Ausgabe 
20.6.1900 Erstes Blatt
 
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"SJer Großherzog antwortete dem Zaren hierauf:

,,Lebhaft gerührt von der Gnade, die Du mir zum Gedächtnis an meinen verstorbenen Vater erwiesen hast. Danke idy Dir von ganzem Herzen und bitte Dich, mir zu glauben, daß ich stolz bin, mich Ehrenchef dieses tapfern Regiments nennen zu können, welchem ich die Ehre habe schon so lange anzugehören. Ich verbleibe mit meiner Frau und meinen Kindern Dein ganz ergebener und dankbarer Friedrich August."

Homburg v. d. 5)., 18. Juni. Die Kaiserin empfing gestern vormittag den Besuch des griechischen Kronprinzenpaares auf Schloß Friedrichshof. Am Nachmittag unternahm die Kaiserin eine Spazierfahrt in den Taunus. Auch Prinz Joachim und die Prinzessin Luise fuhren mit ihren Ponny-Equipagen in den großen Tannenwald. Die Kaiserin hat heute vormittag ihre Bade­kur begonnen.

Paris, 18. Juni. Der Fürst zn Hohenlohe- Langenburg, Statthalter von Elsaß-Lothringen, weilt mit seiner Tochter und seinem Schwiegersöhne, dem Erb- Hrinzenpaare von Reuß j. L., seit einigen Tagen in ^ZariS. S ine Anwesenheit soll damit Zusammenhängen, im «Einvernehmen mit dem deutschen Botschafter und den fran­zösischen Militärbehörden einen Modus zu finden, nach dem unter Berücksichtigung der bestehenden Paß Verhältnisse französische Offiziere, die aus Elsaß-Lothringen stammen, die Erlaubnis erhalten können, ihre Ver wandten in diesen beiden Provinzen zu besuchen.

DemFigaro" zufolge wird der König von Portugal Anfangs Juli offiziell in Paris eintreffen.

Libre Parole" meldet, Oberst Bertrand sei offiziell mit einer Truppen-Abteilung in Jgli eingerückt und hätte ÄaS Land im Namen Frankreichs in Besitz genommen.

In der Kammer wurde die Debatte über den Gesetzentwurf begonnen, betreffend die Ausrüstung der Kriegshäfen und die Errichtung von Operations­basen der Flotte, besonders in Biserta, nachdem die Dringlichkeit erklärt war. Pelletan bekämpft den Gesetz­entwurf, der Ausgaben im Betrage von 850 Mill. Francs erfordere. Die Nationalisten interpellierten die Regierung Aber die Demission des Generalstabschefs Delanne. Der Ministerpräsident verlangte Vertagung der Interpellation auf einen Monat, was auch mit 294 gegen 249 Stimmen beschlossen wurde.

Ro», 18.Juni. In der Kammer verkündete Pelloux, baß das Kabinett demissioniere. Die Kammer wurde darauf vertagt. Die Krisis kam überraschend. ES b rach der Zwist im Kabinett aus. Auch die Mehrheit selbst fpaltete sich. Drei Lösungen sind möglich: Die Wieder­berufung Pelloux' und die Umbildung des Kabinetts, oder ein Kabinett Saracco, des Senatspräsidenten, und in letzter Linie ein Kabinett Crispi.

FuuSbruck, 18. Juni. Der Senat der Universität »erbot bis auf weiteres das Couleurtragen bei Promotionen, weil anläßlich einer Borzugspromotion eines Dalmatiners eine slawische Kundgebung und eine deutsche Gegenkundgebung befürchtet wurde.

Budapest, 18. Juni. Gelegentlich eines DemonftrationS- UmzugeS mehrerer tausend sozialistischer Arbeiter, die unter Schmährufen auf die Regierung und das Parla­ment zu Gunsten des allgemeinen und geheimen Wahlrechts demonstrierten, kam es zwischen den Sozialdemokraten und ihren Gegnern zu argen Krawallen, wobei zahlreiche Verletzungen erfolgten.

