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18.11.1900 Drittes Blatt
 
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15V. Jahrgang 1900

Sonntag de« 18. November!

Gießener Anzeiger

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beweise, und entwickelte, wie auch wir modernen Evange­lischen dein Wesen.unsererreligiösen Stellung entsprechend Kunstfreunde sein müßten. Der Redner ging kurz auf die bei Beratung der Lex Heinze stattgehabten Rede­schlachten ein, und wies aus die Unrichtigkeit so vieler dort gegen die Kunst ausgestellten Behauptungen hin. Es fei begreiflich, daß Künstler aller Zeiten gern daS Nackte darstellten, denn der nackte menschliche Körper sei das schönste in der Schöpfung. Die Glanz­perioden des griechischen Künstlervolkes lieferten uns eine Venus von Milo, einen Apoll von Belvedere usw. Wen« heute ein Künstler das Nackte darstelle, so thue er das, um sich an dem Schönsten im Reiche des Sehens z« erproben. Unrecht sei es, ihm die Absicht unterzuschieben, als habe er der Sinnenlust einen Dienst leisten wollen. Gegen diese Auffassung müsse energisch Front gemacht werden. Es seien oft nicht die Unbefangensten, die so als Beschützer der Befangenheit aufträten. Unrichtig fet es auch, daß unsere Zeit mehr an solchenanstößigen' Kunstprodukten liefere, wie andere Zeiten, vielmehr fet die weite Verbreitung solcher Werke nur den großen Fort­schritten aus dem Gebiete der Reproduktion zuzuschreiben. Man sage oft, daß eine Beaufsichtigung der Kunst not­wendig sei im Interesse sittlich schwacher Menschen und auch unserer Jugend. Richtig sei dies gegenüber der Produktion, die unter der falschen FirmaKunst rein den Zwecken der Sinnenlust diene. Solchen Werken gegen­über sei der Kampf bis aufs Messer am Platze. Im übrigen müsse man aber auf dem Wege der Erziehung und rechtzeitiger Aufklärung auf die Jugend entwirren und so allmählich das Verhältnis unseres Volkes zu seiner Kunst nach allen Richtungen hin gesunden lassen.

Nach diesen mit feinem Takt unter Zuhilfenahme zahl­reicher Beispiele vorgetragenen Ausführungen sprach der Geschäftsführer des deutschen Vereins gegen den Miß­brauch geistiger Getränke, E. Just über die Erfahrungen, die er in feiner Thätigkeit als Missionar in Indien ge­macht hat. In den Pausen brachte ein Doppelquartett Weisen von Mendelssohn und Maier wirksam zu Gehör. Kurz und gut, es war ein wohlgelungenes Beisammensein.

Am Mittwoch morgen versammelten sich die Festteil- nehmev u|nb zahlreiche Gäste int Konfirmandensaal der Johanneskirche zur Hauptversammlung. Nachdem Pfarrer Kleberger -Friedberg eine Morgenandacht ge­halten hatte, erstattete Pfarrer Schlosser den Jahres­bericht, dem zufolge es auf allen Gebieten rüstig vorwärts geht. Sodann wurde im Anschluß an die Vorstandssitzung folgende Resolution angenommen:

Die am 13. November zu Gießen tagende Ver­sammlung des Vorstands, der Synodalvertreter und Mit­glieder des Oberhessischen Vereins für innere Mission erklärt es angesichts der durch das Bürgerliche Gtefejk buch und das in Rücksicht darauf umgeänderte hessische Zwangserziehungsgesetz dargebotenen Erweiterung der staatlichen Fürsorge für verwahrloste und schutzbedürftige Kinder, angesichts des dringenden Bedürfnisses einer

