Ausgabe 
11.11.1900 Viertes Blatt
 
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fit 265 ViMes Blcktt» Sonntag den 11 November 150. Jahrgang

Meßmer Anzeiger

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Aus Stadt und Land.

Gießen, 10. November.

** Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Am 28. Ok­tober fand imRestaurant Kaiserhof- die satzungsgemäße Jahreshauptversammlung des Vereins statt. Der Vorsitzende erstattete einen ausführlichen Bericht über die Entwicklung der Gesellschaft und ihre Thätigkeit. Wiederum war eS möglich, den Mitgliedern eine stattliche über die satzungsgemäß festgelegte Mindestzahl hinauSgehende Reihe von zum Teil höchst wertvollen Vorträgen zu bieten, die denn auch ohne Ausnahme volle Häuser fanden. Auch für das soeben begonnene Jahr sind Redner von bedeutendem Ruf gewonnen; vorzugsweise werden aktuelle Themata be­handelt werden. Zur weiteren wiffenschaftlichen Bethätigung hat die Gesellschaft mit der Herausgabe einer Zeitschrift begonnen. Der 1. Band derGeograph. Mitteilungen aus Hessen" im Auftrage der Gesellschaft von Professor Dr. W. Sievers herausgegeben und für die Jahre 1900 bis 1901 berechnet, bietet neben einer wertvollen Arbeit von Dr. Krausmüller-Homberg a. Ohm einen übersichtlichen referierenden Bericht über geogr. Arbeiten in Hessen und Umgegend und das Mitgliederverzeichnis. Es darf erwartet werden, daß dieses Organ im weiteren Ausbau sehr an­regend auf die geographische Erforschung der Heimat wirken wird. Die Finanzlage der Gesellschaft war nicht ungünstig; ein Reservefonds konnte jedoch noch nicht begründet werden. Für die Zukunft werden nicht in Gießen und Oberhessen angesessene Personen gegen einen Beitrag von Mk. 2. Mitglied werden können; sie sind vollberechtigt, auch in betreff des Bezuges derMitteilungen". Der Vorstand besteht für die Zukunft auS folgenden Herren: Professor Dr. SieverS, erster Vorsitzender; Generaldirektor a. D. Bansa, stellvertretender Vorsitzender; Buchdruckereibefitzer Kindt, erster Schriftführer; Verlagsbuchhändler Toepel- mann, zweiter Schriftführer; Kommerzienrat Heichel­heim, Schatzmeister. Reben diesemengeren Vorstand" besteht ein Beirat aus den Herren: Brauerei-Besitzer Bichler, Professor Dr. Biermann, Oberlehrer Block, Kustos Dr. Ebel, Oberlehrer Fuhr, Stadtverordneter I. Kirch, Kommerzienrat Koch, Landgerichtsrat Prae- torius, Droguift O. Schaaf, Major v. Schlemmer. D:e Herren Dr. Markert und Dr. Günther wurden zu Ersatzmännern von der Hauptversammlung designiert. Am 27. Oktober wurde von Mitgliedern der Gesellschaft ein Ausflug nach Willingshausen in der Schwalm unter­nommen. Derselbe bot zum Studium des eigenartigen dortigen Volkslebens reichlich Gelegenheit, wurde aber durch Sturm und Regen leider beeinträchtigt. Voraussichtlich soll

im Juli n. I. ein zweiter Ausflug mit Damen dahin unter­nommen werden.

§ Vollmachten und ihre Versteuerung. Im Groß- Herzogtum Hesien sind jetzt für die öffentliche Beurkundung (Protokollierung) von Vollmachten, wo diese Form verlangt wird, z. B. in Erbschaftssachen nur die Amtsgerichte und Notare zuständig, nicht auch die OrtSgerichte. Wohl aber dürfen Ortsgerichtsvorsteher Vollmachts Unterschriften, nicht auch Handzeichen, beglaubigen; in diesem Falle be­trägt der Stempel nur 20 Pfennig. Jede gerichtlich oder notariell aufgenommene Vollmachtsurkunde muß dagegen mit 2 Mk. versteuert werden; ebenso eine Privatvollmacht, die der Vertreter eines Beteiligten dem Gericht in einem Verfahren der freiwilligen Gerichtsbarkeit vorlegt oder ein­reicht, oder die einem Gesuche beigesügt ist, das die Einsicht von Prozeß- oder Nntersuchungsakten im Interesse einer außer­gerichtlichen Angelegenheit oder in Sachen der freiwilligen Gerichtsbarkeit erbittet. Für Generalvollmachten erhöht sich bei einem Gegenstandswerte von 5000 Mk. ab, resp. über 100 000 Mk., die Stempelabgabe von 2 Mk. auf 20 resp. 40 Mk. Nicht steuerpflichtig find die im Verfahren der Grundbuchsanlegung eingereicht oder vorgelegt werden­den Privatvollmachten, sowie die bei dem Prozeßgericht überreichten Prozeßvollmachten, und die in Armensachen bei nicht streitigen Rechtsangelegenheiten erforderten Vollmachten.

