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Aints- und Zlnzeigsblatt für den Kreis Gieren
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Dienstag Len 9. Januar
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wiederfinden. Es giebt ein „Lokales", ein „Vermischtes^, „aus der Gelehrtenwelt" u. s. w. Da lesen wir Beförderungen und Versetzungen von Beamten nicht nur in Gießen und Hessen, auch Personalien hoher Beamten und Offiziere im Reiche, Nekrologe und andere Mitteilungen über hervorragende Persönlichkeiten. Besondere Aufmerksamkeit wird den Vorgängen an unserer Universität geschenkt. Jede Promotion und Disputation mit Angabe der verteidigten Dissertation und des Namens des präsidierenden Professors wird verzeichnet. Die Vorlesungsverzeichnisse erscheinen im Wochenblatt und häufig finden wir Mitteilungen über Professoren und ihre Werke. Auch auswärtige Universitäten werden hie und da berücksichtigt. Daran schließen sich buchhändlerische Nachrichten über kürzlich erschienene oder demnächst herauszugebende Bücher, ost mit Angabe des Inhalts. Die Land- und Hauswirtschaft wird ebenfalls gepflegt. In bald größeren, bald kleineren Beiträgen werden allerlei gute Ratschläge gegeben z. B. zur Spargelzucht, zur Bekämpfung der Hornviehseuche und der Heuschreckenplage, zur Verwahrung des Krauts gegen das Wild, Vertilgung von Raupen und Engerlingen u. s. w. In 25 Strophen wird die Kartoffel sogar besungen, und hierdurch ein anderer Dichter zu einem fast eben so langen Hymnus auf den Kaffee begeistert. Den Schluß einer jeden Nummer bilden einige Anzeigen, von denen diejenigen der beim Verleger neu angekommenen Bücher fast ständig wiederkehren. Wertvoll sind die Auszüge aus den Kirchenbüchern und die Lebensmittelpreise, die markttäglich veröffentlich werden. Die Fremdenlisten sind uns auch heute noch von Interesse zur Beurteilung des Verkehrs sowohl, als auch für gewisse historische Zwecke. Erhält man doch durch sie Kenntnis von dem Aufenthalt bedeutender Männer, wie (in späteren Jahrgängen) Wielands, Klopstocks, M. Claudius' u. a. in Gießen!
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß auch die Abteilung „Eingesandt" vertreten ist. In einer der ersten Nummern wird der Brief eines „Ungenannten" abgedruckt, der sich in einem entsetzlichen mit Fremdwörtern überladenen Stil über das nächtliche Randalieren der Studenten beschwert. Dieser Brief mit den darauf folgenden Erwiderungen ist ganz interessant. Es scheint, als ob man den Studenten ihr ungebührliches Treiben auf lustige Art
Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erfcheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.
Zur Beschlagnahme des „Bundesrat".
Gießen, 8. Januar.
Als die ersten Nachrichten von der Beschlagnahme des deutschen Reichspostdampfers „B u n d e s r a t" nach Europa kamen, da war man nicht nur in Deutschland, sondern auch in den wenig zahlreichen besonnenen Kreisen Englands verblüfft. Der „Dank vom Hause Habsburg" ist ja sprüch- wörtlich geworden; aber das hatten wohl nur wenige erwartet, daß der unmittelbare Dank für die mit der Kaiserreise erwiesene Höflichkeit seitens der Queen und ihrer Organe in einem veritablen Fußtritt bestehen würde. Wir unsererseits sind nicht einmal erstaunt darüber gewesen. Nur daß der britische Dank so schnell und so prompt abgestattet werden würde, das hatten wir doch nicht erwartet. Man hätte doch immerhin auf die Einhaltung einer gewissen Respektszeit rechnen dürfen. Aber es ist auch so gut. Je schneller dem guten deutschen Michel und einigen ang- lomanen, vor Großbritanniens Macht und Größe ganz er- gebenst rutschenden Staatsmännern klargemacht wird, wo Barthel den Most holt, desto eher darf man auf eine Einkehr und auf eine Umkehr von dem verhängnisvollen Wege rechnen.