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Biete Floras sah ich unlängst im Vorubergehen in der Fruchtstraße. Sie befindet sich in der Nahe des schle­sischen Güterbahnhofes, wo jetzt tagtäglich die großen Lad­ungen von Kartoffeln eintreffen, die der Riesenmagen der Residenz während der Wintermonate verschlingen wird. In den Schaufenstern der kleinen Schanklokale dieser Straße ist die Ausstellung etabliert, und sie besteht au£ nichts anderem als Kartoffeln. Da blicken uns mächtige blaue Knollen an, die fast die Größe eines Kinderkopfes erreichen; da reizen wunderliche Formen, die sich im Dunkel der Erde wie zum eigenen Vergnügen ge­bildet haben, unwillkürlich zum Lachen. Hinter diese« Schaufenstern aber sitzen die Gruppen der Groß- und Kleinhändler und verhandeln eifrig mit den Lieferanten und manches gute Geschäft, bei dem es sich um Tausende von Mark dreht, kommt hier zum gedeihlichen Abschluß. Das ist die Berliner Kartoffelbörse, die in den Herbst- und Frühlingsmonaten ihre großen Tage hat.

Daß es recht ernstlich Herbst geworden ist, merkt man zu seiner unliebsamen Ueberraschung am deutlichsten im Tiergarten. Tas bunte Laub hält nicht mehr an de« Bäumen; die Wipfel sind bedenklich kahl geworden und die Siegesallee wirkt gespenfterhast auf den empfind­sameren Spaziergänger. Der Lücken in der großen Denk­mal-Straße find während dieses Sommers wieder merk­lich weniger geworden. Es wird nicht lange mehr dauer«, und die Siegesallee ist vollständig. Auch das Molttt- und Bismarck-Denkmal schreitet rüstig vorwärts. Ev bleiben dann noch die Anlagen, die für den KemperpwH beabsichtigt sind, der die Siegesallee im Süden abschlietzt. Die stolze Straße wird, wenn sie vollendet ist, allerdings Geld genug gekostet haben; beträgt doch der Preis für jede der Herrschergruppen der Allee die Kleinigkeit von 5>0 t)W Mark. * *

Zur Chinavorlage.

Die Denkschrift zur Chinavorlage läßt manches tzermissen. Das, was zur Begründung der Forderung gesagt wird, ist doch nicht genügend. Sie wird also sehr Umfassender mündlicher Ergänzungen im Reichstage selbst oder in der Kommission bedürfen. Insbesondere laßt sie die Frage vollkommen unerörtert, weshalb der Reichstag nicht früher zur verfassungsmäßigen Beschluß- fessiung zusammenberufen worden sei. Auck), über die Kiele der Unternehmung beschiränkt sie sich aus An- beuöungen, die mehr oder weniger selbstver stand lick)- smd. DaS, was man in erster Linie von der Denkschrift er- tvaiten durfte, nämlid); die Lösung mancher schwierigen staatsrechtlichen Frage, läßt sie ganz vermissen. Et ist ja richtig, daß die Behandlung dieser Frage über bin Rahmen einer Etatsvorlage hinausreicht; aber bei der durchaus ungewöhnlichen Gestaltung der zu Äninde liegenden Verhältnisse hätte man füglich den sonst üblichen Rahmen überschreiten dürfen und müssen. Im großen und ganzen wird man wohl sagen dürfen, daß ks, was die Denkschrift bietet, durchaus nicht genügt, sondern der Ergänzung nach allen Richtungen hin bedarf.

Zwei staatsrechtliche Bedenken steigen aber sofort auf. Tic ostasiatischen Truppenkörper sind gebildet über den Nahmen der gesetzlich fest gelegten und ohne Zustimmung des Reichstages unveränder­lichen Friedenspräsenzstärke des Heeres hinaus. TaS ist unbestreitbar. Lebten wir mit China im Kriege, so würde eine solche Überschreitung unbedenklich und selbstverständlich sein. Es ist aber oft und mit denkbarster Entschiedenheit hervorgehoben worden, daß wir nicht mit Ehivia im Kriege leben. Gleichwohl legen wir diesen Bedenken zunächst wenig Bedeutung bei. Daß wir Truppen nodi China schicken mußten, liegt auf der Hand, und daß diese Truppen organisiert und in Regimenter u. sw. emgeteiit werden mußten, ist ebenso selbstverständlich Nun sind aber diesen Regimentern Fahnen verliehen Morden. Auch dagegen läßt sich grundsätzlich nichts sagen. Tie Fahnenverleihung ist Sache des allerhöchsten Kriegs- karn, und mit der Verleihung ist an sich nicht gesagt, haß der betreffende Truppenteil für die Dauer bestehen *L'lt Die Denkschrift sagt nun aber, daß es in Anbetracht kr geringen Friedenspräsenzstärke der einzelnen Truppen­teile erforderlich sei, die aus dem Heere zum chinesischen Expeditionskorps übergetretenen Offiziere und Mann- seinften zu ersetzen, und zwar die Offiziere und Unter» »ssiziere möglichst bald, die Mannsck)aften beim nächsten ^kruteneinstellungstermine. Auch diese Maßregel ist an sich, verständig und geboten. Wir dürfen unser Land- ker nicht auf die Dauer schwächen. Für Ersatz der nach tiii-na gegangenen Offiziere und Mannschaften muß ge­sorgt werden. Lücken dürfen um so weniger geduldet vcrden, als die zweijährige Dienstzeit ohnehin höhere Ansprüche an die Mannschaftsstärke stellt als die drei­

