Ausgabe 
13.7.1900 Erstes Blatt
 
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Gewisse Veg»ündu«g nicht aüaesproft)je» werden fte- geMM des Umstandes, daß ein Landesteil nach dem -anderen dem martialischen Gesetz unterworfen werden mutz, tiitb daß auf diese Weise bereits die Hälfte des Fürstentums der militäris-cl-en Gerichtsbarkeit überliefert worden ist. M der Gedanke in ernstester Weise ventiliert werden, zur Regierung ausschließlich höhere Militärs zu berufen, und zwar heißt es, General Petro ff solle an die Spitze der Regierungsgetvalt gestellt werden. Dieser General hat seine Ausbildung in der Akademie des russi- schen Generalstabs erhalten und es wird ihm die Fähigkeit zngeschrieben, die Rolle eines bulgarischenAlba" zu Spielen. Mehr als ei n bulgariscl-erEgmond" dürfte dann vielleicht seine politis-ä>e Vergangenheit mit dem Leben zu bezahlen haben. Eine definitive Entscheidung über den Weg, der betreten werden solle, ist allerdings noch, nichb gefallen und der Fürst, zog es vor, tveit von Sophia über die harte Zeit und deren Erfordernisse uachzudenken. Ob aber das Sprichwort:Kommt Zeit, kommt Rat!" sich- in diesem, man darf wohl sagen, fast verzweifelten Falle bewähren wird, das ist allerdings sehr fragliche

Die Lage in Bulgarien hat sich- derartig verschärft und |o drohende Aspekte angenommen, daß ein großer Ent- ßchluß gefaßt werden muß, dem ^entscheidende Thaten un­bedingt zu folgen haben. Die Staatsautorität hält, wie dieDresd. N. Nachr." wissen wollen, an dem Gesetze, betreffend die Zel)entsteuer, fest aus welichm Grunde, das weiß man positiv nicht; wie in bulgariscl>en Blättern behanptet wird, soll es darum gescl)ehen sein, weil die Zehent st euer für das Jahr 1900 bereits einem f r a n - äöfischen Konsortium, an dem ein Bruder des F ü r st e fu$ erdinand beteiligt sein soll, für 20 Mill. Francs verpachtet worden wäre. (!!) Indessen, ebenso fest und unerschütterlich verharrt das Volk auf seiner Wei­gerung, diesem Gesetze sich zu beugen. Bulgarien ist dem­nach thatsächlich in zwei Lager geteilt: in dem einen steht das regierende Regiment, in dem anderen bezog die Wache, Gewehr bei Fuß, das regierte; keins von beiden will nachgeben. Von beiden Seiten wird, nicht im bildlichen, sondern im buchstäblichen Sinne des Wortes an die Waffen appelliert: Die Armee steht gegen die Nation, und diese letztere, ebenfalls gut bewaffnet, rielstete sich in ihrer ganzen Stärke drohend vor dem Heere auf. Wenn es wahr ist und daran ist vorläufig nicht zu zweifeln, daß die Regierung, von der kritisch gewordenen Finanz­not gedrängt, unter keinen Umständen auf die Zchentsteuer in Natura verzichten kann und will, so ist absolut nicht abzusehen, wie der endlül>e Kampf zwischen beiden Lagern vermieden werden könnte. Muß er aber begonnen und ausgefochten werden, dann erscheint es nur logisch, daß ein Militär-Regime etabliert werde, und zwar je eher, desto besser. Verfassungsmäßige Bedenken scheinen ja die Machthaber in Sophia sehr wenig zu beunruhigen: hat man doch skrupellos mit der bekannten Preßordonnanz ein klaffendes Lock)! in das Grundgesetz gemacht! Nach dem bekannten Worte, daß es immer nur der erste Schritt sei, der Schwierigkeiten bereite, dürften die Löcher in die bul- garisst)e Staatsverfassung nunmehr in rascher Reihenfolge gebohrt werden und dasMinisterium der Obersten" wird nur noch den letzten Nagel in den Deckel des Sarges der Konstitution hineinzuschlagen haben.