Man darf eigentlich darüber erstaunt sein, daß die Offiziösen der Reichshauptstadt bisher über den empörenden Vorfall nur schweigen, daß sie nicht vielmehr schon den Versuch gemacht haben, die Beschlagnahme unseres Dampfers als einen Akt ganz besonderen Wohlwollens und freundwilliger Nachbarlichkeit hinzustellen. Man wird immer vorwurfsvoll ermahnt, nicht auf die Vergangenheit zu exemplifizieren und vor allem den Fürsten Bismarck in seinem Grabe ruhen zu lassen, und wenn man dennoch sich untersteht, sein Wesen und seine Art den Epigonen als leuchtendes Beispiel zur Nachahmung vor die Augen zu führen, so wird man mit dem banalen Hinweise beglückt, daß doch nicht alle Staatsmänner das Wesen und die Größe des Gewaltigen zeigen könnten. Und doch ist es gut, sich einmal vorzustellen, welche Wendung eingetreten wäre, wenn zu des großen Kanzlers Zeiten die englische Impertinenz die Formen angenommen hätte, die sie heute gewählt hat. Der erste Schritt wäre eine scharfe und schroffe Betonung des deutschen Standpunktes in einem halbamtlichen Organ gewesen, die Absendung eines kalten Wasser-
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strahls, wie man ihn in den Tagen BoulangerS und auch in anderen Zeilen erlebt hat.
Der zweite Schritt wäre, unmittelbar nach den in Hamburg getroffenen Feststellungen über den Charakter der Ladung eine geharnischte Protesterklärung gewesen, die man nach London geschickt und die jenen lapidaren Stil gezeigt hätte, wie ihn Götz von Berlichingen den Kaiserlichen Kommissaren gegenüber angewandt hat. Und es hätte Tausend gegen Eins gewettet werden können, daß die schmähliche Affaire; nicht durch acht Tage — gnb wer weiß, wie lange noch! — das deutsche Ehrgefühl empört hätte, daß man durch schmähliche Ausreden und durch den Hinweis auf den Urteilsspruch des englischen Prisengerichtes sich hätte an der Nase herumführen lassen. Freilich, wenn der Grundsatz herrscht „Sacht stets, sacht und bedacht stets", wie ihn die Philister in Scheffels Lied vom Roden- steiner proklamieren, dann ist es auch möglich, daß der ersten Ohrfeige die zweite und der zweiten Die dritte folgt, daß der Affaire „Bundesrat" die Affaire „Hans Wagner" und dieser wieder die Affaire „General" folgt. Und schon sieht man in London frohen Gemütes den Tag Heraufziehen, an dem englische Schiffe die Nordsee durchkreuzen und jedes Fahrzeug, das einen deutschen Hafen verläßt, als gute Prise abführen, ob es nun Priemtabak oder Unterhosen als Ladung an Bord hat. Der Priemtabak könnte ja bestimmt sein, die Buren, wenn sie auf Vorposten stehen, zu laben, und die Unterhosen könnten den Zweck haben, sie gegen Rheumatismus oder Schnupfen zu schützen. Und auch die weitere Folgerung wäre dann einfach genug: der ganze deutsche Seehandel wird unterbunden, auf daß er nicht allzusehr erstarke, auf daß er doch auch seinen Anteil trage an den britischen Kriegskosten! Das Bild ist hübsch, aber es ist keineswegs übertrieben. Wenn England alles, was ihm beliebt, als Kontrebande ansehen, und wenn es Schiffe beschlagnahmen darf, wo es ihm beliebt, dann steht es auch in seiner Willkür, wie es vor fünfzig Jahren geschah, frech zu erklären, es kenne keine deutsche Flagge, und für uns wäre es das Beste, Hannibal Fischer mit den Fingernägeln aus seinem rühmlosen Grabe hervorzukratzen, auf daß er noch einmal die deutsche Flotte auf die Gant bringe und an den Meistbietenden verkaufe. Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo.
