Ausgabe 
14.12.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

*

*

MS*

Er hantle besonders für das Austrileu M W kommen

Peking, 12. Dezember. Innerhalb der verbotenen kaiserlichen Stadt, etwa 1000 Schritt vom Quartier des Grafen Waldersee entfernt, entstand am 11. d. M. abends eine Feuersbrunst. Die Wohnung des Ritt­meisters Rusche, Eskadronschef im deutschen Reiter-Regi­ment, sowie die Quartiere der Schwadrons-Offi­ziere und das als Kasino benutzte Gebäude wurden ein Raub der Flammen. In derselben Nacht waren dort 12 Grad Kälte. Ebenso wie Freiherr v. Ketteler wurden auch die neun See-Soldaten vom deutschen Schutz- Detachement, die während der Belagerungszeit gefallen sind sowie drei Kinder und die ersten Toten von den deutschen Entsatztruppen, darunter der Hauptmann v. Rheinbaben auf dem Grundstück der deutschen Gesandtschaft zur letzten Ruhe bestattet, wo sich jetzt im Ganzen 24 Gräber Gesinden._____________________________________________________

eigener Kreisblätter aber wird dadurch hinfällig; Blätter, dienui \ amtliche Bekanntmachungen enthalten, würden dem (Staateun: den Steuerzahlern nur ganz unnötige Kosten machen, dm? niemand anders würde auf sie abonnieren als die Bürgen meistereien. Zumal bei den jetzigen exorbitant hohen Papi^ preisen würde der Staat ein sehr schlechtes Geschäft machn. Daß in Offenbach ein amtliches Kreisblatt existiert, wieeS Herr Köhler sich wünscht, ist ein Köhlerglaube. Dieser vermeintlich selbständige Offenbacher Kreisblatt ist eine Bei­lage der nationalliberalenOffenb. Ztg." Wenn bei uns in Gießen ein ähnlicher Modus für die amtlichen Veröffent­lichungen eingeführt würde, so wäre uns das nur erwünscht.

Herr Köhler hat mit seinen Ausführungen unabsichtlich die allgemeine Heiterkeit der ganzen Kammer erregt uitf ist wegen seiner Abschweifungen auf denGieß. Anz." vorn Präsidenten gerügt worden. Ihm ist also wieder einmal zu teil geworden, was ihm gebührt.

Zum Schluß noch kurz, daß wir die Behauptung des Herrn Köhler, wir hätten je irgend jemanden ..beschimpfe sehr entschieden zurückweisen müssen. Hohn ist niemals Schimpf. Herr Köhler thäte vielmehr gut, die Ton­art desGieß. Anz." sich zum Muster zu nehmen, auch für die ihm nahestehende, wie ein Veilchen im Verborgene blühendeVolksmacht".

Referenten zufolge gesagt:Dies Kreisblatt greiis jeder Weise uns an.- Uns? Ja, wer find diese U1J Wenn er Männer von der respektable» geistigen Kave'»- seiner eigenen schätzenswerten Person meint, dann dl recht. Will er aber, was ihm schon zuzutraueu ist, er >J Herr Bürgermeister des bedeutenden OrteS Langsdorf' 3 etwa identifizieren mit den Behörden des Landes, bannq das überaus scherzhaft, und wir brauchen diese tung unseren Lesern gegenüber nicht zu widerlegen. un3 Leser wissen, daß der Gießener Anzeiger sich allerdings H Recht der freien Meinungsäußerung, der unabhänajorl weder von rechts noch von links beeinflußten Kritik bewJ in allen Fragen, die das öffentliche Leben berühren, zuv?!»s sich aber rein referierend verhält und die Erwäqum Ä Für und Wider seinen Lesern selbst überläßt, die jebd Gelegenheit finden, ihre Ansichten im redaktionellen D des Gieß. Anz. auszusprechen. Daß diese Ansichten unfJ Lesepublikums zuweilen denen der Regierung entgegenge^ sind, das ist nicht unsere Schuld. Wir selbst uns auf einen von der Regierung abweichenden Statt- punkt bisher nur in der Lehrerbesoldungsfrage, tj Totensonntagsangelegenheit und der FortbildungSschMw gestellt, und dabei den größten Teil unserer Leser auf u serer Seite gehabt, wie wir aus zahllosen Zuschriften^ Daß das KrciSamt und andere Behörden im Gieß. im ihre Bekanntmachungen veröffentlichen, steht mit der d tung des redaktionellen Teiles eines Blattes in feinem sammenhang, und geschieht aus dem einfachen Grunde, bei der Gieß. Anz. das weitaus gelesenste Blatt in Gießen uni weitester Umgegend ist.

