Ausgabe 
12.6.1900 Erstes Blatt
 
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Politische Wochenschau.

Der Reichstag ist am Mittwoch wieder zusammen­getreten, um noch in beschleunigtem Tempo die beiden Gesetzesvorlagen zu erledigen, die den Beschluß der dies­maligen Thätigkeit des Reichstags bilden sollen: die F l o t t e n v o r l a g e und das Rei ch s s e u ch e n -Ge - setz. Der'anfänglich so heiße Kampf um die Flotte ist überraschend schnell in ein ruhigeres und gemächliches

Aus Stadt und Land.

** DaS dreißigjährige Stiftungsfest der studentischen Reform-VerbindungA d e l p h i a" wurde in vergangener Woche in würdigster Weise am Rheine gefeiert. Mit Rücksicht auf die zahlreichen in Rheinhessen wohnenden Philister hatte bereits der Philisterkonvent des 25 jährigen Stiftungsfester beschlossen, das 30 jährige Wiegenfest der Verbindung, nicht in Gießen, sondern in Bingen zu feiern. DienStagmorgeu in aller Frühe fuhren die aktive Verbindung, sowie die in Gießen und Umgebung wohnenden Philister nach Frankfurt, wo zahlreiche Festgenossen der Provinz Starkenburg zu ihnen stießen. Von dort begab man sich nach Mainz. Hier fand in der dicht am Rhein gelegenenStadthalle" der feierliche Empfang durch den Festausschuß statt. Bei dem nunmehr stattfindenden Frühschoppen mit Konzert entwickelte sich bald ein fröhliches Treiben. Schon war gegen 12 Uhr die Zahl der Festteilnehmer aus 150 gestiegen, schon belebte sich die Stimmung immer mehr beim Klang der Rheinweinbecher und den fröhlichen Weisen der Kapelle der 117er, da hißte 1230 der RheindampferElsa" die grün-weiß-goldene Flagge, und unter Absingen des Farbenliedes fuhr dieAdelphia" rheinabwärts. Das herrlichste Wetter begünstigte die Fahrt. Das Ziel der Reise war zunächst Rüdesheim. Von dort fuhr die Gesellschaft in einem Extrazug hinauf zum Niederwalddenkmal. Hier hielt Prof. Dr. Nies-Worms eine begeisterte Ansprache, in der er ausführte, es könne wohl in unserem weiten deutschen Vaterland keinen heiligeren und bedeutungsvolleren Ort geben, als das Fleckchen Erde, auf dem in Erz und Stein die mit Blut und Eisen er­rungene Reichseinheit verkörpert dastehe, den siegreichen Kämpfern der Jahre 1870/71 zur Ehre, Deutschlands Söhnen zur Mahnung, das Erbteil der Väter zu bewahren und zu schützen. Nirgends könne eine studentische Korpo­ration würdiger und weihevoller an ihrem Stiftungsfeste Treue zu Kaiser und Reich geloben, als vor den Augen der Germania, an dem Wallfahrtsorte deutscher Patrioten, an dem Punkte, wo jeder der drei deutschen Kaiser selbst andachtsvoll geweilt haben. Mit einem begeisterten Hoch auf Kaiser und Reich schloß der Redner, und mächtig klang aus aller Mund zu dem von den Strahlen der Sonne vcr- goldeteu Rhein hinab: Deutschland, Deutschland über alleSp Nach dieser erhebenden Huldigung vor dem National­denkmal, die wohl jedem Teilnehmer unvergeßlich bleiben wird, begab sich der stattliche Zug wieder hinab nach Rüdesheim, von wo die Ueberfahrt nach Bingen erfolgte eine Uebersahrt, die gar manchen an das schreckliche Unglück zurückdenken ließ, das vor kurzer Zeit den Commititionen vom Verbände der katholischen Studentenvereine zugefioßen war. Nachdem das Trajektboot unter Tusch der an Bord befindlichen Kapelle in Bingen angelaufen war, formierte man sich zu einem Festzuge, der sich durch die Hauptstraßen der Stadt bewegte. Abends fand in dem festlich geschmückten Saale desEnglischen HofeS" der große Festkommers statt, der auf das schönste verlief und erst in früher Morgenstunde einen fröhlichen Abschluß fand. Von den offiziellen Reden, die an diesem Abend gehalten wurden, möchten wir nur kurz die des Vorsitzenden derAlt Adelphia", des Medizinal­rates Dr. Haberkorn-Gießen, hervorheben. In beredten Worten schilderte er die Geschichte der Verbindung von dem Tage der Gründung bis zur Gegenwart. Mit tiefem Ernste gab er ein begreifendes Bild von der Stimmung, die an allen deutschen Hochschulen in den Jahren 187073 Platz griff; er führte im einzelnen aus, wie die Resormidee au allen Universitäten auftauchte, wie man überall unabhängig von einander mit Ernst und Eifer den Plan faßte, daS Studententum zu reformieren, wie sich an allen Universitäten Reformverbindungen aufthaten, die alle einig waren in dem Streben, alte uudeutsche Sitten und Gebräuche innerhalb des Korporationswesens von der Wurzel aus auSzurotten. Gerade­zu ergreifend schilderte der Redner das Ereignis vom 7. Mai 1870, wo die erstenAdelphen" auf dem Gleiberg za sammenkamen, sich den Eid der Treue gelobten, und zu« ersten Male ihre Brust mit dem grün weiß-goldenen Barste schmückten. Die von allen Anwesenden begeistert aufge- nommene Rede klang in einem donnernden Salamander aus das Blühen, Wachsen und Gedeihen derAdelphia" auS.

