improvisierten Nachtrab eines eben ankommenben, Calderns freundlichem Rufe folgenden Gesangvereines bildend, werden wir von den .Klängen der Musik und einem berittenen Herold in langem weißen Mantel und altehrwürdigem Dreimaster empfangen. Andere Vereine folgen, und bald ist der Festplatz gefüllt. Die blaue Farbe herrscht vor, denn alle Sänger sind in dem schlichten blauen Sonntagskittel erschienen, der für die männliche Tracht dieses Teiles des Hinterlandes charakteristisch ist. Doch auch andere Färber: sind vertreten, denn immer größer wird die Zahl der in bunten Festgewändern erscheinenden Dorf- schönen. — Allzu früh müssen wir scheiden, da auf zweistündiger Wanderung durch heidelbeerreiche Wälder das warme Abendessen aufMarburgs Terrasse noch rechtzeitig erreicht werden muß.
** Ein neues Liebeswerk. Wo es sich darum handelte, echten deutschen Sinn zur Entfaltung zu bringen, war cs stets unsere akademische Jugend, die mit unter den ersten marschierte. Und nicht allein das, sie war es auch), fthvn ost, die überhaupt die erste Anregung zu hervorragender Betätigung patriotischen Geistes gab. Wir haben kaum nötig, an die zahlreich vorhandenen Beweise dieser Gesinnung unserer deutschen Studentenschaft zu erinnern, im Niederwalddenkinal, in den Denkmälern auf der Rudelsburg usw. hat sie sich Denkmäler errichtet, die
hernschen Maßregeln vorschreiben zu können, umso leichter, als ihm die Möglichkeit, von anderwärts Spiritus zu erhalten, abgeschnitten 'st. Ein etwaiger Hinweis auf andere Artikel, die noch ge- rmgeren Nutzen abwerfen, wie zum Beispiel Zucker, Petroleum rc. welch bedauerlicher Werse meist zum Einkaufspreis, ja bei rückgängigen Konjunkturen unter demselben der übergroßen Konkurrenz wegen detailliert werden müssen wird die jammervolle Lage des Detailhandels nur noch besser charaktensieren. Wohin soll der ohnehin schwer bedrängte Detailhandel kommen, wenn bald ein Petroleumring, bald ein Zuckerkartell, bald ern Seifenring, nun ein Spiritusring den karg genug bemessenen Nutzen kürzen! Die Lage des Kleinhändlers ist überhaupt nicht beneidenswert, denn er hat ohnedies schwer genug mit der Konkurrenz, Nicht zum mindesten der Warenhäuser rc. zu kämpfen und überdies ist es ferne Wonne vom frühen Morgen bis zum späten Abend ununter, br.°^c” Dosten des Publikums zu stehm. Darum besinne sich I-d-r auf sich f-lbst und laffe sich nicht knechten unter Me
diktatorischen Vorschriften der Spirituszentrale.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 11. Juli 1900.
Das Regierungsblatt Nr. 51 vom 7. Juli hat zum Inhalt: 1) Gesetz, die Festsetzung der Staatshaushalts-. Perioden betr. 2) Gesetz, die Abänderung der Art. 64 und 67 der VersassungSurkunde betr. 3) Bekanntmachung, daß der Inhaber der Lehrerstelle für Naturwissenschaften und Obstbau an der Obstbauschule in Friedberg dienstlich den Tttel „Oberlehrer" zu führen hat.
I eine eindringlichere Sprache sprechen, als irgend ein Redner» "^rungszeichen an vergangene große Zeiten aurfil in
I Liebeswerken hat sich das Herz unserer Studen-
erkennen gegeben, und auch weiterhin ist unsere
I ^U9<Lnb bestrebt, ihre Thatkraft nach, dieser
I SSS? 9 hin .an den Tag zu legen. Einen Beweis hierfür I sn.eu£r v?9x? die Berliner Studentenschaft. Wie man I Reichshauptstadt meldet, wollen die dortigen
Tlt eVtem patriotischen Liebeswerk vorgehen, I in ^en weitesten Kreisen die größte Syrn-
I p^?h^ Zwecken muß^ Eine Geldsammlung für Die I 6Cesn ber China Gefallenen,
nPUPrLna patriotische Sinn der Akademiker
neuerdrn9s verfallen rst. Jeder, der den Ernst der Lage SÄ“ bSß bs zu harten, verzweifelten
SM*” kommen muß und wird, und daß in diesen Kümpfen noch so mancher tapfere Deutsche den bereits gefallenen Helden in den Tod folgen wird. Wie viele JJtutter werden nicht einen Sohn zu beweinen haben der ^tze im Alter sein sollte, wie viele Frauen und Kmder nicht den Ernährer.' Sie alle werden neben dem Schmerz um den Teueren, der von einer Kugel der s- b(^In8era^t wurde, auch noch die Sorge zu fühlen
Kampf um das täglche Brot mit sich bringt.
