Dienst»!, den 10 Juli
Erstes Blatt.
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Nr. 158
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Gießener Anzeiger
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hohem Maße der Rede Meister, daß die GesährdunA
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ein unbilliger Wunsch, daß die verbündeten Regierungen vorbehaltlich der Nachforderungen vom Reichstage einen Kredit sich bewilligen lassen? Unzweifelhaft wurde aus einer kurzen Tagung des Reichstages der Regierung ein reicher Schatz von Vertrauen erwachsen, der. sie festigt unstärkt in allen ihren Schritten.
OOMdE, Expedition und Drucksoi: Nr. 7.
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Gratisbeilage«: Gießener Familiendlätter, Der hessische Landwirt Klätter für heMMe DstKsKun-e.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 9. Juli 1900.
•• Die Konferenz der Geistlichen der Provinz Oberheffen wird am 2. August abgehalten werden.
•* Konzert der Berliner Doms'änger. Auf das Konzert der Konzertvereinigung der Berliner Domsänger, das heute (Montag) stattfindet, möchten wir hiermit nochmals empfehlend ausmerksam machen. Der beliebte Sängerchor hat das Interesse, das seinen Darbietungen, sei es in der Kirche oder im Konzertsaal gewesen, hier in reichem Maße entgegen- gebracht worden ist, stets auch ebenso reichlich verdient. Das ebenso reichhaltige wie interessante Programm gledt
Angesichts dieser ungeheuren und immer noch wachsen- den Gefahr ist es für alle Mächte nicht nur eine unabweisbare Pflicht, mit allen verfügbaren Kräften der chinesischen Geiakr £u begegnen, sondern es ist auch mehr als je geboten, daß die Mächte all- privaten Meinungs-Ver- lckiedenheiten ad acta legen und sich zu einer rückhaltlosen Gnigkeit bekennen. Diese, bisher allerdings selten genug wahrzunehmen, wird dadurch gesordert, daß die Gefahr in China alle Machte in gleicher Weise tri,ft. Denn wenn auch- bisher nur in Betrefs des deutschen Gesandten bestaUgt ist vaß er der Wut der Chinesen zum Opfer stel, wer bürgt dafür, daß die Gerüchte, die anderen Machte hatten aen gieren Verlust, vielleicht die Niedermetzelung aller ihrer Staatsangehörigen in Peking zu beklagen, als zu- ta^©o /ehr HM^das atemlose Interesse an den blutigen Vorgängen in China alle anderen wichtigen Vorgänge m i vermag, werden über Lage
den Hintergrund gedrängt, daß das politischi Leben g STugfiSen unb Bkle? Ist doch Graf Bülow in so sam überall ins Stocken geraten zu sein scheint. Nur in uno uu^uyien uaa 2-=. k;„
Frankreich nimmt die Generalstabskisis ihren Fort- sLcht«t ist! Ist es
gang, doch ist es dem Kabinett WaldechRousseau b ^h | 1_.~ hnn die verbündeten Regierungen
noch immer gelungen, seine bedrohte Stellung zu be-
Jn Hamm in Westfalen ist der preußische Staats- Minister a. D, Oberlandesgerichtsprasident Du Falk am Samstag an den Folgen eines kürzlich erlittenen Schlag- anfalles gestorben Äit Dr, Falk ist eine Persönlichkeit dahingeschieden, die lange Zeit zu den meistgenannten im Deutschen Reiche gehört hat, um dann fort einer Reihe von Jahren nur noch gelegentlich die Oefsentlichkeit zu be° ^°^Der"nun Verstorbene wurde am 10. August 1827 im ick, les neben Kreise Steingau als Sohn eines evangelischen SÄlC. 1847 trat er als Auskultator in den preußischen Staatsdienst, wurde 1853 Staatsanw^t in Lyck, siedelte 1861 als Staatsanwalt am Kammergeruht nach Berlin über und wurde, nachdem er von 186^! bi4 1868 als Rat bei dem Appellationsgericht m Glogau thatig gewesen war, als Vortragender Rat m das Justizministerium berufen. Am 22. Januar 1872 erfolgte an Stelle v. Mühlers seine Ernennung zum preußischen Kultusminister. Als solcher brachte er im November 1872 das erste der sogen. Maiaesetze im Abgeordnetenhause ein; auch sämtliche spätere Kulturkampfgesetze smd mit dem Namen Dr. Falks eng verknüpft.
