Ausgabe 
10.11.1900 Zweites Blatt
 
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Sieben, 9. November 1900.

** Zum Kloppeuheimer Raubmord wird uns aus Frank­furt berichtet: Im Laufe der vorigen Woche war der viv ~ , Untersuchungsrichter von Gießen in Seckbach bei Fuhr- | messende Gelände 1000 Ml. geboten, wogegen irrender

6000 Mk. verlangt. Es wird auf Antrag der Baudepu­tation beschlossen, von weiteren Verhandlungen abzuseheu. Stadtv. Huhn wünscht, daß Baufluchtlinien im all­gemeinen festgesetzt werden, damit die Baulustigen nicht durch jedesmalige Festsetzung der Baulinien hingehalte» werden. Beig. Wplf f bemerkt demgegenüber, daß dies eine Menge fingierter Baugesuche zur Folge haben unfc der Stadt teuer zu stehen kommen würde. (Wir halten de« Wunsch des Herrn Huhn für sehr berechtigt. Tie Auf­stellung eines allgemeinen städtischen Bausluchtlinienplans, ist u. E. durchaus notwendig und sehr im Interesse der Stadt liegend. D. Red.)

Die Erbauung einer Waschküche in der Hofraitr zum Pfau soll aus der Hand vergeben werden, desgl. einige kleinere Arbeitern und Lieferungen.

Für die Herrichtung einer elektrischen Läutevorrichtung in den Gebäuden der höheren Mädchenschule, be­stehend aus 6 in den Korridoren, an den Eingänge« und in der Turnhalle anzubringenden Glocken, werden 180 Mk. bewilligt, für die Beschaffung eines neuen Bade­ofens in der Stadtmädcherrschule 400 Mk., doch soll fest­gestellt werden, ob der alte Ofen nicht durch Erneuerung der Siederöhren ausgebessert werden kann.

Auf einen von den Herren Seuling, Prang, Schäfer und Größer der Stadt angebotenen Gelände­austausch, wodurch den Genannten das Bebauen ihrer Grundstücke an der Roonstratze ermöglicht wird, hat die Baudeputation beantragt, nicht einzugehen, da die Roon- straße noch nicht fertig; dagegen soll die Fertigstellung dieser Straße in das nächste Budget eingestellt werden. Der Deputationsantrag wird, nachdem die Stadtv. Löber, Hanau, Wallenfels sich für Willfahrung des Gesuches aus­gesprochen, angenommen.

0,45 Quadratmeter Gelände in der Goethestraße soll, an Otto Sch a a f zum Preise von 40 Mk. käuflich abgetreten, werden; ferner stimmt die Versammlung einem Vertrage zu, nach welchem an Prof. Dr. B i e r m e r 167 Quadrate meter Gelände an seinem Hause in der Lonystraße pacht­weise überlassen werden.

Dem Verkaufe einer 693 Quadratmeter messende« Wegparzelle am Erdkauterweg an Wilh. Gail stimmt die Versammlung unter Festsetzung des Kaufpreises von

mann Zeitz, bei dem Ermer am 16. August l. I., an dem Tage, nach dem der Mord verübt wurde, als Arbeiter ein« getreten ist, und zeigte die Photographie des zu Würzburg wegen Raubes verurteilten Ermer vor, die sofort von Zeltz und seiner Famckie als der unter dem Namen des erschlagenen Möller an obigem Tage bei ihm Eingetretenen erkannt wurde. E. habe, wie Zeitz bekundete, am 18. August an seine Mutter geschriebeu. Da der Brief von E. jedoch unfrankiert ab­gesandt worden war, verweigerte die Empfängerin die An­nahme, sodaß er am 20. August (an dem Tage, nach dem E. seinen Dienst bei Zeitz aufgegeben hatte) an seinen Ab­sender, der auf der Rückseite des Couverts alsGeorg Möller" verzeichnet war, zurückkam. Dieser Brief wurde vom Briefboten nicht abgeliefert, da der Absender ohne jede Adresse abgedampft war. S in Inhalt dürfte zur Aufklärung der Untersuchung von großer Wichtigkeit sein. Zeitz be­kundete ferner, daß Ermer alias Möller es gewesen sei, der das blutige Hemd bei seinem Weggang bei ihm zurückgelassen und ihm ein Paar lange Schaftstiefel mitgenommen habe.