Gießen, 13, Dezember 1900.

* Die deutschen Studenten und Paul Kruger. In derDeutschen Hochschulztg." finden wir folgenden Ausruf:

Deutsche Kommilitonen! Wir stehen an der Wenbr zweier Jahrhunderte! Ein Weltgesctzick droht sich zu vollenden: dn Germanenoolk, das im todesmutigen Kampfe um das Höchte, was wir Deutschen kennen, um seine Freiheit ringt, sieht einer fcinöbtn Knechtung entgegen. Sein greiser Htldenführer pocht an d/e Pforten europäischer Staaten, um noch in einem letzten Versuche stimm schwergeprüften Volke Frieden und Unabhängigkeit zu erwirken. In Frankreich hat man ihn mit Begeisterung empfangen, und auch tn deutschen Herzen ist des Jubels für den Alten kein Ende, de« Anteils für sein h-rbcs Geschick. Und wo sich Männerherzen regen, be soll die Jugend feiern? Nein, Kommilitonen, auch wir wollen tn flammender Begeisterung empor schauen zu dem ergrauten Führer bts Brudervolkes im fernen Süden. Von diesen Gefühlen veserlt, Hal sich eine kleine Schar zusammengethan, um durch eine Sympathie kundgedung ihm unsere Verehrung zum Ausdruck zu bringen' Kommilitonen, die Anregung ist da! An Euch ist es jetzt, die Kund­gebung zu einer solchen zu gestalten, wie sie der akademischen Jugend würdig ist. Unsere Aufforderung geht nun dahin, Euch recht zahlreicv in die Listen einzutragen. Werbe e»n Jeder nach Stätten unter seinen F eunben und Bekannten! Möge dem greisen R-cken auch unser Jubelsturm entgegenbrausen, auch unserer Begeisterung Flamme das Dunkel seiner Verlassenheit erhellen und ihm künden, daß in den Herzen der akademischen Jugend Deutschlands das Verständnis für germanisches Heldentum noch nicht erloschen ist."

Mit treudeutschrm G.

Hermann Arnoldt, Han« Großer, Wilhelm UloriSle

Die ausgesüllten Listen, die bis spätestens den 18. De zember in der Redaktion derDtsch. H. Zig.", Königs­straße 5 in Leipzig, oder an einen der Unterzeichneten ein­gereicht sind, werden zusammengeheftet und durch den Ge­sandten der Burenrepubliken Dr. Leyds dem Präsidenten Paul Krüger überreicht. Eine solche Liste zur EinzeichnM liegt auch in unserm Geschästshause, Schulstraße 7, auf.

** Ein langer Leicheuzug bewegte sich gestern unter Vorantritt der Regimentskapelle durch die Straßen der Stadt nach dem Friedhof. Der Gießener Wingolf gad einem entschlafenen Inaktiven cand. ehern. B. Schwarz )aS letzte Geleit. Die Chargierten waren in vollem Trauer' w chs, ebenso war der Marburger Wingolf vollzählig mtl umflorter Fahne erschienen. Die hiesigen Korporationen waren meist durch Deputationen vertreten, während der Gießener S. C. sich mit allen Aktiven beteiligte. Am Grave prach Pfarrer Euler,.nach ihm gab der erste Chargierte )er trauernden Verbindung, etud. rer. nat. Sandmann, in bewegten Worten dem Schmerze der Verbindung Aus- )ruck und warf dem Verstorbenen Band und Mütze naw als Zeichen, daß der Bund auch über das Grab hinaus' >auere. Es wurden noch mehrere Kränze niedergelegt un )ann schloß mit einem Musikvortrag die würdige Fe>^- .

