auch den Arbeitern zugut. Die Sozialdemokratie setze aber an die Stelle der Vaterlandsliebe internationale Schwirr- belcien. L>ie vergesse auch, daß der Mensch neben dem Magen auch ein Herz habe und sei gegen die Religion. Die Tiere, die nur einen Magen hätten, gehörten zur alleruntersten Klasse. Die Sozialdemokcatie sei international, aber nur die deutsche. Das komme daher, daß ihre Väter, Marx und Lasalle, Juden gewesen seien. Jude sei aber das Gegenteil von Arbeiter. Der soziale Kampf ergebe sich aus dem Gegensatz zwischen dem Spekulantentum, das zum Schaden anderer und den Arbeitern, die zum Nutzen anderer reich werden wollten. Deshalb könne aber ein Mann wie Singer nicht Präsident einer Arbeiterpartei sein. Es seien die dümmsten Kälber, die sich ihren Schlachter selber wählten. (Lautes Pfeifen und Beifall.) „Glauben Sie, daß Sie durch Pfeifen pfiffige Kälber würden?" Die Sozialdemokratie sei eine Hinderung des Fortschritts auf materiellem und geistigem Gebiet. Nur die soziale Reform könne Helsen.
Lebhafter Beifall begleitete diese durch öftere Zwischenrufe und Unruhe der anwesenden Sozialdemokraten unterbrochene Rede. Namens der letzteren sprach sodann Redakteur VetterS-Gießen. Mit dem Worte Revolution sei niemals eine solche mit der Heugabel gemeint gewesen. Die gesellschaftliche Entwickelung vollziehe sich nicht von heute auf morgen. Das einzige Bischen Sozialreform sei lediglich dem Auftreten der Sozialdemokratie zu danken. Wenig sei geschehen. Welcher Sturm habe sich gegen die Bäckereiverordnung erhoben? Was geschehe gegen die Ausbeutung von schulpflichtigen Kindern, die in der Hausarbeit oft 12 Stunden arbeiten müßten? Stöcker habe der Sozialdemokratie Negierung aller idealen Güter vorgeworfen. Thatsächlich seien aber dort, wo die Sozialdemokratie am stärksten vertreten sei, die besten sittlichen Zustände. Sie hätten mehr Herz für's Volk wie Stöcker mit seinem guten Freunde Hammerstein. International seien sie, weil sie das internationale Kapital, die internationale Ausbeutung zu bekämpfen hätten. Damit sei Vaterlandsliebe sehr wohl vereinbar. Die Arbeiter wüßten sehr genau, was es vnt dem Patriotismus der Leute aus sich habe, die nur für ihren Geldbeutel arbeiteten. Singers brauchten sie sich mcht zu schämen. Er habe in selbstlosester Weise die Arbelterinteressen vertreten. Nur selten hätten die Kapitalisten höhere Ideale. Auf die Gründe des vaterlandslosen Verhaltens könne man in öffentlicher Versammlung nicht eingehen. Warum, das wisse auch Stöcker ganz genau. Er gönne ihm seinen Sieg über die Sozialdemokratie, die da- ber wachse und gedeihe. (Forts, s.)
Oerkchtssaat.
. G. C. Gießen, 9. Oktober. (Strafkammer.) Als erste Sache kam heute die Anklage gegen Ludwig Klein zu ^rankenbach wegen Betrugs zur Verhandlung, dem zur Last gelegt wurde, sich am 9. Juli 1900 eines Betrugs zum Nachteil des Christian Bernhard zu Bad-Nauheim, seines
damaligen Dienstherrn, am 19. Juli l. I. eines Betrugs zum Icachtell eines Backsteinmachers namens Klahn schuldig gemacht zu haben. — Der Angeklagte ist geständig. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Gefängnisstrafe von emem Jahre. Das Urteil lautete auf eine Gesamtgefäng- Nlsstt-afe von 10 Monaten. Der Angeklagte verzichtete auf Rechtsmittel und trat seine Strafe sofort an. — Eine größere Beweisaufnahme zu der nicht weinger wie 25 Zeugen geladen waren, erforderte die Verhandlung gegen den L> tu deuten Paul Mühl Häuser von Geislmqen ivegen Betrugs. Dieselbe zeigte, wie leicht es für einen Abiv.