> ct.n€§ ^ben, einzuspringen und sich
den Unglücklichen helfend zur Seite zu stellen?? — Die Berliner akademische Jugend hat das erkannt, und durch die Aufforderung des Direktoriums der akademischen Lese- Halle zur Beteiligung an jener Sammlung hat sie gezeigt baß fte awch auszuführen nicht zögert, was sie als Pflicht bedachtet. Und was die Berliner Studentenschaft vermag, sollte auch der übrigen akademischen Jugend nicht schwer fallen. Wir sind fest überzeugt, daß es nur dieser Anregung bedurfte, um auch die Gießener Musensöhne für das von den Berlinern in die Wege geleitete Liebeswerk, zu begeistern, und wir sind ferner überzeugt, daß auch dre bürgerlichen Kreise nicht zögern werden, das menschcn- freundliche Werk thatkräftig zu unterstützen.
** Die Herren Kruse und Helm schreiben uns aus Bad Neuenahr, daß Halbe'S ..Jugend" von ihrer Theatergesellschaft bereits am 7. Dezember 1896 hier zur Aufführung gebracht wurde.
-B- OberBesfingen, 10. Juli. Bei der hiesigen Bürg er - meisterwahl wurde der seitherige Bürgermeister Kühn einstimmig wiedergewählt. Es ist dies das dritte Mal, daß derselbe einstimmig gewählt wurde, ein Zeichen, daß er in seiner Gemeinde sehr beliebt ist. Herr Kühn ist als tüchtiger Bürgermeister bekannt, und man kann der Gemeinde Ober-Bessingen Glück wünschen, daß sie iu Anerkennung dieser Thatsache die einstimmige Wiederwahl beschloß.
f den soll: Herzogin Marie Cfabriele, die jugendliche, liebreizende Braut, braucht nicht erst um die Liebe des bayerischen Volkes zu werben. Uns allen ist die Familie des Herzogs Karl Theodor lieb und vertraut: giebt es doch kaum einen Mann int Königreich der sich als Wohl-' thäter der leidenden Menschheit einer so unbegrenzten Hochschützung und Verehrung erfreut, wie der Vater der Braut. Und an her Beliebtheit, deren sich der Vater erfreut, nehmen auch die Kinder Anteil, deren Liebenswürdigkeit und hohe geistige Bildung ihnen die Herzen aller gewonnen haben, denen sie je ttäher getreten ftrrd. Mit gleich herzlichen Wünschen, wie seine hohe Braut, begleitet das bayerische Volk den Prinzen Rupprecht von Bayern auf seinen künftigen Lebenswegen.
In Gmunden ist der Prinz Maxvon Baden mit Der Prinzessin Marie Luise von Cumberland vor den Traualtar getreten, lieber diese Heirat, die nicht eines gewissen politischen Beigeschmacks entbehrt, da der Vater der Braut, der Herzog Ernst August von Cumberland, das Haupt des Welfenhauses ist, wird der „N. Fr. Pr." aus Gmunden gemeldet:
Von herzoglicher Seite wurde den Anhängern der welfischen Sache nahe gelegt, in ihren Ansprachen und Glückwünschen jede politische Anspielung zu vermeiden. Prinz Max von Baden, der mit Kaiser Wilhelm sehr befreundet sei, habe dem Kaiser vor seiner Verlobung von dem Entschlüsse, die Prinzessin Cumberland zu heiraten, Kenntnis gegeben und der Kaiser habe diesen Entschluß gebilligt. Daraus folge aber nicht, daß er daran denke, sich gegenüber der Familie Cumberland auf Kon- zeftwnen etnzulassen, uud auch der Herzog von Cumberland f et nicht geneigt, seinen Standpunkt zu verlassen und feine Ansprüche aufzugeben. Wohl könne man aber annehmen, daß die persönlichen Beziehungen zwischen Berltn und dem Cumberlandschen Hause sich fernerhin etwas freundlicher gestalten würden.
