Rt. L9V Zweites Blatt Dienstag den 11. Dezember 15V. Jahrgang LSGL
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Alle Anzeigen-Dermiltlungsstrllen M In- und AuSlaatz«! nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen, Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
l**e|*e eon Anzeigen zu der nachmittags für den tGNidm tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Umstellungen spätestens abends vorher.
Aezugspreis vierteljährl. Mk. 2L0 monatlich 75 Pfg. mit Bringcrlvhn; durch die Abholestclken viertcljährl. Ml. 1,9t monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld.
tlgtlch ntt Ausnahme des Montags.
Vie Gießener ßsNMkltenStätter »u*<n dem Anzeiger ta Wechsel mit „Hess. ?i#fc»irtw u. Blätter tür Hess. Volkskunde- v»chU. 4mal beigelegt.
Anrts- und Anzeigeblutt füv den Ttveis Gieren.
IteMMaa, Expedition und Sru*rei:
O4«rßraße Ar. 7.
f. If-MJ.WMLIM J. . 'F.i-WJL. ■' I". l. KJMW1L- L U, ■■ '-T.'.A. -L. - 'J.IL J/ L'J, J.IMI '.M .U ■ l-—J-J _!
Gratisbeilage«: Gießener Familienblätter, Der heische Landwirt, Klätter für hessische UolKsKuude.
--------IWJBTJJ.'. 1 ■■■'.
Adresse für Depeschen: Anzetger chiatz«.
Fernsprecher Nr. 51.
Hessischer Landtag.
Zweite Kammer der Stände.
M. G. Darmstadt, 8. Dezember.
Nachdem der Präsident davon Mitteilung gemacht hat, üoß das Bureau der Kammer voni Groß Herzog zur Ueberreichuna der als Antwort auf die Botschaft vom 17. September beschlossenen Adresse um 12 Uhr werde in Audienz empfangen werden, trat das Haus in die Spezialberatung der Regierungsvorlage, den Gesetz- e»twurf, die Höheren Bürgerschulen betreffend, ein.
Zu Artikel 2 haben die Abgg. Wolf-Kore ll und Kohl er-Langsdorf einen Antrag eingebracht, wonach die Aufnahme von Schülern und Schülerinnen nicht vor dem vierten Schuljahr stattfinden darf, die bereits bestellenden Vorschulklassen aufzuheben sind. Während der erste Teil des Antrages sich mit der Regierungsvorlage inhaltlich deckt, entspinnt sich besonders über den zweiten Teil des Antrages eine lebhafte Debatte.
Abg. Dr. David bekennt sich als Anhänger der Einheitsschule und wünscht, daß die Lehrpläne der Bürgerschulen zunächst dem Volksschullehrplan soweit konform gemacht werden, daß der Uebergang aus der Volksschule auchj noch nach dem dritten Schuljahr ohne Schwierigkeit erfolgen kann, damit nicht eine ähnliche Kluft statuiert werde, Ivie sie heute zwischen Volksschule und Realschule, Realgymnasium rc. bestände. Reformversuche im Sinne der neuesten Berliner Schulreform wären auch in Hessen angebracht; bei gleichem Bildungsgang für die untersten Nassen der verschiedenen Schulen werde ein ungeheurer Züichtum für das Volk erwachsen und die Einheitsschule um ein bedeutendes Stück weiter gebracht.
Geh. Oberschulrat N o d n a g e l führt aus, daß die Regierung für die Folge die Errichtung von Vorschulen an Höheren Bürgerschulen nicht errichten werde, aus praktischen Erwägungen übrigens, nicht, um sich int Sinne der Einheitsschule festzulegen. Wo sie aber (bei ein Drittel) vorhanden seien, möge man sie bestehen lassen; denn durch die Aufhebung würden die betreffenden Gemeinden finanziell schwer geschädigt werden.
Abg. Wolf steht auf dem Boden der Einheitsschule. Seinem Antrag stehe nichts entgegen, denn die Leistungen der hessischen Volksschule befänden sich! auf der Höhe der .jeit. Die Interessen einzelner Gemeinden könne er begreifen, aber die Beseitigung dieses Zustandes sei von Vorteil für das ganze Volksleben.
Abg. B a ck e s erklärt, daß finanzielle Bedenken nicht hinderlich sein könnten, tvichtigen pädagogischen Rücksichten Rechnung zu tragen.