* Zur Fortbildungsfchulfrage wird und heute aus Lehrerkreisen folgendes Eingesandt geschrieben:

Gestatten Sie gütigst, daß ich trotz der Menge Zuschriften, bie Sie bereits zur Fortbildungsschulfrage erhalten haben, noch einmal mit ein paar Zeilen in dieser Frage komme. Es dürfte am Ende doch mancher Ihrer Leser eine eigentliche Erwiderung auf den Sonntags­artikel verm'ffen. Durch Ihre letzte Veröffentlichung in dieser Ange­legenheit wird jedenfalls dieVerbitterung" nicht beseitigt, und dies wäre im Interesse einer guten Sache doch so wünschenswert. Man wolle nun einmal die Sache von folgenden Gesichtspunkten aus be­trachten, und man wird vielleicht nicht begreifen, wie so vielVerbitte­rung" entstehen konnte. .

Zunächst mache ich darauf aufmerksam, daß die 90 bis 96 Stunden so verteilt werden können, daß wöchenllich nur an zwei Nachmittagen, etwa von 4 bis 7 Uhr, unterrichtet wird, wie dies ja auch an mehreren Orten bereits eingeführt ist.

Die Handwerksmeister haben keinen Nachteil von der Neueinrichtung Der Lehrling legt um 4 Uhr seinen Hobel oder Hammer aus der Hand und unterbricht die Arbeit bis 8 Uhr. Von 4 Uhr ab sind Winters die Lichtverhältniffe in vielen Werkstätten derart, daß ohne künstliche Beleuchtung doch nicht mehr gearbeitet werden kann. Nach dem Abendeffen wird in den meisten Werkstätten auf dem Land die Arbeit aber noch einmal ausgenommen, wodurch der durch die Schule entstandene Ausfall ausgeglichen werden kann.

Die Holzmacher verdienen im Vogelsberg und auch sonst höchstens 1.602 Mk. täglich ; doch sind dies nicht die jungen Bürschchen von 14 bis 17 Jahren, sondern erwachsene Männer. Jene erhalten nur 1 vis 1.60 Mk- Auch arbeiten die Holzmacher nicht die 4 Wintermonate hin­durch, sondern nur von Mitte November bis etwa Mitte Februar, also nicht 16 Wochen, sondern nur 12. Der Junge verliert bei zweitägigem Unterricht per Woche also 1 1.60 Mk., was einem Lohnausfall von zusammen 1217 Mk. entspricht und nicht 3645 Mk, wie es in Ihrem Sonntagsartikel heißt. Außerdem muffen die Holzmacher an gar manchem Tag des Wetters halber schon um 12 oder 2 Uhr Feier­abend machen, wodurch sich der durch die Schule verursachte Lohnausfall noch um einige Mark verringert. Nun soll es aber den oft noch recht schwachen Jungen gar nicht schaden, wenn sie ihre harte Arbeit an zwei Wochentagen früher aussetzen können. Jeder, der die Arbeit des Holz­machers kennt, weiß, daß das härteste Stück derselben erst gegen Abend kommt und der Junge, der diesem Teil der Tagesarbeit enthoben ist, kommt nicht nuretwas", sondern ganz bedeutend frischer zur Schule. Mancher Vater gönnt gewiß seinem Sohn diese Ausspann und ver­schmerzt die 1015 Mk.

Sollen wir nun vielleicht um der paar Knechtchen willen, die hier und da die Fortbildungsschule besuchen müffen, auf alle die Vortelle verzichten, die der Tagesunterricht bietet?