jährige. Es tauckst aber die Frage auf, ob durch diese Maßregel nicht einigermaßen angedeutet werde, daß man willens sei, die ostasiatischen Truppenteile, wenigstens teil­weise, dauernd als Kolonialarmee oder der­gleichen bestehen zu lassen. Unseres Erachtens ist diese Frage zwar eine spätere Sorge; aber es wäre dringend zu wünschen, ja, vielleicht unbedingt zu fordern, daß die verbündeten Regierungen darüber Auskunft geben, wie sie sich die weitere Entwickelung auf diesem Gebiete denken. Es muß jedenfalls der Anschein vermieden und der Verbäckst beseitigt werden, daß man gewissermaßen hinten herum etwas vorbereiten wolle, das man offen zu sagen sich scheut. Wir vermuten, daß der Reichs­kanzler fick) wird entschließen müssen, hier den Schleier etwas zu lüften.

Daß die Offiziere und Mannschaften in China höhere Gebührnisse erhalten, ist selbstverständlich. Es würde sich dagegen nichts sagen lassen, wenn wir that- sächlich im Kriegszustände lebten. Ein kriegsähn­licher Zustand ist aber für das Deutsche Reich etwas neues. Immerhin chürde es Klauberei sein, wenn man gegen die Erhöhung der Gebührnisse den Umstand ins, Feld führen wollte, daß die chinesische Unternehmung kein staatsrechtlich erklärter Krieg sei. Ob die Erhöhung überall begründet sei, kann zweifelhaft erscheinen. Die einmaligen Mobilmachungsgelder, die, wie wir schon gestern mitteilten, für die Unteroffiziere 720 Mk., für die Offiziere 12002880 Mk. und für den Oberbefehls­haber 12000 Mk. betragen, scheinen nady Sage der Sache nicht übermäßig zu sein. Dagegen wird man wohl ver­schiedener Meinung darüber sein können, ob eine monat­liche Besoldung von 12500 Mark (einschließlich der Dienstzulage) für den Oberbefehlshaber notwendig sei. Gewiß ist seine internationale Stellung zu berück­sichtigen; aber Repräsentationsausgaben durften unseres Erachtens, wenn man sie nicht sucht, in China selten sein. Die Besoldungen der Offiziere und Unteroffiziere er­scheinen im übrigen nicht zu hoch.

Für heute wollen wir uns auf die Hervorhebung dieser Gesichtspunkte beschränken. Es wird im Laufe der Zeit, während die Vorlage den Reichstag und seine Kom­mission beschäftigt, noch Gelegenheit geboten werden, auf Einzelheiten und auf die gesamte Frage zurückzukommen.

Jahresfest des Oberhesfische« Vereins für innere Mission.

8-r. Gieße«, den 15. November 1900.

Schluß.