^dten Hochstapler ist, das Vertrauen hiesiger Geschäftsleute zu mißbrauchen. Mühlhäuser entstammt einer angesehenen Familie aus Geislingen in Württemberg. Mit denk Reifezeugnis für Prima verließ er die Schule, Zu Fbgmn des letzten Sommersemesters kam er hierher, um Dlerhellkunde zu studieren. Von Hanse aus war er aus- rerchend mit Geld und Kleidern reichlich versehen, doch hatte er vor seiner Ankunft hier den größten Teil des Geldes m Frankfurt bereits verjubelt. Am dritten Tage seines hiesigen Aufenthaltes begann er, um sich Geld zu verschaffen, mit Betrügereien. Er begab sich in das Kleidergeschäft von St., stellte sich als Student vor, der sich hier zum Examen vorbereiten wolle — immatrikulieren ließ er sich hier überhaupt nicht — und kontrahierte binnen einer kurzen Zeit eine Schuld von fast 150 Mark. In gleicher Weise gelang es ihm auch- binnen kurzem Schnei- dermeister H. und das Kleidergeschäft von K. um erhebliche Beträge zu beschwindeln, ebenso gelang es ihm, noch in verschiedenen Kleidergeschäften eine Anzahl von Anzügen, Mäiiteln usw. auf Kredit zu erhalten, die sofort von dem Angeklagten in dem Pfandhaus zu Frankfurt versetzt wurden. Erleichtert wurden ihm seine Betrügereien einmal durch sein sicheres Auftreten, dann auch durch den umstand, daß zufällig ein Student gleichen Namens hier thatsächlich immatrikuliert war, (der also, wie wir noch ausdrücklich hervorheben wollen, mit jenem Hochstapler
ch t identisch ist. D. Red.) auch Angeklagter eine Visitenkarte vorlegte auf der er sich den Rang eines Vizewachtmeisters der Reserve im Ulanenregiment „König Wilhelm I. von Württemberg" beilegte. Neben einer Reihe von Kleidergeschäften betrog der Angeklagte fast sämtliche hiesige Buchhandliiiigen um zum Teil recht namhafte Beträge. Zur Erleichterung seiner Betrügereien hatte er in einem Geschäfte sich Mützen in den Farben schwarz-weißhellblau anfertigen>ssen; in dem gleichen' Geschäfte außerdem ein silbernes Zigarrettenetui tm Preise von 23 Mark auf Kredit genommen, das er sofort in Frankfurt für drei Mark versetzte. Eine Reihe von Schuhmacher haben ebenfalls zum Teil erhebliche Verluste zu beklagen. Auch verschiedene Uhrengeschäfte suchte der Angeklagte auf; in dem einen gelang es ihm, unter dem Vorgeben, er werde zu einer militärischen Hebung eingezogen, und unter Vorlegen seiner Visitenkarte, einen Feldstecher im Werte von 23 Mark zu bekommen, der alsbald für 7 Mark versetzt wurde. In einem anderen Geschäfte hatte er verschiedene Uhren zur Auswahl in seine Wohnung bestellt, der Eigentümer des Geschäfts brachte sie selbst dahin und übergab sie dem Angeklagten, bekam aber bald Bedenken und kehrte wieder zurück. In einem Hotel, wo er den Angeklagten |
Zugabe der Vermieter sicher zu finden alaubte derselbe völlig unbekannt. Er eiltt an den faS unb Abiabr^ü!^ ^geklagten in einem gerade zur Adwhrt nach Frankfurt bereitstehenden Zuge zu entdecken ÄÄn ÄCnF de'r AngeÄgte^die ufre« im zberte von 410 Mark heraus, dre Etuis hatte er wea- nnnphpftlf s ^fernt, die eine Uhr an seiner Kette
und einer Woche beantragt. Das Gericht
28 Säfte bee; vollendeten Betrugs und 6 Fülle de« tiex« suchten Betrugs auf eine G e s a m t g e f ün gn is str a f e Bon ätoet Sabr-en, wobei als festgestellt angenommen w«de, daß der Angeklagte von seinem Vater sken^n r? borgen, keine Aussicht und nicht die Absicht hatte, die von ihm angepumpten Geschäftsleute aeHaaten19^' dieselben nur getäuscht durch den An- ""gegeben, ihm Kredit gegeben, anderen 5aus demselben ohne weiteres verweigert hätten. Straf- ^dernd kam in Betracht das jugendliche Alter des Angeklagten, der erst 20 Jahre alt ist, sowie daß derselbe ^ch, mcht vorbestraft ist. Der Angeklagte verzwhtete auf Rechtsmittel und trat seine Strafe sogleich an.