Wäre es wirklich so schrecklich, wenn an zwei Tagen der Woche sich auch einmal dieHerren" an der Fütterung ihres Viehes beteiligten? liebet den Wert des Tagesunterrichts gegenüber dem Abendunter­richt soll kein Wort verloren werden, er ist jedem vernünftigen Menschen einleuchtend.

* Gardeverem Gießen. In die Kriegerkameradfchaft Hafsia" wurde der Gardeverein Gießen mit 43 Mitgliedern unterm 24. Oktober d. Js. aufgenommen.

Sitzung der Stadtverordneten

Gießen am 8. November 1900.

Anwesend die Beigeordneten Georgi und Wolff, die Stadtverordneten Brück, Enler, Faber, Dr. Fuhr, Hanau, Haubackii, Helfrich, Huhn, Keller, Kirch, Leib, Löber, Loos, Orbig, Petri, Dr. Schäfer, Schiele und Wallenfels.

Entschuldigt: die Stadtverordneten Flett, Dr. Gaffky, Heyligenstaedt, Jughardt, Krumm, Dr. Gutfleisch, Grüne­wald.

Architekt Hans Meyer beabsichtigt, an der West­anlage es in Wohnhaus zu errichten. Der wegen Ausbaues des oberen Stockes in Holzfachwerk erforderliche Dispens wird befürwortet. , m , r

Zu dem Gesuch des Maurermeisters Joh. Gg. P s a s s, welcher am Schiffenbergerweg zwei Wohnhäuser und em Werkstattgebäude errichten will, ist Dispensation von d Bestimmungen des § 5 des Ortsbaustatuts (Bebauen außerhalb des Bebauungsplans) erforderlich, dieselbe 1Ullb(^}irmlfa6^tant M. Levi hat, nachdem sein Gesuche um Erlaubnis zum Ausbau emes vier Meter breiten Erkers an seinem Neubau am Seltersweg abschlägig beschreden, neue Pläne eingereicht, nach denen der projektierte Erler- ban nur zwei Meter Breite erhalten soll. Die Versamm­lung beschließt Befürwortung des Dispenses, auch be­züglich: der Ausführung des oberen Stockes in Holzfach-

Dem Gesuch des Pflastermeisters Nickel um Er­laubnis zur Aufstellung eines Steinbrechers un Stadtwaio wird unter Vorbehalt des Widerrufs stattgegeben.

Infolge eines an den Gesellschaftsverein g - stellten Ansinnens, für weitere Ausgänge aus dem rriuo- gebäude zu sorgen, hat der Verein zwei Hauser tn oer Weidengasse angekauft; an Stelle des einen sau ein d - nana herqerichtet werden. Die Versammlung erklärt sich milder vargefchlagencn FluckMnie für die Ernftiedigung dos Zuqangs sowie mit Bewilligung emer @elanbe.®nt= fchadiguug im Betrage von 32 Mk. pro Quadratmeter em.

50 Pfg. für den Quadratmeter zu.

Stadtv. Löber kommt auf das Projekt des Um­baues des Bahnhofes und die geplante Anlage einer Kleinbahn nach Wieseck und Bus eck zu sprechen; er wünscht Auskunft, wie weit die Verhand­lungen über das Sornrnersche Projekt, das bekannt­lich die Umführung der oberhessischen Linien bezweckt, gediehen seien. Beig. Wolff bringt das Schreiben zur Kenntnis der Versammlung, das in dieser Ange­legenheit Oberbürgermeister Gnauth im Juli d. I. an das Großh. Ministerium gerichtet, weiter eine Zusck-rttr oes Fernieschen Bergwerkes, das die Vorteile der PW* tierten Umführung für sich niedriger emschatzt. ^taoro. Kirch bemerkt mit Bezug auf die Anlage von Kle n bahnen, daß sich die Stadt die Konzession zum Betrieb einer solchen sichern solle, damit die Stadt spater n cht genötigt werde, schwere Opfer an Privatgesellschaften M bringen, wenn sie den Betrieb selbst übernehmen wolle.