Darmstadt, 10. Juli. Graf und Gräfin zu Erbach- Schönberg trafen heute zum Besuch auf Jagdschloß Wolfsgarten ein, nahmen an dem Luncheon teil und reiften im Laufe des Nachmittags wieder nach Schönberg zurück. — Bom 21. Gauverbandsfest des Mittelrheinischen Fechtklubs ist noch zu berichten, daß auf dem Kommers am Samstagabend der Vorsitzende, Herr Enders, bei der Eröffnung ein mit Begeisterung aufgenommenes dreifaches Hoch auf den Kaiser uud Großherzog, den Protektor des Festes ausbrachte. Das Gleiche geschah beim Festbankett. An beide Monarchen wurden Huldigungstelegramme abgesandt. Vom Ehrenausschuß waren im Verlaufe des Festes erschienen Divisionskommandeur v. Perbandt, Oberst- hofmarschall v. Westerweller, Generalmajor v. Plötz, Stadtkommandant Generalmajor v. Daum, Oberst v. Rothkirch und Panthen, Major Kade, Provinzialdirektor Freiherr v. Grancy, Rektor Geh.-Baurat Koch. — Auf dem Ball wurde dem hiesigen veranstaltenden Verein von seinen Damen ein wertvolles Angebinde in Gestalt eines prächtigen Trink- horns überreicht. — Spaziergang nach dem Parkhotel nebst Tanz beschloß gestern mittag die festlichen Tage.
M a i n z, 10. Juli. DieGutcnbergkanone. W* ist die Kanone? Die sogenannte Gutenberg-Kanone nämlich, die Mainz ehrlich, erworben, in den dreißiger Jahren uoch besaß, seitdem aber aus dem Besitztum von Mainz verschwunden ist, ohne daß diejenigen, die dazu berufen sind, den städtischen Besitz zu schützen und zu mehren, einen Finger dafür gekrümmt hätten. Und das verhält sich!,so: Im Jahre 1808, als Mainz, wie das ganze linke Rhein - Ufer, sich unter französischer Herrschaft befand, kamen an 1000 Stück preußischer Kanonen, von Jena usw. herrührend, nach Mainz, von hier ins Arsenal nach Metz. Darunter befand sich, auch eine bronzene Kanone, die, der ihr ausgegossenen Angabe nach, im Jahre 1540 in Mainz gegossen wurde und zwei kunstvoll gravierte Bildnisse von Fast und Schäffer trug. Der damalige französische Artillerie-Direktor bezeigte sich sofort, nachdem er dieses Bronzestück besehen, dem damaligen Maire Macke, und in diesem der Vaterstadt Gutenbergs so gefällig, ihn auf dieses von den Franzosen eroberte Stück aufmerksam zu machen und meinte, es sei möglich, daß der Kaiser dies historische, den Erfinder der Buchdruckerkunst und dessen Vaterstadt ehrende Stück heimischer Technik, der Stadt zum Geschenk machen würde. Und so geschah es. 1810 kam Mainz wirklich in den Besitz dieser Kanone. Daß in dieser Zeit die Stadt diesen Besitz zu ehren wußte, das beweist die Fürsorge des damaligen Mainzer Bürgermeisters dadurch, daß er zwei Tage vor dem Abzug der Franzosen aus Mainz, April 1814, in aller Form Rechtens einen Notariatsakt aufnehmen ließ, der dieser Stadt den bleibenden Besitz gründlich verbürgte. Von da ab, wieder unter deutscher Herrschaft, war die Kanone denn auch wohl bewacht und bewahrt in sorgsamen Händen städtischer Patrioten, aber leider, wie oben gesagt, nur bis in die dreißiger Jahre. Wo aber ist es jetzt, dies Kleinod für eine Gutenbergstadt? Wo ist die Kanone? fragte schon vor etwa fünf Jahren ein hiesiges Blatt, und wo ist die Gutenbergkanone, fragte dasselbe Blatt vor etwa drei Jahren nodji einmal. Ob man sie sich vermerkt haben wird, diese Fragen und ob man Schritte für die Wiedererlangung des Stückes gethau haben wird seitens Derer, die über den Besitzstand und die Mehrung des städtischen Besitzes von Gesetzes wegen zu wachen verpflichtet sind?"