Welche Folgewirkungen dieser zum Teil bereits voll­zogene, zum Teil noch, zu vollziehendeCoup d'Etat" für das Land haben wird, darüber kann man vorläufig keine präzise Meinung aussprechen. Nur so viel läßt sich schon jetzt sagen, daß Bulgarien den trübsten Zeiten und stärksten Erschütterungen entgegen treibt. Wie aber auch immer sich die Lage in Bulgarien gestalten möge, der Friede am Balkan dürste darunter schwerlich) leiden. Serbien, das in seiner heutigen Situation einen der ersten Faktoren der Balkangeschichte bildet, verbürgt zur Genüge die Sta­bilität des Friedens. Die letzte Reise des Königs Alexander im Osten seines Landes hat den Beweis erbracht, daß die Harmonie zwischen Thron und Volk so vollständig ist, wie sie vielleicht zu keiner Zeit in Serbien war. Eine Weiter­verbreitung der bulgarischen Gährung über die bulgarische Grenze hinaus erscheint daher gänzlich ausgeschlossen und darin liegt die Bürgschaft für die Erhaltung des Balkan­friedens.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 12. Juli 1900.

* Au8-eichuu»gen. Der Kaiser hat den nachbenannten Beamten im Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes die Erlaubnis zur Anlegung der ihnen verliehenen fremdherr- lichen Orden erteilt, und zwar: des Komturkreuzes zweiter

Dr. Dörpfeld.

der vchhSftöstelle unseres BlstteS entgegengenommen werden, lieber die geleisteten Beiträge wird öffentlich quittiert werden.

somehr als die Veranstaltung in sich selbst den berufenste« Fürsprecher hat. Wir begnügen uns, daß Gaben auch in

Klaffe des Großh. heff. Verdienstordens Philipps des Groß- | es sich heute nochmals darüber ausführlich zu sprechen, um. wütigen: dem Konsul mit dem Charakter als General- r c~ *** " ' " ffJt r ,tr c " *

Konsul v. RekowSki in Neapel; des Ritterkreuzes erster Klaffe desselben Ordens: dem Ersten Sekretär der Zweig­anstalt des Archäologischen Instituts in Athen, Prosessor

** Versetzungen. Lehrer Engel von Bannerod, Kreis Lauterbach, wurde nach Eichloch, Kreis Oppenheim, und Lehrer Schmuck aus Bechtheim nach Sichenhausen versetzt.

** Der meteorologische Beobachtungs- dienst im Großherzogtum Hessen soll bis zum 1. Januar 1901 vollständig reorganisiert werden. Zu diesem Zweck ist die Gründung eines treuen, einheitlichen und ausgedehnteren Netzes von Beobachtungsstationen ge­plant, von denen die meisten auf die sogenannten Regen- st a t i o n e n entfallen. Es sind dies Stationen, auf denen ein Jnstimment zum Messen des tagsüber fallenden Nieder­schlags, sogenannter Regenmesser, aufgestellt wird, dessen hauptsächlick)-c Bedienung darin besteht, daß jeden Morgen um 7 Uhr die darin angesammelten Medcrschläge abge­messen und nach einer den Beobachtern gelieferten, leicht faßlichen Instruktion ihre Art ausgezeichnet wird, worauf die Aufzeichnungen nach Monatsschluß an die Zentralstelle eingesandt werden. Es ist selbstverständlich daß dazu eins Anzahl von zuverlässigen Beobachtern erforderlich ist, süv jede Station einer, der auch imstande ist, im Falle seiner persönlichen Verhinderung einen ebenso zuverlässigen Ersatz für Ausübung seines, wie erwähnt, nicht schwierigen Amtes zu stellen, <und da wohl darauf gerechnet werden kann, daß sich- an de betreffennden Orten Leute finden, die sich für die Meteorologie interessieren und deshalb gewillt sind, ihre Dienste dieser gemeinnützigen Sache zu widmen, so ergeht hierdurch an dieselben die Aufforderung, gefl. in Bälde, d. h. bis späte st ens Ende Juli (etwa per Postkarte) der Abteilung für Bauwesen des Mi­ni st e r i u m s der Finanzen ihre Bereitwilligkeit zur Uebernahme der Station aussprechen zu wollen. Für die sämtlichen Beobachter ist übrigens eine Remuneration vor­gesehen, um sie für die aufgewandte Mühe zu entschädigen. Es würden vor allem für folgende Orte Meldungen er­wünscht sein: Groß-Gerau, Bensheim, Lindenfels, Wald- Michelbach, Beerfelden, Langen oder Dreieichenhain; Vilbel, Münzenberg, Altenstadt, Grünberg, Homberg, Alsfeld, Schlitz, Herbstein, Gedern; Gau-Algesheim, Nieder- oder Ober-Saulheim, Wöllstein. (Im Interesse der Sache wird um gefl. N a ch d r u ck der Aufforderung in den Zeitungen gebeten, welche in irgend einem, der genannten Orte ver­breitet werden.)