Der Rechnungsabschluß des Gas- und a fter= Werks für 1899/1900 zeigt befriedigende Ergebnisse; de» Verbrauch', die Herstellung einer größeren Anzahl neuer Anschlüsse weisen gegenüber dem Vorjahre erhevlutje Steigerung auf. Der Bericht über die Einnahmen und Ausgaben des städtischen Gaswerks verzeichnet an Einnahmen 463 557.39 Mk., denen dieselbe Summe an Ausgaben gegenübersteht. Die Einnahme an Gas (ein­schließlich Straßenbeleuchtung und Selbstverbramlft be­trägt 203323.44 Mk., an Cokes 71264.74, an W« 8821.76 Mk., für Gaseinrichtungen 57 254.61

messermiete 4048.62 Mk. Im Vergleich zum beträgt die Mehreinnahme 57 567.39 ^k^emsch ßch 45 232.40 Mk. Kapital-Aufnahme r.^^ernr^ffuna9 GaÄoblen 90M353^1^(1^127.Mk. mehr wie im Bor- Gaskohlen 90003.03 Mk 15235.93 Mk., Arbeits-

löbne 22 490 05 Mk?Arbeits- und Fuhrlöhne auf Neben- lohue -- - ' 16 Mk Herstellungen 6359.90 Mk , So

tanentoärtertö6nc 865.5.62 Mk., Gaseinrichtunaen 40447.35 Mark Gebalte 14 999.96 Mk., Steuern, Versicherung re. 4300 93 Mk., Zinsen 19 659.07 Mk., Amortisation 3«000 Mk. Im Vergleich zum Voranschlag stellten srch bie ordentlichen Auaqabm höher um 47 904.34 Mk. Der Betriebzuberfcknch beziffert sich! aus 72 633.36 Mk 'm Vergleich zum Vor­anschlag mehr 23693.36 Mk. - Das W asser w erk erhob an Wa serzins einschließlich des Verbrauchs furöffcn»- liche Zwecke 94 454.88 Mk., an Wasser-Einrichtungen 41 117.59 Mk. Die Einnahmen einschließlich -Er Kapital aufnahme von 20710.53 Mk. bezifferten sich auf 187 344.41 fOiart Vln Ausgaben sind verzeichnet u a.: Bekrebs- un» Unterhaltungskosten der Ouellsafsungs-, Maschinen- ic. Anlagen in Queckborn 11 894.90 Mk., an Unterhaltung der Zuleitungsstrecken 3594.22 Mk., an Wassereinrickstungen 30900 78 Mk., Gehalte 9382.93 Mk., Zinsen 44 445.54 Mk, Amortisation 14 902.54 Mk., Anschaffungen' siir das M«- gazin 24 230 Mk. Der Betriebsüberschuß beträgt 15 253.84 Mark. Der Betricbsiiberschuß des Gaswerks mit 72633.36 Mark und des Wasserwerks mit 15 253.84 Mk. soll zur Stadtkasse abgeführt, die liquidierten Ausstände werter geführt und die Ueberschreitung der Kredite genehmigt werden. Stadtv. Kirch bemängelt es, daß das Wasser am Brunnen des Kriegerdenkmals so spärlich taufe. Di­rektor Bergen erklärt, daß der Abftuß auf zwei Kubi^ I meter stündlich gestellt sei; der Brunnen brauche täglich 24 Kubikmeter Wasser, die mit 1 Mk. Selbstkosten zu be­rechnen seien; eine verstärkte Zuleitung wurde täglich 3 Mk. Wasserkosten verursachen. Stadtv. Faber wünscht bessere Beleuchtung des Marktplatzes. - Wie aus stattgehabter Umfrage in einer Reibe von Städten festgestellt ist, find die Cvkespreise allenthalben in die Höhe gegangen, sodaß Gießen mit 1.10 Mk. pro Zentner die niedrigsten Preise aufzuweisen hat. Es wird auf Vorschlag des Gas- I werks beschlossen, den Cokespreis um 20 Pfg. pro Zentner

nur an hiesige Einwohner zu verkaufender weitere An­trag der Deputation für das Gas- und Wasserwerk, Cokes zum bisherigen Meise in Mengen vonnickst unter einem Zentner und nicht über fünf Zentner ab Werk an Familien

