Donnerstag den 11. Oktober
MV. 238
Erstes Blatt»
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
150. Jahrgang LSQO
Alle Anzeigen-Vermittlungsstellen deS In- und Ausländer nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. ZeilenpreiS: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
Erscheint täglich mit Ausnahme des
Montags.
Die Gießener AsamllieuVtätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter für Hess. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelegt.
Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.
Bezugspreis vierteljährl. Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringcrlohn; durch die Abholestellen vierteljährl. Ml. 1,90 monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld.
Aintr- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schulstraße Ar. 7.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für heMheUalbsKunde.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.
Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr.: Maul- und Klauenseuche.
In Allertshausen ist in einem Gehöfte die Maul- nnd Klauenseuche durch Verschleppung aus dem Gehöfte deS Viehhändlers Emanuel Stiebe! in Allendorf a. d. Lda. auS- gebrochen und Gehöftsperre verfügt worhen.
Gießen, den 10. Oktober 1900.
Gwßherzvgliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Gießen, 8. Oktober 1900. Betr.: Bekämpfung der Obstbaumschädlinge.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen
au die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Einem Ersuchen des Oberhessischen Obstbauvereins .und einem Beschlüsse des Kreisausschusses entsprechend empfehlen wir Ihnen, dafür Sorge zu tragen, daß bis zum 30. November 1900 sämtliche Obstbäume gehörig ab- gekratzt und mit Kalkmilch (mit viel Wasser verrührter gelöschter Kalk) gekalkt werden, und entsprechende öffentliche Aufforderung zu erlassen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Volkszählung im Jahre 1900.
Am 1. Dezember d. IS. wird im Deutschen Reiche eine Volkszählung stattfinden.
Zur Ausführung derselben in hiefiger Stadt bedürfen wir einer großen Anzahl als Zähler geeigneter Personen und fordern daher diejenigen, die sich als solche, sei es unentgeltlich, sei es gegen Bezahlung beteiligen wollen, auf, sich bis spätestens 1. November l. IS. auf unserem Bureau (Weidengasse Nr. 5) zu melden.
Gießen, den 4. Oktober 1900. Grvßherzogliches Polizeiamt Gießen. Hechler.
Gießen, 8. Oktober 1900. Betreffend: Vertilgung des Frostnachtspanners. Bas Großherzogliche Kreisamt Gießen KL Ale Grohh. Bürgermeistereieu des KreiseS.
Unter Hinweis auf den im Abdruck nachstehenden, aus dem Monatsblatt des Oberhessischen Obstbauvereins vom Oktober 1891 entnommenen Artikel beauftragen wir Sie, die Baumbesitzer Ihrer Gemeinden alsbald zur Anlegung fcon, Klebgürteln an den Obstbäumen öffentlich aufzufordern, sowie an den Gemeindebäumen auf Kosten der Gemeinde Klebgürtel baldigst anbringen zu lassen. Mitte November dieses Jahres sehen wir Ihren Berichten über den Vollzug unserer Anordnung mit der Aeußerung darüber entgegen, inwieweit die Baumbesitzer Ihrer Aufforderung entsprochen haben.
v. Bechtold.
Der Frostnachtspanner.