Kunst und MMnMst
, Stuttgart, 7. Oktober, berichtet man: Der württem-
bergische Goethe-Bund hat in seine Satzungen die Bestimmung ausgenommen, daß er neben der Abwehr aller Angriffe auf die freie Entwickelung des künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens auch die Förderung und Verbreitung künstlerischer und wissenschaftlicher Bildung und Anschauung bezweckt. In Erfüllung dieses Satzes ist er bereits darangegangen, für den Winter ein Arbeitsprogramm zu entwerfen, urlprünglrch lag es in dem Plan des Bundes, Volksvorlesungen zu ver- anstalten, wie diese schon in mehreren größeren Städten mit Erfolg ein* haben aber inzwschen die „Vereinigten Gewerk- schasten Volkshochschülkurse ins Leben gerufen. Durch dieses Vorgehen Goethe-Bund sozusagen entlastet: er kann mehr die künstlerische Seite der Darbietungen pflegen. Es sind nun zweierlei Arten von Veranstaltungen in Aussicht genommen. Einerseits sollen im Hof- tyeater, und zwar an einigen Sonntagnachmittagen, kurze Vorträge über unsere klassischen Dichter gehalten werden; an diese werden sich Dar- bletungen aus chren Werken, namentlich auch dramatische, anschließen. Em Vortrag über bildende Kunst ist gleichfalls vorgesehen. Diese Veranstaltungen sind für das große Publikum berechnet und die Preise werden deshalb sehr billig gestellt (etwa40Pfg. für den Platz). Außer- dem aber sollen im Wllhelmatheater in Berg Vorführungen literarisch bedeutender Stücke, deren Darstellung auf größeren Bühnen Schwierigkeiten der einen oder anderen Art begegnet, stattflnden. Einige dieser Vorstellungen werden zugleich den Charakter des künstlerischen Experiments tragen. Für solche Aufführungen, die eine intime Darstellung verlangen, eignet sich das kleine, im übrigen trefflich ausgeflattete Wllhelmatheater vorzüglich. Der geschäftsführende Ausschuß wird nächsten Samstag das Programm im Einzelnen feststellen. Es darf anerkennend hervorgehoben werden, daß diese Thätigkeit des Goethebundes im Wesentlichen ermöglicht wird durch das Entgegenkommen des Hoftheaters, dessen Intendant, Baron Putlitz, an der Spitze des Goethebundes steht und das Wirken des letzteren in kräftigster Weise fördert. Die Eintrittspreise für sämtliche Vorstellungen können nur deshalb so nieder gestellt werden, weil das Hoftheater sich mit der Erstattung der Selbstkosten begnügt.
Kedda chaöler.
-e. Gießen, 10. Oktober.
Iw Frankfurter Stadttheater wurde am Montag übend von Eleonore Düse und ihrer Truppe als zweite und letzte Gastvorstellung „Hedda Gabler" von Ibsen ausgeführt.
„Hedda Gabler" ist eins der schwierigsten Probleme, die je der alte nordische Geisterseher sich gestellt hat. Ob er des Rätsels Lösung ganz gefunden, sei dahin gestellt; jedenfalls aber hat er aus Rätselfrage und Lösung ein vollendetes Kunstwerk geschaffen.
Der Inhalt des Stückes ist folgender: Der Privatdozent Jörgen Tesman hat sich mit Hedda Gabler, der Tochter des Generals Gabler, vermählt, lieber fünf Monate sind sie fortgewesen und jetzt soeben von der Hochzeitsreise zurückgekehrt in das eigene, elegante, behagliche Heim (einer Villa der Vorstadt), das inzwischen ihr gemeinsamer Freund, der Gerichtsrat Brache, für sie erstanden und eingerichtet hat. Durch das tägliche Leben und den täglichen Verkehr werden wir nun näher mit dem jungen Paare und seiner Umgebung bekannt. Da sind zunächst zwei prächtige alte Damen, die guten alten Tanten, die an ihrem Jörgen Mutterstelle vertreten haben, deren ganzer Stolz und letzte Freude er ist. Die eine von ihnen ist seit Jahren ans Bett gefesselt, aber stets froh und teilnehmend für alle; die andere ist die gute Tante Jule, die nie an sich denkt, die soeben einen Teil ihrer Altersrente verpfändet hat, nur um das junge Heim den Ansprüchen Heddas gemäß gestalten zu helfen, doch trotz aller Herzensgüte wirkt Tante Jule in ihren Andeutungen und Zuknnftstränmev der vornehmen Hedda gegenüber oft fast plump. Endlich gehört zum Haushalte noch die alte treue Magd Berte, die ans dem langjährigen Dienst bei den Tunten in Jürgens Heim übergegangen ist, „weil er doch zu sehr an sie gewöhnt war". Das alles wirkt wie ein köstliches Idyll aus Großvaters
Idyll paßt Jörgen Tesman selbst aufs ^r!?lÖen Verhältnissen hat er sich durch unermüdlichen Fleiß zu einer allgemein geachteten Stellung emporgearbeitet. Während seiner Hochzeitsreise hat er den Doktorgrad erworben, hat zahlreiche Archive durchstöbert und 'eine Fülle von Notizen als, Material zu neuen Arbeiten mit heimgebracht Jetzt hat er Aussicht, in kurzer Zeit Professor zu werden Mit den Forderungen der Wirklichkeit aber weiß er sich schwer abzufinden. Für sich selbst bedürfnislos, hat er sich in Schulden gestürzt um seiner jungen, verwöhnten Gattin ein Heim nach ihrem Geschmack zu schaffen. Ihm selbst erscheint es wie ein Wunder, daß die stolze Hedda Gabler ihm gehört und deshalb scheut er kein Opfer für sie und fühlt nicht, was ihn trotz seines edlen Charakters und seines angeborenen Zartgefühls auf immer von ihr trennt: Der Mangel an Kraft, an Lebens- Übermut, an frischer, gesunder, überschänmender Urwüchsigkeit! Und wer ist Hedda Gabler? Ihr äußeres Leben ist ebenso schnell erzählt als ihre Seele schwer zu entziffern ist.