** Sammelbriefe. Es kommt nicht selten vor, daß den Postanstalten von anderen Postorten her unter Umschlag Briefe, Postkarten rc. mit dem Ersuchen übersandt werden, solche mit dem Aufgabestempel der Postanstalt zu bedrucken und dann nach den in deu Briefaufschriften angegebenen dritten Orten weiterzusenden. Solchen Anträgen dürfen die Postanstalten nicht entsprechen; derartige Sendungen werden daher den Absendern stets zurückgegeben. Eine Be­sorgung an die in der Aufschrift benannten Empfänger erfolgt nur dann, wenn letztere im Bestellbezirke der Post­anstalt, an welche das Ersuchen gerichtet ist, wohnen. In einem solchen Falle muß für jede zur Bestellung kommende Sendung das tarifmäßige Porto vom Aufgabeorte zum Bestimmungsorte, nicht blos die OrtSgebühr, entrichtet werden. Mit der Verteilung von Sendungen ohne Auf­schrift (Preislisten rc.) befassen sich die Postanstalten nicht.

!. Laubach, 8. November. Am Sonntag fand im Saale desSchützenhofes" der erste evangelische Gemeinde­abend für diesen Winter statt. Pfarrer Nebel hielt einen Vortrog über Luthers Frau, Katharina von Bora, und gab ein Bild von dem Haus und Ehestand des großen Reformators als echtem Vorbild eines frommen, gesegneten Familienlebens. Nach einer Pause berichtete Pfarrer Volp über die österreichische Los-von-Rom-Bewegung, und zeigte, wie speziell allein in Böhmen viele neue evangelische Ge­

meinden entstanden find. Er gedachte der Bewegung in Saaz, Braunau, Klostergrab, Turn und an anderen Orten. Er zeigte auch, wie eifrig der evangelische Bund seither fortgeholfen hat. Am Schluffe wurde für die Zwecke der Bewegung eine Tellersammlung veranstaltet. Gestern hielt der christlich-soziale Verein zu Laubach seine Monatsversammlung ab. Pfarrer Fritsch berichtete über den Wetzlarer Parteitag in feffelndem Vortrag. Außer den im Vorstande verbliebenen Herren wurde noch Fabrikant Röm Held von der FriedrichShütte in den Vorstand gewählt.

fc. Darmstadt, 9. November. Bezüglich der Re­organisation der Main-Neckarbahn erfahren wir von unterrichteter Seite, daß die Verhandlungen abgeschlossen sind und die Verträge demnächst den beteiligten Landtagen zur Genehmigung zugehen werden. Während der preußische und hessische Anteil vollständig in der Eisenbahngemeinschast aufgehen soll, wird der badische Anteil von der preußisch- hessischen Eisenbahngemeinschast gepachtet werden, da nach der Stimmung in Baden der badische Landtag jedensallS nicht auf einen Verkauf eingehen wird und ein Anschluß an die Gemeinschaftsverwaltung vollständig ausgeschlossen ist. Die Neuorganisation soll am 1. Mai 1901 in Kraft treten. In Darmstadt ist man von der ganzen Angelegenheit wenig erbaut, da die Stadt den Verlust der Direktion sehr spüren wird und man auch mit den Einrichtungen der Main-Neckar- Bahn zufriedener ist als mit denen der preußisch-hessischen Staatsbahn. Auch die Regierung hat anscheinend nur un­gern zugestimmt und hauptsächlich nur deshalb, weil man bei Ablehnung des preußischen Vorschlags eine weitere Schädigung der Main Neckar-Bahn durch Umleitung des Frachtverkehrs fürchtete.

