Ausgabe 
16.11.1900 Zweites Blatt
 
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Zeugen kaum zu fassen vermochte. Der Staatsanwalt teilt mit, daß nach einer Bekundung eines Schutzmannes gestern eine Anzahl von Detektivs mit einigen der jugendlichen weiblichen Zeugen in einem benachbarten Lokale gescherzt und gezecht haben sollen, bis die Mädchen stark animiert gewesen seien. Ter erste heute vernommene Zeuge ist der Kaufmann Schneider aus Frankfurt a. O. L.r be­streitet, öfter als dreimal die Woyda gesehen oder: ge* sprachen zu haben. Er habe niemals das Kind unsittlich berührt und stehe auch der von der Zeugin Clara Fischer ausgegangenen Denunziation vollständig fern. Auf Be­fragen des Staatsanwalts äußert der Zeuge die Vernmtung, daß man Anstrengungen gemacht habe, um ihn diesmal als Zeugen von der Verhandlung fern zu halten. Er folgere dies aus einem Briefe, den er nach London erhalten habe. Tie Behauptung, daß er aus Gründen dieses Prozesses nach London gegangen sei, treffe nicht zu; er sei aus rein privaten Gründen und wegen seiner Beziehungen zu Clara Fischer nach London ge­gangen. Auf Befragen des Justizrats Tr. S e l l o bestätigt der Zeuge, daß er die Woyda einmal nach Bier ausge­schickt und ihr einen kleinen Ueberschuß des Geldes geschenkt habe. Die Zeugin Clara Fischer überreicht einige ihr von ihrer Schwester aus Amerika zugegangene Briefe. In dem ersten spricht Margarethe Fischer ihr Entsetzen darüber aus, d> Anta Wender nach Deutschland gegangen sei, um gegen sie und für Sternberg zu zeugen. Sie schwöre beim Andenken ihrer Mutter, daß sie niemals ein Mädchen überredet habe. In einem anderen Briefe schreibt sie, daß sie von Feinden umlagert werde; ein Detektiv habe sich bei ihr direkt ins Haus gesetzt, zwei Rechtsanwälte drängten sich an sie heran. Ehe sie nach Deutschland zurückgehe, gehe sie lieber in den Tod. Nach Verlesung dieser Briefe beantragen die Rechtsanwälte, den Vertei­digern zur Beratung unter sich und mit den Angeklagten behufs Formulierung wichtiger Anträge Zeit zu gewähren und deshalb die Verhandlung auf eine Stunde zu unter­brechen. Ter Gerichtshof entspricht diesem Anträge. Nach Wieoeraufnahme der Sitzung wird zunächst der Tirektor des TetektivinstitutsJus", Herr Schulze, vernommen. Er hat uimfangreiche Recherchen für den Angeklagten Stern­berg angestellt und 6000 Mark Honorar erhalten. Im Falle des Erfolges seiner Bemühungen sei ihm ein Extra­honorar von 50 000 Mark zugesichert worden. Nachdem, verschiedene Fälle aus der Praxis des Zeugen zur Sprache gebracht, erklärt er, daß er sein Geschäft unter der Te- viseFür Recht und Wahrheit" betreibe, und daß er in der ersten Verhandlung gegen Sternberg wegen Verdachts der Begünstigung unbeeidet geblieben sei. Der Zeuge er­klärt, daß er niemand begünstigt habe. Auf die Frage des Rechtsanwalts Tr. Werthauer, ob der Zeuge, soweit Menschen überhaupt etwas ermitteln können, die volle Ueberzeugung habe, !haß der'Angeklagte Sternberg im Falle Woyda völlig unschuldig sei, antwortet Zeuge Schulze: Ich habe die volle Ueberzeugung. Der Vorsitzende hält solche Fragen nicht für zulässig, ebenso inhibiert er eine Frage des Angeklagten Sternberg, ob dem Zeugen bekannt sei, daß neuerdings geplant gewesen sei, wieder ein neues Mädchen abzurichten und an Frau Sternberg heranzutreten, um von ihr 300 000 Mark herauszupressen. Hierauf begründet Justizrat Tr. Sello die von der Ver­teidigung beschlossenen Anträge, die auf eine Vertagung der ganzen Verhandlung hinauslaufen. Die Verteidiger beantragen zunächst, daß der Gerichtshof auf Grund des § 6 der Strafprozeßordnung sich für unzuständig erklären möge. Tie Verteidigung stehe auf dem Stand­punkte, daß 'die Aussagen der Woyda, die fortgesetzt ge­wechselt haben, eine Verurteilung des Angeklagten un­möglich herbeiführen können. Nach der Ansicht der Ver­teidigung sei das Schwurgericht zuständig. Für den Fall, daß der Gerichtshof nicht schon jetzt die Aussage der Woyda für völlig unglaubwürdig halte und zur Frei­sprechung komme, müsse oie Sache vor das Schwurgericht verwiesen werden. Tie Verteidigung stelle aber noch zwei Eventualanträge: 1) beantrage sie die Ver­nehmung der Margarethe Fischer in Newyork dar­über, daß die heute verlesenen Briefe in der That von ihr herrühren. Ferner soll sie bekunden, daß ihr von un­züchtigen Handlungen des Angeklagten mit der Woyda weder aus eigener Wissenschaft noch aus den Mitteil­ungen anderer das Geringste bekannt ist, 2) beantrage die Verteidigung, ,den Beisitzer, Landgerichtsrat K a e m P f e, als Zeugen zu vernehmen. Tieser werde bezeugen, daß die Ehlert das vorige Mal ausdrücklich bekundet habe, sie habe mit Sternberg nur einmal bei der Fischer zu thun gehabt, während sie jetzt mit dem Novum hervor­komme, daß dies auch bei der Frau Töpfer geschahen sei. Ta die Ehlert jetzt eidesmündig sei, halte es die Vertei­digung für eminent wichtig, festzustellen, ob die Ehlert diese neue Behauptung aus der Luft gegriffen bat. Tas würde von großem psychologischen Wert sein und die Warn­ung enthalten, bei der Würdigung solcher Aussagen weib­licher Zeugen äußerst vorsichtig zu sein. Rechtsanwalt Tr. Mendel erweitert den Antrag dahin, nicht nur die jetzigen beiden Beisitzer, Landgerichtsräte Re gen- berg und Kaempfe, sondern auch den früheren Bei­sitzer, Landgerichtsrat Fritzsche, darüber zu vernehmen, daß Friedu Woyda bei der vorigen Verhandlung die An­wendung von Gewalt behauptet hat. Staatsanwalt Brant widerspricht dem Anträge entschieden. Ter Ein­wand der Unzuständigkeit sei schon in der vorigen Ver­handlung als unbegründet zurückgewiesen. Es fehle jeder Nachweis, daß Gewalt angewendet worden sei. Was die Anträge bezüglich der Vernehmung der Fischer in Newyork und der Beisitzer betreffe, so bedeute der erste nach seiner Meinung nichts anderes, als eine Verschleppung, und der andere solle den Gerichtshof sprengen, also auch die Sache verschleppen. Nachdem die Verteidiger den Ausführungen des Staatsanwalts scharf cntgegengetreten, zieht sich 'der Gerichtshof zur Beratung zurück. Er beschließt, nach Schluß jder Beweisaufnahme über die Zuständigkeit sich schlüssig zu machen. Betreffs der Margarethe Fischer soll versucht werden,.sie zur Gerichtsstellei zu bringen. Es sollen ihr telegraphisch die Reisekosten angewiesen werden. Be­züglich der Vernehmung der drei Beisitzer beschließt der Gerichtshof, mit Rücksicht auf § 50 der Str.-P.-O., den Beschluß auszusetzen. Rechtsanwalt W e r t h a u e r bean­tragt, die Herren Räte auch ohne Genehmigung des Vor­gesetzten zu vernehmen. Ter Gerichtshof erachtet den neuen Antrag als durch seinen vorherigen Beschluß erledigt. Es

