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11.12.1900 Zweites Blatt
 
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Rt. L9V Zweites Blatt Dienstag den 11. Dezember 15V. Jahrgang LSGL

Gießener Anzeiger

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Hessischer Landtag.

Zweite Kammer der Stände.

M. G. Darmstadt, 8. Dezember.

Nachdem der Präsident davon Mitteilung gemacht hat, üoß das Bureau der Kammer voni Groß Herzog zur Ueberreichuna der als Antwort auf die Botschaft vom 17. September beschlossenen Adresse um 12 Uhr werde in Audienz empfangen werden, trat das Haus in die Spe­zialberatung der Regierungsvorlage, den Gesetz- e»twurf, die Höheren Bürgerschulen be­treffend, ein.

Zu Artikel 2 haben die Abgg. Wolf-Kore ll und Kohl er-Langsdorf einen Antrag eingebracht, wonach die Aufnahme von Schülern und Schülerinnen nicht vor dem vierten Schuljahr stattfinden darf, die bereits be­stellenden Vorschulklassen aufzuheben sind. Während der erste Teil des Antrages sich mit der Regierungsvorlage inhaltlich deckt, entspinnt sich besonders über den zweiten Teil des Antrages eine lebhafte Debatte.

Abg. Dr. David bekennt sich als Anhänger der Ein­heitsschule und wünscht, daß die Lehrpläne der Bürger­schulen zunächst dem Volksschullehrplan soweit konform gemacht werden, daß der Uebergang aus der Volksschule auchj noch nach dem dritten Schuljahr ohne Schwierigkeit er­folgen kann, damit nicht eine ähnliche Kluft statuiert werde, Ivie sie heute zwischen Volksschule und Realschule, Real­gymnasium rc. bestände. Reformversuche im Sinne der neuesten Berliner Schulreform wären auch in Hessen an­gebracht; bei gleichem Bildungsgang für die untersten Nassen der verschiedenen Schulen werde ein ungeheurer Züichtum für das Volk erwachsen und die Einheitsschule um ein bedeutendes Stück weiter gebracht.

Geh. Oberschulrat N o d n a g e l führt aus, daß die Regierung für die Folge die Errichtung von Vorschulen an Höheren Bürgerschulen nicht errichten werde, aus prak­tischen Erwägungen übrigens, nicht, um sich int Sinne der Einheitsschule festzulegen. Wo sie aber (bei ein Drittel) vorhanden seien, möge man sie bestehen lassen; denn durch die Aufhebung würden die betreffenden Ge­meinden finanziell schwer geschädigt werden.

Abg. Wolf steht auf dem Boden der Einheitsschule. Seinem Antrag stehe nichts entgegen, denn die Leistungen der hessischen Volksschule befänden sich! auf der Höhe der .jeit. Die Interessen einzelner Gemeinden könne er be­greifen, aber die Beseitigung dieses Zustandes sei von Vorteil für das ganze Volksleben.

Abg. B a ck e s erklärt, daß finanzielle Bedenken nicht hinderlich sein könnten, tvichtigen pädagogischen Rücksichten Rechnung zu tragen.

Dem Abg. Schlenger scheint die Gleichmacherei Einheitsschule) im Sinne der Freiheit und Gleichheit sehr fertig angebracht zu sein.

Abg. Dr. David schreckt nicht davor zurück, den Ge­meinden ein finanzielles Opfer anzusinnen; denn die Er­sparnisse bedingten eine Schädigung der sozialen Erziehung der Kinder überhaupt; der Dünkel, etwas besseres zu sein, iverde den Kindern der Vorschule ins Herz gepflanzt, und diese pädagogische Wirkung auf den Charakter gelte es zu beseitigen.