Einer der gefährlichsten Feinde unserer Obstbäume, der Frostnachtspanner, schickt sich wieder an, seine Brut an Obstbäume zu bringen und dadurch jetzt schon die nächstjährige Ernte zu beeinträchtigen. Deshalb ist es not- wendlg, daß alle Obstzüchter Hand in Hand gehen und verhüten, daß das Weibchen seine Eier an die Knospen der Obstbäume legen kann. Dieses Weibchen, das noch in der Erde als Puppe ruht, kommt nämlich von Anfang Oktober bis Mitte November auS der Erde. Es ist ein Schmetterling, welcher nur mit Flügelstummeln versehen ist, also nicht fliegen kann, dafür aber sehr kräftige, lange Beine besitzt, mit deren Hilfe er den Stamm erklimmen und zu den Knospen gelangen kann. Das Männchen dagegen, welches braune Flügel besitzt, kann fliegen und sucht das Weibchen während des Marsches am Stamme entlang auf. Gelangt das Weibchen dann in die Baumkrone, so legt es an die Knospen seine Eier ab, und zwar nicht weniger als etwa 250 Stück. Aus diesen schlüpfen im Frühjahr die kleinen grünen Spannraupen, welche mit der Entwickelung der Blüten wachsen, sich zwischen einige Blätter und Blüten einspinnen, um von da aus die Entblätterung der Bäume durchzuführen. ,
„ Als der bekannte Pfarrer Christ diese Lebensgeschichte kennen gelernt hatte, reihte er an die vielen Verdienste, die
er sich um den Obstbau Oberhessens schon erworben hatte, noch das eine Mittel zur Bekämpfung dieses Feindes. Er hat zuerst auf Birkenrinde Theer gestrichen und diese Rinde dann um den Stamm gebunden. In der neueren Zeit wurden erst die Klebgürtel in Anwendung gebracht, welche, in der richtigen Weise und zur richtigen Zeit angewendet, das Erklettern des Baumes durch das Weibchen unmöglich machen. Im Kreise Gießen war dieses Anlegen der Klebgürtel überall da mit gutem Erfolg begleitet, wo es richtig durchgeführt wurde, und wo die Bäume trotzdem von der Raupe entblättert wurden, waren eben Fehler gemacht worden. Wenn man den Gürtel anlegt, nachdem der Frostnachtspanner oben am Baume ist, oder wenn man den Leim eintrocknen läßt, oder wenn man fingerdicke Lücken zwischen Stamm und Ring läßt, dann darf man nicht der Methode, sondern muß seiner eigenen Gleichgiltigkeit die Schuld beimessen. Deshalb wolle man beim Anlegen der Leimringe, denen wir recht große Verbreitung wünschen, folgendes beachten:
1. Die Ringe müssen anfangs Oktober angelegt werden.
2. Das Papier muß sehr gut geleimt sein. Am besten verwendet man sogenanntes Pergamentpapier.
3. Das Papier muß mindestens 10 Centimeter breit sein.
4. Der Papierring muß um den ganzen Stamm gelegt und mit einer Kordel unten und einer oben gebunden sein.
5. Zwischen dem Papierring und dem Stamm dürfen keine Lücken sein, da sonst das Weibchen unten durchkriecht. Etwa vorhandene Lücken werden mit Lehm, Werg rc. ans- gestopft.
6. Bevor man den Popierstreifen anlegt, muß an der betreffenden Stelle die Rinde glatt gemacht werden.
7. Der Leim wird mit einem Pinsel auf das Papier, niemals aber auf den Stamm selbst aufgestrichen.
8. Es ist notwendig, daß man die Ringe alle 10 Tage von neuem anstreicht.
Im Übrigen sei bemerkt, daß die Geschäftsstelle des Oberhessischen Obstbauvereins in Friedberg gerne bereit ist, gutes, geschnittenes Papier und beliebige Mengen Leim zu vermitteln.
4. Christlich-sozialer Parteitag.
s-r Wetzlar, 9. Oktober.
Um 3 Uhr nachmittags begann im Saale des „Schützengarten" der Parteitag mit einer Mitgliederversammlung, an der etwa 85 Delegierte teilnahmen. Stöcker, der den Vorsitz führte, eröffnete die Tagung mit einem kurzen Rückblick auf die politischen Ereignisse und den Eutwickelungs- gang der Partei im letzten Jahre. Er gedachte vor allem des schweren Verlustes, den die Partei durch den Heimgang ihres 2. Vorsitzenden, des Grafen zu Solms-Laubach, erlitten habe. Zahlreiche Begrüßungstelegramme waren eingelaufen, darunter eins von demReichstags-Abg. Raab und eins vom Abg. Liebermann von Sonnenberg und dem Grafen Reventlow: „Aus schwerem Wahlkampf senden wir deutschen Gruß. Für die Zukunft erhoffen wir gemeinsame Arbeit zum Wohle unseres Volkes und unseres Vaterlandes. Der Sieg muß uns doch bleiben!" Lebhafter Beifall begleitete diese Kundgebung, ein Danktelegramm ging ab.