Dem Abg. Schlenger scheint die Gleichmacherei Einheitsschule) im Sinne der Freiheit und Gleichheit sehr fertig angebracht zu sein.
Abg. Dr. David schreckt nicht davor zurück, den Gemeinden ein finanzielles Opfer anzusinnen; denn die Ersparnisse bedingten eine Schädigung der sozialen Erziehung der Kinder überhaupt; der Dünkel, etwas besseres zu sein, iverde den Kindern der Vorschule ins Herz gepflanzt, und diese pädagogische Wirkung auf den Charakter gelte es zu beseitigen.
Ministerialrat Dr. Eisen hu th ist der Ansicht, daß die Auffassung des Dr. David in methodischer Beziehung manches für s.ich hätte. Doch sei hier die Frage nicht zum llustrag zu bringen. Man sei bei Feststellung des Lehrplans der Höheren Bürgerschulen an das gebunden, was der bestehende Lehrplan der höheren Schulen eben ver- iirtge; man könne nicht jetzt sonst vielleicht ganz zweck- naßtge Neuerungen machen, die den Uebergattg zur höheren schule erschwerten. Neue Vorschulklassen sollten nicht mehr .errichtet werden. Bei der heutigen Vorlage solle man doch daran festhalten, daß es nicht gelte, von bestimmten Prinzipien aus etwas neues zu konstruieren, sondern vorhandene Verhältnisse passend zu regeln. Sei ja doch An- laß zum Gesetze die Thatsache, daß die Höheren Bürgerschulen nicht mehr in das alte Volksschulgesetz hinein- pirßten. Im übrigen wiederholt der Redner die Zusicherung bezüglich der Neubegründung von Höheren Bürger- chulen (vorsichtiger zu Werke zu gehen, eine den ge'setz- ichen Anforderutigen entsprechende Volksschule am Platze st Voraussetzung).
Abg. P i t t h n n stimmt für die Regierungsvorlage. §er Antrag Wolf u. Gen. wird a b g e l e h n t. Ein Antrag Korell zu Art. 3 erledigt sich inhaltlich durch die Erklärung des
Oberregierungsrats Best, daß das Bestehen einer Pnivatschnle der Errichtung einer Höheren Bürgerschule nächt im Wege stehe.
Der Antrag Korell kann nicht mehr zurückgezogen wer- dLu und erfährt daher Ablehnung.
Bet Beratung des Art. 5 beantragen Abg. Erk und tmnoffen die für die Gemeinden vorgesehene Erhöhung Wes Beitragsteils zu den Bezügen akademisch gebildeter eeryrer (von 1700 auf 2000) zu streichen.
Oberregierungsrat B e st spricht dagegen und weist darauf hin, daß wesentlich maßgebend für die weitere Heranziehung der Gemeinden die Erhöhung der Bezüge der provisorischen Lehrer von 1700 auf 2100 bis 2600 Mark, der Gehalte der Lehrer von 2500 auf 2800 Mark rc. sein müsse. Nur ein kleiner Betrag der großen, nahezu doppelten Mehraufwendungen werde den Gemeinden zugemutet (12 000 Mark.) Von den vollklassigen Realanstalten besitzenden Gemeinden, deren Anstalten iticht blos engeren Bezirken zum Vorteil gereichten, würden weit höhere Beitragsleistungen aufgebracht. Auch vereinnahme hier der Staat das Schulgeld, dort die Gemeinde. Eine Anfrage des Abg. Leun beantworte er dahin, daß die Gemeinden für die seminaristisch gebildeten Lehrer nur die Mindestgehalte der Volksschullehrer aufzubringen hätten.
Abg. Heidenreich bezeichnet es als einen Akt der politischen Klugheit, an so geringen, die ländlichen Interessen berührenden Forderungen nicht anzusetzen.
Abg. Sch m e e l möchte den Vertretern vom Lande beweisen, daß die städtischen Vertreter gern entgegenkommen.
Abg. Dr. David sieht in seiner Zustimmung die Konsequenz des Standpunkts seiner Partei, wonach der Staat alle Lasten der Schule zu übernehmen habe.
Gegen 7 Stimmen wird der Antrag Erk und Genossen angenommen. — Von besonderem Interesse ist ein von dem Abg. Dr. David zu s2(rt. 7 gestellter Antrag; die Regierung hatte in diesem Artikel vorgesehen, daß akademisch gebildete Lehrer an Höheren Bürgerschulen einen höheren Gehalt als 4200 Mark nicht erreichen könnten.