folgt die Vernehmung der 16jährigen Zeugin Auguste Callis. Sie hat sich bei der Fischer als Modell ge­meldet und ist mit einem Herrn dort zusammengetroffen, der aber der Angeklagte Sternberg nicht sei. Ihre entgegengesetzte frühere Aussage sei nicht richtig, sie kenne Herrn Sternberg nicht. Zeugin giebt auf Be­fragen zu, daß sie trotz ihrer großen Jugend schon mit recht vielen Herren verkehrt habe. Seit einem Viertel­jahr aber habe sie einen anderen Lebenswandel begonnen. Bei der ersten Verhandlung habe sie die Unwahrheit ge­sagt. Aus den zur Verlesung gebrachten Protokollen über die erste Vernehmung der Zeugin geht hervor, daß sie bei der Fischer ständiger Gast gewesen sei. Mit Sternberg habe sie dort nicht verkehrt. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt die Angeklagte Wender, daß nicht Sternberg, son­dern ein Graf, dessen Namen sie nicht nennen wolle, der betreffende Mann gewesen sei. Die Verhandlung wird jetzt auf Donnerstag vertagt. Morgen werden die Er­pressungsbriefe in der Wohnung Sternbergs gesucht. Als gestern der Zeuge Schneider aus Frankfurt a. O. auf dem Korridor des Gerichtsgebäudes sich befand, wurde er von einem Gerichtsvollzieher begrüßt, der ihn auf Grund einer offenen Ordre pfändete und ihm die Uhr und sein Geld ubnahm.