Nach Eintritt in die Tagesordnung sprach zunächst der Geschäftsführer des Christlichen Ziegler-Gewerkvereins im Fürstentum Lippe, Ziegler Ehlerkamp, über die Gewerkschaftsfrage, indem er lebhaft für die Gründung christlicher Gewerkschaften eintrat. In der eingehenden Debatte wurden die verschiedensten Vorschläge gemacht: Eintritt in die modernen freien Gewerkschaften und in die Hirsch-Dunker'schen Vereine, Neutralisierung der Gewerkschaften u. s. w. Es äußerten sich dazu eine Reihe von Delegierten: Stöcker, Lic. Weber (M.-Gladbach), der Sekretär der deutschen Gärtnergewerkschaft Behrends (Berlin), Bäckermeister Heistermann (Elberfeld) u. a., darunter auch mehrere Arbeiter. Man nahm schließlich folgende Resolution an:
„1. Hinsichtlich der Gewerkschaftsbewegung muß als das Ziel betrachtet werden, die Einführung obligatorischer Fachgenossen- fchaften bezw. gesetzlich anerkannter Gewerkschaften.
2. Zur Erreichung dieses Zieles dient am besten die Bildung starker, interkonfessioneller, unparteiischer und einheitlicher Gewerkschaften, für die Rechtsfähigkeit anzustreben ist, die zu wirtschaftlichem Frieden geneigt, aber zu gesetzmäßigem Vorgehen behufs Erlangung befriedigender Arbeitsbedingungen fähig sind und die den Schwerpunkt ihrer Wirksamkeit in der Anbahnung langfristiger Tarifgemeinschaften und dem Aufbau von Unterstützungskaffen, besonders gegen Arbeitslosigkeit, sehen.
3. Die Erreichung dieses Zieles wird dadurch erschwert, daß die heutrge Gewerffchaftsbewegung vielfach gespalten und mehrfach politisch nicht neutral rst.
Wo interkonfessionelle Genossenschaften christlichen Charakters bestehen, ist zu fordern, daß im Vorstand die beiden Konfessionen anerkannte Stellung haben.
4. Es ist im allgemeinen ausgeschloffen, daß Mitglieder der christlich-sozialen Partei üch den Zahlstellen solcher Gewerkschaften anschließen, die satzungsgemäß sozialdemokratisch sind, wie die Lokal- organisationen, oder fremdartiger Propaganda dienen."
Der Parteitag sprach sodann dem Abg. Stöcker bett Dank für feine Thätigkeit im Reichstag aus, die besonders gelegentlich der lex Heinze so rege wie nie gewesen sei, und nahm auf Antrag des Pfarrers F r i t s ch - (Ruppertsburg) nachstehende Erklärung an:
Der christlich-soziale Parteitag beklagt es aufS Heffle, daß im Reichstage unür Führung der Sozialdemokraten und Freisinnigen eine erfolgreiche Obstruktionspolitik gegen den Entwurf des UnfitUtch- kettsgesetzeS ausgeübt wurde. Er sagt seinem Vorsitzenden, Hofprediger a. D. Stöcker sowie allen tapferen Vertretern des Entwurfs besten Dank für ihren Kampf gegen die Unsittltchkett im Volksleben, Theater, Lttteratur und Kunst. Der Parteitag ist überzeugt, daß dieser Kamps immer energifcher und zielbewußter geführt werden muß, zumal von feiten der Gegner wüste Angriffe auf die Fundamente christlicher Sittlichkeit, der unentbehrlichen Stütze des VolkS- wohls gemacht worden sind und noch gemacht werden. Wir erwarten bestimmt, daß strenger gegen grobe Auswüchse von Literatur und Kunst vorgegangen werde, daß der leider fallen gelassene Arbeitgeberparagraph zur Annahme komme, ebenso wie die Erhöhung des Schutzalters der Mädchen, da wir der Ueberzeugung sind, daß durch die wachsende Unsittltchkett und Schamlofigkeit unser m Volksleben das größte Verderbm droht, falls schlimmem Vorbild und böser Anregung dazu nicht gesteuert werden.