* Ein Rieseubazar in Gießen. Man erzählt sich l der Stadt, daß die bekannte Gr. ßfirmr Leonhard Tiev, >ie Riesenwarenhäuser in Köln, München, Berlm, A

1 Umschützen rc. gemat» btt ihre Tiere gut j Wprämien bedaci ich 268 Ml. Die htenb gestiegen, 9 mb 180 beitraten. W ist es nur die, . Mich einen namsich I brlaustn sich ans über : aus über 5400 M, st 1981 M. erhöht hat).

1 Tierschutzkalende stimmt sind, um die 3

nM. In Summ Kalender an die T Tagesordnung komm Prof. Dr. Frenz Derselbe versteht es reicher Weise der 2 das Leben m bei geliere, Insekten, ^gel, selbstgesammel W*ntn sichele Qm spannendsten « Salangane tindi Delikatesie der Chm deren kunstvolle Ne Rauschender AeiM Der Vorsitzende fpra Eng ans. $ierr 1 unter Leitung be» M Wgt 8oWr, b 'D-r »»schied M für «bei

Niiat«,

w» T >9.

Der

geldeo im K toQt, «Äraun in

Herauf

it'er uhfpL/' Die ex

tue l

#»sl

iÄ..M *111 ÄuffindernI

tat bewilligte M I 5?» ietiw Ze*« « b1

b. Friedberg, H heute Nachmittag, öj eo« B-i We J Erschienenen uno v dem Jahres uno bet Wertin sich ,mnl Hebungen auty w Der Wunsch nach BegiüM«! babnrdibinfnnin: hipnm I

Prozeß Sternberg.

Berlin, 12. Dezember.

Im Prozeß Sternberg beschloß heute der Gerichtshof auf Antrag des Staatsanwaltes, die Angeklagte Wender in Haft zu nehmen, da dieselbe durch einen bei der Zeugin Pfeffer beschlagnahmten Brief der Margarete Fischer noch mehr belastet wird und Kollusionsgefahr vor­liege. Hierauf wird die Frau Miller wiederum ver­nommen und vom Präsidenten dringend ermahnt, ein offenes Geständnis abzulegen. Ter bei der Pfeffer vor­gefundene Brief stimme mit ihren bisherigen Aussagen absolut nicht überein. Auch der Staatsanwalt ermahnt die Zeugin in Mndringlicher Weise zur Wahrheit. Er macht sie darauf aufiuerksam, daß sie eine Verhaftung uicht zu befürchten habe, selbst wenn sie alles gethan habe. Die Zeugin erklärt fid), bereit, die volle Wahrheit zu sagen und bekundet, daß Sternberg in ihrer Wohnung verkehrt hat. Ob er mit der Frieda Woyda unsittliche Handlungen vorgenommen habe, wisse sie nicht. Es sei ihr aber erzählt worden, von wem könne sie nid)t sagen. Der Vor­sitzende meint, das sei doch kein Geständnis, aber die Zeugin bleibt dabei, daß es die Wahrheit sei und daß sie nichts anderes aussageu könne. Die Mitteilungen in dem Briefe an die Pfeffer seien nicht wahr, sie habe dieselben jnur auf Grund von Zeitungsmeldungen be­lichtet und aus dem Inhalt von Briefen, die sie von Bekannten erhalten habe. Der Vorsitzende ruft sodann die Frieda Woyda vor und fragt sie, ob sie angesichts des Briefes ihre Aussage vielleicht ändern wolle. Die Woyda verneint dies mit dem Bemerken, sie habe die Wahrheit gesagt. Im weiteren Verlauf nimmt (wie wir gestern nachmittag bereits durch Aushang bekannt gaben D. R.) Kriminal-Kommissar Thiel seine gestrige, den Dr. Sello entlastende Aussage zurück und erklärt, daß Dr. Sello sehr wohl gewußt habe, daß er, Thiel, ein bestochener Beamter sei. Justizrat Dr. Sello bestreitet diese Angabe und verlangt seine sofortige Vereidigung, die der Gerichts­hof ablehnt. Darauf legt Dr. Sello die Verteidigung nieder.