** Patriotisches Liebeswerk. In unserer Nr. 160 hatten wir Gelegenheit, an dieser Stelle die patriotische und menschenfreundliche Gesinnung der deutschen Studenten­schaft zu rühmen, die mit der beherzigenswerten Anregung an die Oefsentlichkeit trat, für die Hinterbliebenen der in China Gefallenen Sammlungen zu veranstalten. Dem guten Beispiel folgt nun der Landesausschuß des Deutschen Flottenvereins für das Groß­herzogtum Hessen, der durch Dr. W. Merck in Darm­stadt folgenden Aufruf uns zusendet, den wir gerne der Oeffentlichkeit übergeben:Deutsches Blut und Gut ist in China bedroht. Tausende von Christen find bereits dem Fanatismus der Chinesen zum Opfer gefallen. Schon ist deutsches Blut in Peking, m Tientsin und bei Erstürmung der Takuforts gefloffen. Erhebliche Kräfte der Kaiserlichen Marine befinden sich auf der Fahrt nach China, Freiwillige der Landarmee find ebenfalls dorthin abgegangen, weitere Verstärkungen werden folgen. Schwere Kämpfe stehen un­seren Landsleuten bevor. Erinnern wir uns der Opfer­freudigkeit unseres Volkes in früheren Kriegen! Jetzt gilt es wiederum, deutsche Krieger in ihrem schweren, gefahr­vollen Dienste zu unterstützen, durch Uebersendung von Liebesgaben zu erfreuen, die Lage Verwundeter zu erleich­tern. Wir Hessen wollen hinter den deutschen StammeS- genoffen nicht zurückstehen, wir wollen ebenfalls in der Heimat Gaben für unsere in Ostafien kämpfenden Soldaten und Matrosen sammeln. Die Mitglieder des Flottenvereins werden ersucht, diesen Ausruf nach Kräften zu unterstützen, da es eine der vornehmsten Aufgaben unseres Vereins ist. den Angehörigen der Marine in Gefahr und Not beizn- stehen. Geldspenden (Naturalien find bei dem weiten Transport auSgeschloffen) werden entgegengenommen von den Ausschüssen und Ortsgruppen, dem LandesauSschuß (Darmstadt, Annastraße 15). Da wir bereits diese Be- thätigung einer edlen Gesinnung gewürdigt haben, erübrigt

Allendorfa. d. L U m d aA 10. Juli. Ein betrüben­der U n g l ü ck s f a l l ereignete sich am Samstag hier auß der Eisenbahn-Neubaustrecke Londorf-Lollar. Mehrer» Kinder vergnügten sich damit, mit den Rollwagen herum- znfahren, und hierbei geriet ein Junge zwischen die Räbe« zweier Wagen in so unglücklicher Weise, daß ihm der eine Fuß vollständig zerquetscht wurde. Der Junge mußte in die Klinik nach Gießen verbracht werden. (Gr. A.)

)( L o n d o r f, 10. Juli. Leider kann auf Vollendung des Bahnbaues der Eisenbahnstrecke Lollar-LondorA vor Herbst des nächsten Jahres nicht gerechnet werden. AuH der oberen Hälfte sind zunächst nur Maurerarbeiten a» zwei Stellen in Angriff genommen. Auch ist der Bau hier sehr schwierig, da das Bahngeleise zwischen Londorß und Allendorf auf einer über 100 Meter langen Brücke die Kreisstraße und die Lumda Überspannen soll und am Kreuzungspunkte mit der Kreisstraße Mlendorf-Climbach letztere ca. 3 Meter höher gelegt werden wird. Die Erd­arbeiten der ganzen Strecke sind vertragsmäßig erst bV zum 1. Juni nächsten Jahres fertig zu stellen und nehmen voraussichtlich die vorgesehene Zeit auch in Anspruch; mrt dem Legen der Schienen und der Vollendung der in etwa vier Wochen zur Vergebung kommenden Bahnhofsgebäude werden alsdann noch, einige Monate weiter verstreichen.