Dr Falk begründete und verteidigte die rasch sich folgenden, zeitweise sich überstürzenden Kulturkampf-, die sogen. Maigesetze, von denen jedoch allmählich! emev nach dem anderen abbröckelte. Bestehen blieben ledoch in Preußen von den gesetzgeberischen Werken Falkv das Schulaussichtsgesetz, die Ersetzung der Stiehl'schen Schulregulative durch freiere Verordnungen, die Eivilstandsgesetz- qebung, das Gesetz über den Austritt aus den Kirchen, das jedem Preußen erlaubt, außerhalb eines religiösen Bekenntnisses zu leben. Im Juni 1879 war es Falk zur Gewißheit geworden, daß er gehen müsse. Er erbat den Abschied und erhielt ihn „in Gnaden"; den ihm angebotenen Adelstitel lehnte er für sich ab, nahm ihn aber für den im Militärdienst stehenden Sohn an. Nach seinem Rücktritt schien sich Falk dem parlamentarischen Leben widmen zu wollen. Er ließ sich in den Reichstag und in den Landtag wählen, trat den Nationalliberalen bei, die einst seine beste Stutze gewesen, und ließ es an Opposition gegen fernen Nachfolger Putt- kamer nicht sehlen. Dieser Thätigkeit machte seme Ernennung zum Präsidenten des Hammer Oberlandesgerichts 1882 ein Ende; er legte seine Mandate nieder und entsagte für immer der Politik. Er widmete sich fortan ganz seinem hohen richterlichen Amte und zwar nicht nur nut unermüdlichem Arbeitseifer, sondern auch mit wahrer Gerechtig- keitsliebe und großer Unparteilichkeit. Als er am 31. Marz 1897 sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum beging, wurde dies von allen Seiten anerkannt.
Politische Tagesschau.
Wir brachten in unserer Sonntagnummer die tele- : graphische Meldung aus Berlin, daß an maßgebender Stelle auf die Berufung des Bundesrats u n d des Reichstages zur Beratung über die chinesischen Wirren im letzten Moment definitiv ver- rjchtet worden sei. Wie nun auch die „Berl. Reuest. Nachr." melden, haben Erwägungen stattgesunden die zu dem Ergebnis führten, daß zur Zeit zu einer solchen Maßnahme kein Bedürfnis vorliege. Ob sich, etwa im weiteren Verlauf der Dinge die Zweckmäßigkeit der Einberufung des Reichstages Herausstellen kann, sei im Augenblick nicht vorauszusehen. Dem „Berl. Tagebl." zufolge herrschte dagegen am Samstag im Auswärtigen Amte die Ansicht, daß der Reichstag, falls die Verhättnisse sich weiter zuspitzen, einberufen werden dürfte. Dasselbe Blatt zitiert ferner Artikel 73 der Reichsversassimg: „In allen Fallen eines außerordentlichen Bedürfnisses kann im Wege der Reichsge etzgebung die Aufnahme einer Anleihe, sowie die Uebernahme einer Garantie zu Lasten des Reichs erfolgen . Es folgert daraus: „Ohne Gesetzgebung kann somit Deutschland kein Geld ausgeben. Ob Krieg oder Schutzzug — das Geld muß von der gesetzgebenden Körperschaft bewilligt werden. Wir erwarten deshalb angesichts dieser Verpflichtung, welche die Verfassung enthält, in den nächsten Tagen die Einberufung des Reichstages Der Vorwärts" sagt: „Die Angst nuferer Weltpolitiker vor einer bloßen Kritik ihrer Thätigkeit ist so groß, daß darüber die elementarsten Forderungen des Liberalismus vergeben und die verfassungsmäßigen Rechte von Volk und Reichstag schmählich preisgegeben werden".