Berlin, 14. November. Im Prozeß Sternberg wurde heute die Verhandlung ausgesetzt; jedoch hat in dem Geschäftshause des Angeklagten ein Lokaltermin stattge­funden, zu dem Sternberg seit zehnmonatlicher Unter­suchungshaft zum ersten Male das Gefängnis verlassen durfte. Die Durchsuchung der zahlreichen Kisten, die mit Briefen angefüllt sind, dauerte von 912 Uhr. Doch war es unmöglich«, unter der Masse von Papieren die be­treffenden Schriftstücke herauszufinden. Sternberg wurde h!. rauf in Begleitung des Kriminalkommissars von 7 - esckow und zwei weiterer Kriminalbeamten nach dem Untersuchungsgefängnis jzurückgeführt. Der Gerichtshof nnrb nunmehr darüber zu befinden haben, ob noch eine abermalige Suche nach den Briefen stattfinden soll.

A»s Stadt und Zand.

Gießen, 15. November 1900.

* * Das Regierungsblatt Nr. 74 vom 12. November enthält die Bekanntmachung, die Dienstanweisung für die Großh. Notare betreffend:

Jeder Notar, der Urkunden seines Amisvorgängers verwahrt, hat mit dem Beginne des Jahres, in dem die jüngste dieser Urkunden dreißig Jahre alt wird, bei dem Präsidenten des Landgerichts zu bean­tragen, daß die Urkunden seines Amtsvorgängers nebst den dazu ge­hörenden Registern von dem Landgericht in Verwahrung genommen werden.

* Das Großh. Oberkoufistorium hat unterm 13 l. M. an den Präsidenten, der evangelischen Landessynode das nachstehende Schreiben gerichtet:

»Wir teilen Ihnen hierdurch ergebenst mit, daß wir betr. die Verlegung desTotenfestes" der Landessynode bei ihrem nächsten Zusammentritt eingehende Mitteilung über den Sachverhalt machen und die hierüber im Umlauf befindlichen entstellenden Angaben richtig stellen werden. Wir thun dies um so lieber, als es naturgemäß nicht möglich ist, uns mit den unser Verhalten angreifenden Zeitungen rc. in eine Preßpolemik einzulaffen."

* * Theatervereiu. Die dritte Vorstellung wird am Mittwoch, dem 21. d. M. stattfinden. Zur Aufführung gelangt das schöne Schauspiel Björnson's:Ein Fallisse­ment". Den Advokat Berend spielt der Charakterdarsteller des König!. Hoftheaters in Kassel, Herr Jürgensen.

* * Zugverspötuvg. Der um 8,02 Uhr vormittags fällige V-Zug von Kassel (bzw. Hamburg) traf gestern mit etwa zwei Stunden Verspätung hier ein. Auch der um 12 Uhr mittags fällige Schnellzug von Kassel kam mit er­heblicher Verzögerung hier an. Die Verspätung hängt an­scheinend damit zusammen, daß angeblich bei Uelzen Han­nover zwei Güterzüge aufeinander gefahren sind. Eine andere Meldung besagt: Die zweistündige Ver­spätung des Berliner Schnellzuges ist durch einen Eisen­bahnunfall veranlaßt worden, der gestern abend gegen 10 Uhr auf Station Elze stattgefunden hat, und der eine längere Gleissperrung auf der Linie Elze-Göttingen verursachte. Ein von Göttingen kommender Güterzug, der angeblich ohne Erlaubnis in den Bahnhof Elze einfuhr, stieß hierbei mit einigen Wagen, die durch eine Maschine gefahren wurden, heftig zusammen. Durch den Zusammen­stoß wurde ein überaus großer Materials.chaden angerichtet, während Menschenlebennichtzu beklagen sind; der Führer des Göttinger Zuges erlitt aller­dings erhebliche Verletzungen, die jedoch^nicht lebens­gefährlich sind. Die Zugkollifiou muß mit großer Heftigkeit stattgefunden haben, da nach derselben, wie Reisende erzählten, ein buntes Durcheinander von Trümmern aller Art, von Wagen, Wagenteilen und Gütern an der Unfall­stelle das Geleise bedeckte. Beide Geleise auf der Strecke Elze Göttingen mußten gesperrt werden, wodurch eine große Verkehrsstockung entstand.