Am anderen Morgen versammelten sich die Festteil­nehmer gegen 9 Uhr wieder imEnglischen Hof-. Gegen 9^2 Uhr brach man auf nach dem Rheindampfer, der, mit grün.weiß-goldenen Flaggen geschmückt, die Gesellschaft, die durch zahlreiche Beteiligung der Frauen und Töchter der Philister bedeutend angewachsen war, nach Boppard führen sollte. Im herrlichsten Sonnenschein glitzerte der ruhig dahin fließende Rhein, als die Festgenoffen unter Hurra­rufen und endlosem Schwenken der Mützen das schöne Bingen verließen. Bald wurde das Deck des Schiffes der Schau­platz des fröhlichsten Treibens. Manch schönes Tänzchen, manch munteres Gesellschaftsspiel ließ die Stunden in Erle dahinfliegen. Besonders stimmungsvoll war das Absingen

reich eingetreten, wo der nationale Egoismus der- Tschechen und die engherzigen Parteiinteressen der pol­nisch-klerikalen Mehrheit sich als stärker erwie en haben alsd as gemeinsame Interesse an der Erhaltung und För­derung des Staatswesens. Trotz alter Bemühungen des Ministerpräsidenten v. Körber ist jetzt nach dem plötzlichen Schluß des Reichsrats die Situation nichts weniger als geklärt und die Aussichten auf eine irgendwie befriedigende Lösung der Krisis sind verschwindend gering geworden

Auch in Italien ist trotz des etwas fragwürdigen Sieges der Regierung bei den Wahlen zur Kammer die latente Krisis keineswegs beseitigt worden. Alle Beschöni­gungsversuche der Regierung können nicht darüber hin­wegtäuschen, daß die entschiedene Opposition eine Ätäfti= igung erfahren hat, und erst nach dem Zusammentritt der neuen Kammer wird es sich zeigen, ob die Regierungs­mehrheit so fest gefügt ist, um das Schifflein des Kabinetts Pelloux über Wasser zu halten.

Ein Antrag Richter (frs. Vp.) will diesen Satz auf dreizehntel herabsetzen.

Abg. v. Kardorff (Rp.) plaidiert für denselben Stempel, wie bei Grundstücksverkäufen, also eins pro Mille.

Abg. Richter (frs. Vp.) befürwortet seinen Antrag. Ein Kuxanteil lasse sich mit einem Grundstück nicht ver­gleichen.

Abg. Arendt (Rp.) polemisiert gegen die Sozial­demokraten, die der Abg. Gröber .mit Recht die Schutz­truppe der Börse genannt habe. Redner tritt für den Kommissionsbeschluß ein und meint, am besten würde es aber gewesen sein, wenn die Regierung Deckungsvorschläge ausgearbeitet hätte. Leider ist dies nicht geschehen.

Abg. Richter (frs. Vp.) verweist auf die Essener Handelskammer, die sich entschieden gegen einen so hohen Ausnahmestempel auf Kuxe ausgesprochen habe. Wolle man jemals Interessenten hören, so sei das doch wahrlich hier berechtigt.

Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) erklärt sich hier eben­falls gegen den KommissionÄbeschluß, so schwer es ihm auch falle, sich in Gegensatz -zu seinen Freunden zu setzen. Man habe wahrlich allen Anlaß, den soliden gewerkschaft­lichen Gewerkschafts-Bergbaubetrieb gegenüber demjenigen auf Aktien zu begünstigen.

Mg. Müller-Fulda (Zentr.) hält diese Befürcht­ungen des Vorredners für übertrieben.

Die Debatte wird geschlossen.

Ueber den Antrag Richter (frs. Vp.) wird durch Vor­nahme des Hammelsprungs abgestimmt.

Der Antrag wird mit 126 gegen 99 Stimmen abqe- lehnt.

Weiter folgt eine Debatte bei per Bestimmung über die Stempelbefreiungen.

Abg. Richter (frs. Vp.) beantragt, die nach dem gegenwärtigen Gesetze bestehende Befreiung für Objekte von höchstens 600 Mark, welche die Kommission aufgehoben­wiederherzustellen.

Der Antrag wird abgelehnt.

Die folgende Tarifnummer,Verdoppelung des Stempels auf Lotterielose" wird genehmigt.

Bei Nummer 6, Schiffsfrachturkunden eine Mark, jedoch für Konnossemente im Verkehr zwischen in­ländischen Häfen und ausländischen der Nord- und Ostsee, des Kanals p.ber der norwegischen Küste nur 10 Pfa., be-

^9- Richter (frs. Vp.), die ganze Nummer zu streichen, eventuell aber den Verkehr, für den die Kom- zu^lassen^" Pfg--Stempel vorschlägt, ganz stempelfrei Abg. Frese (frs. Vg.) erklärt, Pen Vorschlägen dev Kommission seine Zustimmung nicht versagen zu können. ®r. ftlbst hätte sehr gern die Mittel auf anderen Wegen, aufgebracht, so besonders durch eine ^ieichsvermögens- steuer Dies sei aber nicht purchzusetzen gewesen. Weil er, Redner, eine Vergrößerung der Flotte wünsche, stimme er den hier gemachten Vorschlägen zu.

Zemler (nl.) erklärt sich in gleichem Sinne^ r. Achter (frs. Vp.) meint, den jetzigen Stempel- beschlussen würden weitere folgen. Mit Kleinem fange man an, mit Großem höre man auf.

Die beiden Richterschen Anträge werden abgelehnt. Damit ist der Tarif erledigt. Beim Stempelgesetz selbst wird ein Antrag Wo er le, es für die inländischen Wohl- thätigkeitslotterien auch noch das ganze Jahr 1901 hin­durch bei dem bisherigen Stempel zu belassen, nach kurzer Debatte angenommen. Artikel 8 dehnt die behörd­liche Revisionsbefugnis und -Pflicht auf alle Personen aus, welche abgabepflichtige Kauf- und Anschaffungs-Ge­schäfte oder Schiffsverfrachtungen gewerbsmäßig betreiben oder vermitteln.

Abg. Richter (frs. Vp.) beantragt, diese Bestimmung zu streichen. Eine solche Ausdehnung der Revisionspflicht sei ganz überflüssig.

Abg. Frese (frs. Vg.) pflichtet dem bei; er hält diese Bestimmung auch für belästigend und erniedrigend.

Abg. Müller-Fulda (Ztr.) empfiehlt ein Festhalten an dem Kommissionsbeschluß.

Abg. Richter (fr). Vp.) warnt davor, solche Ver­pflichtungen noch dazu aus der Initiative des Reichs­tages heraus zu beschließen.

Abg. v. Siemens (frs. Vg.) bezweifelt es auch, ob es richtig sei, so weit zu gehen, die Behörde zu ermächtigen, jeden Augenblick auch jedem kleinen Kaufmann auf dem Lande in die Bücher zu gucken-.

- Die Abgg. Heim und Gröber (Ztr.) treten für den Kommissionsbeschluß ein.

Der Rest des Gesetzes wird, nachdem der Antrag Richter abgelehnt, unverändert nach den KommissionBbeschlüssen angenommen. Es folgt die zweite Lesung zum Zoll- tarifgesetz. Punkt 1 der Kommissionsbeschlüsse, der Zoll für Schwefeläther, wird debattelos angenom­men. Bei 2 a, Bier 6 Mk., (bisher 2 Mk.), bittet

Abg. Eickhoff (frs. Vp.) um Ablehnung, indem er u. o. auch von den handelspolitischen Konsequenzen einer solchen Zollerhöhung warnt.