Dagegen führt die halbosfizwse.„Post' au». „Wir haben aus dem Jahre 1899 noch ernen Ueberschuß von mehr als 30 Millionen Mark tn der Reichskasse. Der darf nach der Verfassung zur Bestreitung des Ausgabebedarfs für das Jahr 1901 verwandt werden. So lauge diese 30 Millionen also noch ausreichen, die Ausnahme einer Reichsanleihe nicht nötig, folglich liegt auch vorläufig keinerlei Anlaß vor, zur Einberufung des Reichstages - Diese Schlußfolgerung ist falsch. Der Ueberfchuß ist vorhanden und Artikel 70 der Verfassung sagt auch: „Zur Bestreitung aller gemeinschaftlichen Ausgaben dienen zunächst die etwaigen Ueberschüsse der Vorjahre". Aber darüber kann natürlich! die Verfassung nichts sagen, zu welchen qemeinschaftlichen Ausgaben diese Ueberschüsse verwandt werden sollen. Das muß ebensogut unter Mitwirkung des Reichstages durch Gesetz bestimmt werden, wie eine Anleihe. Beweisführungen, wie die der „W", smd daher eher geeignet, Verstimmung und Mißtrauen zu erwecken, als Beruhigung zu schaffen. ,
Auch wir halten die Einberufung des Revh-- tages für wünschenswert. In Frankreich und England, in den Niederlanden und in Italien sind die Parlamente noch um die Regierungen versammelt; da wird
immer wieder Gelegenheit genommen, die chinesische Frage zu berühren, von der Angehörige aller europäischen Staaten betroffen sind. kBei uns fehlt zur Zeit jebe§ Vermittlungsorgan zwischen Regierung und Volt. Die Reden des Kaisers können wir als folche Vermittlung nicht gelten lassen, sie wollen das auch gar nicht iein. Der .Reichsanzeiger" könnte auch mit einer noch so sorgfältig erwogenen und gefeilten amtlichen Erklärung nicht ge- nügen. Offiziöse und halboffiziöse Blätter können bei |o eminent wichtigen Dingen erst recht nicht in Frage kommen. Die Ereignisse in China gehen das ganze Volk an. des Volkes Söhne bluten und sterben draußen für die Ehre des Vaterlandes, man ist bereit, Opfer um Opfer zu bringen; es teilt mit seinem Kaiser und seinen Fürsten treu alle Sorgen — darf es da nickst erwarten, daß ferne Vertreter einberufen werden um des Kaisers Thron? >zst es zfrubiel verlangt, daß dem Reichstage von dem Leiter des Aus-
h ^Auch auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatz ist ein gewisser Stillstand eingetreten. Zwar rucken die Engländer langsam vor, aber ste haben doch feit längerer Zeit keinen entscheidenden Erfolg mefc davvn- getragen. Jedenfalls scheint bisher nichts die Behauptung der Engländer zu rechtfertigen, daß biejemgen, welche, bisher mit dem Präsidenten Krüger tn zäher Tapferkeit ihren Widerstand fortgesetzt haben, jetzt des Krieges müde und zur Unterwerfung bereit seien. Weit eher scheint die Annahme »gerechtfertigt, daß die Wirren in Ehma die Buren ermutigen könnten, ihren hartnäckigen Widerstand f zusetzen, wenn aiuff kein Grund zu der Hoffnung vorhanden ist, daß der Krieg in China auf den Krieg m Südafrika einen wesentlichen Einfluß ausüben könnte.______
Amtlicher Keil.
Gießen, den 5. Juli 1900.
Betr.: Ausführung des JnvalidenversicherungSgesetzes; hier: Verfichernngspflicht.
Das Großherzoyliche Kreisamt Gießen au die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Auflage vom 26. Mai 1900 (Gießener Anzeiger Nr. 1?4) noch im Rückstände sind, werden an deren sofortige Erledigung erinnert.
v. Bechtold.__
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß der für den 21. und 22. August ds. Js. vorgesehene «ieh- n»d Krämermarkt z« Gedern. Kreis Schotts, nicht an diesem Tage, sondern am 28. und 39. August v. abgehalten werden wird.