Bukarest, 18. Juni. Depeschen aus der Dobrudscha melden von Bauernaufständen in mehreren bulgarischen Grenzdörfern. In Durankaleh wurden mehr als 50 Bauern von den zur Bewältigung der Revolte auf- gebotenen Truppen getötet. Zahlreiche Flüchtlinge über­schreiten die rumänische Grenze.

Konstantinopel, 18. Juni. Demnächst soll eine öffent­liche Subskription, an bereit Spitze der Sultan mit vorläufig 2 500 000 Francs steht, fürdieMuselmanen aller Länder veranstaltet werden zur Sammlung von Beiträgen für den Bau einer Bahnlinie DamascuS Mecc a. Man erwartet, daß auf diese Weise mindestens 90 bis 100 Millionen zusammenkommen werden.

Aus Stadt und Land.

Gg. Sack

Stob. Drescher Ld. Dotzenrodt Willy Georg Franz SchLfer Willy Müller Carl Demuth.

* TarnerischeS. Am Sonntag hielt die Spielriege des Männerturnvereins ihr Wettspielen ab. Trotz des am

Morgen herrschenden RegenwetterS rückte die zum Wettspiel gemeldete Mannschaft um 6</t Uhr vom Wallthor aus zum Spielplätze an der LiebigShühe aus. Jedoch wurden nur S Spiele im Laufe des Vormittags, zum Teil durch Regen­schauer gestört, zu Ende geführt. Mittags um 3 Uhr war das Wetter zum Spielen vorzüglich, und es wurde nun mit verdoppeltem Eifer ein Spiel nach dem anderen erledigt, sodaß um 5</2 Uhr die Einzelwettspiele beginnen konnten. Während derselben leistete die ältere Mannschaft des M.- T.-B. Vorzügliches im Schleuderballspiel. Nach Beendigung der Spiele begann gegen 8 Uhr in der prachtvoll geschmückten und effektvoll illuminierten Halle der LiebigShühe die PreiS- verteilung, an die sich die Ueberreichung zweier Fahnen für die zwei Abteilungen der Riege seitens der Damen der Spielriege anschloß. Die Resultate der Wettspiele waren folgende: Im Abteilungswettspielen siegte die blaue über die rote Abteilung mit 46 Punkten gegen 38 Punkte. Im LSnzelwettspielen erhielt den

I. Preis mit 29,3 Punkten Peter Lahr 2 28,3 <u*

3. , 27,6

4. , 26,8

5. , , 22,9

6. , , 22,1

7. , , 19,55

8. , , 19,5

** "Dou Berlin nach Paris" ist auf der die deutschen Farben zeigenden Fahne eingestickt, mit der geschmückt diese Nacht von Eisenach über Alsfeld hier eine mit fünf eleganten Schimmeln bespannte Mailcoach eintraf. Der große Reisewagen ist mit drei Damen und vier Herren besetzt, die inSteins Garten" Absteigequartier genommen haben. Das Gefährt, das jeden Tag 80 bis 100 Kilometer zurücklegt, hat Berlin vor acht Tagen verlaffen. Pferde und Wagen sind bereits plombiert, um ungehindert die Grenze passieren zu können.

Bou der Nidda, 19. Juni. Man hat sich schon oster die Frage vorgelegt, woher die häufigen Raufe­reien und Stechereien der jungen Burschen auf dem Lande kommen. Die Sache hat ihren besonderen Grund. Während früher das junge Volk Sonntags im Sommer Spaziergänge in Wald und Feld unternahm und fich mit Gesang und Kurzweil vergnügte, wird jetzt von dem gesetz­lich zuläsfigen Rechte Gebrauch gemacht, wonach geschloffene Gesellschaften 2 Stunden bei unbezahlter Musik tanzen dürfen. So findet sich denn allsonntäglich die Jugend der Ortschaften in Wirtschaften zusammen, wo bei Klavier oder Harmonika getanzt wird. In wie weit die Gesellschaften geschloffen sind oder die Zeit 2 Stunden oder mehr be­trägt, dürfte dabei nicht immer genau auszumachen sein. Beim Nachhausegehen spielen sich dann die erwähnten Raufereien ab, und ter Grund ist in dem bekannten est la. femme zu suchen. Die Besteuerung hat hierin bis jetzt keine» Wandel geschaffen.