Sodann sprach Pfarrer Fischer-Marburg über Christentum und Kunst". Er ging davon aus, daß weder Christus noch seine Apostel eine knnstfeinblickse Stellung eingenommen hätten, daß auch Luther fein Gegner der Kunst gewesen sei, wie die künstlerisck>e Aus­schmückung seiner Bücher und gar manche Vignette dort

Igiebt es musikalische Genüsse von ersten Kräften, die sich bereitwillig in den Dienst der Sache gestellt haben; ein Riesen-Phonograph verzapft Knplets der ersten Komiker Berlins; eine Dame der Gesellschaft giebt grapholo­gische Aufschlüsse über den Charakter nach einer schnell gelieferten Schriftprobe, natürlichi gegen Honorar, eine andere fungiert als Wahrsagerin; Öfsiziere liefern genner-Musik; aus dem Buffetsaal schallt fröhlicher Glaser­klang; mit einem Worte: es ist eine Wonne, hier sein Geld auszugeben'. Amüsant ist der Kostüm-Palast, in dem große Firmen eine stattliche Annahs Püppchen mit modernsten Miniatur-Toiletten bekleidet und ausgestellt haben. Für Frauen ein sehr gefährlicher Aufenthalts­ort weil er tausend Wünsche w ihren Herzen rege macht, und nur wer in der Lage ist, den Wunfchen der holden Gattin die bekanntenblauen Flügel zu leihen, sollte sich darauf einlassen, mit der Teuren hmemzuspazieren. Aber die Männer sind ja so entsetzlich unvorsichtia!

Noch eine zweite Ausstellung tagt in dieser 3eit im Weickbilde Berlins. Draußen in der Hasenhaide haben sich die Esel zusammengefunden, bie dank der Bentuh- ungen des Tierschutzvereins in den letzten Jahren wieder lebhaft in Aufnahme gekommen smd, und lassen sich be- wuLn Mb zierliA unb Possierliche Gese len unb bebeutenb besser als ihr Ruf Da ihnen das Amt bas ste ben Hunden abgenommen haben, naturgemäß Nicht halb so sauer wird und sie außerdem das Publikum nicht durch das oft unerträgliche Gebell ihrer Vorgänger belaitigen, so können wir mit dem Tausch wohl zufrieden sein Obendrein verstehen sie es meisterhaft, mit den Ohren zu wackeln, und bilden dadurch das Entzücken manches drolligen Abe-Schützen, der sch vergeblich abqualt dieses wundervolle Kunststück nachzuahmen. Es giebt übrigens noch lange nicht genug Esel in Berlin, d. h. abgesehen von den zweibeinigen.

Eine dritte eigenartige Ausstellung «u» dem »c-

Kerliner Kries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Veltausstelluug in Berlin Meister Langohr i» der Hafen- foibe. Die Berliner Kartoffelborse. Neues aus der

Siegesallee.

Während sich in Paris bie Pforten bes großen Jahr- mrktes enbgütig geschlossen haben, ber ber bentschen In lufirie einen so unbestrittenen Erfolg befeueren sollte, echt plötzlich bas Gerücht burdj Berlin, baß wir infiziert find, baß ber Ausstellungsbazillus von etlichen sehr rührigen Vorstanbsbamen birett von Paris eingeschleppt worben ist- baß in den Tagen, ba bie französische Regierung kn Schlüssel umbrehte unb ber Sache ein Enbe machte, bie Krankheit hier zum Ausbruch kommt. Unb gleich in kr schweren Form einer Welt ausstellung. Aber äng- sliaen Sie sich nur nicht, geschätzte Väter reiselustiger Fa- iniCien» Wenn biese Zeilen in Druckerschwärze vor Ihre Augen kommen, ist alle Gefahr beseitigt. Wir smb flinker Vie bie lieben Franzosen : unsere Weltausstellung bauert nuc zwei Tage! Unb innerhalb bieser Zett ist bas große Ziel aller bieser Veranstaltungen ben Besuchern bie laschen tüchtig zu erleichtern, vollstanbig erreicht, unb deeE v an a e l i sch e Fr aue n b u n b f u r A f r i ka hat ein stattliches Sümmchen für bie Einrichtung von Hanb- tverkerschulen in ben bentschen Kolonie n.zur Anfügung. Der Bazar, ber sich unter diesem etwas tnschrnchsvollen Namen in ben Sälen bes ,-Kast^ofs »ufchethan hat, zeigt natürlich, um nicht aus ber Rolle zu Men, bie verschiebensten Abteilungen, in benen bie Er­eignisse ber einzelnen Nationen von leider nur zu Wnen unb daher doppelt gefährlichen Vertreterinnen älllgehalten werden. Neben biefer Straße der Nationen

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