Gieße«, den 9. Juli 1900.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen. ___________________v. Bechtold.______ Gefunden: 1 Spazierstock und 1 Schirm.
Verloren: 1 Portemonnaie mit Inhalt. 1 goldener Blusenknops.
Gießen, den 7. Juli 1900.
___________Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Uolitische Wochenschau?
Die Politik steht zur Zeit im Zeichen von „Zopf und Schwert". Die große internationale Aktion gegen China, w« die Revolution, die völlige Anarchie herrscht, hat alle anderen Interessen in den Hintergrund gedrängt. Bisher aber hat dieses Vorgehen, mit welchem Eifer es auch betrieben wird, und welche bewunderungswürdige Tapferkeit auch die Truppen; der Mächte und vor allem unsere braven deutschen Soldaten an den Tag gelegt haben, angesichts der ungeheuren Uebermacht der Chinesen nur ge= ringe Erfolge zu erzielen vermocht. Und man darf sich, nicht darüber Hinwegtäuschen, daß die Lage in Mna sich im Laufe der vergangenen Woche erheblich; verschlechtert hat.
Die Woche fing traurig an. Am Montag wurde uns die betrübende Gewißheit, daß unser Gesandter in Peking ftrfrr. v. Ketteler schon mehr als zwei Wochen vorher den blutgierigen chinesischen Banden zum Opfer gefallen war. Weit über die Grenzen Deutschlands hinaus, überall m der zivilisierten Welt hat das tragische Geschick dieses Mannes, der in treuer Pflichterfüllung tote ein Held m der Schlacht gefallen ist, aufrichtiges und tiefes Mitgefühl erweckt; aber auch; den berechtigten Wunsch, Sühne für dieses Verbrechen wider die Menschlichkeit zu fordern und diejenigen, denen es zur Last fällt, zur unerbittlichen Verantwortung zu ziehen. , _
Durch das an dem deutschen Gesandten begangene Verbrechen ist die Stellung Deutschlands in dem internationalen Vorgehen gegen China erheblich üeranoen worden, denn während unsere Ausgabe bis dahin lediglich! darin bestanden hatte, bei der Wiederherstellung der -^vd- tiung in China nach! Kräften mitzuwirken, gilt es fetzt für Deutschland, einen Sühnefeldzug gegen die zu fuhren, die tau dem in Peking begangenen Verbrechen schuldig oder mitschuldig sind. Dementsprechend hat sich die Notwendigkeit verstärkter Rüstungen ergeben, die durch! die Mobilmachung einer Geschwaderdivision und durch den Befehl zur Ausstellung eines Expeditionskorps in Stärke einer gemischten Brigade in Angriff genommen worden sind.
Freilich, es handelt fick> um ungeheure Entfernungen, mit denen wir hier rechnen müssen, und die Mitte des August wird herannahen, bis diese Truppen den Boden Chinas betreten können. Leider muß man sich> darauf gefaßt machen, daß bis dahin und auch bis von Seiten der anderen Mächte namhafte Verstärkungen nach China entsandt werden können, vieles und unermeßliches Unheil in China geschehen wird. Sind doch die Nachrichten aus Peking derart, daß man allgemach mit der Gewißheit einer furchtbaren Katastrophe rechnen muß. Wenn auch die Alarmmeldungen aus Peking, wonack) dort alle Europäer bereits den rasenden Chinesenhaufen zum Opfer gefallen sind, einer zuverlässigen Bestätigung entbehren, so ist doch die Hoffnung auf die Rettung der in Peking emgeschlosf enen Europäer verschwindend gering. Denn die puppen der Mächte sind zu schwach, um einen Vorstoß auf Peking zu wagen. Wird es doch nachgerade zweifechaft, ob es den Truppen der Mächte auch mir gelingen wird, Tientsin gegen den Ansturm der Chinesen zu halten, die in immer stärkeren Massen auf den Kriegsschauplatz treten.