Der erhöhte Bierzoll wird nach weiterer Debatte an­genommen, desgleichen der Zoll auf Liköre (bisher 180 Mark, künftig 240 Mk.), ferner wird der Zoll auf alle übri­gen Branntweine erhöht und schließlich auch derjenige auf Schaumweine von 80 Mk. auf 120 Mk. Der Termin für das Inkrafttreten der neuen Zölle wird auf den 1. Juli 1900 festgesetzt. Endlich wird noch die Resolution betreffend Besteuerung inländischer Schaumweine, sowie Deklarationszwang für dieselben angenommen.

Montag 12 Uhr: Interpellation Albrecht (Soz.) betr. ernzelstaat iche Strafgesetze gegen den Kontraktbruch, Seuchengesetz Handelsprovisorium mit England, Wcchl- prusungen. Schluß nach 7 einhalb Uhr.

Fahrwasser verlaufen. Thatsächlich war der Kampf um die Flottenvorlage bereits in der Kommission entschieden worden und dem Plenum war es lediglich Vorbehalten ge­blieben, die mit großer Mehrheit gefaßten Kommissions- beschlüsse zu bestätigen. Die jetzt mit großer Mehrheit in zweiter Lesung erfolgte Genehmigung der Flotten-Ver- stärkung entsprach mithin nur derlogischen Konsequenz, der Thatsack)en" und an sie wird sich ohne irgend welche Schwierigkeiten die endgiltige Bewilligung in dritter Lesung reihen, sodaß der Reichstag aller Voraussicht nach bereits am Dienstag seine Pforten schließen können wird und des Reiches Sendboten sich mit dem befriedigenden; Bewußtsein heimwärts begeben können: Nach gethaner Arbeit ist gut ruhn?

.Bald nach dem deutschen Reichstag wird auch der preußische Landtag geschlossen werden, ohne daß er die Hauptaufgabe, die ihm gestellt war, gelöst oder auch nur ihrer Lösung um einen Schritt näher gebracht hat. Was freilich kaum noch zweifelhaft fein konnte, ist durch die am Donnerstag im Abgeordnetenhaufe verhandelte In­terpellation endgiltig klar gestellt worden, nämlich daß die heiß umstrittene Kanalvorlage für diese Session ad akta gelegt ist und.daß erst die nächste Tagung die Lösung des viel umstrittenen Problems bringen oder auch nicht bringen wird. Denn wer will heute Voraussagen, wann sich in Bezug auf den Mittellandkanal und die sich stattlich um ihn ankernden ,Kompensationskanäle" das' Wort erfüllen wird:Es kommen, es gehen die Wasser all', sie rauschen herauf, sie rauschen nieder!"

lieber die Beschlüsse der Berliner Schulkonferenz wird nicht allzuviel Zuverlässiges bekannt. Als sicher kann jedoch angenommen werden, daß nicht nur den Realgym- n.asien, sondern auch den Oberrealschulen die Berechtigung des humanistischen Gymnasiums zuerkannt werden soll. Der nichtpreußische Teil Deutschlands wäre durch eine solche Neuerung insofern dierkt berührt, als jeder Mediziner, der an irgend einer deutschen Universität also künftig auch an Universitäten, an denen ehemalige Oberrealschüler zur Prüfung zugelassen werden das Staatsexamen ab­gelegt hat, in jedem Bundesstaate sich als praktischer Arzt niederlassen kann.