ES ist ganz zweifellos, daß die englische Regierung,
wenn anders die Ladung der beschlagnahmten Schiffe ihr wirklich einen Schein des Rechtes für das Verhallen ihrer Organe böte, sofort und mit großem Triumphgeschrei diese Feststellung in alle Welt hinausposaunt hätte. Aber sie hat sich davor weislich gehütet. WaS kann also unsere Regierung dazu bestimmen, ihrerseits sich eine Reserve auf- zucrlegen, die von dem ganzen Volke mit tiefster Erbitterung empfunden, die von ihm geradezu als Ang stm ei erei ausgelegt wird? Es handelt sich doch schließlich nicht um verschmitzte Rechtsauslegungen und rabulistische Erklärungen der Juristen. Es handelt sich in allererster Linie und ganz ausschließlich um eine geradezu wüste Verletzung unseres Nationalgefühls, unseres Nationalstolzes. Und da können wir mit Leichtigkeit alle Rhetorik von Jahrhundertsreden und alle schönen Wendungen von festlichen Toasten entbehren, wenn wir an ihrer Stelle ein derbes Wort vernähmen, das sich an die unverschämte Gesellschaft jenseits des Kanals, an jenes hochmütige Volk richtet, das nicht einmal lernen will, das furchtbare Gottesgericht zu begreifen, das aus dem Kriege in Transvaal heraufzieht.
Der Bundesrat hat den Beginn des neuen Jahrhunderts dekretiert, soll nun der „Bundesrat" auch den Charakter des neuen Jahrhunderts bestimmen? Soll der deutsche Name wieder vogelfrei werden für jeden, der ihn beschmutzen will? Zunächst darf man auf die Antwort gespannt sein, die wir auf die Frage erhalten werden, ob Deutschland die letzte Ohrfeige quittieren wird mit der Erlaubnis, die Krupp'schen Kanonen unbehindert nach England zu führen. Bisher scheint es, als finde man wieder einmal nichts darin, die Rücksicht auf den Handelsprofit über alles andere zu stellen. „Non ölet“, die englischen Pfunde und Schillinge stinken ja nicht. Mit Verlaub: Sie stinken dennoch, sie stinken unerträglich. England legt Beschlag auf unsere Schiffe, die Bier, Verbandstoffe, Messingdraht, Salzgurken, Seife, Cigaretten und Zwiebeln ausführen nach neutralen Häfen, wir aber dulden es ruhig, daß einer kriegführenden Macht, eben den Engländern, Kanonen und Munition zugeführt werden! Das fehlte gerade noch, um das Bild abzurunden! Nun, vielleicht besinnt sich der frühere national-liberale Abgeordnete Herr Krupp noch, ob er, wie in Reuters „Stromtid" der alte Moses von seinem Sohne David sagt: „den Dukaten aus dem Dr . . . holt"; sollte das nicht geschehen, auch jetzt nicht, wo die
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Feuilleton.
Der Hießener Anzeiger vor 150 Jahren. Ein Stück heimischer Kulturgeschichte von Dr. Karl Ebel.
Fortsetzung.
Weisen uns die beiden zuletzt genannten Aufsätze geradezu auf Beziehungen von Mitgliedern des akademischen Lehrkörpers zu unserem Wochenblatt hin, so ist es ganz zweifellos, daß auch die Verfasser der oben skizzierten Artikel in jenen Kreisen zu suchen sind. Es ist doch wohl mehr als Zufall, wenn in Nr. 10 eine Uebersetzung von Horaz Epist. I, 18, „ad Lollium" erscheint und bald darauf in, Nr. 16 Heinr. Christoph Nebel ein Kolleg über die Dichtkunst des Horaz ankündigt, oder wenn Andreas Boehm in demselben Semester über die Vernunftkunst liest und gleichzeitig ein Aufsatz „ob der Vernunft verschiedene Unvollkommenheiten, die ihr beygelegt werden, zuzuschreiben sind", in den Spalten des Wochenblatts abgedruckt wird. Und schließlich, wer anders hätte in dem kleinen Gießen gelehrte Artikel schreiben sollen, für wen anders wären sie bestimmt gewesen, als für den engen Kreis der Gebildeten, der sich um die Universität schloß? Daher konnte auch in dem Provinzblättchen eine nur den Eingeweihten verständliche Verteidigung des Theologie-Professors und Superintendenten Benner gegen einen Angriff der Frankfurter gelehrten Blätter ihre rechte Stelle finden.