Hedda ist, tote gesagt, die einzige, verwöhnte Tochter
des Generals Gabler. Sie hat früh die Mutter verloren; der Vater hat sich wenig uni sie gekümmert, so ist sie, meistens sich> selbst überlassen, ausgewachsen. In gewisser Weise hat sie sich ihre Freiheit zu Nutzen gemacht, sie ist eine gefeierte Salondame geworden, sie kokettiert mit männlichen Künsten: sie reitet, raucht, schießt fleißig mit Pistolen, kurz, sie treibt allen Sport, soweit ihn die Mode gerade begünstigt, wohlverstanden, weiter nicht. Nur keinen Skandal, nur den Schein wahren! Die konventionelle Form als Schutzgewand aufgestellt und dahinter sicher geborgen thun, wozu die prickelnde Laune treibt — aber bei Leibe nichts, was nicht nach außen durch diese schützende Mauer gedeckt werden könnte — das ungefähr ist Heddas moralisches Glaubensbekenntnis und doch würden wir gewaltig irren, wenn wir dächten, hiermit schon eine Erkenntnis ihres Wesens gewonnen zu haben.
Ihr Charakter gehört zu den ganz seltenen, wie sie in so komplizierter Weise einem nur ein^ .ober zweimal im Leben erscheinen. Man glaubt, sie zu ergründen und findet neue Rätsel, und steht man endlich an ihrem Sarge unb schaut rückwärts auf ihr abgeschlossenes Leben, ba blitzen einem noch! aus ber Nacht bes Tobes bie schillernben Augen ber Sphinx entgegen unb führen irre!
Es heißt, zwischen ben Zeilen lesen unb aus Mienen unb hingeworfenen Worten sich ein Ganzes hüben.
Doch kehren wir zurück zu Hebba vor ihrer Verheiratung mit Tesman. Wie gesagt — sie war verwöhnt, schön unb pikant. An Courmachern fehlte es ihr nie — aber Hedda Gabler war arm — es fand sich kein ernstlicher Bewerber unter der Sch,ar ihrer reichen Verehrer.
Hedda aber wußte, daß mit ihres Vaters Tode aller äußere Glanz für sie erlosch und sie haßte die Armut, — so sah sie sich bet Zeiten nach einer Versorgung, versteht sich, einer anständigen Versorgung um: sie heiratete den Privatdozenten Tesman! — Seine Bücher waren ihm bis dahin alles, nun hat er Hedda in sein Leben ausgenommen — wie, weiß er selbst kaum, jedenfalls nicht, weil sie ihm notwendig war zu seinem Leben! Im Schlußakt sagt Tesman einmal „die Papiere anderer zu ordnen — das ist gerade etwas für mich!" — feine eigenen Papiere, kein eigenes Leben — volle Befriedigung findend in dem Aufgehen in andere, das ist Tesman. Hedba's ganzes inneres Wesen bricht einmal in die Worte hervor: „Ja, Mut, ja, wer den hätte — bann vermöchte man vielleicht boch sein Leben zu leben!" Ihr eigenes Leben zu leben ist ihre tiefste Sehnsucht. Sie sagt ein anberes mal „nur ein einzigesmal im Leben Macht haben über ein Menschenschicksal". —
Daß bie Allgewalt bes Weibes, ihre, wirfenbe, um- gestaltenbe Kraft für sich unb andere einzig in ber Liebe besteht, will ober kann Hebba nicht einsehen. Unb boch hatte sich auch ihr wenigstens einmal im Leben Gelegenheit geboten, Macht zu erlangen über ein anberes Menschen- schicksal uno nach freier Wahl ihr Los zu bestimmen, aber bie Furcht, sich lächerlich zu machen, hatte den Mut zur Liebe gelähmt.--
Kaum sind Tesman und Hedda in ihrem jungen Heim eingekehrt, da erscheint hilfesuchend bei ihnen eine Frau
Elvsted. Sie ist eine Schulgefährtin Heddas gewesen, von dieser aber stets geringschätzig als eine tief unter ihr Stehende behandelt. Frau Elvsted ist hoch oben in ber Bergeinsamkeit bie zweite Frau bes Landrichters Elvsted geworden; sie hat seine erste Frau zu Tode gepflegt, hat für seine Kinder und den Haushalt treulich gesorgt und da sie das Leben ebensowenig kannte als sich selbst, so wurde sie eben die Frau des alternden'Mannes.