Abg. Dr. David sieht hierin einen durch nichts gerechtfertigten Zwang, eine Höhere Bürgerschule zu verlassen, gegenüber solchen Lehrern, die — gewissermaßen pädagogische Charaktere — gerade der an solchen Schulen zu übenden Realerziehung der Volksschule pädagogisch näher ständen oder gegenüber solchen, die aus anderen Gründen an solchen Schulen gern weiter wirken möchten. Er beantragt daher Beseitigung dieser Bestimmung.
Geh. Oberschulrat Nodnagel erwidert, daß ihm bisher niemand vorgekommen sei, der nicht gerne die Stelle an einer Höheren Bürgerschule mit der an einer anderen Schule vertauscht hätte. Jeder Lehrer in höheren Jahren habe das Bestreben, an höheren Klassen des Unterrichts sich zu bethätigen. Pädagogisch^ Charaktere im Sinne des Dr. David könne man ja an den unteren Klassen einer Realschule weiter wirken lassen. Die Höheren Bürgerschulen würden durch diese Bestimmung vor der Belastung mit allzu allen Herren bewahrt bleiben. Auch die finanzielle Seite sei zu beachten; bei Annahme des Davidschen Antrags würde eine große Anzahl Stellen bis zu 6000 Mark heranwachsen.
Abg. Molthan will den Höheren Bürgerschulen nicht den Charakter der Versuchsanstalten aufgedrückt haben und bittet aus Gerechtigkeitsgründen um Zustimmung zum Antrag David.
Auch; die Abgg. Schönberger, Erk, Wolf, Ulrich stimmen dem letzteren zu; der Abg. Ulrich meint, die Regierung hätte den Antrag mit Freude begrüßen müssen, da ihr die Erhaltung tüchtiger Leute an solchen Sck)ulen durch ihn ermöglicht sei.
Ministerialrat Dr. Eisen Hut betont, daß die finanzielle Tragweite nicht ermessen werden könne; doch nicht die Finanzfrage stehe bei der Regierung hier an erster Stelle, sondern die Art der Ausbildung und Verwendung der Lehrer.
Abg. Backes spricht gegen den Antrag David, der vielleicht die umgekehrte Folge habe, daß derjenige, der vielleicht nicht mehr an einer Höheren Schule arbeiten wolle, an einer Bürgerschule sein Arbeitsfeld suchen werde.
Abg. Weidner findet, daß von den beiden Punkten, mit denen die Regierung ihre Ansicht begründet, (der Befürchtung vieler neuer Stellen bis zu 6000 Mark und der Auffassung, niemand werde an einer Bürgerschule bleiben wollen) notwendig einer weichen müsse.
Die Abg. Noack, Ulrich und Schlenger sprechen für den Antrag David.
Abg. Schmeel begreift das Widerstreben der Regierung nicht, der man doch etwas gewähren wolle.
Die betr. Stelle der Regierungsvorlage wird gemäß Antrag David einstimmig gestrichen. — Auf Grund einer vom Abg. Schlenger gestellten Anfrage erklärt
Ministerialrat Dr. Eisen Hut, daß die Regierung demnächst der Verbesserung der finanziellen Lage der Handarbeits-Lehrerinnen näher treten werde. Mit der Frage habe sie sich schon längere Zeit beschäftigt.
Von den weiteren Punkten der Tagesordnung finden — nach Erledigung sämtlicher Artikel der vorstehend behandelten Vorlage im Sinne der Ausschußanträge — ihre Genehmigung die für die Witwe des Hofrats Becker des früheren Redakteurs der „Darmst. Ztg.", gemäß Regierungsvorlage beanspruchten 1200 Mark; ein Antrag
Gutfleisch und Gen. gleichen Betrags wird hierdurch! für erledigt erklärt.