Der übrige Inhalt des Wochenblattes von 1750 ist nicht so ausschließlich für eine bestimmte Klasse bestimmt, er wendet sich vielmehr an einen größeren Leserkreis. Im allgemeinen entspricht er der Ankündigung und sucht dem Interesse vieler gerecht zu werden. Hie und da nimmt der Aufsatz, den eine jede Nummer bringt, den Charakter eines Leitartikels an, wenn er nämlich Dinge bespricht, die gerade .Aktuell" sind.
So erscheint z. B. in der Passionszeit ein Artikel „von der Bitterkeit des Todes" und zu Ostern ein solcher „von der Auferstehung der Toten". Die einzelnen Abteilungen, in die sich heutzutage der nichtpolitische Teil eines Blattes gliedert, lassen sich im Wochenblatt, wenn auch nicht systemathisch geordnet und benannt,
hat vor Augen führen wollen, um sie möglichst wenig zur Rache, id est zum Einwerfen der Fenster im Hause des Verlegers, aufzustacheln.
Die Ankündigung des Wochenblattes war in der Stadt beifällig ausgenommen worden und der Verleger hatte von verschiedenen Seiten teils mündlich, teils schriftlich für den künftigen Inhalt Vorschläge erhalten, die er nach Möglichkeit zu befolgen versprach. Indessen brachte er bei Beginn des zweiten Halbjahrs einen Briefen dem ihm von einem Freunde wohlmeinend geraten worden war, das Erscheinen des Blattes mit dem Schluß des ersten Semesters aufhören zu lassen, da sich das Wochenblatt nicht viele Anhänger erworben habe, dagegen von vielen verächtlich „der Zettel" genannt werde. Dies gab Veranlassung, in einem längeren Artikel zu widersprechen und die Lebensfähigkeit des Blattes darzuthun. Der Brief kann erdichtet sein, um zur nochmaligen Entwickelung der Grundsätze, nach denen das Blatt geleitet wurde, Gelegenheit zu geben. Immerhin ist er sowohl wie die Erwiderung interessant, indem wir daraus erfahren, daß das Wochenblatt in der Stadt selbst vielfach auf Widerspruch stieß, dafür aber auch auswärts gern gelesen wurde. Der Rat auf Einstellung des Erscheinens mußte aber dennoch befolgt werden und zwar schon am Ende des ersten Jahres, trotz dem guten Urteil Auswärtiger und der geneigten Aufnahme an entfernten Orten. Das läßt darauf schließen, daß sich der Leserkreis inider Stadt sehr verringert Hat.. Da „in-und ausländische" Gelehrte nicht so fleißig Aufsätze einschickten, als der Verleger gehofft hatte, so fiel dem „Verfasser" (Schriftleiter) die Hauptarbeit allein zu und dieser konnte nur mit Mühe bis zum Schlüsse des Jahres auszuharren überredet werden. Sodann gesteht der Verleger ein, daß „der Gewinn oder vielmehr die Einnahme, worauf der Verleger ohnehin weniger, als auf den zu stiftenden allgemeinen Nutzen gesehen, nicht so reichlich ausgefallen, als nötig wäre, um seinem Beutel weitere Auslage zumuthen zu können". Dessenungeachtet beschließt er, das Erscheinen nur so lange auszusetzen, bis er „mit einer neuen und zu dem gemeinen Vortheil noch mehr beitragenden Einrichtung" zustande gekommen sein wird.
Fortsetzung folgt.
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öttt, Klein-Linden.
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'Stadttheater.
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Hrscheint täglich mit Ausnahme des
Montags.
Die Gießener Mamitierrvtätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter für Hess. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelegt.
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