Ministerialrat Dr. Eisen hu th ist der Ansicht, daß die Auffassung des Dr. David in methodischer Beziehung manches für s.ich hätte. Doch sei hier die Frage nicht zum llustrag zu bringen. Man sei bei Feststellung des Lehr­plans der Höheren Bürgerschulen an das gebunden, was der bestehende Lehrplan der höheren Schulen eben ver- iirtge; man könne nicht jetzt sonst vielleicht ganz zweck- naßtge Neuerungen machen, die den Uebergattg zur höheren schule erschwerten. Neue Vorschulklassen sollten nicht mehr .errichtet werden. Bei der heutigen Vorlage solle man doch daran festhalten, daß es nicht gelte, von bestimmten Prinzipien aus etwas neues zu konstruieren, sondern vor­handene Verhältnisse passend zu regeln. Sei ja doch An- laß zum Gesetze die Thatsache, daß die Höheren Bürger­schulen nicht mehr in das alte Volksschulgesetz hinein- pirßten. Im übrigen wiederholt der Redner die Zusicher­ung bezüglich der Neubegründung von Höheren Bürger- chulen (vorsichtiger zu Werke zu gehen, eine den ge'setz- ichen Anforderutigen entsprechende Volksschule am Platze st Voraussetzung).

Abg. P i t t h n n stimmt für die Regierungsvorlage. §er Antrag Wolf u. Gen. wird a b g e l e h n t. Ein An­trag Korell zu Art. 3 erledigt sich inhaltlich durch die Erklärung des

Oberregierungsrats Best, daß das Bestehen einer Pnivatschnle der Errichtung einer Höheren Bürgerschule nächt im Wege stehe.

Der Antrag Korell kann nicht mehr zurückgezogen wer- dLu und erfährt daher Ablehnung.

Bet Beratung des Art. 5 beantragen Abg. Erk und tmnoffen die für die Gemeinden vorgesehene Erhöhung Wes Beitragsteils zu den Bezügen akademisch gebildeter eeryrer (von 1700 auf 2000) zu streichen.

Oberregierungsrat B e st spricht dagegen und weist dar­auf hin, daß wesentlich maßgebend für die weitere Her­anziehung der Gemeinden die Erhöhung der Bezüge der provisorischen Lehrer von 1700 auf 2100 bis 2600 Mark, der Gehalte der Lehrer von 2500 auf 2800 Mark rc. sein müsse. Nur ein kleiner Betrag der großen, nahezu doppel­ten Mehraufwendungen werde den Gemeinden zugemutet (12 000 Mark.) Von den vollklassigen Realanstalten be­sitzenden Gemeinden, deren Anstalten iticht blos engeren Bezirken zum Vorteil gereichten, würden weit höhere Bei­tragsleistungen aufgebracht. Auch vereinnahme hier der Staat das Schulgeld, dort die Gemeinde. Eine Anfrage des Abg. Leun beantworte er dahin, daß die Gemeinden für die seminaristisch gebildeten Lehrer nur die Mindestgehalte der Volksschullehrer aufzubringen hätten.

Abg. Heidenreich bezeichnet es als einen Akt der politischen Klugheit, an so geringen, die ländlichen Inter­essen berührenden Forderungen nicht anzusetzen.

Abg. Sch m e e l möchte den Vertretern vom Lande be­weisen, daß die städtischen Vertreter gern entgegen­kommen.

Abg. Dr. David sieht in seiner Zustimmung die Konsequenz des Standpunkts seiner Partei, wonach der Staat alle Lasten der Schule zu übernehmen habe.

Gegen 7 Stimmen wird der Antrag Erk und Genossen angenommen. Von besonderem Interesse ist ein von dem Abg. Dr. David zu s2(rt. 7 gestellter Antrag; die Regierung hatte in diesem Artikel vorgesehen, daß akademisch gebildete Lehrer an Höheren Bürgerschulen einen höheren Gehalt als 4200 Mark nicht erreichen könnten.

Abg. Dr. David sieht hierin einen durch nichts gerechtfertigten Zwang, eine Höhere Bürgerschule zu ver­lassen, gegenüber solchen Lehrern, die gewissermaßen pädagogische Charaktere gerade der an solchen Schulen zu übenden Realerziehung der Volksschule pädagogisch näher ständen oder gegenüber solchen, die aus anderen Gründen an solchen Schulen gern weiter wirken möchten. Er beantragt daher Beseitigung dieser Bestimmung.