Mainz, 8. November. Einem hiesigen bedeutenden Geschäftsinhaber ist ein Depositenschein der Reichs­bank für einen deklarierten Welrt von 20 000 Mk. ab­handen gekommen. Bei dem Amtsgericht Mainz ist! bereits die Sperre über den deklarierten Betrag verfügt. Mit dem nächstjährigen Mainzer Karneval wird es aller Wahrscheinlich,keit nach nichts werden. In einer gestern abend stattgefundenen Versammlung von Karne­valsfreunden und hervorragenden Narrhallesen legte der letztjährige Präsident derNarrhalla" zahlreiche Gründe dar, die das Abhalten der üblichen Karnevalsitzungen in dem kommenden Jahre als sehr schwierig erscheinen lassen. Es sind dies hauptsächlich finanzielle Gründe. Als ein sehr ungerechter Ausgabepunkt wurde in der Ver­sammlung die von der städtischen Verwaltung vverlangte Miete für dieStadthalle" im Betrag von 800 0 Mk. bezeichnet und übten verschiedene Redner dieserhalb schärfe Kritik. Bei det dieser Tage stattfindenden Generalver­sammlung, in welcher die Rechnungsablage über den letztjährigen Karneval erfolgt, sollen diese Verhältnisse

Dtteratur.

Der soeben erschieneneGartenlaube-Ka­lender" für das Jahr 1901 begrüßt in schwung­vollen, formvollendeten Versen von Karl Busse das neue Jahrhundert und bietet diesem letzteren zu Ehren eine ganz besonders reiche Mannigfaltigkeit in Text und Bildern seinen Lesern dar. Ten Reigen eröffnet W. Heimburg mit ihrer neuesten NovelleMaiblumen", die das' Schicksal eines mit Glücksgütern nicht gesegneten Mädchens schildert. In das thüringische Torfleben führt Else Hofmann uns mit ihrer lebenswahren und gemütvollen Erzählung: Mutters Begräbnisgeld". M. Berger charakterisiert in der NovelleIhr Hans" eine kernhafte Frau aus dem Volk. Interessante wissenschaftliche Artikel in leicht ver­ständlicher Darstellung haben beigesteuert der Zoologe Prof. Dr. Kurt Lampert über leuchtendes Fleisch und C. Falren- horst über passendes Schuhwerk. L. Holle spricht über die deutsche Hochseefischerei und deren Einfluß auf die Ernährung des Volkes, Karl Brandt giebt seine Erfahr­ungen über dieSprache" des Wildes kund, Martin Greif ist mit einem stimmungsvollen Frühlingsgedicht ver­treten lauter klangvolle Namen, denen jene der Künst­ler, denen der bildliche Schmuck dieses Hausbuches anver­traut wurde, ebenbürtig zur Seite stehen. DerTages­geschichtliche Rückblick", den Dr. Hermann Diez in flotter und übersichtlicher Art geschrieben hat, ist reich illustriert, und das Kleinwerk an guten Ratschlägen für Hauswirt­schaft 2C., kürzeren gut pointierten humoristischen, histo­rischen usw. Artikeln, Anekdoten, astronomischen, statisti­schen genealogischen rc. Notizen ist mit Sorgfalt und glück­licher Hand gewählt. Kurz, wir können den im Verlage von Ernst Keils Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig seit vielen Jahren erscheinenden, würdig und hübsch aus- SestattetenGartenlaube-Kalender" empfehlen, um so mehr,

als der Preis von 1 Mark auch dem Minderbemittelten die Anschaffung gestattet.