+ Ettingshausen, 12. Juli. In den Waldungen der Gemeinden Münster, Ober- und Niederbessingen, Hattenrod und Ettingshausen ist man nun schon seit etwa 14 Tagen mit dem Einsammeln von Erdbeeren beschäftigt. Es find hauptsächlich die Kinder ärmerer Leute, die ihre freie Zeit mit dieser lohnenden Beschäftigung zubringen. Anfangs wurde der Tops Erdbeeren mit 20 Psg. bezahlt, später er­hielten die Verkäufer 25 Psg. und jetzt soll der Preis bereits aus 28 bis 30 Psg. gestiegen sein. Die Erdbeeren waren in diesem Jahre sehr begehrt, z. B. ließen Leute der be­nachbarten Landstädtchen, wie z. B. Grünberg, in der Ge­meinde Ettingshausen auf ortsübliche Weise bekannt machen, daß sie Erdbeeren mit 25 bis 30 Psg. pro Topf bezahlten. Wenn man nun einerseits bedenkt, welch' großer Beeren­reichtum in den ausgedehnten Waldungen genannter Ge­meinden herrscht, und andererseits in Betracht zieht, daß gerade diese Orte von dem Verkehr etwas abliegen und also den Bewohnern nicht sehr viel Gelegenheit zum Ver­dienst gegeben ist, so kann man erst recht ermeffen, daß das Einsammeln der Beeren ganz besonders für die ärmere Be­völkerung eine sehr willkommene und nicht unbedeutende Einnahmequelle ist. Leider aber kann man voraussehen, daß dieser Beerenreichtum mit den Jahren mehr und mehr abnehmen wird. Die Erdbeeren gedeihen bekanntlich am besten im Kiefernwald, woselbst ihnen Lust und Licht zugehew kann. Da nun aber die Kiefer einen geringeren Nutzen abwerfen soll als die Tanne, so ist die Forstbehörde schon seit Jahren damit beschäftigt, Tannen oder wie die Landbewohner sagen Fichten dazwischen zu pflanzen. Mit dem allmählichen Verschwinden der Kiefernwaldungen wird also auch zum großen Bedauern der Bevölkerung der Reichtum an Beeren sehr zurückgehen. Wir wollen nun einmal versuchen, den Nutzen zahlenmäßig darzustellen. In Ettingshausen gehen täglich ans rund 20 Familien je 3 Erwachsene und Kinder zum Beerenpflücken in den Wald, also 60 Personen. Nehmen wir nun gering an, jedes pflücke täglich 3 Töpfe Beeren und bekomme pro Topf 25 Psg., so würden die Sammler für die 180 Töpfe im ganzen täglich 45 Mk. einnehmen. Da nun die Beerenernte rund 20 Tage dauert, so hat die ärmere Bevölkerung einen Ver­dienst von 900 Mk. Hierzu kommt nun noch die Himbeer­ernte, welche in den nächsten Tagen beginnen wird, sodaß obige Summe auf ungefähr 1400 Mk. steigen dürfte» Hoffentlich bleibt diese Einnahmequelle noch recht lange den beteiligten Gemeinden.

O Rudingshain, 10. Juli. Auch aus unserer Gemeinde hat der Krieg in China schon ein Opfer gefordert. Heute erhielt ein hiesiger Bürger eine Depesche, die besagt, daß sein Sohn, der seiner Dienstpflicht bei der Marine genügte, in den letzten Kämpfen gefallen ist. DaS ganze Dorf nimmt Anteil an dem Verluste der so schwergeprüften Familie.

IRädckien, da sein Besitz ihm unmögliche ist, zur Himmels­braut machen, zur Nonne, damit diese holde Mädchenblume «seit und gesichert werde vor all den Verführungen der fündigen Welt, denen ihre Mutter nickst widerstehen'konnte, denen arich sie er weiß es als ihr Beichtvater nicht Mnrb widerstehen können, wenn sie an sie herantreten. Darum l)at er an die .Ursulinerinnen in Breslau geschrieben, um fie dort aufnehmen zu lassen, und an dem Morgen, an dem das Stück einsetzt, erhält er die zusagende Antwort: Anna soll nur kommen, sobald sie sich reif fühlt; die Pforten des Klosters werden ihr jederzeit offen stehen, «ber zugleich mit diesem Briefe ist eine Postkarte im Pfarr­haus von Rosenau ein getroffen, eine Karte, in der der fetter Hans mitteilt, daß er das Abiturienteneramen ge­macht hat und, ehe er nach Heidelberg auf die lliiioerfität Mht, dem Onkel Hoppe, dem Pfarrer, einen Besuch, ab- ftatten will. Vetter Hans, der Spielkamerad Annchen's in früheren Jahren, der einzige, an den sie ihre Mädchen­träume hängen konnte! Sie lieft die Karte beim offenen Fenster, durch das die meidje Lenzluft und der Glanz der Lenzsoniie hinerndringen, die schpntso Ivarm scheint. Jugend bnnnen, Jugend draußen, Keimen, Sprossen, Blühen, sich fell'st unbewußt! Was kümmert sie nun der Kaplan mit feiner Fürsorge und seinen Ursulinerinnen! Hansck)en kommt und mit ihm beginnt eine Seligkeit, wie sie sie nie gekannt hat, das ist ihr gewiß, sobald sie die Karte gelesen hat.

