hatte, mit 298 gegen 250 Stimmen abgelehnt und alsdann eine Tagesordnung, in welcher der Regierung das Vertrauen ausgedrückt wird, mit derselben Mehrheit angenommen. In den Wandelgängen der Kammer wird über diesen Sieg des Kabinetts über die Reaktion lebhaft diskutiert.
— Der „Eclair" berichtet, daß der Minister des Innern an der Wiederaufnahme der DreyfuS-Angelegenheit insofern arbeite und den augenblicklichen Waffenstillstand während der Ausstellung benutzen wolle, die Dreyfus'Affaire wieder auferstehen zu lassen. Die Sicherheits-Polizei verhandle mit Persönlichkeiten, die von dem Agenten ThompS beauftragt waren, Zeugen ausfindig zu machen, um eine Kassierung des Urteils spruches von RenneS veranlassen zu können.
Madrid, 22. Mai. Der „Heraldo" berichtet, daß außer der Heirat der Prinzessin von Asturien mit dem Prinzen Karl von Caserta auch die der Infantin Maria Theresa, der zweiten Tochter der Königin, mit dem Erzherzog Ferdinand Karl von Oesterreich bevorstehe. Beide Hochzeiten sollen am selben Tage erfolgen.
Bern, 22. Mai. Am Geburtstag des Königs Humbert brachte die hiesige italienische Musikgesellschaft „Filarmonica" dem hiesigen italienischen Gesandten Riva eine Ovation. Italienische Sozialisten kamen hinzu und riefen in Gegenwart des italienischen Gesandten: „Nieder mit dem König, nieder mit der Gesandtschaft, nieder mit den Mördern!" Infolge dieser Affaire hat der Bundesrat die Ausweisung der in Bern wohnenden Italiener Cattaneo, Moroni und Sarcinelli verfügt.
Wien, 22. Mai. Wie von informierter Seite verlautet, wird die Gräfin Lonyay infolger hoher Vermittelung demnächst mit ihrem Vater, dem König der Belgier, eine Zusammenkunft in Paris haben. Nach dieser Zusammenkunft soll dieselbe die Erlaubnis erhalten, den Titel „Königliche Hoheit" zu führen und eine Einladung zum Besuch der königlichen Familie nach Schloß Laeken erhalten.
— Wie verlautet, soll am Pfingstsonntag die Verlobung des Erzherzogs Franz Ferdinand mit der Gräfin Sophie Chotek amtlich publiziert werden. Die Hochzeit soll zwischen dem 15. und 22. Juni in aller Stille stattfinden. Das neuvermählte Paar wird seine Residenz im Belvedere stattfinden.
Budapest, 22. Mai. Im Laufe der Beratung des Ordinariums des Heeresbudgets antwortete der Reichskriegsminister auf einzelne Fragen und erklärte, auf die angeregte zweijährige Dienstzeit könne die Armeeverwaltung nicht eingehen. Dies mache schon der sehr verschiedene Bildungsgrad der Bevölkerung unmöglich.
Der Berliner Goethebuud und die Lex Heinze.
Berlin, 23. Mai.
Eine Versammlung von über 6000 Personen aus alle« Ständen füllte den Zirkus Renz bis zum letzten Plan Der Vorsitzende, Herm. Sudermann, eröffnet die Versammlung und begründet, warum der Goethebund obnn die Politiker entstanden sei. In diesem Augenblick kommt Mommsen. Sudermanns Rede wird von minutenlangem, stürmischem Beifall unterbrochen, bis Mommsen: persönlich gedankt. Der erste Redner Franz v. Liszt will nicht als Jurist, sondern als Mitbürger den Geist des Banausentums in der-Lex Heinze brandmarken. Er bezeichnet es als eine Aufgabe der Zukunft, das Pulver trocken zu halten. Reichstagsabgeordneter Schrader will nicht mehr böses über Tote sagen, als durchaus notwendig ist. Er begründet das äußerste Mittel der Ob- sttuktion, erörtert, was von der Lex Heinze übrig geblieben und fordert zur Weiterführung des Kampfes auf. Redakteur D e r n b u r g , namens der Presse, begrüßt die Frauen, die von den früheren Versammlungen ansge-. schlossen waren. Er erinnert an den heutigen Geburtstag Wagners. Abg. Tr. Müller- Mettttngen faßt die stürmische Begrüßung seiner Person als einen Protest gegen Gröber, Roeren und Stöcker auf. Er will als Zahnarzt dem Drachen die Giftzähne ausziehen, charakterisiert den berühmten Normalwemschen und macht Propaganda für den Goethebuud, der bislang negativ gewirkt und jetzt offensiv vor gehen werde. Die schlauen Teufel müssen vermehrt werden, damit die dummen Teufel. Stöckers Leibgarde, zu des Teufels Großmutter geschickt werden. Schließlich richtet er einen lebhaften Appell an die akademischeJugen d, auch an die Jugend de« Gewerbetreibenden und der Arbeiter.