Ludwig Büchner : Kaleidoskop. Skizzen und Aufsätze aus Natur- und Menschenleben. Mit einem Vor­wort:Zur Geschichte der volkstümlichen Na­tu r f o r s ch u n g" von Wilhelm B ö l s ch e. Verlag von Emil Roth in Gießen. 6 Mk. broch, 7 Mk. geb. Ludwig Büchners naturphilosophische Hauptwerke sind in aller Welt Händen. Aber die grosse Lebensarbeit des rast­losen Meisters ist mit ihnen noch längst nicht erschöpft. In unerschöpflicher Fülle fanden sich in seinem Nachlaß noch meisterhafte kleinere Essays und Skizzen über die ver­schiedensten Gegenstände Himmels und der Erden. Alle sind, so schwierig.der Stoff sein möge, im edelsten Sinne an das Volk gerichtet und dem Verständnis des schlichten Mannes aus der Menge in jener unnachahmlichen Art, wie sie eben Büchner eigen war, angepaßt. Der noch recht­zeitig zu Weihnachten erscheinende Band vereinigt einen bunten Strauß solcher Geistesgaben des verstorbenen Frei­denkers und Volksfreundes, die kein Verehrer seiner be­kannten älteren Schriften entbehren kann. Neben dem Naturphilosophen kommt hier auch der Mediziner in Büch­ner zu Wort, der geistvolle Reiseschilderer, der Biograph, der fein gezeichnete Porträts von Zeitgenossen giebt. Es fehlt nicht an politischen Streiflichtern, wie denn kaum eine große aktuelle Frage der Gegenwart unberührt bleibt. Büchners engere Freunde erhalten unschätzbare neue Bei­träge zum Gesamtbilde seiner kühnen, erfolgreichen Per­sönlichkeit. Wer aber Büchner bisher nicht kannte, dem bietet das Buch einen unerschöpflichen Reichtum sachlicher Aufklärung über die eigene Zeit und ihre treibenden Ideen. Der Wert des Bandes ist erhöht durch eine in Form eines Vorwortes beigefügte längere Studie aus der Feder des bekannten Popularisators moderner Natur­

wissenschaft, Wilhelm Bölsche, die eine Entwickelungs­geschichte des BegriffsVolkstümliche Naturgeschichte" giebt. _____________

Jrrgerrdblätter, qearünbd von Isabella Braun. 1900. 46. Jahrgang, Heft 1. 35 Pfg. Verlag von Karl Haushalter, München. Das uns vorliegende Heft 1 des neuen Jahrganges wird unserer Jugend herzlich willkommen sein. Der Inhalt ist reich; Gemüt und Verstand gleichmäßig anregend, der Bilderschmuck ziert dieses Buch. Die Verlagsbuchhandlung hat diesmal ein Preis­rätsel ausgeschrieben. bei besten Lösung Knaben und Mädchen ein Weihnachtsbuch erhalten. DasWeihnachtsheft wird dieses Jahr eine ganz besondere Beigabe, ein Gesellschaftsspiel, haben. Der billige Preis von 35 Pfg. das Heft (im ganzm Jahre werden es zwölf Hefte) ermöglicht es auch kleinenSparbüchsen", sich aus diese bestens zu empfehlende Zeitschrift für die Jugend (von 7, 8 bis 14 Jahren) zu abonnieren.

Eine Novelle Moltkes. Dem größeren Teil des Publikums dürfte es fremd sein, daß Helmuth Moltke, der große Held der deutschen Kriegsgeschichte, zuerst wenn auch im Gewand eines durchsichtigen Pseudonyms als Dichter vor die Oeffentlichkeit getreten ist. Unb.T dem Titel ,2)ie beiden Freunde" erschien eine Novelle Moltkes 1827 in der Berliner ZeitschriftDer Freimütige". Helmuth v. Moltke schrieb diese Novelle, kurz nachdem er eine schwere Herzenskrisis durch­gemacht hatte. In dem Bad Salzbrunn, wo er nach Absolvierung der Kriegsschule im Jahre 1825 zur Kräftigung seiner angegriffenen Ge. sundheit weilte, lernte er ein Mädchen kennen, das ihm völlig geschaffen schien, ihn für das ganze Leben glücklich zu machen. In einem Brief, in dem er sich seiner geliebten Mutter anvertraut, schrieb er darüber: Hier ist ein Mädchen, das recht verdient, Deine Schwiegertochter zu sein. Es ist eine Gräfin Reichenbach. Sie ist blldschön und trefflich erzogen. Du würdest sie auf Händen tragen. Aber leider ist sie un­vermögend." Die äußeren Verhältnisse gestatteten die Verbindung nicht und der jugendliche Moltke entsagte. Das Motiv dieser Resignation klingt in der Dichtung nach, die so recht eigentlich aus inneren Erleb- niffen hervorquoll. Die ZeitschriftDie Weite Welt" (Union, Deutsche Verlagsgesellschaft in Berlin, Stuttgart, Leipzig) veröffentlicht die Novelle gegenwärtig.