5 8 Nidda, 19. Juni. Eine schöne Freudenkunde durfte einer Klientin Rechtsanwalt Metz von hier mitteilen. Der- selbe hatte sich nach dem bekannten Eisenbahnunfall bei Unter-Schmitten von der Witwe des verunglückten F. Uhl 2. eine Vollmacht zur Anknüpfung von Verhandlungen wegen Entschädigung mit der König!. Eisenbahndirektion geben lassen; war doch der Verunglückte nicht durch eigene Schuld ums Leben gekommen. Die betreffende Direktion hat nun Herrn Metz die Nachricht zukommen laffcn, daß sie der Witwe eine jährliche Rente in der Höhe von zwei Dritt­teilen des Arbeitsverdienstes ihres Mannes und 50 Mk. Beerdigungskosten zugebilligt.

= Bad Salzhausen, 19. Juni. Am Sonntag wurde hier seitens der Kapelle des 2. Großh. Hess. Jnfant.-Regts. zu Gießen unter persönlicher Leitung ihres Musikdirektors, Herrn Krauße, das erste Militärkonzert abgehalten. Das Programm enthielt Stücke von Ander, Flotow, Rossini, Supps usw. Auch 3 Kompositionen von Krauße kamen zum Vortrag. Der Besuch war recht zahlreich. Von Büdingen war der Fechtklub mit Damen erschienen. Es sollen von jetzt ab regelmäßig Konzerte in bestimmten Zwischen­räumen abgehalten werden.

OberNode«, 18. Juni. Ein Kurzwarenhändler aus dem Vogelsberge bezog an einem Abend der vorigen Woche in der Rupp'schen Wirtschaft hier Nachtquartier. In seiner Begleitung befand sich sein Neffe, welchen der Händler für das Hausiergewerbe einüben wollte. Gegen 11 Uhr er­wachte der alte Hausiereronkel zufällig und entdeckte zu seinem Schrecken, daß sein sauberer Neffe verschwunden war, und die etwa 120 Mk. betragende Einnahme seines Onkels hatte mitgehen heißen. Trotz aller verwandtschaft­lichen Beziehungen aber eilte der alte Herr sofort zur hiesigen Gendarmerie. Dieselbe nahm per Rad und ge­folgt von mehreren anderen Radlern und einem nach Hun­derten zählenden neugierigen Menschenstrome die nächtliche Diebesjagd auf. Am Walde nach Eppertshausen zu wurde das saubere Bürschchen ertappt und im Triumphe in ein unfreiwilliges Quartier gebracht. Das Geld hatte der Dieb vor feiner Festnahme in den Wald geworfen, wo es am Morgen gefunden wurde. Der Spitzbube wurde nach Darm­stadt ins Gefängnis abgeliefert.

Mainz, Juni. Ein Nest zwischen Eisenbahnschienen hat sich im Mainzer Zentralbahnhof ein Hanbenlerchen- p aar gebaut. Zwischen den Schienen eines Tag und Nacht benutzten Geleises hat dieses Vogelpaar vier Junge aus­gebrütet, die jetzt so ziemlich flügge find. Trotzdem auf dem betr. Geleis sowohl wie auf den nebenanliegenden un­unterbrochen rangiert wird, hat dies die Vögelchen nicht in ihrem Brutgeschäft gestört, ja sogar das häufige geräusch­volle Dampfablassen der Maschinen gab ihnen keine Ver­anlassung, das Nest auch nur kurze Zeit zu verlaffen. Für die im Hauptbahnhof beschäftigten Beamten und Bediensteten bieten das Haubenlerchenpaar und seine Jungen Gegenstand großen Jntereffes, aber auch ganz besonderen Schutzes.

bm. Mainz, 18. Juni. In das hiesige Untersuchungs­gefängnis wurde heute Nikolaus Heinrich von Kempten hier eingebrachl, der in vergangener Woche den Techniker Bölschke vom Technikum in Bing<n in brutalster Weise er­stochen hat. Bei seiner Vernehmung verlegte fich Heinrich anfänglich auf das leugnen, gestand jedoch später, infolge der ihn schwer belastenden Zeugenaussage, namentlich der­jenigen seines Begleiters, des Schiffers Feldmann von Gerns­heim, die That ein.