Und Hanscheii kommt, glücklich im Gefühl der ge­wonnenen Freiheit, glücklich hinausziehen zu dürfen in die Welt, etwas erleben zu dürfen, die Bande fprengen zu

dürfen, die ihn bisher beengt hielten. Feurig schäumt ihm das Blut durch die Adern, jubelnd stürzt er sich hinein in den Strom der Welt! Da stehen denn die beiden Menschenkinder und sehen sich in die Augen und finden Freude aneinander und Wohlgefallen, weil sie sich so ähn­liche sind und so Weiche Wünsche und Gedanken haben. Onkel Hoppe ist alucklick)-, seinen Neffen, den Sohn seiner Jugendliebe, bei sich zu haben, nimmt ihn auf wie einen Sohn, traut ihm, wie er sich selber traut, und schlägt die Wurnungen des Kaplans in den Wind. Aber dieser behält Recht. Es kommt wie es kommen muß: schrittweise entwickelt sich das Liebesdrama. Zuerst ein frühlings­duftiges, jugendliches und herzerquickendes Spiel der Liebe zwisck>en den beiden Kindern, die sich wie selbst­verständlich zusammenfinden. Dieses Spiel der Jugend, das kindlicl;e Mädcl)en, das sich mit reizender Hingabe in den ersten jungen Mann verliebt, den es zu sehen be­kommt, und der Mulus, der noch nicht recht weiß, wo er Hände und Füße lassen soll, das alles kommt zur Dar­stellung wie ein Frühlingsgedicht mit Vogelgesang. Der Dichter hat es verstanden, das Erwoftien der Liebe in zwei jungen Menschenherzen, ihr Anwachsen zu einer jede Schranke niederreißenden Naturgewalt zu zeick>nen, die feinen Schwingungen im Seelenleben der beiden wieder­zugeben, er hat die Regungen in der Menschenbrnst mit dem Lenzerwackien der Nattir in Verbindung zu setzen gewußt. Die linde Frühlingsluft, die über die Auen von Rosenau hinzieht, die jungen Saaten aufsprießen und die Knospen an Baum und Strauch schvellen macht, sie weckt auch in Hänschen und Annchen Mes geheimnisvolle

Sehnen, in dessen Erfüllung sie ihr höchstes Glück und ihr tiefstes Leid finden müssen.

Ihr tiefstes Leid! Denn Hänschen und AmuheN nähern sich viel zu sehr undi viel zu schnell. Amandus, der Idiot, der Hans häßt, weil Annchen diesem allein die besten Leckerbissen reicht und ihn leer ausgehen läßt, verrät die Liebenden. Die beiden jugendlichen Sünde» versuchen gar nicht erst zu leugnen, sie nehmen ergeben das Urteil hin, das Onkel Hoppe über sie fällt: sie solle» sich sofort trennen, Hans soll gleich zur Universität ab- reifen und erst wied<erkommen, wenn er etwas rechtes ge­lernt hat. Wiederkommen wird er aber, so meint der Pfarrer, wenn er ein ehrenhafter Mensch ist; und Haus' bestätigt feierlich:Ich werde wiederkommen!" Indes er aber von Annchen den letzten schmerzensreichen Ab­schied nimmt, naht das Ende ein gewaltsames Ende. Der Cretin will den Studenten vom Fenster aus erschießen, aber Aennchen wirft sich zwischen beide und bekommt die tötlick>e Kugel ins §erj. Die Thal eines Idioten.

Dieser Schluß ist ein Zugeständnis an die alte Büh­nentechnik, er ist unrealistisch Was wäre aus Hans unö Amuhen geworden, wenn der Schuß fehl gegangen wäre? Wäre Hans zurückgekehrt zu seinem Annchen narb Beendi- digung' seines Studiums? Die erste süße Jugendliebe ift ihm. dem thatendurstigen Jünglinge, nach ein paar Jahre» vielleicht nichts als ein Jugendtraum, und feine das Leben ausfüllende große Leidenschaft. Mit dem Mschiede der jugeirdlichen Sünder von einander hätte Ibsen das Drama geschlossen. Was nun kommt, das liegt im Schoße bei Zukunft verborgen, wie das Lebensschich'al jedes Menschen^