** Fortbildungsschulkosten. In diesen Tagen kamen auch' in unserem Kreise die Staatszuschüsse zu den Kosten der Fortbildungsschule an die einzelnen Gemein­den zur Verteilung. Es wurden hierbei hauptsächlich die ärmeren Orte bedacht, und einige erhielten einen Betrag von 100 Mark.

In Sachen der Fortbilduugsschulsrage geht uns aus Lehrerkreisen folgendes Schreiben zu, das der Herr Ein­sender für die Oeffentlichkeit bestimmt:

Geehrtester Herr Redakteur! WaS den Zweifel an dem Ein treten Ihres geschätzten BlattrS für Schule und Lehrerstand betrifft, so Ufien Sie sich durch Einzelne nicht bange machen. (DaS thun wir auch nicht. D. Red.) Sie können versichert sein, dah Ihnen die Lehrer für Ihr mannhaftes Eintreten bei Beratung des Lehrer- besoldungsgrsetzes und nach dem Fall desselben stets dankbar find. Auch haben sie das Vertrauen zu Ihnen, daß S e in Zukunft die Sache der Lehrer verfechten werden. Der Artikel in Nr. 259 Ihres werten Blattes war allerdings äußerst einseitig Der V.rsaffer muß schlecht unterrichtet gewesen sein, während er die un­schätzbaren Vorteile der neuen Unterrichtszeit (5 btö 7 Uhr) nicht zu kennen scheint. Sie kann unter keinen Umständen ein Vorwur treffen. Sie mußten annehmen, der Versaffer des Artikels habe Ihnen die volle Wahrheit berichtet, und wenn di-.s der Fall wäre, würde auch ich ein Gegner der neuen Zeit sein."

-fc. Lang-Göns, 14. November. Die Wahl des neu­gewählten Bürgermeisters W. A. Rompf ist, wie ge- meldet, vom Kreisausschuß für giltig erklärt worden. Die Gegenpartei, die bekanntlich die Wahl wegen Wahl- beeiuflussung (Spendieren von Freibier u. s. w.) angefochten hatte, aber am 9. November mit ihren Einwänden abge­wiesen ist, will die Sache nunmehr im Landtag zur Sprache bringen lasten.

§ Pohl-Göns, 14. November. Der hiesige Gemeinde- Einnehmer Kollmar blickt heute auf eine 25jährige Thärigkeit als Rechner der Gemeinde und Kirche Pohl-GönS zurück. Aus diesem Anlaß wurde gestern abend eine kleine Jubiläumsfeier seitens des Gemeinde- und Kirchen- Vorstandes zu Ehren des Genannten veranstaltet.

fc. Friedberg, 14. November. Gestern wurde hier ei« Mann verhaftet, der in Gemeinschaft mit einem andern am vergangenen Sonntag abend auf der Straße von hier nach Ober-Rosbach den Dachdecker Wilhelm Kl um von Wolfenhausen angepackt und ihm sein Geld und Stock, nachdem beide den Klum zusammengeschlagen haben, abgenommen hat. Als dem Ueberfallenen zwei Leute zu Hilfe eilten, suchten die Räuber das Weite. Der Ueberfallene giebt an, er sei am Sonntag abend die Straße FriedbergOber Roßbach passiert. In der Nähe der Höhle erblickte er zwei Männer, die nach kurzem Gruß eine kleine Strecke neben ihm hergegangen seien. Auf einmal hätten beide mit je einem Knüppel auf ihn losgeschlagen, daß er zusammengestürzt sei. Einer dieser Räuber habe sich auf ihn gekniet, der andere seine Taschen revidiert und, nachdem auf Hilferufen zwei Männer herbeieilten, seien jene ent­flohen. Die Räuber haben das Portemonnaie und den Stock des Ueberfallenen mitgenommen.

Burkhards, 13. November. Heute erfolgte hier durch einen Beamten des Kreisamtes Schotten die Ver­pflichtung des Heinrich Klein II. zum Bürgermeister unserer Gemeinde.

-u. Södel, 13. November. Heute nacht fiel in der Dunkelheit Jakob Raab hier über eine an einer Hausecke aufgestellte Wasserbütte derart mit dem Kopfe auf den Rand derselben, daß er besinnungslos in.später Nacht auf- gesunden wurde. Man brachte den Verunglückten zu Bett, wo er kurz darauf seiner Verletzung erlag. Durch den unglücklichen Fall hat sich der Bedauernswerte, wie der Arzt feststeöte, einen Schädelbruch zugezogen, der den Tod herbeigeführt hat.