LU. Von der Universität. In der vergangenen Woche fanden in der kleinen Aula zwei öffentliche Vorträge zum Zwecke der Habilitation statt. Herr Dr. med. Bötticher, MuulBuub ...------------

Assistenzarzt an der chirurgischen Klinik dahier, sprach über verstanden. ^nfraite in

.Die jetzige Behandlung veralteter Empyeme", und Herr ! Bauunternehmer Wrn n tjat: 'stelle* her

L »äMSÄtitirÄ EFSsS-äs: 1«= -SS n-hmer und Arbeitgeber in England.-TueBoufWtate entsprechend > - «-«- «-mobner -n ««taufen: der wertere Dn-

.. ~ «-*i.h 1 entfdväbigt wird. Die Stadt hat Krcuder für das dann

in die Straße fallende, vier bis viereinhalb Quadratmeter

von uns wiederaegebenen Auslassungen der amtlichen I Berl. Kvrresp.", denen zufolge nun auch, wie wir gestern schon mitteilten, dem Polizeioirektor v. Meerscheidt- I Hüllessem die weitere Ausübung dienstlicher I Funktionen untersagt worden ist. .

Bis zur Beendigung des Prozesses wird im übrigen I die Presse in der Besprechung der Vorkommnisse sich Zu- I rückhaltung auferlegen müssen. Der in öffentlicher Sitzung ausgesprochene Wunsch des im Prozeß Sternberg den Vor- I fitz führenden Laudgerichtsdirektors, der dieses Ziel hat, war u. E. überflüssig, was die anständige Presse betrifft; I der andere Teil der Presse wird sich trotzdem nicht da­nach richten. , ,

Am schärfsten äußern sich die konservativen Blatter. lDieDtsche Tagesztg." erblickt in den Enthüllungenent­setzliche Zeichen der Zeit". Besckönigen lasse sich nichts. Der Kriminalbeamte, der mit anrüchigen Frauenzimmern in unsittlichen Verkehr trete, der sich in Gegenwart eines Vorgesetzten viehisch betrinke der Vorgesetzte, der mit einem solchen Untergebenen seltsam vertraulich verkehre, zwei Polizeibeamte, die sich vor Gericht gegenseitig meineidiger Lüge zeihen ein hoher Beamter, der von einem Sternberg Darlehen annehme und freundsckfastlich in seinem Hause verkehre hier gelte es, kraftvoll einzu­greifen, damit das Beamtentum gesäubert werde. Die Krzta." kann nur der Hoffnung Ausdruck geben, daß es sich uim einen vereinzelten Fall handele. DiePost" weist auf die aus der Episode Stierstädter-Thiel sich er- Subordinationsverhältnis aufhebt und die Machtbefug­nisse der Unterbeamten in einer wahrhaft beunruhigenden gebende Intimität zwischen oben und unten hin,bie jedes Weise erweitert. Ein Schutzmann wird ja geradezu ein Diktator, wenn ihn nur die Uniform, nicht aber seine Sub­ordinationspflichten von dem Vorgesetzten unterscheiden. Das sind durchaus unhaltbare Zustände. Mehr als der Prozeß Leckert-Lützow erweist diese Verhandlung die Un- | erläßlichkeit einer baldigen und gründlichen Reform."