Geh. Oberschulrat Nodnagel erwidert, daß ihm bisher niemand vorgekommen sei, der nicht gerne die Stelle an einer Höheren Bürgerschule mit der an einer anderen Schule vertauscht hätte. Jeder Lehrer in höheren Jahren habe das Bestreben, an höheren Klassen des Unterrichts sich zu bethätigen. Pädagogisch^ Charaktere im Sinne des Dr. David könne man ja an den unteren Klassen einer Realschule weiter wirken lassen. Die Höheren Bürgerschulen würden durch diese Bestimmung vor der Belastung mit allzu allen Herren bewahrt bleiben. Auch die finanzielle Seite sei zu beachten; bei Annahme des Davidschen Antrags würde eine große Anzahl Stellen bis zu 6000 Mark heranwachsen.

Abg. Molthan will den Höheren Bürgerschulen nicht den Charakter der Versuchsanstalten aufgedrückt haben und bittet aus Gerechtigkeitsgründen um Zustimm­ung zum Antrag David.

Auch; die Abgg. Schönberger, Erk, Wolf, Ulrich stimmen dem letzteren zu; der Abg. Ulrich meint, die Regierung hätte den Antrag mit Freude begrüßen müssen, da ihr die Erhaltung tüchtiger Leute an solchen Sck)ulen durch ihn ermöglicht sei.

Ministerialrat Dr. Eisen Hut betont, daß die fi­nanzielle Tragweite nicht ermessen werden könne; doch nicht die Finanzfrage stehe bei der Regierung hier an erster Stelle, sondern die Art der Ausbildung und Ver­wendung der Lehrer.

Abg. Backes spricht gegen den Antrag David, der vielleicht die umgekehrte Folge habe, daß derjenige, der vielleicht nicht mehr an einer Höheren Schule arbeiten wolle, an einer Bürgerschule sein Arbeitsfeld suchen werde.

Abg. Weidner findet, daß von den beiden Punkten, mit denen die Regierung ihre Ansicht begründet, (der Befürchtung vieler neuer Stellen bis zu 6000 Mark und der Auffassung, niemand werde an einer Bürgerschule bleiben wollen) notwendig einer weichen müsse.

Die Abg. Noack, Ulrich und Schlenger sprechen für den Antrag David.

Abg. Schmeel begreift das Widerstreben der Re­gierung nicht, der man doch etwas gewähren wolle.

Die betr. Stelle der Regierungsvorlage wird gemäß Antrag David einstimmig gestrichen. Auf Grund einer vom Abg. Schlenger gestellten Anfrage erklärt

Ministerialrat Dr. Eisen Hut, daß die Regierung demnächst der Verbesserung der finanziellen Lage der Handarbeits-Lehrerinnen näher treten werde. Mit der Frage habe sie sich schon längere Zeit beschäftigt.

Von den weiteren Punkten der Tagesordnung finden nach Erledigung sämtlicher Artikel der vorstehend be­handelten Vorlage im Sinne der Ausschußanträge ihre Genehmigung die für die Witwe des Hofrats Becker des früheren Redakteurs derDarmst. Ztg.", gemäß Re­gierungsvorlage beanspruchten 1200 Mark; ein Antrag

Gutfleisch und Gen. gleichen Betrags wird hierdurch! für erledigt erklärt.

Zur Aufbesserung der Pensionen der hessischen Friedensinvaliden, die nach dem vor dem Reichsgefetz vom 27. Juni 1871 geltenden hessischen Bestimmungen vensioniert worden, wird auf diejenigen Beträge, welche denselben nack) dem genannten Reichsgesetze und dessen Abänderungen zukommen würden, der Betrag von 2000 Mark jährlich vom 1. April 1900 an zu Lasten der lieber» schüsse der laufenden und der vorderen Finanzperioden bewilligt. ,