♦* Das Regierungsblatt, Beilage Nr. 20, vom 9. Juli | hat zum Inhalt: 1) Uebersicht der von Großherzoglichem I Ministerium des Innern genehmigten Umlagen der israeliti- I scheu Gemeinden des Kreises Oppenheim für 1900/1901. I 7* 2) Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern I sür das Etatsjahr 1900/1901 genehmigten Umlagen zur Bestretung der Kommunal-Bedürfnisse in den I israelitischen Religionsgemeinden des Kreises Gießen. — 3) Ordensverleihungen. — 4) Ermächtigung | zur Annahme und zum Tragen fremder Orden. — 5) Namensveränderungen. — 6) Zulassung zur Rechtsanwaltschaft. — 7) Dienstnachrichten. — 8) Militärdienstnachrichten. — 9) Dienstentlassungen. — 10) Nachweis der Befähigung zur Uebernahme eines Ktrchenamts. — 11) Ruhestandsversetzungen. — 12) Konkurrenzeröffnungen.
** S. Sektion Gießen des deutschen und österreichischen Alpenvereins. Wohl selten ist ern Sornrnerausflug der.Sektion von angenehmerem Marschwetter begünstigt worden, als die am letzten Sonntag unternommene Tour nach dem Rimberg im oberen Lahnthal. Selten wohl erstrahlten auch Felder, Wiesen und Wälder des stillen. Hinterlandes in reinerem Grün Die Ueberzeugung, daß nach den Niederschlägen der letzten Wochen dtese Vorbedingungen einer wahrhaft genußreichen Sommerwanderung gegeben waren, war es denn, was die kleine Schar derer vereinigte, die sich durch die weniger , günstige Wettergrognvse von der Ausführung des Pro- i gramms nicht abhalten ließen. Nach! kurzer Bahnfahrt ging es von Niederweimar durch üppige Wiesen und Felder im stillen waldumsäumten Thal über Haddamshausen nach Heimershausen mit prächtigen Rückblicken nach dem Frauenberg und die anschließenden Höhen; dann durch Hochwald empor und hinab nach Nesselbrunn und Wei ter sh au sen, wo der Morgen- imbi-ßi eingenommen wurde. Gleich hinter diesem weltabgeschiedenen, idyllisch gelegenen Dorfe beginnt der Anstieg auf das dem Rimberg im Süden vorgelagerte I Plateau mit seinen ausgedehnten Waldungen. Nach dreistündiger Wanderung ist der Gipfel des R i m b e r g e s I erreicht. Der im Bau begriffene Aussichtsturm ist noch nicht vollendet; doch das schreckt die Mutigen nicht ab, I auf schwanker Leiter emporzuklimmen und Umschau zu I halten über Berg und Thal. Diese Rundsicht, eine der schönsten im schönen Gebiet der Lahn, stellt sich der vom I Dünsberg gebotenen würdig zur Seite; ist doch die ab- I fohlte Höhe des Gipfels dieselbe wie die des'letzteren (500 I Meter). Die Ferne ist leider verschleiert, doch ragen I Dürrs berg und Sackpfeife mit ihren Türmen im I Süden und Norden klar und deutlich! über die sie um- I gebenden Höhen empor. Umso schöner zeigt sich das obere I Lahnthal, dessen grüne grüne Fluren und freundliche I Dörfer gerade jetzt der siegreichen Sonne und dem azur- I blauen Himmel dankbar entgegenlachen. Besonders lieb- I lich grüßen, vom stolzen F e i s e l b e r g getrennt, die roten I ziegelbeschirmten Häuser von Kerub ach und das am I steilen Ufer gelegene Caldern mit seinem stattlichen I Turm über Felder und Wälder zu uns empor; und gerne I folgen wir dem Ruse, denn da unten im Wiesengrund, I am Fuß des Feiselbergs, ertönen aus fahnenumflattertem I Festplatz bekannte Weifen, uns einladend zum harmlos I fröhlichen Treiben eines ländlichen Sängerwettstreites. Es I ist zwar noch früh am Tage, doch ist uns schon reichlich Ge- I legenheit geboten, nun auch das Völkchen kennen zu lernen, I dessen Thäler und Berge wir soeben durchwandert. Den I
13. Deutsches Bundesschießen zu Dresden vom 8. bis 15. Juli.
F. G. Dresden, 9. Juli.
Trotz des gestern fast ununterbrochen niedergehenden Regens herrschte doch aus dem Festplatze reges Treiben, und besonders in der Schießhalle ging es ftoh und lebendig zu. Beim Diner in der Festhalle brachte zunächst im Auftrage des Schießausschusses Schütze Burckard-Dresden ein Hoch auf die ersten bekannt gewordenen Sieger aus, worauf Wach end ors-München im Namen der fremden Schützen dankte und sein Glas der Dresdener Bürgerschaft widmete. Kuntzsch - Dresden erinnerte an die beim 3. deutschen Bundesschießen in Wien 1868 verlebten schön-.n Stunden und trank seinen Schoppen auf die anwesenden Oesterreicher. Abends wurde in der Festhalle sowohl Instrumental-Konzert von der Kapelle des 2. Grenadier- Regiments Nr. 101, als auch Konzert des Julius-Otto- Bundes geboten.