Zeuge Thiel : Der Untersuchungsrichter hat mir vor­gehalten, daß ich meine Aussage bezüglich des Justizrats Dr. Sello anders vor und nach der Konfrontation mit demselben und gestern erstattet und sie eingeschränkt habe. Es handelt sich im wesentlichen darum, ob id)i ihm mit Namensnennung gesagt habe, daß ich bei der Eallis war und im Sternbergprozeß thätig sei. Ich will deshalb be­kunden, daß td); mit Herrn Luppa zusammen beim Justiz­rat Dr. Sello war. Vorsitzender: Wann ist das ge­wesen und wie ist es gekommen? Zeuge: Herr Luppa hatte mich veranlaßt, ihn an einem Sonntag Anfang März an der Herkulesbrücke zu erwarten, da er mit mir in der Sternberg-Sache zu Dr. Sello gehen wolle. Wir gingen in die Privatwohnung des Justizrats Dr. Sello, trafen diesen zunächst nicht zu Hause und trafen ihn später in der Wohnung an. Luppa stellte mich vor alsKriminal- Komnnssar Thiel", sagte, daß ich der Freund sei, der die Mitteilungen brächte und der große Unbekannte aus der Callis-Sache. Justizrat Dr. Sello holte sofort das Straf­gesetzbuch herbei und zeigte sowohl mir als auch Herrn Luppa die auf die Strafen für Bestechung ausgesetzten «trafen. An dem Tage wurde nichts weiter verhandelt, Dr. Sello sagte, es würden noch weitere Konferenzen in lemem Bureau uottvendig werden. Mir war die Sache außerordentlich peinlich, daß der Justizrat sich gleich auf den Rechtsstandpunkt stellte. Luppa hatte mich mit der Equipage des Herrn Sternberg erwartet, und wir waren zusammen zu Dr. Sello gefahren. Derselbe sagte bei der Unterredung zu mir: Wenn Sie aber Herr v. Tresckow rn der Sternbergschen Equipage neben Herrn Luppa siebt, dann wird er wohl Bescheid wissen. Ich ging dann auch M Fuß zur Pferdebahn. Dr. Sello sagte ferner, um die Sache nicht auffällig zu machen, sollte ich ihm irgend eine Rechtsangelegenheit übertragen, damit ich unauffällig im Bureau erscheinen konnte, und da war mir der Gedanke gekommen, ihm die ganz aussichtslose Erbschaftssache meiner Frau zu übertragen. Vorsitzender: Ist dann !?^r Erbschaftssache irgend etwas gemacht worden? noch zwei- bis dreimal ins Bureau des ?.T- ®ell°' ber einem dieser Besuche hielt er mir wieder bte -ßaragrapljen des Strafgesetzbuches vor. Er fragte mich auch, ob uh wissen wollte, wer der Kapitän Wilson nannte er den Namen Kühn. Er wollte mir auch die Adresse sagen, ich »vollte sie aber nicht wissen ^m Bureau des Dr. «eUo hat mir Herr Münchhausen auch und "icht kennen, er garantiere daß die Callis mich nicht wieder erkenne bin nach Sm ersten Prozeß noch einmal beim J^st zrat Tr Sello ae wesen und d eser sagte mir:Sie können von Glück sage / daß die CalliS Sie nicht erkannt hat. Herr Sternbera wird .chnen ewig dankbar sein. B o r s. : Ist Ihnen denn dabei irgend etwas angeboten worden? Zeuge " Neü Herr xr. Sello hat sich in dieser Beziehung vollständig chafflv verhalten. Bors. : Wie viel haben Sie im aamen von Luppa erhalten? Zeuge: 7 8000 Mark 9 Heber Geldsachen ist im Bureau des Dr. Sello nicht gesprochen worden. Ich habe auch nie von Dr. Sello einen Austrag in der Sache erhalten, sondern Luppa hat alles gemacht «taat san walt : Wann und wie ist denn nun bei den Besuchen des Zeugen beim Justizrat Tr. Sello von Stern- Derg gesprochen morden? Zeuge: Bei dem ersten Male