Mainz, 13. November. Vor einem neuen Schwindel, der zurzeit hier getrieben wiro, sei gewarnt. Vorgestern erschien in einem hiesigen Geschäfte ein junger Mensch und kaufte eine Partie Kolonialwaren, angeblich tm Auftrage eines hiesigen Ingenieurs. Er nahm die gekauften Sachen gleich mit, und bestellte noch zwei Flaschen Sherry, die nach Hause gebracht, und mit den anderen Waren bezahlt werden sollten. Als der Hausbursche später mit den beiden Fla­schen in der Wohnung des angeblichen Bestellers erschien, stellte sich heraus daß man einem Schwindler zum Opfer gefallen war. Vor etwa 14 Tagen ereignete sich ein ganz ähnlicher Fall hier. Heute morgen gewahrte der Bahn Wärter am Neuthorbahnhof, daß ein Mann in den Tunnel hineinlief. Der Bahnwärter eilte ihm nach und brachte den Mann wieder aus dem Tunnel heraus. Es stellte sich dabei heraus, daß man es mit einem Geistesgestörten namens Martin Reitz II. aus Laubenheim zu thun hatte, der sich das Leben nehmen wollte. Die Untersuchung über den Fund im städtischen Gaswerk hat ergeben, daß die dort entdeckten Gegenstände, besonders das Tuch, von einem Eisenbahndiebstahl herrührt, der im Jahre 1870 verübt worden ist; man will sogar wiffen, wer den Dieb­stahl verübt hat. Der Betreffende ist jedoch schon vor einigen Jahren gestorben; eine Bestrafung hätte übrigens wegen Verjährung nicht erfolgen können.

Aus Rheinhessen, 14. November. Mit der ab­gelaufenen Woche kann die Weinlese als beendet angesehen werden. Es haben allerdings noch mehrere Großgrund­besitzer, und solche Eigentümer, welche auf eine Spat­lese reflektieren, zu lesen, es wird dies jedoch, da hiermit keine Umsätze verbunden sind, und besonders die aus­wärtigen Geschäftshäuser ihren Bedarf vollständig gedeckt haben, auf das Geschäft und die gebildeten Preise ohne Einfluß sein. Mit Ausnahme des in einzelnen Distrikten durch Natureignisse verminderten geringen Ertrages ist man mit dem Verlauf der diesjährigen Wein­ernte sehr zufrieden, wozu die Güte der Ware, die bezahlten guten Preise und die meist schöne Witterung gleichmäßig beitrugen. In gekeltertem Most kamen in kleineren Sachen bereits bemerkenswerte Abschlüsse zu stände. Bezahlt wurden in Stadecken 460510 Mk., in Jugenheim 450470 Mk., in Elsheim 480530 Mk., in Eimsheim 430460 Mk., in Osthofen und Westhofen öM bis 530 Mk., in Engelstadt 400430 Mk., in Wörrstadt 440470 Mark. In alten Weinen war das Geschäft nicht besonders belebt; die Umsätze erstreckten sich auf einigt kleinere und Mittelsachen verschiedener Jahrgänge.

-fc. Marburg, 14. November. Bei der Konto!!' Versammlung in dem Nachbardorfe Ellnhausen wurde vorgestern der Reservist Weinhold aus Haddamshausen im Verlaufe einer Schlägerei so schwer verletzt, daß er ver» gangene Nacht starb.

Frankfurt a. M., 12. November. Unter dem Vor­sitze des Oberbürgermeisters Adickes und unter Mitwirk­ung des Stadtarztes Dr. Spieß ist hier eine Vereinigung zur Abhaltung von F o r t b i l d u n g s k u r s e n für Aerzte zusammengetreten. Von ihr sind drei Arten von Aerzte- kursen vereinbart worden. Die Kurse der ersten Art haben das Eigentümliche, daß jeder Dozent das ganze Winter­halbjahr hindurch einmal wöchentlich liest. Es ist durcy- diese Anordnung auch den stärker beschäftigten Aerzten die Gelegenheit gegeben, einen oder mehrere dieser Kurse regelmäßig zu besuchen und sich auf diesem Wege nur den Fortschritten der Hauptzweige der Heilkunde ve^ traut zu machen. Die Einrichtung der Kurse ist dadurM erleichtert worden, daß die städtischen Hospitäler in den Dienst der Sache gestellt wurden. Von Bedeutung x*