Die genußreichen Vorträge hoben die durch einen erneuten wolkenbruchartigeu Regen doch etwas herabgedrückte Stimmung merklich, und erst um die mitternächtliche Stunde wurde es leer in den verschiedenen Hallen und Zelten des Festplatzes. Beim Konkurrenzschießen auf Standscheibe erhielten als Sieger Becher und Medaille: u. a. Besler-Bockenheim (286), Roth-Frankfurt a. M. (280). Außerdem erschossen Standbecher: u. a. Riehl-Darmstadt, Sollacker-Gießen, Sallweg-Offenbach; Feld- j becher: u. a. Jung-Mainz. Heute vormittag klärt sich das Wetter; der erste Sonnenstrahl blitzt durch die Wolken und wird von den bayerischen Schützen mit schallenden „Juchzern" begrüßt.
Der Kleinverkauf von Spiritus.
Die Zentrale für Spiritusverwertung versucht, nach dem Muster der Standard Oil Co., die Klein- händler in ihre Gewalt zu bekommen, um ihnen vorzuschreiben, wie sie den Brennspiritus absetzen sollen. Zu dem Zwecke stellt sie, wiederum nach dem Muster des Petroleummonopols, einen Maximal- und einen Vorzugspreis auf. Den letzteren räumt sie jenen Detaillisten ein, die sich schriftlich verpflichten, genau nach ihren Anweisungen zu handeln und keine anderen Ausschläge beim literweisen Ver- I kauf zu nehmen, als die Zentrale gestattet. Dieser Aufschlag beträgt bei Abnahme von mindestens 10 Litern I höchstens 5 Psg. pro Liter, sowie bei Abnahme von weniger I als 10 Litern nur 3 Psg. pro Liter. Diese Ausschläge sollen den Geschäftsnutzen einschließlich Entschädigung für ine durch den Verkauf entstehenden Mühen und Unkosten darstellen. Hierzu schreibt der „Frks. Ztg." ein Kleinhändler:
Dieses Ansinnen involviert gewissermaßen eine Vergewaltigung I des Detailhandels. Während gerade eine gewisse Partei zum Schutz I des Detailhandels alle möglichen gesetzlichen Vorschriften veranlaßt, | können es Mitglieder derselben Partei über sich gewinnen, diesen Stand 1 m feiner Interessensphäre durch diese Knebelung noch weiter zu schmälern I
^"freiheitlicher Beziehung zu kürzen. Wenn schon dem Detaillisten I die Lust am Brennspiritushandel aus dem genannten Grunde verleidet I werden muß, so kann nicht ausdrücklich genug betont werden, daß das I von 5 Psg., resp 3 Psg per Liter dem Kleinhändler absolut kein Aeqmvalent für seine täglich 14stündige Mühe und I feine Unkosten bietet. Zur Begründung dieser Behauptung braucht I nur angeführt zu werden, wie groß heutzutage die Anforderungen I des kaufenden Publikums gegenüber dem Detaillisten sind Man fordert elegante Läden, flotte Bedienung, luxuriöse Ausstattung und Beleuchtung, kurzum einen Aufwand, der allein schon die I wenigen Prozente von vornherein verschlingt. Dazu kommt noch daß Brennspiritus in Bruchteilen von Litern im Laden gekauft I wird, wodurch selbst bei genauesten Vermessungen für den Händler wenn I auch kleine, so doch rmmerhin Verluste unvermeidlich sind, ferner daß I Nicht selten Gesäße und Korken gratis dazu geliefert und die Ware bis rn die fernsten Stadtteile zugesührt werden muß. Daß auch mancher Liter überhaupt unbezahlt bleibt, braucht nicht besonders erwähnt zu werden. Alsdann ist doch auch zu berücksichtigen, daß Spiritus ein feuergefährlicher Artikel ist, für dessen Einlagerung und Verkauf die weitgehendsten unter polizeilicher Kontrolle stehenden Vorsichtsmaßregeln getroffen werden müssen. Es scheint, daß die Zentrale von der Ansicht ausgeht, daß jeder Spezereihändler, ob er will oder nicht, Vrennspiritus führen muß, wenn sonst sein Geschäft als vollgiltig erachtet werden soll. Bon diesem Gedanken geleitet, glaubt sie dem Detaillistenstand diese