fo gut wie gar nicht, blos daß ich derjenige fei, der ich bin, die anderen Male handelte es sich um Konferenzen von höchstens drei bis vier Minuten, und sie drehten sich darum,. ob ich rekognosziert werden würde oder nicht. Der Zeuge wird noch befragt, ob bei seiner Vernehmung in diesem Saale von irgend einer Seite darauf Gewicht gelegt worden sei, ihn zu vereidigen. Der Zeuge glaubt, daß der Staatsanwalt seine Vereidigung angeregt habe und daß man vom Verteidigertisch sich dem Gedanken der Vereidigung angeschlossen hatte.

Rechtsanwalt Fuchs 1. wiederholt den Antrag, daß, nachdem und zum zweiten Male ein Mann, der sich selbst eines schweren Amtsverbrechens schuldig bekannt habe, Ge­legenheit erhalten hat, sich zu äußern, nun auch der andere Teil, Justizrat Dr. Sello als Zeuge vernommen werde. Das sei eine einfache Forderung der Gerechtigkeit.

Der Vorsitzende befragt den Sternberg, ob er den Justizrat Dr. Sello von der Pflicht der Amtsver­schwiegenheit entbinde; derselbe will es im Interesse Luppas nicht thun, Justizrat Dr. Sello erklärt aber, daß er sich in diesem Falle nicht an die Amtsver­schwiegenheit gebunden erachtet. -

Es folgt eine lange Vernehmung des Dr. Sello, in der er die Behauptung des Zeugen Thiel in vielen Punkten für durchaus falsch und unwahr erklärt.

Dr. Sello bekundet, es sei nicht richtig, daß von seiner Seite angeregt wurde oder daß er Kenntnis davon hatte, daß die Erbschaftsangelegenheit, welche durch ein Schreiben Thiels eingeleitet wurde, nur zum Scheine be­trieben werden sollte. Er erinnere sich jetzt, daß Thiel einmal flüchtig in seiner Wohnung war; es mag sein, daß er dort mit Luppa zusammentraf, jedenfalls ließen sie sich nicht zusammen melden. Daß er, Sello, bei dieser Gelegenheit Strafparagraphen zu Rate zog, fei nicht richtig. Gt habe damals keine sachlichen Erörterungen mit Thiel gepflogen, -e'r sagte ihm, er solle nach seinem Büreau lvmmen, wenn er in der Erbschaftssache etwas mitzuteilen habe. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt Thiel, er habe sich ernstlich geprüft und er könne kein Wort von seiner heutigen Aussage zurücknehmen. Thiel giebt zu, daß möglicherweise die Erbschaftssache auch von Luppa und nicht von Dr. Sello angeregt wurde; aber die Einzel­heiten besprach Thiel mit Dr. Sello. Der Gerichtshof be­schließt, die Vereidigung Thiels und Tr. Sellos auszusetzen. Dr. Sello erklärt, er werde sich nach Hause begeben, seine Wohnung nicht verlassen und auf tele­phonischen Anruf warten. Der Vorsitzende erklärt, ein Grund zum Niederlegen der Verteidigung sei nicht er­kennbar. Dr. Sello verläßt den Saal.

*

Telegramm deS Gießener Anzeigers.