Mainz, 19. Juni. Am Samstagmittag ist einem Zivil- transporteur ein hierher verbrachter Hochstapler flüchtig gegangen. Derselbe hatte sich in jüngster Zeit unter dem Namen Schneider hier aufgehalten und wußte durch seine feinen Manieren und feine eleganten Toiletten die Leute zu betrüge». So hatte er feiner Braut, einer Steueraufsehers­tochter, ihre ganzen Ersparniffe in Höhe von 2800 Mk. nach und nach abgeschwindelt und das Geld in luftiger Ge­sellschaft und mit Kellnerinnen durchgebracht. Arn Frohn- leichnamStag machte der schneidige Herr in Begleitung einer Kellnerin einen Ausflug in das Nahethal, doch dort sollte ihn fein Schicksal erreichen. Er wurde auf Requisition der hiesigen Staatsanwaltschaft verhaftet und an das Amts­gericht Stromberg abgeliefert. Bon dort aus wurde er am Samstag hierher verbracht. Leichtfertigerweise kehrte der Transporteur mit seinem Gefangenen in derRheinischen Bierhalle" ein, um bei dem heißen Wetter noch schnell den

Durst zu löschen. In der Wirtschaft bat der Gefangene, einen Augenblick auStreten zu dürfen, was der gemütliche Transporteur auch gestattete. Vergeblich wartete der letztere auf das Zurückkommen seinesSchützlings", derselbe war vom Hofe aus flüchtig gegangen. Bis jetzt ist er nicht wieder eingefangen worden. M. Anz.

Wiesbaden, 18. Juni. Der heute abgehaltenen vierten Konferenz für öffentliche ArbeitSvermittlungS- stellen der Rhein- und Maingegend wohnten u. a. Ver­treter der preußischen und hessischen Regierung bei. Der Vorsitzende der hiesigen Arbeitsvermittelung für Frauen, Dr. Frey, betonte in seinem Bericht über den Arbeits­nachweis für Frauen, insbesondere für weibliche Dienst­boten, zunächst den versöhnlichen Einfluß, den diese Ver- mittlungSinstanz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auSübe, und konstatierte das wachsende Interesse gegenüber dem Mißtrauen und der Vernachlässigung, womit gerade dieser Arbeitsnachweis anfangs zu kämpfen hatte. Be­sonders bewährt hat sich hier das Damenkomitee nach Baseler Muster, sowohl hinsichtlich seiner Mitwirkung im Geschäfts­betrieb, wie auch nach außen hin. Zur Gewinnung geeig­neter Kräfte trat der Vorsitzende mit allen Frauenvereinen ohne Rücksicht auf Konfession rc. in persönliche Verbindung. Bewährt hat sich auch die Errichtung einer besonderen Ver­mittelungsstelle für feinere weibliche Berufsarten. Die Zahl der gewerblichen Vermittlerinnen ist in Wiesbaden feit der Thätigkeit des Vereins von 78 auf 15 gesunken! Ein Vorschlag des Redners, der gewerb­lichen Stellenvermittlung durch Verbot des AnwerbenS auf der Straße und durch Regelung des Schlafstellenwesens noch weiter zu Leibe zu gehen, wird diskutiert. Polizei­präsident Prinz Ratibor ist bereit, deshalb mit Hamburg und München vorbereitende Schritte zu thun. Pohl-Köln berichtet vertretungsweise über die Wirksamkeit des dortigen Arbeitsnachweises für Frauen. Er konstatiert, daß die gewerbliche Gesetzgebung den Dienstbotenstand den gewerb­lichen Arbeiterinnen gegenüber infolge der veralteten Dienst­botenordnung stark beeinträchtige. Flesch Frankfurt gibt Anregungen für die Ausgestaltung der Arbeitsnachweis- statistik auf die landwirtschaftlichen Arbeiterverhältniffe. Ausweislich des Jahresberichts des Dr. Bleicher-Frankfurt für 1899 bis 1900 ist der Umfang der Geschäftsthätigkeit der Arbeitsnachweisstellen in Frankfurt und Wiesbaden erheblich gestiegen. Bon den mittleren Städten zeigt Worms den größten Aufschwung, während in Darmstadt, Offenbach, Gießen kaum von einer Aufwärtsbewegung die Rede fein könne. Bon offenen Stellen konnten wenig mehr als 60 Prozent besetzt und von den Arbeitsgesuchen wenig mehr als 60 Prozent befriedigt werden. Als Ort der nächstjährigen Versammlung wurde Worms gewählt.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der 70jährige Privatmann Johann Geyer I. aus Nied er- Wiesen bei Alzey, der am 19. Mai feinen 32jährigen Schwiegersohn Johann Mayer mit der Holzaxt niederschlug, wurde vom Schwurgericht in Mainz wegen Körperverletzung mit tätlichem Erfolg zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt.