Zur Orientierung weisen Berliner Blätter dar­auf hin, daß die Berliner Kriminalpolizei der vierten so­genannten Kriminalabteilung des Polizeipräsidiums unter­stellt ist. Der Geschäftskreis der Kriminalabteilung um­faßt die Ermittelung und Verfolgung strafbarer Hand­lungen, die Stellung unter Polizeiaufsicht und lieber* wachung der Observaten sowie anderer gemeingefährlicher Personen und der von ihnen besuchten Lokale, Unterbring­ung von Geisteskranken und verwahrlosten Kindern, Zwangserziehung und Konkubinatssack>en, Transporte, Po­lizeigewahrsam, Sittenpolizei, Feststellung der Leichen von Verunglückten und Selbstmördern und Redaktion des Zentralpolizeiblattes. Diese Kriminalabteilung ist dem Regierungsrat Dieterici unterstellt, der mit Erlaubnis des Gerichtshofes an den Prozeßverhandlungen gegen Stern­berg teilnimmt. Die drei Unterabteilungen der Kriminal- abteilung bilden die Kriminalpolizei, die allgemeine Sicher­heitspolizei und die (Ättenpolizei. Chef der Kriminalpolizei ist der im Prozeß Sternberg mehrfach genannte Polizei- direltor v. Meerscheidt-Hüllessem. Außer einem Polizei­rat gehören noch sechs Eriminalinspektoren der Kriminal­polizei an.

Sehr bemerkenswert ist, wie armselig die Besold- | ung ist, die vielen Beamten der Berliner Kriminalpolizei zuteil wird. Es ist festgestellt worden, daß der Kriminal- ; kommissar Thiel 3200 Mk. Gehalt bezieht. Dazu kommen I 540 Mk. Wohnungsgeldzuschuß und 300 Mk. für ein be­sonderes Zimmer in der Privatwohnung, das für Amts- zwecte bestimmt ist.

Nach dem preußischen Staatshaushalt für das laufende Verwaltungsjahr 1900 erhält der Chef der Kri­minal- und Sicherheitspolizei im Berliner Polizeipräsi- I dium, wie die anderen Abteilungsdirigenten, ein Gehalt von 4200 bis 7200 Mark, eine Dirigentenzulage von 900 Mark, dazu Wohnungsgeldzuschuß. Drei Polizeidirektoren erhalten 6000 bis 8000 Mark Gehalt, sechs Kriminal-In­spektoren 3600 bis 5000 Mark, 59 Kriminalkommissarien 2700 bis 4200 Mark und Wohnungsgeldzuschuß. Der Kri­minalkommissar beginnt also mit 2700 Mark Gehalt. In­terimistische Kriminalkommissarien erhalten sogar im Durchschnitt nur je 1800 Mark. Wenn es eine Beamten* klasse neben den Richtern giebt, die ganz vorzugsweise durch ein ausreichendes Gehalt allen Nahrungssorgen ent­rückt sein müßte, so sicherlich die der Kriminalpolizei. In einer der letzten Sitzungen wurde im Gerichtssaal von einem höheren Beamten gesagt:Die Kriminalschutzleute sind in vielen Dingen leider viel zu selbständig." Leider! Aber, so wurde hinzugefügt, ihre Thätigkeit läßt sich nicht ichablonenhaft reglementieren. Daraus folgt, daß auch Die Kriminalschutzleute, für ihre Verhältnisse, ebenso aus­reichend besoldet sein müssen, wie die Kriminalkommissare es fein sollten. Denn auch sie können in bedenkliche Sagen kommen, wo sie zwischen Vermögensvorteil und Pflicht­erfüllung zu wählen haben. Im preußischen Staatshaus­halt finden wir die Kriminalschutzleute nicht besonders erwähnt-, sie beziehen anscheinend gleich den übrigen Schutzmännern 1200 bis 1600 Mark Gehalt. Auch das er­scheint der Wichtigkeit ihrer Tbätigkeit kaum angemessen. Ebenso wenig erscheint das System der Belohnungen aus Zuwendungen von Privatleuten oder Privatgesellschaften, auch wenn das Präsidium bie Verteilung vornimmt, zweckmäßig. Der Beamte muß nicht nur feine ganze Kraft einsetzen, um seiner Aufgabe zu genügen, ohne Rücksicht auf besondere Geschenke, er muß auch gegen den Verdacht geschützt sein, nur besonders eifrig zu fein, wenn ihm solche Belohnung winkt, oder, um Den Lohn zu gewinnen, auch übereifrig zu handeln.