Es wurde bann noch eine Erklärung angenommen, in ber an bie preußische Staatsregierung bie Bitte gerichtet wirb, bie soziale Lage ber Eisenbahn-Unterbeamten, soweit sie bei ber letzten GehaltSregulierung übergangen wurden, einer erneuten Prüfung zu unterziehen. — Zum zweiten Vorsitzenden wurde Chefredakteur v. Oertzen gewählt.
Oeffeutliche Volksversammlung.
s-r. Wetzlar, 9. Oktober.
Um 8 Uhr abends eröffnete Parteisekretär Dr. Burck- hard-Godesberg bei bis auf den letzten Platz gefülltem Saale die öffentliche Volksversammlung mit einem Hoch auf den Kaiser. Zunächst sprach Abg. Stöcker über das Thema: „Die Bekämpfung der Sozialdemokratie und das Festhalten an der gesetzlichen Reform, ein Lebensinteresse des Arbeiterstandes". Die Christlich-Sozialen seien, so führte er aus, die ersten gewesen, die mit einem wirksamen Kampf gegen die Sozialdemokratie bie Anerkennung ihrer berechtigten Forderungen verbunden habe. Sie habe auch zuerst bie gesetzliche Reform gefordert. Infolge des Kampfes habe bie Sozialdemokratie die gröbsten Umsturzgedanken aufgegeben, an eine Revolution mit den Waffen denke heute niemand mehr. Singer dächte auch nicht daran, auf den Barrikaden obenan zu stehen (große Unruhe). Die Sozialdemokratie sei keineswegs bie einzige Partei, welche die Interessen ber Arbeiter wirksam vertrete. Die Stellungnahme der Bergarbeiter im Siegerland, im Kohlenrevier und auch in Berlin zur Zeit der Berliner Bewegung beweise, daß man der Sozialdemokratie große Arbeitermaffen streitig machen könne. Für sie und alle Arbeiter erstrebe man die Sozialreform auf dem Gesetzeswege. Die Sozialdemokratie und ihr drohendes Anschwellen seien nicht allein die Ursache für das Zustandekommen der großen Sozialgesetzgebung. Im Gegenteil habe die Sozialdemokratie alle die einschlägigen Gesetze verleugnet, weil sie angeblich zu wenig brächten. Jetzt habe sie aber im Reichstage an der Verbesserung dieser Gesetze mitgearbeitet. Sie hätten aber schon früher mit Abschlagszahlungen zufrieden fein müssen, wie bie Christlich-Sozialen, bereu Forderungen z. B. in Sachen ber Witwen- unb Waisenversorgnng weit über das jetzt gebotene hinausgingen. Jemehr sich der soziale Gedanke durchsetze, umsomehr stehe die Sozialdemokratie dem sozialen Fortschritt im Wege. Die Reform könne nur von oben aus- gchen, Monarch und Regierung würden aber durch baS Verhalten der Sozialdemokratie verärgert. Die Demokratie biete keineswegs größere Gewähr für bessere Zustande. Man schaue auf Frankreich und Amerika, wo das Kapital viel wichtiger sei, und wo es die Arbeiter viel schlechter hätten wie bei uns. Eine dauernde, klare, zielbewußte Reform sei nur in der Monarchie möglich. Eine schnellere Verwirklichung dieser Reform werde aber durch die Sozialdemokratie gehindert. — Wie stehe es aber neben den materiellen Interessen mit dem Eintreten für König, Vaterland, Familie und Ehe, Kirche und Religion? Ein Arbeiter, der sein Vaterland nicht lieb habe, sei ein schlechter Kerl, die Parteinahme für die Chinesen eine nichtsnutzige Gemeinheit. Die Kolonialpolitik komme