Abg. Heine begann mit den Worten des Boten von Marathon: Wir haben gesiegt? Es war ein Kampf gegen eine ungeheure Ueberzahl des Barbarentums. Die Unterlegenen haben nichts gerettet, am wenigsten die Ehre. Das Restchen von Theaterparagraph sei ein altes Geschütz, das vorher vernagelt worden sei. Der Kampf gegen den Heinze- geist müsse fortbauern, denn heute schon sei der Nörmal- mensch durchs Reichsgericht eingeführt. Der Goethebund möge die Heinzemänner lehren, sich noch mehr zu schämen. Heine schließt ferne Rede mit Huttens Wort: Ich Habs gewagt und meine Fehde, sie währet fort.
Der letzte Redner, Ernst v. Wolzogen, beginnt! witzig, in feiner nackten Freiherrlichkeit wolle er der Freiheit und Herrlichkeit der Kunst Worte widmen. Der Sieg fei im Zeichen Goethes, des großen Antiphilisters, errungen, jetzt war's nur ein Polterabendscherz. In seinem Schlußwort sagt Sudermann, eine Art von Frühling sei heute über Deutschland gegangen. Die erste Aufgabe habe der Goethebund gelöst. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen:
„Die Versammlung nimmt mit lebhafter Befriedigung Kenntnis von der glücklichen Wendung, welche dev Kampf gegen die kunstfeindlichen Tendenzen der Lex- Heinze durch das kraftvolle Eingreifen der links stehenden Parlamentsparteien erfahren hat, und spricht ihnen hierfür ihre wärmste Dankbarkeit aus. Sie ist überzeugt, daß dieser Versuch, das deutsche Geistesleben! dunkelmMMischem Wesen auszuliefern, nicht der letzte, bleiben wird, und giebt der zuversichtlichen Erwartung! Ausdruck, daß die aus den verschiedensten Heereslagernj stammenden Bundesgenossen in Volk und Parlament, die dieser jüngste Vorstoß einer freiheitsfeindlichen Geistesrichtung zu einander geführt, auch künftig in einmütiger Gegenwehr beisammen stehen werden."
Hochrufe auf Sudermann und Heine setzten sich bis auf die Straße fort_________________
Aus Stadt und Sand.
** Wieder steht das HimmelfahttSfest vor der Thür. Hunderte von Wirten harren der Gäste, taufende erholungsbedürftiger Menschen des freien TageS. Werden sich die Erwartungen der einen, die Hoffnungen der anderen auch erfüllen? Wird das Wetter uns keinen Strich durch die Rechnung machen und uns gar statt des Festtages einen verregneten Trauertag bescheren? Werden die Schinken und Braten, die Würste und Käse und die Kaffeekuchen, die die Restaurateure zurichten, ungegessen, die Biere und Kaffees ungetrunken und die Festkleider im Schranke hängen bleiben, indes die Wirte und die zu Haufe gebliebene Menschheit mit stillem Vorwurf zum Himmel emporstarren und aus grauen Wolken endlosen Regen niederriefeln sehen? Oder wird das heutige leichte Gewölk sich teilen und eine rechte, goldene HimmelfahrtSfonne herniederlachen auf glückliche, fröhliche Menschenkinder, die die Lust des Feiertages mit vollen Zügen genießen? Wer will heute schon sagen, wie es kommen wird. Das Wetter in diesem Frühjahr ist unberechenbar und macht vielleicht schon heute nachmittag alles zu Waffer, sodaß sich dann der Antrag auf Feldbereinigung deS links der Lahn gelegenen Teiles der Gemarkung Gießen, der heute unseren Stadtvätern vorliegt, ganz von selbst erledigt ! — Bereinigungen und Reinigungen liegen jetzt überhaupt sehr nahe. Es ist jetzt eine Lust, in den Fluten der offenen Lahn seine Glieder zu reinigen. Hoffentlich wird nächstens auch der Volks garten von den ewigen Umbuddeleien gereinigt und man kann wieder fröhlich und getrpft in ihm wandeln. Der R e i ch s t a g ist von derLexHeiuze gereinigt worden, und aller Blicke richten sich feit einigen Tagen auf den Rhein, auf dem die Torpedoflottille herumgondelt, und nach des RheingauS Hauptstadt, nach Wiesbaden, zn den Maisestspielen, wo man sich wieder einmal um Lauffsche Kunst erhitzt, während in London das heftige Mafekingfieber hitzig durch die sonst so kühlen Adern John BullS tobt. AufdemsüdafrikanifchenKriegSs chauplatze geht's z.Z. weniger hitzig zu, und keinem deutschen Quintaner- Herzen macht's heute Spaß mehr, im Kriegsspiele den Bur vorzustellen. Dieser Krieg, in dem anfangs so viel Maulheldentum sich hervorthat und soviel Maultierblut statt Heldenblut den goldhaltigen Boden rötete, verläuft nach dem Empfinden unseres Herzens allgemach gar zu tragisch. Weniger tragisch war der Ausgang des Krieges, der in der