Zwecks Angriffnahme einer neuen Grube des Kohlen­felds der Braunkohlengrube Ludwigs Hoffnung wird ein Betrag von 1500 Mark gefordert und bewilligt. Abg. Ulrich regt dabei die Beschleunigung der Schaffung der Preßkohlenfabrik im Hinblicke auf 'die gegenwärtige Preis­treiberei an. Die Kammer beschließt ferner, bei gleich­zeitigem Festhalten an der grundgesetzlichen Unveräußer­lichkeit des Domänenbesitzes doch die landwirtschaftlich benutzten, zerstreut gelegenen, d. h. nicht §u Hofgütern gehörigen kameralfiskalischen Grundstücke, welche dem Fa­milieneigentum des Großherzoglichen Hauses angehören, allgemein ohne -nähere Bestimmung der einzelnen Ge­markungen und Parzellen zur Veräußerung frei zu geben. Hier wird abgebrochen. Nächste Sitzung: Dienstag- Vormittag 10 Uhr. Erster Gegenstand der Tagesordnung: Gesetzentwurf, die Besteuerung des Gewerbebetriebs int Umherziehen betreffend.

Ohm Krüger.

Am Samstagnachmittag wurde Krüger im Haag in königlicher Equipage durch einen königlichen Adjutanten in das Palais abgeholt. Die Unterredung mit den beiden Königinnen dauerte eine Viertelstunde und sand ohne alle Zeugen statt. Auch Dr. LeydS wohnte der Audienz nicht bei. Krüger, der über dem schwarzen Rock eiife breite Schärpe in den Farben Transvaals und das Großkreuz des Ordens des Niederländischen Löwen trug, dankte der Königin, daß sie ihm dieGelderland" zur Verfügung gestellt habe.Echo de Paris" meldet, die Königin habe folgende Worte an Krüger gerichtet:Vertrauen Sie auf Gott, der Sie und die Ihren in Schutz nehmen wird. Ich werde Ihnen mit Freuden bei steh en, wenn der Augen­blick dazu gekommen sein wird, aber jetzt nicht." Krüger antwortete, er zähle auf die Hilfe der Königin und werde die notwendige Geduld haben, weil er Vertrauen zur gött­lichen Gerechtigkeit und zu der Sache, die er verteidige, habe.

Vor dem Hotel, in dem Krüger im Haag wohnt, be­wegt sich fortgesetzt eine zahlreiche Menschenmenge, die Huldigungen darbringt und ihn jubelnd begrüßt, wenn er sich zeigt. Die Manifestationen nehmen ersichtlich einen franzosenfreundlichen Charakter an. Man singt die Mar­seilleise und jeder Franzose wird jubelnd begrüßt. Die englische Gesandtschaft wird von der Polizei bewacht. In die englisch-feindlichen Ruse mischt sich auch zeitweilig der RusNieder mit Portugal".

Einer ganz unglaublichen Mitteilung desMem. dipl." zufolge habe sich am Berliner Hose ein Umschwung vollzogen in Betreff der Haltung gegenüber Krüger. Der Kaiser werde nunmehr den Präsidenten nach seiner Rückkehr aus Rußland empfangen.

* * *

Telegramm des Gietzeuer Anzeigers.

Loudon, 10. Dezember. DerTimes"-Korrespondent berichtet aus dem Haag: Ich bin in der Lage, versichern zu können, daß Krüger am vergangenen Freitag ein Tele­gramm des Zaren erhalten hat. Trotzdem dasselbe in den verbindlichsten Worten gehalten ist, betrachtet man es als möglich, daß der Wortlaut desselben geheim ge- halten wird.

Buren und Engländer.

De Wet ist der Held des Tages. Ueber seine weiteren Operationen meldet Lord Kitchener aus Bloemfontein vom 8. Dezember: General Knox meldet aus Rouxville, daß De Wet's Streitmacht, nachdem sie vergeblich versucht hatte, die Commissiebrücke zu forcieren, welche die englischen Truppen hielten, unter Zurücklassung von 500 Pferden und vielen Kapwagen in nordöstlicher Richtung abgerückt ist. Sein Durchbruchsversuch nach der Kapkolonie ist also miß­lungen, und er ist von allen Seiten hart bedrängt. Die Commissiebrücke führt bei der Commissiedrist überden Caledon, den in letzter Zeit viel genannten großen nördlichen Neben- stuß des Oranje. Auf dieser Brücke überschreitet die Straße von Smithfield nach Rouxville den Fluß Aus dieser