Vermischter.

* Berlin, 18. Juni. Ein schwerer Zusammen­stoß, bei dem 13 Personen verletzt wurden, ereignete sich in der letzten Nacht auf der elektrischen Ring­bahn. Zwei Wagen mit je einem Anhängewagen fuhren um 12</2 Uhr mit kurzen Abständen hintereinander. Wäh­rend der erste Zug hielt, um Fahrgäste aus- und einsteigen zu lassen, kam plötzlich der zweite herangefahren. Der Führer hatte die Gewalt über den Motorwagen vollständig verloren. Die Fahrgäste, die auf der vorderen Plattform standen, sprangen, da sie den Zusammenstoß voraussahen, zumteil ab, stürzten dabei und verletzten sich mehr ober weniger bebrütend. Der Zusammenstoß war so heftig, daß drei Wagen schwer beschädigt wurden.

* Berlin, 18. Juni. Schwere Unwetter sind im westlichen Teil des Königsreichs Sachsen und in dem be­nachbarten Gebiete niedergegangen, die auf Feldern und an Gebäuden großen Schaden annchteten.

* Unter der Spitzmarke:Ein unerhört grau­sames Experiment an Kranken" brachten wir in unserer Nr. 138 einen längeren Artikel, der sich auf Aus­führungen im Archiv für klinische Medizin imVorwärts" und in derNat.-Ztg." stützte. Nun erläßt Professor Dr. R. Stintzing, Vorstand der medizinischen Klinik in Jena, in derJenaischen Ztg." eine längere Erklärung, der wir folgendes entnehmen: Der Kranke, über den Dr. Stvubell berichtete, wurde vor drei Jahren in die Klinik aufgenommen wegen Wasserharnruhr (Diabetes insipidus,), eines Leidens, das bisher der völligen Heilung unzugäng­lich war und auch leider heute noch ist. Der vorliegende: Fall war zugleich ein ungewöhnlich schwerer. Für dem behandelnden Arzt war die Pflicht gegeben, auf jede nur mögliche Heilmethode der als unheilbar angesehenem Krankheit Bedacht zu nehmen. Eine solche Methode ist aber nur auf Grund sorgfältiger Forschungen nach dem bisher dunklen Wesen der Krankheit zu gewinnen; nur diese können neue rationelle Anhaltspunkte für die Be­handlung und Heilung geben. So wurde neben Schwitz­bädern und anderen Verfahren zur Besserung des LeidenÄ auch eine Entziehungskur versucht, wie sie in derartiger. Fallen wiederholt, wenn auch nicht unter so genauer Kon­trolle und unter anderen Voraussetzungen, angewendet worden ist. Aehnlich wie der Morphinist und der Alko- holist einen unstillbaren, seine Krankheit steigernden Drang nach neuem Genüsse von Morphium bezw. Alkohol em­pfindet und von seinem Leiden bekanntlich nur durch eine zwangsweise Entziehungskur geheilt werden kann, so lag es nahe, der unftilCbaren krankhaften Begierde des an Wasserharnruhr Erkrankten nach Wasserzufuhr, auf dem Wege einer vorsichtigen, d. h. nur über kurze Zeiträume (28 Stunden) ausgedehnten Entziehungskur zu begegnen und auf diesem Wege leitende Gesichtspunkte für die Be­handlung der Krankheit zu gewinnen. Dieser Kurversuch, der nur unter Isolierung des Kranken durchführbar war.