Zur Aufbesserung der Pensionen der hessischen Friedensinvaliden, die nach dem vor dem Reichsgefetz vom 27. Juni 1871 geltenden hessischen Bestimmungen vensioniert worden, wird auf diejenigen Beträge, welche denselben nack) dem genannten Reichsgesetze und dessen Abänderungen zukommen würden, der Betrag von 2000 Mark jährlich vom 1. April 1900 an zu Lasten der lieber» schüsse der laufenden und der vorderen Finanzperioden bewilligt. ,
Zwecks Angriffnahme einer neuen Grube des Kohlenfelds der Braunkohlengrube Ludwigs Hoffnung wird ein Betrag von 1500 Mark gefordert und bewilligt. Abg. Ulrich regt dabei die Beschleunigung der Schaffung der Preßkohlenfabrik im Hinblicke auf 'die gegenwärtige Preistreiberei an. Die Kammer beschließt ferner, bei gleichzeitigem Festhalten an der grundgesetzlichen Unveräußerlichkeit des Domänenbesitzes doch die landwirtschaftlich benutzten, zerstreut gelegenen, d. h. nicht §u Hofgütern gehörigen kameralfiskalischen Grundstücke, welche dem Familieneigentum des Großherzoglichen Hauses angehören, allgemein ohne -nähere Bestimmung der einzelnen Gemarkungen und Parzellen zur Veräußerung frei zu geben. Hier wird abgebrochen. Nächste Sitzung: Dienstag- Vormittag 10 Uhr. Erster Gegenstand der Tagesordnung: Gesetzentwurf, die Besteuerung des Gewerbebetriebs int Umherziehen betreffend.
Ohm Krüger.
Am Samstagnachmittag wurde Krüger im Haag in königlicher Equipage durch einen königlichen Adjutanten in das Palais abgeholt. Die Unterredung mit den beiden Königinnen dauerte eine Viertelstunde und sand ohne alle Zeugen statt. Auch Dr. LeydS wohnte der Audienz nicht bei. Krüger, der über dem schwarzen Rock eiife breite Schärpe in den Farben Transvaals und das Großkreuz des Ordens des Niederländischen Löwen trug, dankte der Königin, daß sie ihm die „Gelderland" zur Verfügung gestellt habe. „Echo de Paris" meldet, die Königin habe folgende Worte an Krüger gerichtet: „Vertrauen Sie auf Gott, der Sie und die Ihren in Schutz nehmen wird. Ich werde Ihnen mit Freuden bei steh en, wenn der Augenblick dazu gekommen sein wird, aber jetzt nicht." Krüger antwortete, er zähle auf die Hilfe der Königin und werde die notwendige Geduld haben, weil er Vertrauen zur göttlichen Gerechtigkeit und zu der Sache, die er verteidige, habe.
Vor dem Hotel, in dem Krüger im Haag wohnt, bewegt sich fortgesetzt eine zahlreiche Menschenmenge, die Huldigungen darbringt und ihn jubelnd begrüßt, wenn er sich zeigt. Die Manifestationen nehmen ersichtlich einen franzosenfreundlichen Charakter an. Man singt die Marseilleise und jeder Franzose wird jubelnd begrüßt. Die englische Gesandtschaft wird von der Polizei bewacht. In die englisch-feindlichen Ruse mischt sich auch zeitweilig der Rus „Nieder mit Portugal".
Einer ganz unglaublichen Mitteilung des „Mem. dipl." zufolge habe sich am Berliner Hose ein Umschwung vollzogen in Betreff der Haltung gegenüber Krüger. Der Kaiser werde nunmehr den Präsidenten nach seiner Rückkehr aus Rußland empfangen.
* * *
Telegramm des Gietzeuer Anzeigers.
Loudon, 10. Dezember. Der „Times"-Korrespondent berichtet aus dem Haag: Ich bin in der Lage, versichern zu können, daß Krüger am vergangenen Freitag ein Telegramm des Zaren erhalten hat. Trotzdem dasselbe in den verbindlichsten Worten gehalten ist, betrachtet man es als möglich, daß der Wortlaut desselben geheim ge- halten wird.
Buren und Engländer.
De Wet ist der Held des Tages. Ueber seine weiteren Operationen meldet Lord Kitchener aus Bloemfontein vom 8. Dezember: General Knox meldet aus Rouxville, daß De Wet's Streitmacht, nachdem sie vergeblich versucht hatte, die Commissiebrücke zu forcieren, welche die englischen Truppen hielten, unter Zurücklassung von 500 Pferden und vielen Kapwagen in nordöstlicher Richtung abgerückt ist. Sein Durchbruchsversuch nach der Kapkolonie ist also mißlungen, und er ist von allen Seiten hart bedrängt. Die Commissiebrücke führt bei der Commissiedrist überden Caledon, den in letzter Zeit viel genannten großen nördlichen Neben- stuß des Oranje. Auf dieser Brücke überschreitet die Straße von Smithfield nach Rouxville den Fluß Aus dieser