Die Nachrichten vom Kriegsschauplatz lassen das definitive Ende der FeindseLigkeiten nicht mehr so nahe erscheinen, wie man eine Zeit lang annahm. Am 5. Juni sind allerdings die Engländer in Pretoria eingezogen, und der dritte Abschnitt der Roberts'schen Kriegführung ist damit zum programmmäßigen Abschluß gebracht. Aber Präsident Krüger, der in der vergangenen Woche in Ma- chadodorf weilte, wo die Eisenbahn nach Lydenburg von der Delagoa-Bahn abzweigt, hat erklärt, daß Transvaal den Krieg bis zum bittern Ende führen werde, und so sehen sich die Engländer, wenn sie völlig Frieden haben wollen, genötigt, in dem gebirgigen unwegsamen Gelände von Lydenburg im Nordosten oer Transvaalrepublik den Guerillakrieg aufzunehmen, der jedenfalls noch manches schwere Opfer kosten wird. Weiter kommt in Betracht, daß auch die Truppen, die den Weg von Johannesburg, nach Pretoria, allerdings vergeblich, verteidigt haben, in kaum verminderter Zahl unter den Waffen stehen dürften, daß General Buller Laingsnek immer noch nicht forciert hat, obwohl er nach heftigen Kämpfen am 6. und 7. Juni auf dem besten Wege dazu sein will und daß im Orange­freistaat immer noch einige tausend Burghers stehen, mit denen General Rundle bisher noch nicht fertig geworden ist und die neuerdings Kronstad wieder zu bedrohen schei­nen. Aus all dem geht hervor, daß die Engländer noch ein erhebliches Stück militärischer Arbeit zu thun haben wer­den, ehe sie die Waffen aus der Hand legen können, voraus­gesetzt allerdings, und das ist immer noch der unsichere Punkt in dieser Rechnung, daß die Buren zum Verzwchf- lungskampf wirklich entschlossen sind. Der alte Krüger will ihn ja, das ist begreiflich; der Union Jack auf dem Regie­ren gspalast von Pretoria und die englischen Wachtposten vor dem Hause, in dem seine greise Lebensgefährtin mit der Würde einer römischen Matrone die Gardeoffiziere empfan­gen hat, bedeuten den Zusammenbruch seinesLebenswertes, und er mag wohl für feine Person den Heldqntod auf dessen Trümmern txer Notwendigkeit vorziehen, sich in irgend einem fremden Erdteil einen Ruheplatz für den trüben Rest feiner Tage zu suchen, so begeistert er ja ohne Zweifel nicht itur in Holland, sondern auch in Amerika und wohl auch in Deutschland von der Bevölkerung empfangen würde; aber ob fein Einfluß ausreicht, die Tausende zufammenzuhalten, die nur auf ihre Farmen zurückzukehren brauchen, um, ab­gesehen von dem politischen Einfluß, ihr altes Leben fortzn- setzen, ist doch fraglich, und wir möchten es aus mancherlei Gründen nicht für wahrscheinlich halten, vor allem des­wegen, weil die Buren im ganzen Verlaufe des Krieges sich niemals zu einem Verzweiflungskampfe gestellt haben. Sahen sie, daß nichts zu machen, auch ein Sieg schl^chte)r- dings nicht oder nur mit unverhältnismäßig großen Opfern zu hoffen war, so nahmen sie die Schlacht lieber gar nicht an,'sondern begaben sich außer Schußweite. So erklärt sich, laß feit Cronjes Kapitulation die Zahl der kämpfenden, Buren keine wesentliche Verminderung mehr erfahren hat und daß die Engländer fast mühelos in den Besitz der Hauptstädte eines noch völlig unter Waffen stehenden Lan­des gekommen find. Ans allen diesen Gründen möchten wir doch immer noch glauben, daß der Krieg so ziemlich zu Ende ist, wenn auch die Zeit für britische Siegesfeste noch nicht gekommen sein dürfte. Aus Amerika scheint man Krüger zum Nachgebeu bezw. zum Friedensschluß bestim­men zu wollen; es ist aber nicht wahrscheinlich, daß der alte Herr auf diesen wohlfeilen Freundschaftsdienst rea­giert, nachdem man ihm alle Unterstützung verweigert hat.

Der Auf st and der Boxer in China scheint noch keineswegs dem bereits mehrfach, vorausgesagten Ende ent- aegenzugehen. Es hat sich eben gezeigt, daß nicht nur die Feigheit der chinesischen Truppen, sondern auch die Böswilligkeit der chinesischen Regierung die direkte Schuld daran trug, daß der Aufstand einen so gewaltigen Umfang annehmen konnte. Die europäischen Regierungen haben dpnn aud) auf die schönen Redensarten der Kaiserin-Re­gentin und ihrer Räte wenig gegeben und selbst die zur Unterdrückung des Aufstandes nötigen Maßnahmen er­griffen. Diese Unterdrückung wird auch! gelingen, wenn sich, was wir hoffen wollen, die gegenseitigen Eifersüchte­leien der Mächte nicht stärker erweisen, als die. ihnen allen gemeinsamen Interessen.

Der umgekehrte bedauerliche Fall ist leider in Oester -