Berlin, 13. Dezember. Wie dasKl. I." mitteilt, hat sich nach dem Vorfall in der gestrigen Sitzung im Sternberg-Prozeß Justizrat Dr. Sello einem Freunde gegenüber über den Stand der Angelegenheit ausgesprochen. Dr. Sello erklärt nach wie vor, daß er unschuldig sei und nicht das geringste gethan habe, was ihn seines Amtes und seiner Stellung unwürdig erscheinen lassen könnte. Er bestreitet die gestrige Aussage des Kriminal-Kommissars Thiel, der bereits vier Mal in diesem Prozeß seine Angaben gewechselt, während er, Sello, nicht ein Jota zu seinen bisherigen Bekundungen hinzugefügt oder von denselben zurückgenommen habe. Er verhehle sich nicht die Schwierigkeit seiner Lage. Er wisse, daß in dem Disziplinarverfahren Thiel's Zeugeneid gegen ihn stehen und daß Luppa und seine Freunde alles ver­suchen werden, um sich rein zu waschen. Er sei sich des Ernstes der Situation voll bewußt und wolle bis zur letzten Patrone kämpfen. Er baue zuversichtlich darauf, makellos aus der Affaire hervorzugehen.

Der Gießener Anzeiger nnb Herr Köhler-Langsdorf.

Gießen, 13. Dezember 1900.

Am Schluffe der gestrigen Sitzung der Zweiten Kammer der Stände hat der Abg. Köhler-Langsdorf einen heiteren Zwischenfall provoziert. Es lag eine Vor­stellung des Verbandes der deutschen Buchdrucker, die Ver­gebung von staatlichen Druckarbeiten betreffend, vor, die gemäß dem Ausschußantrage erledigt wurde. Hierbei hat Herr Köhler Gelegenheit genommen, nach unserm Referenten, von den Kreisblättern zu sprechen, und hat >abei auch den Gießener Anzeiger benannt:

Im redaktionellen Teil stünde dieses Blatt, so sagte nach dem uns vorliegenden Bericht Herr Köhler,auf oppositionellem Stand­punkt gegenüber der Bevölkerung des Kreises Gießen". . . In jeder Weise greift dieses Kreisblatt, so fährt Redner weiter fort, das man zu halten gezwungen ist, uns an, mich an. Es ist eine ganz eigentümliche Sache, daß man gezwungen wird von der Behörde, ein Blatt in das Haus kommen zu lassen, das sich als oberste Aufgabe gestellt hat, einen zu beschimpfen. Man sollte doch daran denken, besondere Kreisblätter zu begründen. Soviel ich weiß, existiert dies auch in anderen Gebieten, z. B. Offenbach." Der Redner ist, so fügt unser Korrespondent hinzu, auf der Tribüne infolge seiner eigentümlichen Redeweise schwer zu verstehen.

Präsident Haas unterbrach den Abg. Köhler mit dem Hinweis, daß die Ausführungen nicht zur Sache gehören, worauf Redner mit den Worten-Ich bin ja auch schon fertig" sich wieder setzt. (Allgemeines Gelächter)

Herr Köhler hat mit dieser hervorragenden ora- torischen Leistung in der nachhaltigsten Weise für den Gießener Anzeiger Propaganda gemocht, wofür wir ihm aufrichtigen und herzlichen Dank sagen. Der Herr Ab- geordnete und Bürgermeister von Langsdorf hat dem Gießener Anzeigeropposition lle Haltung gegenüber der Bevölke­rung des Kreises Gießen" nachgcredet, wenn anders 'User Berichterstatter ihn richtig verstanden hat; wir werden ras offizielle Stenogramm abzuwarten haben, um dann näher auf die uns behandelnden Ausführungen dieses gtonosen Herrn Parlamentariers einzugehen, wenn sich das für uns überhaupt verlohnen sollte. Die vermeintliche oppositionelle" Haltung des Gießener Anzeigers gegen­über der Bevölkerung des Kreises Gießen dokumentiert sich u. a. durch die Zunahme der Abonuentenzahl um etwa 2000 tnnerhalb der letzten Zeit! Herr Köhler hat dann - unserem