Da kommt in ihre Einsamkeit der junge Gelehrte Ejlert Lövborg, der sich trotz seiner genialen Begabung in seiner Vaterstadt unmöglich gemacht hat durch fein wüstes Leben und feinen Hang zur Trunksucht. Frau Elvsted's Leben ist leer unb unausgefüllt — ihr Mann kümmert sich nichp um sie; wohl unterrichtet sie seine Kinber unb führt feinen Haushalt, aber jeher verlangt nur Pflichten von ihr, keiner begehrt ihre warme herzliche Liebe. Ejlert Lövborg wird ber, Hauslehrer ihrer Stiefkinber — sie sieht ihn täglich erkennt die edlen Gaben unter seinen entsetzlichen Schwächen und ein heißes, mütterliches Erbarmen erfaßt sie. Zum erstenmal bedarf ein Mensch ihrer: so liebt sie ihn mit elementarer Gewalt wie eine Mutter ihr krankes Änd, wie, ihrer selbst unbewußt, die junge Maid zum erstenmal ihr Herz der Liebe öffnet. Sie denkt nicht an sich begehrt nichts für sich und handelt so völlig instinktiv, daß sie einmal daran denkt, bösen Schein zu meiden. Sie will und erstrebt nur eins: den Freund, sein besseres Selbst zu retten. So arbeitet sie mit ihm, glaubt pn ihn, giebt ihm sein Selbstvertrauen und feine Selbstachtung zurück.
Als neuer Mensch mit neuem Mut schafft er ein Werk, das Aufsehen erregt. Von ber Entwickelung ber Kultur bi§ zur Gegenwart hanbelt es, unb er hat noch ein Werk geschrieben, im Manuskript völlig fertig, von bem er sich weit mehr noch verspricht. Seine Jbeen über bie Kultur der Zukunft hat er barin niebergelegt, mit anbern Worten, sein bestes Selbst, feine zwingenbe Sehnsucht nach höchsten Zielen. Aber hiermit greifen wir vor. Vorläufig ist fern erstes Werk mit Staunen unb Beifall aufgenommen, er selbst ist an bie Unib&rfität zurückgekehrt und, so erfahren wir bald durch den Hausfreund Gerichtsrat Brache, es soll eine Konkurrenz für ihn und Tesman ausgeschrieben werden, nach welckM erst die Professur dem einen oder dem andern verliehen werden soll. Frau Elvsted allein kann den allgemeinen Jubel nicht teilen, sie bangt, ob in ber großen Stabt bie Versuchung nicht zu groß fein wirb für ben eben erst gefunbeten Lövborg. üjrer Herzensangst sucht sie Rat und Hilfe bei Dr. Tesman und nun entwickeln sich Szenen, in ihrer seinen Seelenmalerei so raffiniert, daß ihnen an psychologischer Zresssicherhert kaum etwas gleichkommt. Wie schlangenartig Hedda dre harmlose, kindliche Frau El« ted umgarnt, wre sre durch zauberhafte Liebenswürdigkeit ihr ihres Herzens innerstes Geheimnis xntrcißt-koidihr Zorn, ihre Eifersucht auslodern, als sie erkennen muß, baß biefe von ihr verachtete kleine ft-rau'aeleiftet bat, wonach sie sich burch lange inhaltsleere ftabre felmtc, daß sie in ber That Macht gewonnen hat über ein Menschenschicksal: bas alles ist vortrefflich ge- scbilbert. Balb erfahren wir mehr. Ejlert Lövborg ist es.


